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Wie deine Beziehung die Krise übersteht

Paar liegt auf dem Boden und schaut sich an [Quelle: unsplash, To Heftiba]

Quelle: unsplash.com, To Heftiba

Chance oder Risiko? Auch in Beziehungen kann Corona beides sein. Welche Auswirkungen die Pandemie auf deine Partnerschaft haben kann und wie du die Liebe während der Krise pflegst, liest du im Interview mit Psychologin Alexandra Hartmann.

Frau Hartmann, Sie sind Paarberaterin. Mit welchen Problemen haben Paare in der aktuellen Situation am meisten zu kämpfen?

Ich bezeichne Corona gerne als Katalysator für alle möglichen Probleme – auch in Beziehungen. Das bedeutet, bereits vorhandene Schwierigkeiten werden noch präsenter, weil viele Dinge, die uns im Alltag von unseren Problemen abgelenkt haben, nicht mehr da sind. Nehmen wir beispielsweise ein frisch verliebtes Paar, das keine oder noch keine Beziehungsprobleme hat: Dieses Paar wird höchstwahrscheinlich auch durch Corona keine Probleme bekommen.

Ganz anders ist das bei einem Paar, das schon mit diversen Themen zu kämpfen hat, jetzt sehr aufeinander fixiert ist und sich grundsätzlich nicht mehr so wohlgesonnen ist – durch die Krise wird all das intensiviert. Das kann nochmal verstärkt werden, wenn ein Paar Kinder hat und wegen Homeoffice und Homeschooling einem höheren Stresslevel ausgesetzt ist. Die Probleme sind also sehr individuell.

Viele Menschen haben gerade Sorgen. Wie schaffen es Paare, hier zusammenzuhalten und sich nicht aus den Augen zu verlieren?

Das ist sehr interessant, denn auch Paare, die zusammenleben, können sich aus den Augen verlieren. Das liegt vor allem daran, dass es sehr unterschiedliche Formen gibt, sich zu begegnen. Ich kann beispielsweise an meinem Partner in der Wohnung vorbeilaufen, aber das ist nicht unbedingt eine Begegnung. Deshalb ist gerade in dieser besonderen Zeit sehr wichtig, den Tag zu strukturieren und ganz bewusst gemeinsame Treffen einzubauen.

Das können einerseits Dates sein: Man verabredet sich zum Beispiel am Abend zum gemeinsamen Kochen, wofür man sich auch schicker anziehen kann, anstatt nur die Jogginghose zu tragen. Dadurch können Paare aus dem Homeoffice-Alltag rauskommen. Viele denken immer, sie müssten für eine besondere Verabredung beispielsweise ins Restaurant gehen. Das stimmt aber nicht, das funktioniert genauso gut zu Hause.

Was ich andererseits sehr wichtig in Beziehungen finde, nenne ich gerne "Meetings". Diese sind wesentlich nüchterner als Dates. Dabei sollte sich das Paar an einen Tisch setzen und darüber sprechen, was einem in der Beziehung nicht so gut passt. Natürlich darf man auch sagen, was einem gut gefällt. Das ist mehr eine Art Austausch oder Abgleich.

Paare, die zusammenleben, verbringen gerade sehr viel Zeit miteinander, manche waren vielleicht sogar schon gemeinsam in Quarantäne. Welche Auswirkungen kann das auf eine Beziehung haben? Kann das sowohl Chance als auch Belastungsprobe sein?

Die Quarantäne ist natürlich eine krassere Form als der Lockdown und ein bisschen wie eine Gefangenschaft. Das geht an die Nerven – bei extrovertierteren mehr als bei introvertierteren Menschen. Es ist wichtig, sich einzugestehen, dass ich Probleme habe, weil ich in Quarantäne bin und nicht wegen des Partners. Ansonsten lasse ich diese Probleme an meinem Partner aus. Dann kommt ein Beziehungsproblem obendrauf, das vielleicht zuvor gar nicht dagewesen ist.

Genau hier sind die erwähnten Meetings hilfreich, um bewusst Probleme anzusprechen und zu analysieren. Dabei muss man dem anderen zuhören können und nicht in den Verteidigungsmodus gehen. Eine gewisse Offenheit ist also nötig, um sagen zu können: "Was ist genau das, was dich im Moment stört?" Diese Offenheit zu behalten, ist natürlich nicht so einfach, wenn man bereits verletzt wurde oder ein Defizit herrscht.

Was können Paare tun, die sich nur noch streiten? Und gibt es Möglichkeiten, (neuen) Konflikten vorzubeugen?

Streiten ist grundsätzlich nichts Falsches in einer Beziehung, es kommt immer auf die Art und Weise an. Wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen, Du-Botschaften verwenden, uns anschreien, vielleicht sogar beschimpfen, dann führt das zu nichts. Es bringt uns nur tiefer in die Krise hinein. Aber eine Auseinandersetzung, bei der wir in der Ich-Botschaft über unsere Gefühle sprechen, ist sehr sinnvoll.

Das ist immer abhängig von den Individuen. Eine Person, die sehr emotional ist, läuft schneller über. Das ist dann die Herausforderung für diese Person, sich in Schach zu halten. Nur zu sagen, "ich bin so, wie ich bin und deswegen bekommst du alles ab", ist zu einfach gedacht.

Auch hier sind die Meetings die beste Idee, dem vorzubeugen. Dabei kann man darüber sprechen, wie man sich fühlt, bevor sich etwas an der nicht zugeschraubten Zahnpastatube entlädt. Ich kann dem anderen aber nur erzählen, wie es mir geht, wenn ich das selbst weiß. Es ist also ganz wichtig, sich selbst zu reflektieren.

