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Der Charme der zweiten Chance

Studenten in Vorlesungssaal [Quelle: Fotolia]

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Immer mehr Studenten bewerben sich nach ihrem Abschluss um ein Zweitstudium. Die Verlängerung an der Uni bietet Chancen, hat aber Tücken – vor allem zu Beginn und am Ende.

Diese Fragen stellen sich jedes Semester Zehntausende deutscher Studenten, die ihren Abschluss gemacht haben. Manche von ihnen haben bereits eine Stelle in Aussicht, andere bleiben an der Universität für ein weiterführendes Studium, um einen Master-Abschluss, einen Doktortitel oder Ähnliches zu erwerben. Für den Rest beginnt der Trip ins Ungewisse: Werde ich eine attraktive Stelle finden? Reichen meine Qualifikationen? Ist das, was ich studiert habe, auch wirklich das, was ich mein ganzes Leben beruflich machen möchte? Wer eine oder mehrere dieser Fragen mit Nein beantwortet, kommt mitunter auf die Idee, sich auf ein Zweitstudium zu bewerben. Aber der Schritt will gut überlegt sein.

Ein Zweitstudium ist ein weiteres grundständiges Studium, das nicht auf einem vorherigen Studium aufbaut. Bewirbt man sich für ein Zweitstudium, gilt es, mehrere Hürden zu nehmen. Zunächst sollte man sich über die Kosten informieren, die auf einen zukommen können. Denn je nach Bundesland können teils erhebliche Zusatzkosten für ein Zweitstudium anfallen – mitunter aber auch gar keine. So zahlt man zum Beispiel an der Goethe-Universität in Frankfurt auch als Zweitstudierender nur den üblichen Semesterbeitrag. Eine günstige Möglichkeit der Verlängerung also. Nur ein paar Kilometer entfernt, an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, sind dagegen zusätzlich stattliche 650 Euro pro Semester fällig. Bildung ist Ländersache, und im Gegensatz zu Hessen erhebt Rheinland-Pfalz eine solche Gebühr für ein Zweit- oder Altersstudium.

Das Zweitstudium kann teuer werden

Der Unterschied verblüfft. Im Mainzer Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur empfindet man diese Kosten allerdings als gerechtfertigt: "Ein Zweitstudium an einer Hochschule anders zu behandeln als eine berufliche Aufstiegsfortbildung oder eine Fort- oder Weiterbildung bei einer Volkshochschule oder einem anderen Weiterbildungsträger, für die individuell zu finanzierende Gebühren selbstverständlich sind, wäre nicht zu rechtfertigen", sagt der zuständige Minister Konrad Wolf.

Trotz der beträchtlichen Kosten für ein Zweitstudium gibt es aber auch an der Johannes-Gutenberg-Universität mehr Bewerber als verfügbare Studienplätze. So sind 369 Bewerbungen auf ein Zweitstudium für das kommende Semester eingegangen. 109 von diesen Interessenten hatten mit der Bewerbung ihren Studienplatz sicher, denn sie haben sich für einen zulassungsfreien Studiengang entschieden und somit nur die Kostenhürde zu meistern. Für die restlichen 260 Bewerber aber ist der Weg nicht so einfach. Denn will man im Zweitstudium ein Fach studieren, das nicht zulassungsfrei ist, wartet ein komplexes Auswahlverfahren auf die Bewerber.

Die vorherige Abschlussnote spielt keine Rolle

Mit Hilfe eines Punktesystems müssen sie begründen, warum gerade sie einen Studienplatz bekommen sollten. Dabei spielen sowohl die vorherige Abschlussnote als auch die Gründe für ein weiteres Studium eine Rolle. Die besten Chancen auf einen Studienplatz haben jene Bewerber, die ein weiteres Studium zwingend benötigen – gerne genanntes Beispiel ist hier der Kieferchirurg, der nach einem abgeschlossenen Studium der Zahnmedizin noch ein Studium der Humanmedizin benötigt, um in seinem Wunschberuf arbeiten zu können. Da stellt sich gar nicht erst die Frage, welchen Sinn ein Zweitstudium ergibt. Ebenfalls sehr gute Chancen haben Bewerber, die wissenschaftliche Gründe für ihren Studienwunsch anführen können. Sollten die wenigen Plätze bis hierhin noch nicht vergeben sein, kommen Bewerber zum Zug, die ihre beruflichen Chancen durch ein weiteres Studium enorm verbessern können.

