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Das Aachener Gegenstrommodell

Zurück zum Anfangspunkt. Im Blitzverfahren müssen gerade unter hohem Zeitdruck so viele Veranstaltungen wie möglich darauf umgestellt werden, online zu sein. Wie geht das logistisch?

Die RWTH Aachen stellt sich darauf ein, dass das aktuelle Sommersemester schwerpunktmäßig oder eventuell vollständig online-basiert ablaufen wird. Dazu stellt das Rektorat allen Dozierenden Werkzeuge und Unterstützung bereit, um diese Herausforderung bestmöglich zu bewältigen und vor allem möglichst keine Einbußen bei der Qualität der Lehre zu bekommen.

Das bezeichnet die Hochschule offiziell etwas steif als Ermöglichungskultur.

Na ja, wir nennen das auch das Aachener Gegenstrommodell: Das Rektorat legt strategische Ziele für die Digitalisierung fest, stellt dafür einen ausgeklügelten Service für die Dozierenden bereit, und die Fakultäten verständigen sich auf der anderen Seite auf die jeweilige digitale Fachkultur. Denn wir wissen in Aachen auch, dass Kultur niemals von oben, sondern aus der Fachkultur kommt. Sie können es auch gerne etwas bildhafter haben: Vom Rektorat fallen preußisch Vorgaben runter, und die jeweilige Fachkultur diffundiert dann rheinisch von unten nach oben. Das ist natürlich ein iterativer Aushandlungsprozess, der auf beiden Seiten Reibungen produzieren kann. Am Ende verständigen sich beide Seiten auf die notwendigen Serviceleistungen, die unser Rektorat dann auch finanziell ausstattet. Das können Sie dann als Aachener Ermöglichungskultur ansehen.

Für Ihre Digitalisierungsstrategie in der Lehre ist die Uni ausgezeichnet worden.

Ja, die RWTH hat als erste Universität 2017 den „Genius Loci“ vom Stifterverband und der Volkswagen-Stiftung erhalten. Das Tolle daran ist, dass dieser Preis, anders als der Ars-legendi-Preis für exzellente Lehre, für alle Mitglieder der Universität vergeben wird, die sich an der Lehre beteiligen. Es ist somit ein Schulterklopfen für alle hier für ihre Bestrebungen, das Beste aus zwei Welten, der analogen und der digitalen Welt, für unsere Studierenden bereitzustellen.

Aachen ist dann also die Blaupause für andere Hochschulen?

Mit rheinischem Understatement würde man sagen: eine mögliche, sinnvolle und sicher zielführende Blaupause. Noch ein Gedanke dazu: Allein für die Erklärung des Wasserkreislaufs gibt es, nur für Schulen, 258 verschiedene Videos. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen.

Offene Bildungsressourcen, das hört sich gut an. Aber ist das nicht ein offenes Einfallstor für Ideenklau?

Nein, das ist alles sehr seriös geregelt. Damit nicht geklaut wird, gibt es Lizensierungen in sechs verschiedenen Kategorien. Hierzu nutzen wir sogenannte Creative Commons, eine Lizensierung, die standardisiert ist. Es wird darin zum Beispiel klar vermerkt: Frau Müller stellt diese offene Bildungsressource (OER) zur Verfügung, sie möchte, dass jeder, der das nutzt, aber auch konkret sagt, dass diese OER von Frau Müller kommt. Diese Idee der Open Educational Resources geht auf die Unesco zurück. Das ist etwas, was wir in der digitalen Hochschulwelt noch besser lernen müssen: Nicht jeder muss alles selber machen. Wir sollten uns gegenseitig durch den Aufbau digitaler Bildungsressourcen unterstützen, die wir gemeinsam nutzen und weiterentwickeln, um die beste Bildung für unsere Studierenden zu ermöglichen. Meine Hoffnung ist, dass wir nach der Pandemie in der Bundesrepublik mit Sieben-Meilen-Stiefeln in diese Richtung der Digitalisierung losrennen werden.

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