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Das neue Leben der Brexit-Studenten

Brexit, England, Großbritannien [Quelle: pixabay.com, Autor: MIH83]

Quelle: pixabay.com, MIH83

An Universitäten wie Oxford heißt es zwar, alles bleibe, wie es ist. Aber Studenten aus Europa haben neue Fragen: Bin ich noch willkommen? Und wie geht es jetzt weiter?

Als die Glocke auf dem mehr als tausend Jahre alten Carfax-Turm in der Innenstadt Oxfords drei Uhr schlägt, ist Sam Slater noch hellwach. Es ist die Nacht zum vierundzwanzigsten Juni, und langsam zeichnet sich der Trend ab, der sich am nächsten Morgen bestätigen soll: Großbritanniens Wähler entscheiden sich gegen einen Verbleib in der EU. "In so einer Nacht geht doch keiner schlafen", sagt der einundzwanzig Jahre alte Student aus Horwich, einem kleinen Ort in Nordengland. Seit zwei Jahren studiert er nun in Oxford. Die letzten vier Monate hat er jedoch mehr Zeit mit der Koordination der Wahlkampagne "Oxford-Studenten für Großbritannien" als in Vorlesungssälen verbracht. Der Brexit hat sein Studentenleben jedenfalls gehörig durcheinandergebracht. Und das geht auch anderen so – ob Student aus England oder anderen Ländern.

Heute, knapp zwei Wochen nach dem Referendum, das Europa verändert hat, ist Slater sich sicher: "Auf lange Sicht wird es keine negativen Auswirkungen für Oxford geben. Die Universität wird weiterhin Fördergelder erhalten und mit ihren internationalen Partnern zusammenarbeiten." Seine Position ist – zumindest in Oxford – eine Minderheitenmeinung. Die Stadt sprach sich zu mehr als siebzig Prozent für einen Verbleib in der EU aus, was auch den hohen Bevölkerungsanteil an Studenten und jungen Menschen widerspiegelt. Aber wie verändert sich nun die Situation für europäische Studenten in Großbritannien? Und können britische Universitäten unverzüglich mit business as usual fortfahren, wie Sam Slater sich das vorstellt?

Noch am Montag vor dem Referendum unterzeichneten 103 Rektoren und Rektorinnen von britischen Hochschulen einen offenen Brief, in dem sie ihre "tiefe Besorgtheit" über die Folgen eines Brexit ausdrückten. Es geht dabei nicht nur um die Zukunft akademischer Austausch- und Forschungsprogramme wie zum Beispiel Erasmus oder Horizon 2020. Laut HESA, der Statistik-Agentur für britische Hochschulen, erhielten Universitäten landesweit rund sechzehn Prozent ihrer Forschungsgelder direkt von der EU. Im vergangenen akademischen Jahr belief sich diese Summe auf rund eine Milliarde Euro – Geld, das nun entfallen könnte. Gut fünf Prozent aller Studenten auf der Insel kommen aus Europa. In Cambridge, Oxford und London sind es sogar fünfzehn Prozent. Für sie, das sagt Julia Goodman, die Präsidentin des britischen Hochschulverbands, wird sich erst einmal nichts ändern. Für mindestens zwei weitere Jahre werden europäische Ausländer unter den gleichen Bedingungen lehren und studieren wie zuvor.

Gute Verhandlungsposition

Auch in der zeitlich noch unbestimmten Phase nach den Austrittsverhandlungen seien die britischen Universitäten in einer guten Verhandlungsposition, um Zusicherungen zu verhandeln und die Gesetzgebung zu beeinflussen. Was aufbauend klingt, ist für europäische Studenten, die ein Zweitstudium oder eine weiterführende akademische Karriere in Großbritannien planen, allerdings nur ein schwacher Trost. Noch studieren Europäer unter dem sogenannten "home status": Sie bezahlen die gleichen Studiengebühren und haben Zugang zu den gleichen Bildungskrediten wie Briten. Während die maximalen Studiengebühren für Inländer und Europäer bei 9.000 Pfund pro Jahr liegen, zahlen Nichteuropäer bis zu 25.000 Pfund. Bislang konnte noch keine Universität zusichern, dass die Gebühren für Europäer auch weiterhin bei 9.000 Pfund gekappt werden. Im Gegenteil: Das im Jahr 2010 verabschiedete Gleichstellungsgesetz legt nahe, dass ohne spezielle politische Bindung eine Bevorteilung europäischer Studenten gegenüber Kommilitonen aus anderen Ländern diskriminierend wäre.

Noch problematischer als die Entwicklung der Studiengebühren ist jedoch die Unsicherheit, die viele Studenten plötzlich an ihrer Karriereplanung zweifeln lässt. Anna Niedbala etwa kommt ursprünglich aus Kaiserslautern, lebt aber schon seit Jahren in England. Sie ist in den letzten Zügen ihrer Doktorarbeit. Eigentlich wollte sie sich vom Sommer an nach einer Forschungsstelle in England umsehen, aber nun haben sich ihre Pläne unter dem Druck der Ereignisse geändert. "Ich orientiere mich jetzt um und werde vermutlich nach Deutschland zurückkommen", sagt sie. "Egal, wie die Verhandlungen letztendlich ausgehen, möchte ich nicht mit der Unsicherheit leben." Obwohl die meisten ihrer Kollegen für einen Verbleib in der EU gestimmt haben, kann sie das Gefühl nicht loswerden, nicht mehr willkommen zu sein. "Natürlich ist da auch ein wenig Trotz dabei", sagt sie. "Ich finde, als Wissenschaftlerin habe ich jedem Land viel zu bieten. Und wenn England mich nicht will, kann ich mein Gehirn auch woanders einsetzen."

Höhere Gebühren, Hürden bei der Einwanderung, ein diffuses Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein: Andrew Mell, Wirtschaftsprofessor in Oxford, ist sich sicher, dass all diese Faktoren es schwieriger machen werden, auch weiterhin die besten Professoren und Studenten anzuwerben. Mell, der sonst zurückhaltend und vorsichtig mit öffentlichen Stellungnahmen ist, macht inzwischen keinen Hehl daraus, wie wütend ihn die Entscheidung für den Brexit gemacht hat. "Der ganze Wahlkampf wurde auf einem unmöglichen Niveau geführt", sagt er. Als er und gut 300 andere Wirtschaftsprofessoren eine gemeinsame Erklärung in der Zeitung "The Telegraph" veröffentlichten, verglich Justizminister Michael Gove die kritischen Akademiker mit jenen Forschern, die im Dritten Reich von der Regierung bezahlt wurden, um Albert Einsteins Arbeit abzuqualifizieren. "Das Schlimmste an diesem Referendum ist jedoch nicht die Unart, mit der Wahlkampf gemacht wurde, sondern dass niemand die Folgen durchdacht hat", sagt Mell. "Und ich spreche hier nicht nur von Universitäten, ich spreche von meinem ganzen Land. Momentan weiß niemand, was er tut." Planungsunsicherheit und eine unklare Rechtslage würden Investoren abschrecken. Und ein mehr als zweijähriger Verhandlungsprozess sei ein Vernichter von Ressourcen. "Wir werden Unmassen an Geld, Zeit und Arbeitsaufwand für eine schlechte Lösung zu einem hausgemachten Problem ausgeben."

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