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"Wählt auch mal den leichteren Kurs"

Quelle: Jacek Chabraszewski (Fotolia)

Schnell fertig werden inklusive Bestnoten, Praktika und Auslandsaufenthalt? Von wegen. Fünf Dozenten geben ehrliche Tipps zum Semesterstart.

Studiert nach eurem Interesse!

Ich biete regelmäßig die zwei aufeinander aufbauenden Seminare "Frauen im Nationalsozialismus" und "Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit" an. Immer wieder habe ich von meinen Studenten gehört: "Das erste Seminar hat mir sehr gut gefallen und ich würde das zweite auch gerne machen. Aber ich brauche den Kurs nicht mehr, weil ich das Modul schon abgeschlossen habe." Studiert,was euch wirklich interessiert! Nicht nur die Kurse, die euch Creditpoints bringen. Ihr müsst nicht mit 22 oder 23 Jahren euren Abschluss haben. Ich sehe zu viele Studenten mit dem Anspruch, ihr Studium in Regelstudienzeit und mit Bestnoten, Praktika und Auslandsaufenthalt zu absolvieren. Macht ruhig ein Semester länger. Ihr müsst das später nicht mit einem Auslandsaufenthalt in Chile rechtfertigen.

Dagmar Bussiek, Professorin für Geschichte an der Leuphana Universität Lüneburg

Studiert langsamer und einfacher!

Ich habe mit vielen Studierenden Beratungsgespräche geführt, die ihr Studium abgebrochen haben, weil sie sich zu viel zugemutet haben. Sie haben aufgehört, Sport zu machen oder ihr Musikinstrument zu spielen, weil sie dafür keine Zeit mehr hatten. Das Ziel vom Studium kann doch nicht sein, dass ihr eure Hobbys opfert. Belegt weniger Seminare pro Semester, studiert länger und macht es euch auch mal einfacher: Ihr müsst nicht alles bis ins letzte Detail perfekt durcharbeiten. Und es ist vollkommen in Ordnung, leichtere Kurse zu wählen. Physikstudenten bei uns entscheiden sich zum Beispiel zwischen den Modulen "Mathe für Mathematiker" oder "Mathe für Physiker". Mathe für Physiker ist einfacher und macht weniger Arbeit. Solche Tipps bekommt ihr bei eurer Fachschaft.

Thomas Dekorsy, Physikprofessor an der Universität Konstanz

Hinterfragt die Pflichttexte!

Postkoloniale Machtverhältnisse und Ungleichheiten reproduzieren sich auch an der Uni. Meistens wird nur aus einer auf Europa fokussierten oder von Europa aus denkenden, also eurozentrischen, Perspektive gelehrt. Dabei wird oft nicht klargemacht, dass es sich nur um eine eingeschränkte Sicht handelt, die viele Perspektiven und Wissen ausblendet oder abwertet. Als ich selbst Philosophie studiert habe, haben wir oft über die Inhalte der Französischen Revolution gesprochen, aber kaum darüber, wie diese mit der Revolution von versklavten Menschen in Haiti zusammenhängen. Hinterfragt die Pflichttexte in euren Kursen nach ihren "Leerstellen"! Sucht euch feministische, rassismuskritische, postkoloniale Hochschulgruppen und Lesekreise. Recherchiert im Internet, schlagt euren Bibliotheken Bücher vor, die aufgenommen werden sollen. Und schaut nach Dozierenden, die Kurse anbieten, in denen feministische und postkoloniale Perspektiven einbezogen werden. Bringt dieses alternative Wissen in den Alltag der Uni ein: Auch in Seminaren sind wir unterschiedlich positioniert, auch Studierende werden aufgrund von Geschlecht, Sexualität, (vermeintlicher) Herkunft und/oder Beeinträchtigung marginalisiert und ausgeschlossen.

Vanessa Eileen Thompson, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt

Stellt mehr Fragen!

Ich habe schon viele Seminare in Biochemie für Medizinstudenten gegeben. Wir behandeln Proteine, Lipide oder besprechen biochemische Prozesse in der Leber. Oft habe ich das Gefühl, viele Studenten denken, sie können alles – oder sie müssen schon alles können. Nach zwei Stunden merke ich dann, dass einige gar nichts verstanden haben. Hört auf, schüchtern zu sein und so hohe Ansprüche an euch zu haben. Stellt so viele Fragen, bis ihr verstanden habt, was wir da im Seminar wirklich behandeln. Später sitzt ihr nämlich alleine zu Hause mit euren Lehrbüchern und danach in der Prüfung – und da müsst ihr dann alles selbst erklären. 

Daniela Seidler, promovierte Biochemikerin, lehrte an der Universität Münster

Engagiert euch politisch an der Uni!

Viel zu wenige Studierende engagieren sich an der Hochschule. Als ich studiert habe, war ich selbst in der Uni-Politik aktiv. An meiner damaligen Uni in Buenos Aires haben wir es geschafft, dass wir selbst entscheiden durften, wofür Geld ausgegeben wird. Weil wir alle Kopiereinnahmen der Uni bekommen haben, waren das relativ hohe Summen. Wir haben ein Computercenter eröffnet, ein Radioprogramm für andere Studierende und Theaterprojekte gemacht. Auch ihr könnt das Leben an der Uni mitgestalten. Engagiert euch beim Asta, lasst euch ins Studierendenparlament wählen! Die Arbeit macht Spaß, ihr lernt viele Leute kennen und lernt, wie Politik wirklich funktioniert. Ich würde mir keine Gedanken darum machen, wenn euer Studium deshalb länger dauert. 

Ezequiel Luis Bistoletti, Politikwissenschaftler, promoviert an der Uni Kassel und lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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