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"Wer gut zuhören will, braucht vor allem drei Fähigkeiten"

Meeting Gespräch Frau Mann [Quelle: Unsplash.com, Autor: rawpixel]

Quelle: Unsplash.com, rawpixel

Meistens steht man sich selbst im Weg, wenn man anderen nicht gut zuhört. Die Autorin Ximena Vengoechea erklärt, wie sich Beziehungen durch richtiges Zuhören verbessern.

Ximena Vengoechea arbeitet als professionelle Zuhörerin. Sie hat für Techkonzerne wie Pinterest, LinkedIn und Twitter viele Interviews mit Menschen geführt, um herauszufinden, wie sie Plattformen nutzen. Vergangenes Jahr erschien ihr Buch "Listen Like You Mean It". Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 24/2022.

ZEIT Campus: Mit welcher Einstellung sollte man in ein Gespräch gehen?

Vengoechea: Wer gut zuhören will, braucht ein bestimmtes Mindset. Damit meine ich vor allem drei Fähigkeiten: Bescheidenheit, Neugier und Empathie. Auch wenn sich das erst mal offensichtlich anhören mag – viele von uns setzen diese Fähigkeiten nicht bewusst in Gesprächen ein.

ZEIT Campus: Was genau bedeuten für Sie diese Fähigkeiten?

Vengoechea: Bescheidenheit bedeutet, dass man in ein Gespräch reingeht mit der Absicht, zu lernen statt zu lehren. Man ist eher Schüler:in statt Lehrer:in. Und es bedeutet, dass man seine vorgefertigten Meinungen, Perspektiven und Anschauungen über ein Thema für einen Moment vergisst. Neugierig zu sein, bringt einen noch einen Schritt weiter. Man kann sich fragen: Warum interessiert sich die andere Person für ein Thema? Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man schneller und besser Beziehungen zu neuen Menschen aufbaut, wenn man an anderen Interesse zeigt.

ZEIT Campus: Oft erwischen wir uns dabei, dass wir trotz guter Vorsätze nicht richtig zuhören …

Vengoechea: Ja, das tun wir alle: Sei es an der Kasse im Supermarkt, am Wasserautomaten im Büro oder wenn man es gerade eilig hat. Das ist absolut okay. Wenn wir in diesem Modus des oberflächliches Zuhören sind, schneiden wir meistens nur mit, was wortwörtlich gesagt wird, aber nicht die eigentliche Bedeutung.

ZEIT Campus: Was ist das Gegenteil?

Vengoechea: Empathisches Zuhören: Nur so verstehen wir auch, was nicht explizit gesagt wird, was der Subtext, die darunter liegende Emotion ist. Denn die eigentliche Verbindung zwischen Gesprächspartnern findet auf der Ebene der Emotionen statt. Wenn man keine emotionale Verbindung zum Gesprächspartner spürt, ist das meistens ein Zeichen, dass man nicht im Modus des empathischen Zuhörens ist.

ZEIT Campus: Wie schafft man es, in diesen Modus zu kommen?

Vengoechea: Am allerwichtigsten ist dabei, sich selbst gut zu kennen. Denn man selbst steht sich am meisten im Weg, wenn es ums richtige Zuhören geht. Es kann sein, dass man schlechte Laune hat, man müde ist, von einer Nachricht vor einem Meeting abgelenkt ist, nervös oder ängstlich vor einem Treffen ist. Man sollte sich deshalb immer fragen: Was ist mein aktueller Filter, den ich mitbringe? Mit all diesen Dingen kann man lernen umzugehen, wenn sie einem bewusst sind. Man kann sagen: "Hey, dieses Gespräch ist mir super wichtig, aber ich merke, dass ich mich gerade nicht konzentrieren kann, können wir später weitersprechen? " Oder man merkt, dass man sehr emotional auf etwas reagiert. Auch das kann man ansprechen und um eine kurze Pause bitten. Sich selbst gut zu kennen, ist der Schlüssel zu besserem Zuhören.

ZEIT Campus: Wie kann man seine Selbstwahrnehmung schärfen?

Vengoechea: Es hilft, sich in alltäglichen Gesprächen aufmerksam zu beobachten: Wann schweifen meine Gedanken ab? Passiert das bei denselben Themen? Bei bestimmten Personen oder Uhrzeiten? Manchmal ist es auch einfacher, auf den Körper zu hören, um Emotionen richtig mitzubekommen und sich zu fragen: Warum ist meine Faust geballt, mein Kiefer angespannt?

ZEIT Campus: Wie geht gutes Zuhören im Videocall und am Telefon?

Vengoechea: Man sollte sich für jede Unterhaltung überlegen, welche Form jeweils am besten ist. Vielleicht kann es zum Beispiel für ein Gespräch helfen, dass man ein bestimmtes Dokument im Hintergrund sieht. Ich liebe zum Beispiel Telefongespräche, weil ich mich dabei mehr bewegen kann. Gerade bei schwierigen Themen kann es helfen, wenn man dabei spazieren geht. Auch worauf wir beim Reden blicken – auf Natur zum Beispiel – kann die Unterhaltung beeinflussen.

ZEIT Campus: Ist empathisches Zuhören schwieriger, wenn man sich nicht persönlich trifft?

Vengoechea: Das ist für jeden anders. Was aber für jeden gleich ist: Wenn man eine Person trifft, bekommt man mehr Informationen, mehr nonverbale Zeichen. Man kann die Körpersprache analysieren, sieht kleinste Veränderungen in der Mimik.

ZEIT Campus: Wie geht man am besten in ein aufreibendes Gespräch?

