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Wer nicht kommt, bleibt dumm

Gelangweilte Zuhörer beim Vortrag [© WavebreakMediaMicro - Fotolia.com]

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Beim Stichwort Anwesenheitspflicht denken viele an ihre Schulzeit. Doch auch an der Uni greifen Professoren auf das altbekannte Druckmittel zurück: Wer fehlt, der fliegt! Doch ist Anwesenheitskontrolle wirklich notwendig – und ist sie überhaupt legal?

Die Anwesenheitsliste wandert durch den Hörsaal, schläfrige Studenten warten darauf, ihren Namen einzutragen, damit sie endlich nach Hause gehen können. Wer zu oft fehlt, wird nicht zur Prüfung zugelassen. Deshalb quälen sich viele Studenten auch in die langweiligste Vorlesung. Die physische Anwesenheit wird dadurch garantiert – die geistige jedoch ist fraglich. Schon 2014 sorgte Nordrhein-Westfalen mit seinem Hochschulzukunftsgesetz für heiße Diskussionen um die Anwesenheitspflicht für Studenten. Zwei Jahre später wird die Wunde nun von Neuem aufgerissen.

Die Anwesenheitspflicht an der Uni ist rechtlich unklar

Ursprung der Anwesenheitsdebatte ist die schwammige Rechtslage. Eine bundesweit einheitliche Regelung zur Anwesenheitspflicht an Universitäten gibt es nicht. In Nordrhein-Westfalen, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Bayern wird die Anwesenheitspflicht an der Uni vom Landesgesetz geregelt, in allen anderen Bundesländern existierte bisher keine gesetzliche Regelung. Schleswig-Holstein folgt nun mit einem neuen Hochschulgesetz dem Trend und schafft die Anwesenheitspflicht für Studenten ab. Doch mit den landesweiten Regelungen ist es nicht getan. Es gibt so viele Ausnahmen, dass die Rechtslage trotz Gesetz oft unklar ist. Meist entscheiden am Ende doch wieder die Professoren, ob in ihren Kursen Anwesenheitspflicht herrscht oder nicht – und manche versuchen sogar, das Gesetz zu umgehen.

Ausnahmen bestätigen die Regel der Anwesenheitspflicht?

Die Abschaffung der Anwesenheitspflicht betrifft erst einmal nur die klassischen Vorlesungen. Für Übungen, Praktika, Seminare und Laborarbeit gelten Ausnahmen. Wenn nachvollziehbar ist, dass Seminarteilnehmer die Inhalte nicht im Selbststudium erarbeiten können, darf die Anwesenheit dort immer noch verlangt werden. Der Auslegungsspielraum ist dabei relativ groß: Wird in einem Seminar nur die Pflichtlektüre besprochen, können die Studenten sich das eigentlich auch selbst erarbeiten und eine Anwesenheitspflicht ist nicht gerechtfertigt. Wer in einem solchen Fall tatsächlich Recht bekommt, ist aber ungewiss. Manche Professoren nutzen diesen Spielraum, indem sie ihre Vorlesung einfach in ein Proseminar umbenennen und weiterhin die Anwesenheitspflicht fordern. 

Damit in einem Studiengang aber überhaupt eine Anwesenheitspflicht eingeführt werden kann, muss sie in der Prüfungsordnung als mögliche Prüfungsform festgehalten sein und zusätzlich im Modulhandbuch bei der jeweiligen Veranstaltung erwähnt werden. Wenn Zweifel an der Anwesenheitspflicht bestehen, sollten Studenten erst einmal einen Blick in die Prüfungsordnung werfen. Bei Unsicherheit, hilft oft der AStA, die Lage zu klären.

Anwesenheitspflicht im Studium durch die Hintertür

Die Anwesenheitspflicht an Universitäten hat manchmal groteske Folgen. So gehen zum Beispiel Hochschwangere noch in die Uni und mancher Student schleppt sich krank in die Vorlesung, um das Studium nicht zu gefährden. 

An der Universität Bamberg kämpften die Studierenden im vergangenen Jahr gegen eine Neuregelung der Anwesenheitspflicht. Eigentlich ist die Anwesenheit dort nicht verpflichtend, sie wurde aber in gewisser Weise durch die Hintertür wiedereingeführt. Prüfungen durften die Studenten zwar schreiben, ins Transcript of Records wurden Kurse aber nur noch eingetragen, wenn die Studierenden regelmäßig anwesend waren. Viele befürchteten dadurch eine Benachteiligung gegenüber Mitbewerbern, die den gleichen Kurs absolviert hatten, aber einen Eintrag im Transcript of Records vorweisen konnten. Ursprünglich sollte diese Regelung nicht zum Nachteil für die Studierenden werden. Ganz im Gegenteil, sie wurde sogar von ihnen angeregt. Kurse ohne Prüfungsleistungen sollten dadurch bei entsprechender Anwesenheit besser gewürdigt werden. Die neue Regelung ging allerdings erst einmal nach hinten los.

