Partner von:

München leuchtet

Absolventen Abschlussfeier Abschluss Studium [Quelle: Unsplash.com, Autor: Baim Hanif]

Quelle: Unsplash.com, Baim Hanif

Die TU München steht erneut an der Spitze des WiWo-Uni-Rankings. Die Bayern bestechen durch unternehmerisches Denken, wissenschaftliche Exzellenz – und durch einen Präsidenten voller Geltungsdrang. Aber eignen sie sich auch als Vorbild für andere Unis?

Die Änderung eines Staatsvertrags? Für Professor Wolfgang A. Herrmann keine große Sache. Der Mann trägt 13 Ehrendoktortitel, wäre beinahe einmal bayrischer Forschungsminister geworden, ist seit fast einem Vierteljahrhundert Präsident der Technischen Universität München (TUM), hat die vom bayrischen König Ludwig gegründete Institution auseinandergenommen, umgebaut und zu Weltruhm geführt. "Lehrkapazitäten ohne Rücksicht auf die Struktur und das Niveau der Ausbildung sind international nicht wettbewerbsfähig. Die Politik muss das endlich begreifen und handeln", sagt er in seiner Präsidentensuite: wohl fünf Meter hohe Decken, Bücher, intarsierte, doppelflügelige Holztüren, schwerer Teppich. Im Flur davor prangen die prägenden Persönlichkeiten der TUM an der Wand: Carl von Linde, Rudolf Diesel, Oskar von Miller. Bald kommt wohl ein weiterer Siebdruck hinzu. Ein Porträt von Herrmann.

Im Herbst wird der Akademikerkönig die Geschäfte an seinen Nachfolger Thomas Hofmann übergeben. Wenn es nach Herrmann geht, würde er vorher noch gern das deutsche Bildungswesen nach amerikanischem Muster umbauen: mit der TUM als globaler Top-Uni im Kreise einer Handvoll weiterer Hochschulen, als Primus inter pares akademischer Magnifizenz made in Germany – als Exzellenzuni, auf die sich die politische Aufmerksamkeit und die öffentlichen Mittel konzentrieren

Es wäre die Krönung einer beeindruckenden Karriere. Die TU München ist unter der Ägide ihres fürstengleichen Präsidenten buchstäblich über sich hinausgewachsen. Sie hat ihre Studentenzahl verdoppelt und ihre Spitzenstellung ausgebaut. Im Uni-Ranking der WirtschaftsWoche kommt seit Langem schon niemand mehr an ihr vorbei. Auch in diesem Jahr bewerten die befragten Personaler die Absolventen der Uni in zwei Fächern am besten, in zwei weiteren erreicht die TUM den zweiten Platz. Ähnlich erfolgreich ist allein die RWTH in Aachen, die in drei Fächern den ersten und in einem den zweiten Platz belegt. Die weitere Spitze bilden die Technischen Universitäten aus Darmstadt und Karlsruhe sowie die LMU München. In der öffentlichen Sichtbarkeit aber reicht keine dieser Unis nur ansatzweise an die Münchner Technische Universität, ihr zum Markenzeichen gewordenes Kürzel TUM und ihren ewigen Präsidenten Herrmann heran. Und so stellt man sich an immer mehr Orten im Land die Fragen: Lässt sich der Erfolg dieser TUM kopieren? Und ist das überhaupt ein erstrebenswertes Rezept, mit dem sie in München so erfolgreich geworden sind?

Sucht man nach Gründen für den Münchner Erfolg, stößt man zunächst auf das Konzept der "unternehmerischen Universität", das Herrmann entwickelt hat. Hinzu kommt der mit Managern wie Siemens-Chef Joe Kaeser und BMW-Chef Harald Krüger besetzte Hochschulrat, der der Uni ein wirtschaftsfrohes Prestige verleiht. Ansonsten ist Herrmanns Zeit an der TUM-Spitze vor allem mit wilder Expansion verbunden.