Vengoechea: Die Basis ist, dass wir mit der Intention zu verstehen, reingehen – statt überzeugen zu wollen. Manchmal verwechselt man das. Man kann seine Intention auch der anderen Person laut mitteilen: "Hör zu, das hier wird wahrscheinlich ein heikles Gespräch, unsere Meinungen liegen so weit auseinander, aber ich möchte dich und deine Sichtweise wirklich verstehen." Das hilft einem selbst, Druck abzubauen und zeigt der anderen Person, dass man sie nicht überzeugen oder bewerten möchte.

ZEIT Campus: Was hilft, wenn man doch in diese wertende Art rutscht?

Vengoechea: Oft hilft eine Pause – entweder ein paar stille, tiefe Atemzüge oder es hilft auch, laut zu sagen, dass man kurz eine Unterbrechung braucht. Dann hat man Zeit, um sich zu fangen.

ZEIT Campus: Kann neben Pausen auch Stille in einem Gespräch helfen?

Vengoechea: Stille können die meisten von uns nicht richtig aushalten. Aber sie kann gut tun, denn sie gibt der anderen Person Raum – um einem noch mehr mitzuteilen zum Beispiel. Generell gilt: Wenn der Gesprächspartner nichts sagt, bedeutet das nicht per se, dass er sich langweilt, er kann etwas verarbeiten und durchdenken oder er macht sich bereit, etwas Schwieriges zu teilen. Wichtig ist, die Stille auszuhalten. Manchmal hilft es, für sich bis zehn zu zählen – meistens kommt man nicht so weit. Die andere Person ergreift dann oft schon das Wort.

ZEIT Campus: Was hilft, wenn man das Gefühl hat: Ich kann jetzt wirklich nicht mehr zuhören?

Vengoechea: Körperlich müde oder mental ausgelaugt von Gesprächen zu sein ist ganz normal, wenn man empathisch zuhört. Denn es erfordert Anstrengung, Aufmerksamkeit, Konzentration. Es ist gut, wenn man das mitbekommt, statt einfach durchzupowern. Einigen hilft gegen diese Erschöpfung etwas Einsamkeit , andere brauchen selbst Raum, um Dinge mitzuteilen, die sie noch nicht sagen konnten. Wieder andere gehen joggen, tanzen oder nehmen ein Bad.

Ich fühle mich der Person näher, weil sie mir etwas anvertraut hat. 

Ximena Vengoechea

ZEIT Campus: Wie geht man mit Menschen um, die nicht richtig zuhören?

Vengoechea: Ich glaube, jeder kennt mindestens einen solchen Menschen in seinem Leben. Wie man mit ihm umgeht, hängt von der Beziehung ab: Ist sie die Chefin, der Professor? Ist sie jemand, mit dem man ein positives Verhältnis haben sollte? Diese Person nimmt zwar mehr, als sie gibt, jedoch kann man sie oft nicht einfach aus seinem Leben schmeißen. Mit diesen Menschen muss man lernen, wie man ein Gespräch höflich umleitet oder beendet. Dafür gibt es verschiedene Wege.

ZEIT Campus: Welche sind das?

Vengoechea: Eine wichtige Stellschraube ist die Umgebung, die man für sich nutzen kann. Für ein Treffen mit dieser Person könnte man sich zum Beispiel einen belebten Ort aussuchen – mit einem praktisch eingebautem Endpunkt – statt eines ruhigen Cafés, wo man endlos sitzen und reden kann. Um das Gespräch zu beenden, kann man die andere Person direkt wissen lassen, dass es gut war, mit ihr zu sprechen, aber man nun weiter müsse. Ohne große Entschuldigung, ohne Erklärung.

ZEIT Campus: Wie geht man mit Freunden oder Familienmitgliedern um, die Dauersender sind?

Vengoechea: Wenn man vertrauter mit der Person ist, könnte man ihr auch direkt sagen: "Schön zu hören, was in deinem Leben passiert. Ich bin froh, dass wir darüber gesprochen haben. Aber ich möchte auch etwas mit dir teilen. Und ich würde mich sehr über deine Meinung freuen!" Man gibt die Rückmeldung, dass man der anderen Person Raum gegeben hat und signalisiert, dass sie einem nun auch Platz geben sollte.

ZEIT Campus: Was macht man, wenn all das nicht funktioniert?

Vengoechea: Die extreme Variante wäre, dass man mit der Person über ihr Verhalten spricht – und wenn sich nichts ändert, die Beziehung Schritt für Schritt beendet.

ZEIT Campus: Was passiert mit Beziehungen, wenn man besser zuhört?

Vengoechea: Die Beziehungen werden stärker, man lernt viel mehr über die Menschen in seinem Leben – was deren Bedürfnisse und Sehnsüchte sind. Im professionellen Umfeld, im Job oder an der Uni, bekommt man ein besseres Gefühl für Gruppendynamiken. Man versteht zum Beispiel eher, wer – neben der offiziellen Chefin der Gruppe – die inoffizielle Meinungsmacherin ist.

ZEIT Campus: Und bei Freunden?

Vengoechea: Bei Freunden habe ich selber erlebt, dass sie mir Dinge erzählen, wenn ich aufmerksam zuhöre, die sie mir sonst vielleicht nicht gesagt hätten. Und ich fühle mich der Person näher, weil sie mir etwas anvertraut hat, mit dem sie zu kämpfen oder vor dem sie Angst hat. Gleichzeitig hat sie ein höheres Vertrauen in mich, was mir wiederum Raum gibt, mich zu öffnen. Es entsteht eine Art wunderbarer positiver Kreislauf.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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