Dieser Fall zeigt: Meist meint es die Uni gut mit ihren Studenten, an den Regelungen und Gesetzen zur Anwesenheitspflicht muss aber weiterhin gefeilt werden.

Studienerfolg kommt mit der Teilnahme

Mit der Anwesenheitspflicht an der Uni wollen Professoren die Studenten vor allem vor sich selbst schützen. Die Versuchung, morgens im Bett liegen zu bleiben, ist bei vielen einfach zu groß. Gerade jungen Studenten, die direkt aus der Schule kommen, fehlt manchmal noch das notwendige Verantwortungsgefühl.

Eine Metastudie von Hochschulforscher Rolf Schulmeister gibt den besorgten Professoren Recht und belegt, dass ein klarer Zusammenhang zwischen Anwesenheit und Studienerfolg besteht. Schon mit drei verpassten Veranstaltungen stehen Studenten am Ende oft schlechter da als ihre Kommilitonen. Besonders stark betroffen von der Abschaffung der Anwesenheitspflicht sind laut Schulmeisters Studie junge und leistungsschwache Studenten. Ältere Studenten gehen regelmäßiger zur Uni und bei schwierigen Veranstaltungen sind es vor allem die Leistungsschwachen, die gerne mal schwänzen.

Physische Anwesenheit bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Studierenden den Worten ihrer Professoren auch tatsächlich aufmerksam lauschen. Sei es die Whatsapp-Diskussion mit der besten Freundin, ein Handyspiel oder der nette Sitznachbar – viele Dinge können von der Vorlesung ablenken.  Keine noch so strenge Anwesenheitspflicht kann Studenten zum Mitdenken zwingen und jeder ist letztendlich für seinen Lernerfolg selbst verantwortlich. Wenn die Veranstaltung interessant gestaltet ist und die Studierenden, sich wirklich für das Thema interessieren, kommen sie auch ohne Anwesenheitspflicht in die Uni. Gerade Studienanfänger kann eine Anwesenheitspflicht dennoch unterstützen.  Doch ob das eine Einschränkung der Studierfreiheit aufwiegt, wird wohl weiterhin eine kontroverse Frage bleiben.

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Kommentare (2)

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  1. Anonym

    Hallo Max, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stelle die Studierfreiheit an der Uni Bamberg in keiner Weise in Frage. Der Fall sollte nur als Beispiel dazu dienen, welche ungewollten Folgen gut gemeinte Regelungen zur Anwesenheitspflicht nach sich ziehen können. Viele Grüße Veronika

  2. Anonym

    Anwesenheitspflicht ist ein absolutes No-Go! Universitäten basieren nun mal auf Freiheit und Selbstverantwortung. Für diejenigen, die einen externen Antrieb brauchen, gibt es Fachhochschulen, wo Sachen verschulter stattfinden. Bei mir persönlich ist es so, dass ich eine sehr starke intrinsische Motivation habe, während mich Druck von außen eher abschreckt. Ich beschäftige mich gerne mit Sachen, die mich interessieren, welche Zahl die Uni unter eine Klausur schreibt finde ich eher zweitrangig. Und das obwohl ich überdurchschnittliche Noten haben und immer viel in der Uni engagiert war und auch eine sehr hohe Anwesenheitsquote hatte. Ich habe Schule gehasst, alles war immer ein Muss, furchtbar! Meinen Bachelor habe ich dann an besagter Uni Bamberg an der Fakultät WIAI gemacht. Wir hatten sehr viele Freiheiten, was Anwesenheit, Fächerwahl, inhaltliche Gestaltung und Kontakt zu Lehrenden angeht. Das hat sehr viel Spaß gemacht, ich war sehr engagiert dabei und ich habe viel gelernt (Lernen im Sinne von "Wissen erweitert", nicht "stundenlang Folien Büffeln"). Meinen Master habe ich an einer anderen Uni gemacht, wo es Anwesenheitspflicht bei fast allen Übungen und generell mehr Kontrolle gab. Die andere Art des Lernens steht hier im Vordergrund. Ich habe sehr krass gemerkt, wie mich das demotiviert und wie schnell ich Interesse an einem System verliere, in dem ich viel machen "muss" und nicht "kann". Wäre mein Studium von Anfang an strikt mit vorgegebener Fächerwahl und vor allem konstanter Anwesenheitskontrolle durchgetaktet gewesen, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich es nicht zu Ende gebracht hätte!

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