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Was die Corona-Isolation mit uns macht

Homeoffice [Quelle: pixabay.com]

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Corona versetzt unseren Lebensmittelpunkt in die eigenen vier Wände. Viele Menschen leiden unter der sozialen Isolation. Wie sich Alleinsein auf unsere Gesundheit auswirkt, wer besonders stark betroffen ist und was wir gegen Einsamkeit tun können, erklärt Einsamkeitsforscherin Susanne Bücker.

Sie untersuchen in einer Studie die sozialen und psychologischen Konsequenzen von Covid-19. Warum gerade Corona?

Vor knapp zwei Wochen kam die Idee das erste Mal auf. Ich beschäftige mich in meiner Forschung schon länger mit Lebensereignissen und der Frage, wie sich Lebensereignisse auf Gefühle von Einsamkeit und Wohlbefinden auswirken. Die Corona-Pandemie kann im Grunde genommen als großes Lebensereignis beschrieben werden, das alle betrifft. Das ist aus Forschungssicht spannend, wenn auf einmal eine Situation entsteht, von der alle Menschen betroffen sind und die einem von außen auferlegt wird: Soziale Kontakte zu vermeiden ist etwas, was uns als sozialen Wesen nicht wirklich liegt.

Eine komplette Ausgangssperre wäre wohl ideal für Ihre Studie.

Das wäre aus wissenschaftlicher Sicht sehr spannend – das stimmt. Allerdings wünsche ich uns das trotzdem nicht – die Wissenschaft in allen Ehren, aber ich glaube das hätte nochmal größere Konsequenzen für unser Wohlbefinden, wenn wir gar nicht mehr rausgehen könnten. Das ist schon ein sehr großer Einschnitt in unsere Bewegungsfreiheit, die uns sonst sehr wichtig ist.

Stichwort FOMO (Fear of Missing Out): Die Ausgangsbeschränkungen treffen wahrscheinlich jetzt vor allem junge Menschen? Schließlich sind sie besonders aktiv und haben häufig Angst, etwas zu verpassen.

Ich glaube, die aktuelle Situation trifft unterschiedliche Altersgruppen auf unterschiedliche Art und Weise. Im jungen Erwachsenenalter sind Kontakte und die soziale Zugehörigkeit zu einer Freundesgruppe extrem wichtig für die eigene Identitätsfindung und Entwicklung. Durch die Einschränkungen kann das natürlich dazu führen, dass gerade die Gruppe besonders in ihrem Wohlbefinden und ihren Entfaltungsmöglichkeiten beschränkt wird.

Aber ich würde nicht sagen, dass es nur die jungen Erwachsenen besonders stark trifft. In anderen Lebensphasen ergeben sich aufgrund der aktuellen Situation auch Herausforderungen. Zum Beispiel in jungen Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen und vielleicht zum ersten Mal eine Situation erleben, in der alle mehrere Tage 24 Stunden am Stück zusammen sind. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Lagerkoller-Begriff.

Alte Menschen, die häufig sowieso schon wenig soziale Kontakte haben, trifft es auch wieder anders. Ihre Kontakte werden eingeschränkt, weil sie nicht durch digitale Medien vernetzt sind.

Ist Einsamkeit eine Frage des Geschlechts? Fühlen sich Frauen vielleicht stärker allein als Männer?

Über diesen Punkt war sich die Einsamkeitsforschung lange unklar. Mittlerweile geht man jedoch davon aus, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu vernachlässigen sind und Männer und Frauen gleichermaßen von Einsamkeit betroffen sind.

Ist Einsamkeit gefährlicher für Singles? Was können alleinlebende Menschen tun?

Wir wissen aus der Einsamkeitsforschung, dass alleinlebende Menschen im Durchschnitt einsamer sind – also eine Risikogruppe darstellen. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Single zwangsläufig einsam sein muss.

Wer allein lebt und aufgrund der aktuellen Lage keine physischen Kontakte eingehen kann, sollte Alternativmedien nutzen, um mit seinen Mitmenschen in Kontakt zu bleiben: Das kann für den einen ein Telefongespräch sein, für den anderen ist es ein Videocall. Andere schreiben lieber über WhatsApp oder soziale Medien.

Wie lange dauert es, bis die Einsamkeit die psychische Gesundheit gefährdet?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Grundsätzlich sind Menschen schon in der Lage, sich an die aktuelle Situation anzupassen. Die meisten von uns werden sehr wahrscheinlich Wege finden, im Kontakt mit anderen Menschen zu bleiben.

Wer jedoch feststellt, dass er sich über einen längeren Zeitraum sehr einsam, traurig, hoffnungslos, wertlos oder antriebslos fühlt, sollte in Erwägung ziehen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann zum Beispiel zunächst einmal ein Anruf bei der neu eingerichteten Corona-Hotline des Bundes deutscher Psychologen sein. Die Experten und Expertinnen können dann einschätzen, ob die psychische Gesundheit gefährdet ist.

Junge Erwachsene können jetzt ihre Kommunikationsstärke in den sozialen Medien nutzen, um in Kontakt zu bleiben und auch ihre Eltern und Großeltern zu integrieren.

Welche Langzeitfolgen hat das Alleinsein?

Wir distanzieren uns, um nicht an Corona zu erkranken. Doch wenn man sich über sehr lange Zeiträume sozial isoliert und keine alternativen Kontaktmöglichkeiten findet, kann das gravierende Konsequenzen haben.

Wir wissen, dass Menschen, die sehr lange sozial isoliert sind oder sich sehr lange einsam fühlen, ein schwächeres Immunsystem haben oder anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Im hohen Lebensalter geht mit Einsamkeit auch ein erhöhtes Risiko für demenzielle Erkrankungen einher. Langfristig schadet soziale Isolation unserer Gesundheit – in welchem Zeitraum negative Folgen eintreten, kann ich aus wissenschaftlicher Sicht nicht eindeutig beantworten.

In den sozialen Medien sehen wir immer mehr Bilder und Videos von Leuten, die sich von ihren Balkonen aus gegenseitig Mut machen. Die gemeinsam lesen, lachen und singen. Helfen solche Aktionen gegen die Einsamkeit?

Gerade jetzt in einer Phase, in der alle vor den gleichen Herausforderungen stehen, sich solidarisieren und zusammenhalten, weil sie die Ausnahmesituation erkennen, die niemand vorher erlebt hat, schweißt es möglicherweise zusammen – das wäre zumindest wünschenswert.

Zum Schluss: Können Sie als Einsamkeitsforscherin in unserer aktuellen Lage auch Vorteile erkennen?

Einsamkeit ist eigentlich ein stigmatisiertes Thema, das als persönlicher Makel oder Fehler angesehen wird. Mein erster Gedanke war, dass sich diejenigen besser verstanden fühlen, die schon vorher einsam waren. Denn jetzt erleben auch andere soziale Isolation. 

Menschen, die einsam waren, weil sie sich etwa um ihre chronisch kranken Kinder kümmern mussten und kaum das Haus verlassen konnten, geben jetzt anderen Menschen auf Twitter und Facebook Ratschläge. Vielleicht ergibt sich dadurch ein Austausch, von dem beide Seiten profitieren können.

Ich wünsche mir, dass mehr Gemeinschaftssinn entsteht. Dass man es schafft, Freundschaften auch über Distanzen hinweg aufrecht zu erhalten. Dass man auch in seinem Haus auf andere achtet und beispielsweise ihren Supermarkteinkauf übernimmt.

Hoffentlich vergessen die Leute ihre jetzige Situation nicht, damit sie später verständnisvoller mit Menschen umgehen, für die die Einsamkeit Alltag ist.

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