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Wie viel Plagiat ist erlaubt?

Büro Kopierer Frau [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piacquadio 

Immer wieder geraten Politiker wegen Schummeldissertationen unter Druck. Aber auch Schreiber von Bachelorarbeiten bewegen sich auf einem schmalen Grat. Denn der richtige Umgang mit Quellen ist gar nicht so leicht.

Auf den ersten Blick scheint alles so einfach: Kopieren und keine Quelle angeben ist verboten und nennt sich Plagiat. Das lernt man eigentlich schon in der Schule oder spätestens in den ersten Unisemestern. Die Realität ist aber komplexer: "Die Frage, wo Plagiat anfängt, ist unter Umständen nicht so leicht zu beantworten", sagt Berit Sandberg, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und Autorin des Buchs "Wissenschaftlich Arbeiten von Abbildung bis Zitat". Grundsätzlich sei Plagiat verboten, es gebe aber viele Grauzonen, und diese führten bei Studierenden zu Unsicherheiten.

Für Sandberg ist es sinnvoll, die verschiedenen Formen des Plagiats zu unterscheiden. Am bekanntesten ist das Vollplagiat, also das Abschreiben von wörtlichen Zitaten, ohne sie als solche zu kennzeichnen. Dass kann von Sätzen bis hin zu mehreren Seiten gehen. Vollplagiate waren auch die Mehrheit der Fälle, in denen berühmte Personen jüngst mit ihren Betrugsversuchen Schlagzeilen machten; etwa Karl-Theodor zu Guttenberg, der seinen Doktortitel aberkannt bekam.

"Andere Formen des Plagiats sind weniger eindeutig, und dort gibt es Ermessensspielraum", sagt Sandberg. Dazu zählt das Teilplagiat. "Man betreibt ein bisschen Kosmetik am Original und tauscht einige Wörter aus", beschreibt sie das Vorgehen. Das sei noch keine Wiedergabe in eigenen Worten und darum sogar mit Angabe der Quelle ein Teilplagiat. Gerade diese Form des Plagiats sei für Studierende nicht immer einfach zu erfassen, und viele seien erst mal überrascht. Zudem gilt als Plagiat, wenn man die Gliederung eines anderen Textes übernimmt (Strukturplagiat). Wenn man einen übersetzten Text als eigenen Gedanken ausgibt, ist das ein Übersetzungsplagiat.

Wie groß das Problem Plagiat in Deutschland ist, lässt sich nur schwer bewerten, da es keine offiziellen Erhebungen für Plagiatsfälle gibt. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, ist sich aber sicher, dass es sich um ein massives Problem handelt. Auf VroniPlag Wiki sammelt und dokumentiert sie im Internet zusammen mit anderen Wissenschaftlern/-innen Fälle von Plagiat in Dissertationen.

In einem krassen Fall waren elf vollständige Seiten von Wikipedia kopiert worden. Weber-Wulff beschäftigt sich seit 2001 mit Plagiat – bei einer Stichprobe fand sie in fast jeder dritten Arbeit Plagiate. "Plagiat ist nicht erlaubt, und es ist wichtig, klar darzustellen, was von anderen und was von mir kommt", sagt sie.

Den besten Weg zur Prävention von Plagiat sieht Stephan Rixen, Professor für öffentliches Recht an der Uni Bayreuth, darin, Studierenden zu vermitteln, wie wichtig ethisch korrektes Arbeiten ist. Er ist Mitglied des Gremiums "Ombudsman für die Wissenschaft", das sich für gute wissenschaftliche Praxis und Integrität einsetzt. Bei ihm können sich Akademiker/-innen melden, wenn sie komplexere Fragen zu wissenschaftlichem Arbeiten haben, die sie nicht innerhalb der eigenen Institution klären können oder wollen.

Das Gremium hat mit Fällen zu tun, in denen es um Datenmanipulation, Autorenschaftskonflikte oder Plagiate geht. Etwa 150 Menschen melden sich jährlich, Tendenz steigend. Rixen und Kollegen versuchen dann zu vermitteln. Nicht immer wird wissenschaftliches Arbeiten auch an den Unis vermittelt: Nach einer Umfrage des Wissenschaftsrats haben rund 40 Prozent der Studierenden in Bachelor- und Masterstudium keine Veranstaltungen, die sich dem wissenschaftlichen Arbeiten widmen. "Oft sind die Einführungsveranstaltungen auch nicht für alle verpflichtend", sagt Rixen.

"Universitäten werden ihrer Verantwortung gegenüber den Studierenden selten gerecht", sagt Weber-Wulff. "Ich sehe viel zu viel Plagiat." Gerade bei Dissertationen frage sie sich dann, warum das den Studierenden nicht beigebracht worden sei. Sie glaubt, dass Dozierende mehr Zeit brauchten, die Arbeiten ihrer Studierenden genau zu lesen. "Außerdem müssen sie auch echtes Interesse an der Lehre haben und den Studierenden Feedback geben wollen", sagt sie.

Rixen und Sandberg haben jedenfalls das Gefühl, dass die Sensibilität für das Thema sowohl an den Unis als auch bei den Studierenden gestiegen sei – auch wegen der öffentlichen Diskussion um bekannte Plagiatsfälle. Es gebe nun immer mehr Angebote, in denen Studierende Fragen stellen könnten. Wichtiger als Einführungsveranstaltungen findet Rixen, dass korrekter Umgang mit Quellen als Ethos der Wissenschaft vorgelebt werde.