Erst übernahm er 1999 den Campus Weihenstephan von der Ludwig-Maximilians-Uni, weihte dann 2002 den ersten Auslandsstandort in Singapur ein, vereinnahmte 2014 die Münchner Hochschule für Politik, akquirierte 2017 das Wissenschaftszentrum Straubing – und eröffnete 2018 einen Ökonomie-Campus in Heilbronn, finanziert von Lidl-Milliardär Dieter Schwarz. Sind die 20 Professoren erst einmal berufen, wird die TUM School of Management mit 60 Ordinarien Deutschlands größte BWL-Fakultät sein

Der Silicon-Valley-Konzern Facebook unterstützt die Münchner mit 6,5 Millionen Euro, um die "Ethik in der künstlichen Intelligenz" zu erforschen. Eine Schenkung, "Geld ohne Gegenleistung", sagt Herrmann: "Wir hätten das sonst abgelehnt." In den nächsten Jahren strebt Herrmann einen Standort in London und eine Filiale in Ghana an. Und dann ist da noch die Sache, die die Anpassung eines Staatsvertrags zwischen dem Bund und den Ländern erfordert, sein "Meisterstück": Herrmann konzipiert im Auftrag der Landesregierung eine neue Technische Universität in Nürnberg. Das Land ist bereit, rund eine Milliarde Euro in die Herrmann-Uni zu investieren. Der Präsident will hier ein besseres Verhältnis von Studierenden zu Professoren etablieren. Nur kollidiert seine Idee mit der Kapazitätsverordnung, die auf dem Staatsvertrag basiert und genau regelt, wie viele Studenten ein Professor zu betreuen hat. Sie gehört laut Herrmann abgeschafft. Er will einen "neuen Standard setzen". Man könnte auch sagen: sich selbst ein Denkmal.

Kontrahenten im Silcon Valley

Kontrahenten im Silicon Valley

Setzt er sich mit seinem Wunsch nach einer Abschaffung der Verordnung durch, würde die gesetzliche Grundlage für die Aufspaltung der deutschen Uni-Landschaft gelegt: in eine elitäre Spitzengruppe mit bester Ausstattung, die versucht, den Anschluss an die Weltspitze zu halten – und den großen, massenabfertigenden Rest, der deutlich schlechter dastünde als heute.

In der deutschen Wirtschaft stößt Herrmanns expansives Wirken auf Gegenliebe. Das neue Hochschulranking der Beratungsfirma Universum, das der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, zeigt: Absolventen der TUM werden geschätzt. Universum fragte 650 Personalverantwortliche von Unternehmen mit zehn bis zu Tausenden Beschäftigten, von welchen Universitäten sie am liebsten Mitarbeiter rekrutieren – und auf welche Kriterien sie dabei besonders achten. Das Ergebnis: Die TUM dominiert. Sie landet in den Fächern Informatik und Wirtschaftsinformatik auf dem ersten Platz – vor dem Karlsruher Institut für Technologie (Informatik) und der TU Darmstadt (Wirtschaftsinformatik). Und sichert sich in Maschinenbau und Elektrotechnik Rang zwei, nur geschlagen vom rheinischen Rivalen, der RWTH Aachen.

Überhaupt ist der Hochschulstandort München bei Personalern beliebt. Die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) gewinnt in Volkswirtschaftslehre und Jura, wird Dritter in Betriebswirtschaftslehre und Naturwissenschaften. Und unter den Fachhochschulen ist die Hochschule München in drei Fächern (Wirtschaftsinformatik, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik) Spitzenreiter; in Maschinenbau und Elektrotechnik hinter der Fachhochschule Aachen jeweils Zweiter, in BWL auf Platz vier. 

Warum gerade die Absolventen der Münchner Akademien bei Arbeitgebern so beliebt sind? Da sind laut Universum-Analystin Claudia Müller zum einen die Vorzüge der Stadt: "München ist attraktiv. Eine Hochschule dort hat es leichter, die besten Professoren und Studenten anzulocken." Ein weiterer Grund: die Dichte an renommierten Unternehmen – sieben Dax-Konzerne gibt es im Raum München, elf Firmen aus dem MDax, sieben aus dem TecDax. Auch TUM-Präsident Herrmann glaubt an die Anziehungskraft der Städte. Auch wenn er sich sicher ist: Der Wettbewerb von morgen findet vor allem zwischen Regionen statt. "Die Besten suchen sich schon heute aus, wo sie leben, studieren und arbeiten wollen: in Boston, im Silicon Valley, in London – oder eben in München", sagt Herrmann.

