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Wie die Leistungskontrolle in Corona-Zeiten funktioniert

Prüfung Lernen Schreiben Stift Schreibtisch Tasse [Quelle: unsplash.com, Autor: Grenn Chameleon]

Quelle: unsplash.com, Autor: Grenn Chameleon

Wegen der Corona-Pandemie erproben die Hochschulen neue Prüfungsformen. Das beschert den Studenten mehr Arbeit – und führt auf juristisch heikles Terrain.

Der Begriff klingt sympathisch: "Take-home-Klausur". Entspannt am heimischen Schreibtisch Aufgaben lösen, die Kaffeemaschine fünf Schritte entfernt, statt streng bewacht in einem Hörsaal sitzen und den Angstschweiß von hundert Kommilitonen riechen – was in diesen Zeiten schon infektiologisch bedenklich wäre. Dann doch lieber in den eigenen vier Wänden darüber sinnieren, was Herbert Marcuse unter "befreiender Toleranz" verstand oder wie sich mit seinen Theorien die "Fridays for Future"-Proteste deuten lassen. Eine von drei solchen Fragen binnen fünf Tagen in einem fünf- bis siebenseitigen Essay bearbeiten: Das ist so eine "Take-Home-Klausur" aus dem Seminar "Marcuse vs. Habermas", die Kyra Beninga als Beispiel für die gerade an der Uni Frankfurt praktizierten Prüfungsformen nennt.

Dass auch im Corona-Ausnahmesemester Leistungsnachweise erbracht werden müssen, stellt die Asta-Vorsitzende nicht in Frage. Schließlich müssten Studenten, die Bafög bekämen, ihre Lernfortschritte belegen. Grundsätzlich erkennt Beninga die Bemühungen von Professoren und Hochschulleitung an, Prüfungen unter den aktuellen Umständen möglichst verträglich zu organisieren. Doch das häufige Ausweichen auf schriftliche Formate hat nach ihrem Eindruck unangenehme Nebenwirkungen. Ganz zu schweigen von den Komplikationen, die das Erproben noch relativ neuer digitaler Prüfungsmethoden mit sich bringt - und dessen etwaige juristische Konsequenzen nicht nur Studentenvertretern zu denken geben.

Bald Präsenzprüfungen mit bis zu 100 Teilnehmern möglich

Grundsätzlich sind etwa an der Frankfurter Universität derzeit auch Präsenzprüfungen möglich, mit maximal zwölf Teilnehmern und unter Beachtung der Hygienevorschriften des Robert-Koch-Instituts. Nach Schätzung von Roger Erb, für Studium und Lehre zuständiger Uni-Vizepräsident, dürften in den vergangenen Wochen rund 100 solcher schriftlicher Examina angesetzt worden sein.

Von Anfang Juni an soll es wieder Klausuren mit einer größeren Zahl von Prüflingen geben. Erb nennt hierfür als Obergrenze 100 Personen - so viele Studenten fänden im größten verfügbaren Hörsaal Platz, wenn die Abstandsregeln eingehalten würden. Gebe es mehr Teilnehmer, müsse die Klausur in verschiedenen Räumen gleichzeitig geschrieben werden. "Kein Studierender darf zu einer persönlichen Prüfung gezwungen werden", hebt der Vizepräsident hervor. Für die ganze Universität gelte die Empfehlung, "großzügige Rücktrittsregelungen" zuzulassen. Nachweise, dass jemand einer Risikogruppe angehöre, würden dabei "häufig" nicht verlangt.

Wo immer es geht, sollen die Dozenten der Goethe-Uni allerdings auf Präsenzprüfungen verzichten und stattdessen Ersatzleistungen einfordern - zum Beispiel die erwähnten "Take-home-Klausuren". Dass die Verlagerung der Leistungskontrolle in die Studentenbuden den Stress nicht unbedingt verringert, ist diversen Facebook-Kommentaren zu entnehmen. "Wir müssen viel mehr abgeben, und in kürzeren Fristen als normal", klagt da einer, und ein anderer meint: "Ich habe auch das Gefühl, dass die Profs denken, dass sie uns jetzt mit Essays, Texten und anderen Abgaben so bombardieren müssen, nur weil die Präsenzsitzungen wegfallen." Asta-Sprecherin Beninga wünscht sich daher übergreifende Regeln für solche Arbeiten, "damit die Form und Häufung nicht ausartet".