Das ist aber nicht immer der Fall: Denn nicht nur Politiker und Politikerinnen plagiieren. Besonders ärgert sich Weber-Wulff, wenn selbst hochrangige Vertreter der Wissenschaft zu nachlässig mit dem geistigen Eigentum anderer umgehen. Sie hat schon erlebt, dass sich jemand mit einem kopierten Foliensatz auf eine Professur beworben hat. Aber auch in Habilitationsschriften oder in einem Buch zur Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten hat sie schon Plagiate entdeckt. Wenn so etwas vorgelebt werde, sei nicht verwunderlich, dass Studierende ebenfalls versuchten zu betrügen. Kollege Rixen sieht das Problem weniger drastisch. "Wir haben zwar regelmäßig mit Plagiat zu tun, es ist aber in unserem Gremium kein Massenphänomen", sagt er.

Etwas Klarheit bringt Software für Plagiatserkennung. In dieser lädt man wissenschaftliche Arbeiten hoch, die werden automatisiert analysiert, und man erhält ein Ergebnis, zu wie viel Prozent Plagiat darin enthalten ist. Fachleute sind sich allerdings einig, dass man den Ergebnissen nicht einfach vertrauen kann. "Ich lasse alle Arbeiten standardmäßig durchlaufen", sagt Sandberg.

Und sie sehe dann auch deren Grenzen: Plagiate aus gedruckten Büchern spüre die Software oft nicht auf. "Ich merke das dann trotzdem, wenn der sprachliche Duktus nicht zum Rest der Arbeit passt", sagt Sandberg. "Plagiatssoftware schafft nur eine Scheinsicherheit", meint auch Rixen – einen Großteil der Ergebnisse müssten Dozierende am Ende noch immer manuell nachprüfen. Das sei aufwendig. Keine Abhilfe schafft Plagiatssoftware aus der Sicht von Weber-Wulff bei einer anderen Form von Täuschung, dem Ghostwriting, also wenn Studierende ihre Texte von jemand anderem schreiben lassen. Hier sei es für Unis besonders schwierig, die Täuschung zu erkennen, denn oftmals wurde wissenschaftlich sauber gearbeitet.

Wird ein Plagiat in den Texten von Studierenden entdeckt, dann sind die Konsequenzen meist ziemlich hart: Ein Täuschungsversuch wird mit einer 5.0 bewertet, die Prüfungsleistung ist damit nicht bestanden, und in extremen Fällen kommt es sogar zur Exmatrikulation. Aber Berit Sandberg beruhigt: "Eine kleine Textstelle, an der ein Studierender unsauber gearbeitet hat, ist nicht direkt eine 5.0." Hier hätten die Dozierenden Ermessensspielraum, und in den meisten Fällen zeigten sich die Studierenden einsichtig.

Studierenden, die sich unsicher sind, ob sie in ihrer Arbeit sauber zitiert haben, rät Weber-Wulff, mit ihrem Professor oder ihrer Professorin ins Gespräch zu kommen und Angebote wie Schreibberatungen an der Uni aufzusuchen. Außerdem sei die Unsicherheit eigentlich ein gutes Zeichen und zeuge davon, dass sich Studierende über den Wert von geistigem Eigentum im Klaren sind. Obwohl die Vorbereitung auf wissenschaftliches Arbeiten noch besser sein könnte, ist Professorin Sandberg der Ansicht, Unwissenheit vorzutäuschen funktioniere nicht: "Es gibt so viel Material, keiner kann sich rausreden und behaupten, er habe es nicht gewusst."

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Vielen Dank für eure Kommentare. Wir haben diesen Artikel jedoch im Rahmen unserer Content-Kooperation mit der FAZ übernommen. Für eure Fragen müsstet ihr euch deshalb direkt an die FAZ beziehungsweise an die Autorin des Artikels wenden. Viele Grüße, Maria aus der e-fellows.net-Redaktion

  2. Anonym

    Das ist eine gute Frage. Denn es gibt ja auch Dinge, die man nur schwerlich anders schreiben kann auch ohne wörtliche Übernahme, z.B. die Ampel ist grün. Da könnte man ja vielleicht was umschreiben und Quelle angeben und es wäre letztendlich immer noch ein Teilplagiat? Klar - vieles kann man mit eigenen Worten ausdrücken; das ist für mein Empfinden teilweise aber echt schwierig wenn es in mehreren Quellen ähnlich geschrieben wird (so würde man wahrscheinlich auch irgendwo auf ein "Teilplagiat" stoßen ohne die Quelle genutzt zu haben einfach weil jemand anderes eine ähnliche Formulierung genutzt hat). Ich habe mir deswegen richtig Stress bei der Thesis gemacht, während so manch einer seitenweise kopiert hat (ich denke, Vollplagiat ist ja klar was damit gemeint ist) ! Ich meine, letztendlich außer Experimenten und Versuchen bezieht sich doch sehr vieles aus anderen Quellen, was soll man da noch mehr machen können außer Quellenangabe, wörtliche Übernahme? Oder was ist denn mit Plagiaten mit fremdsprachlichen Quellen? Da wird ja oft quasi direkt übersetzt oder dies halt so beschrieben. Fragen über Fragen - gerade was "Teilplagiate" angeht echt schwierig. Mir wurden bei der Prüfung auch Textstellen markiert, die ich ohne jegliche Quelle mir auf dieser Basis als Wissen selbst erarbeitet habe. Auch nicht so toll.

  3. Anonym

    Warum handelt es sich trotz Angabe der Quelle um ein Teilplagiat, wenn man "ein bisschen Kosmetik am Original vornimmt und einige Wörter austauscht"?

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