Deshalb setzt er noch vor seinem Abschied im Herbst die Mission Welteroberung fort. Er hat die TUM Asia in Singapur seit 2002 zum, wie er es nennt, "Profit Center" entwickelt – jetzt zurrt er Verträge mit dem Londoner Imperial College fest. Ab 2026 sollen dort in einem Gemeinschaftsstudium auch TUM-Examen abgenommen werden. Herrmann will „ein Signal setzen“ gegen den „unseligen Brexit“. Am Willen zur (Selbst-)Erhöhung mangelt es ihm auch diesmal nicht. Auch die Ghana-Filiale, die Ende 2020 eröffnen soll, sieht Herrmann in weltpolitischer Perspektive: "Meine Generation hat Afrika wissenschaftlich vernachlässigt." Jetzt spüre man "diesbezüglich sehr viel mehr Verantwortung".

Da spricht kein Uni-Präsident mehr, sondern der verkannte Politiker, dessen Handeln sich nie auf den eigenen Campus, den eigenen Lehrbetrieb, das eigene Unternehmen Universität beschränkt. Vier Ministerpräsidenten, rekapituliert Herrmann, habe er kommen und gehen sehen, mit ihnen stets "nach dem Handschlag-Prinzip gearbeitet". Für die TUM sei die Nähe zu Politik und Wirtschaft wichtig: "Wir sind eine öffentliche Uni, unterliegen den Hochschulgesetzen. Wenn etwas nicht passt, müssen wir es ändern. Das haben wir auch oft gemacht."

Etwa 1997, als Herrmann einen Anruf von Edmund Stoiber erhielt: Der Ministerpräsident forderte eine Hochschulreform. Heraus kam die "Experimentierklausel" im Hochschulgesetz, die der TUM-Präsident sogleich nutzte: Seit 1999 wird das Präsidium nicht mehr nur von universitärem Personal, sondern auch von externen Managern kontrolliert. So kann Herrmann leichter interne Widerstände überwinden, Fakultäten umwidmen oder auch schließen.

Herrmann führte außerdem ein Berufungsverfahren nach angelsächsischem Vorbild, ein Tenure-Track-System, ein. Seither muss eine befristete Professorenstelle nach spätestens sechs Jahren in eine Stelle auf Lebenszeit umgewandelt werden, wenn zu Beginn vereinbarte Kriterien erfüllt sind. Auch in eigener Sache scheute Herrmann kein Engagement. Als 2007 für den damals 59-Jährigen das Karriereende nahte, weil er sich der gesetzlichen Altersgrenze näherte, überredete er Stoiber, das Gesetz anzupassen. Herrmann durfte zwei weitere Amtszeiten bleiben. Jetzt aber, mit 71, ist bald Schluss – während in Heilbronn eines seiner größten und umstrittensten Projekte den Betrieb aufnimmt.

Historische Scharte

Historische Scharte

Wenn die TUM kommt, kann der globale Forschungsruhm nicht fern sein. So zumindest scheint sich Reinhold Geilsdörfer das gedacht zu haben. "Auf den unteren vier Etagen werden die Professoren ihre Räume bekommen", sagt er, während sich der Aufzug in einem Hochhaus in der Heilbronner Innenstadt in Gang setzt. In Etage fünf und sechs "haben wir Platz eingeplant für ein Forschungsinstitut, etwa einen Fraunhofer-Standort". Geilsdörfer ist Geschäftsführer der Dieter-Schwarz-Stiftung, die der TU München einen hohen Millionenbetrag dafür überwiesen haben soll, den Standort Heilbronn mit ihrem Namen zu schmücken. Insgesamt finanziert Schwarz der Universität 20 Professuren, Räume für Büros und Lehre. In Heilbronn verspricht man sich viel von der Kooperation. Wenige Meter vom Neckarufer entfernt, hat Schwarz ein weitläufiges Gelände erworben, den "Bildungscampus". Der Hintergrund: Als Baden-Württemberg 1967 seine bis heute letzte Lizenz für eine Universität vergab, unterlag Heilbronn gegen Ulm. Nun hat Schwarz seinen Statthalter auserkoren, die historische Scharte auszuwetzen. Und so bringt Geilsdörfer auf dem Bildungscampus zusammen, was er an Wissenschaftlern nach Heilbronn holen kann. Zuerst siedelte die Duale Hochschule Baden-Württemberg hierhin über, auch Gebäude der Hochschule Heilbronn stehen auf dem Gelände und Hörsäle von Schwarz’ privater Hochschule GGS. Nur eine Universität fehlte noch.