Wer sich dagegen neu orientieren möchte und keine zwingenden Gründe vorbringen kann, muss sich hinten anstellen. Denn nur zwischen zwei und vier Prozent der zulassungsbeschränkten Studienplätze an deutschen Universitäten werden an Zweitstudierende vergeben. Als Begründung für die geringe Anzahl an Plätzen wird in Informationsunterlagen der Hochschulen etwa "Rücksicht auf diejenigen, die noch keinen deutschen Studienabschluss besitzen" angeführt. Im Schnitt sind es etwa ein bis drei Studienplätze pro Fach, die an Bewerber für ein Zweitstudium vergeben werden. An der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zum Beispiel wurden für das kommende Semester 77 Zulassungsbescheide für jene Fächer verschickt.

Trotz dieser erschwerten Aufnahmebedingungen bewerben sich jedes Semester Tausende in Deutschland auf ein Zweitstudium. Und seit Jahren steigen die Zahlen deutlich. Waren es laut Statistischem Bundesamt im Wintersemester 2010/2011 noch 71 898 Studenten, so studierten im Wintersemester 2014/2015 bereits gut 124 000 Studenten ein zweites Fach. Und auch im bevorstehenden Semester ist wieder mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Die Entwicklung wird von einigen besonders nachgefragten Fächern getrieben.

Aktuell im Trend liegen die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Neben dem Forschungsaspekt zeigt hier auch die Mahnung aus Politik und Industrie Wirkung, den Fachkräftemangel auf diesem Feld nicht aus den Augen zu verlieren. Und tatsächlich scheint die Entscheidung, ein Zweitstudium in diesen Fächern zu belegen, durch den Markt bestätigt zu werden. "Grundsätzlich sind die Arbeitsmarktaussichten für MINT-Fachkräfte nach wie vor sehr gut und die Arbeitslosigkeit in diesem Segment vergleichsweise niedrig", sagt Susanne Lindner von der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg über die Perspektive für kommende Absolventen.

Beliebte Wirtschaftswissenschaften

Ebenfalls sehr beliebt ist ein Zweitstudium im Fach Wirtschaftswissenschaften. Die Kombination zwischen einem möglicherweise geisteswissenschaftlichem Erststudium und einem Wirtschaftsstudium eröffnet vielen Studenten die Perspektive, als Experten Nischen in der Wirtschaft zu besetzen. Auch der Ruf nach Erziehern scheint Gehör zu finden. Unter den derzeit am stärksten vertretenen Studienfächern finden sich auch die Erziehungswissenschaften wieder. Gewissermaßen auf Augenhöhe liegt beim Thema Zweitstudium auch das Lehramt. Auch wenn sich die Arbeitsmarktsituation aufgrund befristeter Verträge und begrenzter Kapazitäten nicht wesentlich verbessert hat, scheint es für viele immer noch ein Traumberuf zu sein. Auch die Bewerbungen an der Mainzer Universität belegen, dass viele Studenten im Zweitstudium auf Lehramt studieren oder weitere Lehramtsfächer hinzuwählen. Die Hoffnungen sind groß, mit dem Belegen von Mangelfächern und einer größeren Auswahl auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Manchmal spielt aber auch einfach Zeitgewinn eine Rolle. Die 26 Jahre alte Sandra Stelzenmüller zum Beispiel studiert in Frankfurt im Zweitfach Informatik auf Bachelor und sagt: "Ich habe Politik und Philosophie auf Lehramt studiert, aber die Wartezeit auf ein Referendariat beträgt mehrere Semester. Die Zeit wollte ich nicht ungenutzt lassen. Da mich Informatik auch immer interessiert hat, nutze ich jetzt die Gelegenheit."

Ob Notwendigkeit, kompletter Neuanfang oder Überbrückung – jede Menge Lebensläufe finden sich im Zweitstudium wieder. Für die meisten Kandidaten dürfte gelten: Der Schritt sollte gut überlegt sein. Denn nicht nur bei der Bewerbung werden Motivation und Beweggründe abgefragt. Auch nach dem erfolgreichen Abschluss müssen sich Absolventen auf genaues Nachhaken in Personalabteilungen einstellen. "Bei einem Zweitstudium besteht immer die Problematik, dass das Einstiegsdatum in den Beruf nach hinten rückt. Bei Firmen ist das nicht gerne gesehen", sagt Karin Schambach von Indigo Headhunters. Sie findet: Ein Studium neben der Arbeit ist die bessere Alternative.

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