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Virtuelle Projekte

Aber das ließe sich doch auch als Rollenspiel im Seminarraum machen?

Stimmt, aber der Aufwand wäre viel zu groß. Um das realistisch abbilden zu können, brauchten wir 100 bis 200 Statisten, das würden wir niemals schaffen. Durch den Einsatz der Techniken der virtuellen Realität können die Designer und Programmierer nahezu beliebige Settings für uns bereitstellen, so dass wir extrem gut variieren können. Außerdem können unsere Studierenden die Szenarien mehrfach durchspielen, bis sie mit ihrer Performance zufrieden sind.

Wer moderiert denn dann hinterher diese Auseinandersetzung?

Das ist ebenfalls eine Besonderheit. Die Studierenden bekommen Rückmeldungen aus zwei fachlichen Perspektiven. Ich übernehme das aus der Sicht des Ingenieurs; also gibt es dann in der Regel eine direkte Rückmeldung "rheinisch auf die 12". Mindestens so wichtig ist aber mein Kollege Malte Persike. Er ist unser wissenschaftlicher Leiter des Centers für Lehr- und Lernservices und Psychologe. Er gibt Feedback aus der psychologischen Perspektive. Das geht eher so: "Sehr gut, dass Sie auf der Sachebene eingestiegen sind. Gehen Sie bei Ihrem nächsten Ansatz erst mal auf die emotionale Ebene, um die betroffene Person auch auf dieser Ebene abzuholen." Diese Doppelperspektive hilft unseren angehenden Ingenieuren und Ingenieurinnen sehr.

Was fällt künftigen Ingenieuren denn daran in der Regel besonders schwer?

In der klassischen Ausbildung haben unsere Studierenden nicht die Möglichkeit, sich auf das vorzubereiten, was später im Beruf auf sie zukommen wird. Überspitzt darf ich sagen: Unsere Ingenieure und Ingenieurinnen können super berechnen, dimensionieren und planen, aber bei den Kommunikationskompetenzen, da hapert es dann oftmals doch ganz ordentlich, denn diese lernen sie normalerweise nicht im Studium.

Mit den digitalen Möglichkeiten übernehmen Sie also auch das, was an sogenannten Soft Skills von Bewerbern gefragt ist. Was sind denn noch typische Szenerien, die Sie durchspielen?

Nach meiner Auffassung lernen die Bauingenieure zu wenig über Jura. Deshalb arbeiten wir mit einer Law School, der Bucerius School of Law in Hamburg, zusammen, um die Studierenden der beiden Disziplinen wechselseitig lernen zu lassen. Unsere Studierenden nutzen die VR-Technik, um mit angehenden Juristen gemeinsam praxisrelevante Fälle durchzuspielen, wobei die Juristen sich ebenfalls über VR-Brillen zuschalten. Ein Projekt kann zum Beispiel sein, dass die Bauingenieure vorbereiten müssen, was man braucht, um eine Genehmigung für Hochwasserrückhalteräume zu erlangen, und die Juristen die rechtlichen Fallstricke bewerten. Auch das würden wir in der analogen Lehre mit Reisen von A nach B nicht realisieren können.

Ein weiteres Beispiel betrifft die Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik, dort werden Bergbaubegehungen simuliert.

Das ist ein Teil von MyScore, den mein Kollege Bernd Lottermoser realisiert. Er setzt die VR-Technik ein, damit seine Studierenden in der virtuellen Realität die Möglichkeit bekommen, den konkreten Betrieb von Bergwerken immersiv zu erleben, also quasi selber in den Betrieb einzutauchen.

Das Projekt MyScore wird für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) realisiert. Wie läuft der internationale Austausch?

Der DAAD wünscht sich, dass seine verschiedenen Förderungen von Studierenden und Dozierenden stärker von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren sollten. Mein Lehr- und Forschungsgebiet Ingenieurhydrologie wird all unsere Entwicklungen in dem Projekt nach der Laufzeit von drei Jahren als offene Software und alle unsere Szenarien als offene Bildungsressourcen, sogenannten Open Educational Resources, bereitstellen, die dann jede andere Hochschule nutzen kann. Das ist es, was sich der DAAD unter anderem von dem Projekt verspricht.

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