Der Preis, den Schwarz und seine Helfer dafür bezahlen, um zum "Standort von wissenschaftlicher Exzellenz" zu avancieren, ist hoch. Seine GGS stampft Schwarz ein, zudem löste die Ansiedlung der TUM im Stuttgarter Wissenschaftsministerium viel Ärger aus; zur Eröffnung erschien kein Repräsentant. Bildung ist Ländersache? "Die Gesetze sind da eindeutig", sagt Geilsdörfer lakonisch: "Die Eröffnung eines neuen Hochschulstandorts ist nur anzeigepflichtig, nicht genehmigungspflichtig."

Auch Herrmann will von politischen Unstimmigkeiten nichts wissen. Klar: Seine Uni wäre nicht untergegangen ohne das Projekt. Aber Heilbronn erweitere den Horizont und den Aktionsradius der TUM. Und natürlich sei es "spannend, mal etwas in einem anderen Bundesland zu machen".

Schwerer dürfte ihn die Kritik treffen, für die Schwarz-Millionen habe er Abstriche bei der wissenschaftlichen Qualität hingenommen. Mehrere neue Professoren sollen sich mit dem Thema "Management in Familienunternehmen" beschäftigen. Der mittelständischen Wirtschaft im schwäbischen Franken dürfte es gefallen. Dem akademischen Zirkel eher nicht. Die Konkurrenten der TUM halten sich zurück, die "Lidl-Professuren" zu bewerten. Aber der Spitzname verrät alles. "Es hatte schon seine Gründe, dass der Herr Schwarz mit seiner Idee an allen baden-württembergischen Universitäten abgeblitzt ist", sagt einer.

Schiefe Wahrnehmung

Schiefe Wahrnehmung

400 Kilometer nordwestlich, in Aachen, nimmt man die Kritik nicht ohne Genugtuung zur Kenntnis. Hier herrscht Ulrich Rüdiger, Herrmanns großer Konkurrent. Gerade läuft die Begutachtung für die nächste Runde der Exzellenzinitiative, im Sommer wird die Entscheidung fallen. Rüdiger muss sich so wenig sorgen wie Herrmann. "Ich habe mit der Uni Konstanz jeden Wettbewerb auf Landesebene und im Bund gewonnen, nicht weniger wird von mir hier erwartet", sagt der Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH).

Was ihn umtreibt, ist eine Frage, auf die keine Exzellenzinitiative Antwort gibt: Wer steht ganz oben? Geht man nach den internationalen Rankings, der öffentlichen Wahrnehmung, den prestigeträchtigsten Einzelprojekten, geht die Krone nach München. In Aachen aber ist man weit davon entfernt, die Spitzenposition der TUM hinzunehmen. "Die beiden Universitäten lassen sich gar nicht direkt miteinander vergleichen", sagt Rüdiger: "Die TUM hat kleinere, bewegliche Einheiten – wir haben dafür die größeren etablierten Strukturen."

Damit meint er etwa den Campus Melaten, eine in den vergangenen Jahren gewachsene Erweiterung, die auf den ersten Blick wie ein Industriepark anmutet. Hier forschen Aachener Wissenschaftler mit Unternehmen an anwendungsbezogenen Projekten. Über 360 Unternehmen sind auf dem Campus; es ist der wichtigste Grund dafür, dass die RWTH die TUM in der Kategorie Drittmittel nach wie vor aussticht. Knapp 360 Millionen Euro sammelte die RWTH zuletzt pro Jahr ein; 30 Millionen mehr als die Konkurrenz aus München.

Auch sonst liegen die Ursachen für die Münchner Dominanz aus Sicht der RWTH an einer schiefen Wahrnehmung. Projekte wie das Facebook-Institut oder die Teilnahme am Hyperloop-Wettbewerb des TeslaGründers Elon Musk fänden öffentlichen Widerhall, hätten mit wissenschaftlicher Brillanz aber wenig zu tun. "An einem Medienstandort wie München ist es einfacher, Öffentlichkeit für ein Projekt zu erzeugen, als in einer Stadt wie Aachen", sagt Rüdiger.

Die Rankings nach Fächern

Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle: Wirtschaftswoche
Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle: WirtschaftsWoche
Quelle. WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Die e-fellows.net

community -

70.000 schlaue Köpfe.

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.