Andererseits gibt es auch Paare, bei denen Funkstille herrscht und die sich nichts mehr zu sagen haben. Wenn es soweit kommt: Bestehen noch Chancen, die Beziehung zu retten?

Jeder geht unterschiedlich mit seinen Emotionen um: Der eine geht auf Attacke, schreit rum und beschimpft den Partner. Andere reagieren mit Funkstille oder bauen Mauern auf. Auch wenn das wesentlich leiser und unauffälliger sein kann, ist es genauso wenig zielführend. Ich kann mich nicht aus der Beziehung rausziehen und diese gleichzeitig weiterführen.

Die Chance liegt darin, mir das bewusst zu machen und zu überlegen, wie ich aus meiner Ecke rauskommen kann. Man kann sich fragen: "Was brauche ich, um dir wieder zu begegnen?"

Schwierig ist es, wenn jemand besonders harmoniebedürftig ist oder sogar Angst vor Auseinandersetzungen hat. Problematisch ist es auch – und das kommt oft vor – wenn der, der emotional überläuft, auf den trifft, der emotional in den Rückzug geht. Diese Situation kann sich zu einer Abwärtsspirale entwickeln. Das müssen wir erkennen und dann gemeinsam überlegen: Was muss der eine machen, damit er sich traut, aus seiner Ecke rauszukommen und was muss der andere tun, um auf der Sachebene zu bleiben.

In Ihrem Beispiel schildern Sie ein sehr gegensätzliches Paar. Ist es in einer Beziehung, in der beide Partner zurückhaltend sind nicht noch schwieriger?

Natürlich ist es auch bei Paaren schwierig, bei denen jeder in seinem Eckchen verschwindet. Eine gewisse Zeit sind damit beide wahrscheinlich einverstanden, weil es ihrer Natur entspricht. Aber sie können ihre Probleme nicht lösen. Sind beide sehr laut, können Situation schnell eskalieren und Wunden entstehen. Aber normalerweise ist es in Beziehungen schwieriger, in denen Gegensätze aufeinanderprallen.

Am Ende ist es aber egal, ob es ein gegensätzliches oder ein gleiches Paar ist: Wenn ich das Gefühl habe, wir können uns nicht mehr begegnen, egal ob wir übermäßig emotional oder im Rückzug sind, müssen wir immer herausfinden, was passiert und wie wir damit umgehen können.

Normalerweise gibt es tausend Freizeitmöglichkeiten, um als Paar gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Davon fällt jetzt vieles weg. Was tun, wenn Langeweile in der Beziehung aufkommt?

Erstmal ist es wieder wichtig, sich bewusst zu machen, dass man sich nicht wegen des Partners, sondern aufgrund der Corona-Situation langweilt. Man muss ein bisschen Mut haben, dann ist es auch eine wunderbare Chance, neue Dinge miteinander zu entdecken. Wenn beide Lust dazu haben, kann man sich beispielsweise ein Puzzle anschaffen, es gemeinsam lösen und sich dabei unterhalten. Und rausgehen kann man ja trotzdem, zum Beispiel zum Wandern, oder um ein Picknick zu machen. Hier hilft es, offen zu sein, anstatt von Anfang an alles doof zu finden. 

Es gibt auch Paare, die nicht zusammenwohnen, vielleicht sogar eine Fernbeziehung führen und sich aufgrund von Beschränkungen lange nicht sehen können. Wie können sie diese Zeit am besten überbrücken?

Keine Frage, das ist eine ganz schwierige Situation. Die einzige Möglichkeit sind da Online-Dates. Ein Treffen kann das zwar nicht ersetzen, aber man hat eine Dimension mehr als bei einem Telefonat. Man sollte versuchen, weniger problemfixiert und stärker lösungsorientiert zu denken. Kreativ sein hilft. So kann man beispielsweise gemeinsam kochen oder gemeinsam eine Serie schauen und sich unterhalten.

Wer nicht aufgeschlossen ist, muss dabei auch ein bisschen über seinen Schatten springen. In einer Partnerschaft muss man dem anderen immer entgegenkommen. Kategorisches "Ja" oder "Nein" muss nicht sein, es gibt immer noch etwas dazwischen.

Möglicherweise kommt ein Partner mit der Corona-Situation besser zurecht als der andere. Wie können solche Paare miteinander umgehen, vor allem, wenn gegenseitiges Verständnis fehlt?

Grundsätzlich gibt es eigentlich in allen Beziehungen ein Ungleichgewicht – der eine will mehr Nähe, der andere mehr Freiräume, der eine will mehr reden, der andere weniger. Die Herausforderung besteht darin, eine gemeinsame Schnittmenge zu finden. Das gegenseitige Verständnis ist wichtig.

Über Corona kann man natürlich endlose Diskussionen führen: Wie gehen wir überhaupt mit den Einschränkungen um, sind wir da sehr strikt oder sind wir eher lässig? Hier muss man jedem die Freiheit lassen, das für sich selbst zu entscheiden, auch in der Beziehung.

Möchte sich ein Partner mehr schützen und der andere tingelt durch die Gegend, ist das aber ein Problem. Dann muss man darüber sprechen und versuchen, Kompromisse zu finden. Dabei ist es wichtig, die andere Person für seine Haltung nicht abzuwerten.

Zeigt sich gerade in einer solchen Krise, ob man eine gesunde Beziehung führt?

Definitiv ja. Es zeigt sich vor allem auch, wie gut ein Paar kommuniziert und wie viel Akzeptanz und Wertschätzung für den Partner da ist. Paare, die gut kommunizieren, profitieren in so einer Krise auf jeden Fall davon. Sie können natürlich auch Probleme durch die Einschränkungen haben, aber sie haben bessere Möglichkeiten, mit der Situation gut umzugehen.

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