Schummel-Risiko bei mündlichem Video-Examen

Möchte ein Professor das Wissen seiner Studenten lieber Auge in Auge abfragen, so kann er das grundsätzlich auch über eine Videoschaltung tun. Die Goethe-Universität erlaubt solche mündlichen Online-Examina, wenn der Kandidat zustimmt, seine Identität festgestellt werden kann und im Raum des Prüfers Beisitzer anwesend sind. Andere Hochschulen halten es ähnlich.

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche Schummel-Möglichkeiten sich gewieften Tricksern bei einer Prüfung am eigenen PC bieten. Technische Lösungen, die das Betrugsrisiko verringern sollen, gibt es reichlich: Software, die während der Prüfung am Heimrechner den Zugriff auf bestimmte Funktionen blockiert, 3D-Kameras und sogar Fingerabdruckscanner zum zweifelsfreien Identifizieren des Prüflings. Die Möglichkeiten der Hochschulen, solches Equipment einzusetzen, sind allerdings begrenzt. "Wir nehmen von unseren Studierenden schließlich keine Fingerabdrücke", sagt Heribert Warzecha, für Studium und Lehre zuständiger Vizepräsident der TU Darmstadt.

Der Biologieprofessor hat selbst schon Prüfungen per Video abgenommen. Kannte er die Teilnehmer persönlich, war zumindest die Identifikation per Kamera kein Problem. Und was das Risiko des unerlaubten Einflüsterns betrifft, so verlässt sich Warzecha auf seine Beobachtungsgabe: "Ich sehe an den Augen, ob jemand mit einem anderen redet."

"Wir werden dazu noch Urteile sehen"

Dass solche Sicherheitsvorkehrungen im Zweifel auch einen Richter überzeugen, darf bezweifelt werden. Nach Ansicht von Michael Hartmer, dem Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, bewegen sich Dozenten gerade bei mündlichen Online-Prüfungen juristisch auf sehr dünnem Eis. Nur notfalls sollten sie von dieser Option Gebrauch machen, meint der Honorarprofessor der Universität Köln. Ein Rechtsstreit sei denkbar, wenn ein Student glaube, er sei gegenüber anderen Kandidaten benachteiligt worden: "Das Prüfungsrecht ist ein Prüflingsschutzrecht." Gewährt ein Dozent dem einen eine Heimprüfung und dem anderen nicht, könnte das Anlass für eine Klage geben. Hartmer ist überzeugt: "Wir werden dazu noch Urteile sehen."

Eine Prozesswelle wegen unorthodoxer Prüfungen in der Corona-Krise fürchtet der Jurist allerdings nicht. Zum einen nehme sich normalerweise nur derjenige einen Anwalt, der mit seiner Note unzufrieden sei. Zum anderen würden sich die meisten Studenten hüten, einen Streit mit einem Professor derart eskalieren zu lassen - man trifft sich schließlich meistens zweimal an der Uni. Hartmer rät, in Prüfungsangelegenheiten immer nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen. Für Dozenten empfehle sich die Maxime: "Großzügigkeit im Verfahren, aber keine Abstriche bei den Ansprüchen."

Grundsätzlich gelten auch in der momentanen Ausnahmesituation die einschlägigen Prüfungsordnungen und Landesgesetze, hebt der Geschäftsführer hervor. Da aber nicht jeder Sonderfall explizit geregelt werden könne, müsse man manchmal "ein Auge zudrücken und hoffen, dass keiner klagt". Ähnlich sieht das TU-Vizepräsident Warzecha. Dass man die Leistungen der jetzigen Studentenkohorte nicht mit denen normaler Jahrgänge vergleichen könne, sei klar. Die Lehrenden bemühten sich jedoch, wenigstens die Leistungen der Corona-Betroffenen nach möglichst einheitlichen Maßstäben zu bewerten. Das sei zweifellos ein Balanceakt. "Aber wenn wir nur auf die Juristen hören würden, könnten wir gleich zumachen."

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