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Warum uns digitale Seminare nicht bilden und enorm erschöpfen

Videokonferenz Frau Laptop Kopfhörer [Quelle: Pexels.com, Autor: Anna Shvets]

Quelle: Pexels.com, Anna Shvets

Die meisten Studierenden müssen seit Beginn der Pandemie einem Distanzstudium nachgehen. Nicht jeder ist mit dieser Unterrichtsform zufrieden. Ein Gastbeitrag.

Dank Big Blue Button sehe ich meine Kommilitonen in diesem Semester als unromantisches Fragment: Da ist zum Beispiel Fabian P., der mit mir "Literaturdidaktik 1" besucht. Fabian liebt Ikea-Möbel und löffelt zur Seminarzeit gerne Erdbeerjoghurt. Den großen von "Bauer". Einmal ist ihm ein wenig Erdbeerjoghurt auf den Schreibtisch getropft. Er hat den Becher beiseitegestellt, den Fleck mit dem Finger weggewischt und die Kamera seines Rechners ausgeschaltet. Svenja W. bringt ihre drei Jahre alte Tochter dienstags um acht Uhr fünfzehn in den Kindergarten. Da beginnt 'Phraseology'. Via Breakout-Room bin ich manchmal dabei, wenn Svenja das Kind der Erzieherin übergibt. Die Tochter klingt fröhlich, die Erzieherin freundlich. Svenja ist vor Ablauf der Breakout-Session wieder zu Hause. Sie muss in der Nähe des Kindergartens wohnen.

Friedrich R. aus "Teaching Texts" verfolgt das Seminar am liebsten liegend. Über seinem Bett hängen ein T-Shirt und zwei Schals des BVB. Letzte Woche war seine Bettwäsche kariert. Wie häufig er sie wechselt, weiß ich nicht. Gestern hat Friedrich ohne Kamera am Seminar teilgenommen. Fabian, Svenja, Friedrich und ich haben eines gemeinsam: Wir sind uns noch nie begegnet. Wir haben uns noch nie in die Augen geschaut.

Mein digitales Studium hat mich enttäuscht und erschöpft. Niemals zuvor habe ich so viele Informationen gespeichert und nichts gelernt; so viele Dateien gedruckt und nichts gelesen; mit so vielen Personen geredet und nichts gesagt. Vierundachtzig Videokonferenzen, fünfhunderteinundvierzig "Können Sie mich verstehen?" und eintausendzweihundertsechsunddreißig Power-Point-Folien später ahne ich, woran das liegt: Pixelbilder sind kalt und starr und unerbittlich. Der digitale Blick ist einsam. Hätte der amerikanische Schriftsteller Herman Melville Bildschirme gekannt, er hätte den Schreiber Bartleby, der ein einsiedlerhaftes Arbeitsleben bevorzugte, vor einen Flatscreen gesetzt.
Da bin ich mir sicher. Aber Bartleby hat Glück gehabt. Zu seiner Zeit sind die Mauern der Wall Street reizarm und stumm. Sie zeigen keine Pop-ups oder Werbebanner; sie spielen keine Melodie, wenn eine Nachricht kommt; sie fordern keine Likes oder Dislikes; sie wissen nichts von Handlungsanreizen durch Nudging. Kraft seiner Imagination träumt Bartleby sich weg von ihnen. Er ist unvernetzt und einsam im klassischen Sinne. Seine Einsamkeit ist unschuldig, weil sie das World Wide Web nicht kennt. Es ist die anachronistisch gewordene Einsamkeit des Individuums.

Grenzen der Zoom-Calls

Ich habe Bartlebys Einsamkeit im Officehome gegen die Einsamkeit im Homeoffice getauscht. Ein paar Klicks reichen, und Fabian P., Wiebke S., Anna R. und Dr. W. tummeln sich via Big Blue Button auf dem Bildschirm meines Rechners. Wir winken uns zu und lächeln uns an, wir fragen und antworten, wir teilen Links und Seminarunterlagen, wir tippen in den Chat und werfen einen Blick in unsere Zimmer. Meistens alles gleichzeitig. Wenn Fabian seinen Oberkörper ein klein wenig mehr Richtung Kamera neigt, kann ich sein Gesicht so nah heranzoomen, dass ich den Eindruck habe, er säße vor mir. Ach ja! Ich könnte einen Löffel voll vom "Großen Bauer" kosten. Aber Erdbeerjoghurt hin oder her – Fabian sagt mir nichts, weil sein Bild keine Ausstrahlung hat; Dr. W. sagt mir nichts, weil sein Bild keine Stimmung schafft; das ganze Seminar sagt mir nichts, weil sein Bild keine Atmosphäre besitzt.

Big Blue Button hat die Aura meiner Lehrveranstaltungen zertrümmert. Das Videokonferenzsystem ist wie ein Filter, der alle Signale abfängt, die etwas mit Begegnung zu tun haben. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht mit Fabian tuscheln, weil alle Seminarteilnehmer mein Flüstern hörten, sobald ich die Stummschaltung aufheben würde. Was aber noch viel schlimmer ist, Fabian und ich können uns nicht in die Augen sehen. Unsere Blicke werden sich niemals treffen. Anfangs dachte ich noch, meine visuelle Einsamkeit hätte mit der 08/15 Ausstattung meines Rechners zu tun. Aber der englische Essay ist Laurence Scott hat mir bestätigt, dass es Fabian, Wiebke, Anna und Dr. W. genauso geht: "You can offer up your eyes to the other person, but your own view will be of the webcam's unwarm aperture."

Was ich weiß, ist, dass mir digitale Seminare genau eines bieten: Input. Die McLuhansche Message von Big Blue Button besteht für mich in beziehungslosem Wissen, das sich den Schein von Bildung gibt. Unter dem Druck der Corona-Pandemie ist mein Studium ins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit geschlittert und hat seinen Sinn für mich verloren. Bildung hat eben doch etwas mit Begegnung zu tun. Da kann man nichts machen. Schön, dass einige Lehrkörper ähnlich empfinden und Trost spenden wollen – jeder auf seine Weise. Dr. X. versucht die akademische Beziehungskrise abzufedern, indem sie Screenshots von Expertenteams zwitschert. Die Erlaubnis hat sie bei Fabian, Wiebke und Anna per Doodle zu Seminarbeginn eingeholt. Wer besonders gut vorträgt und der Aura das Fürchten lehrt, wird mit einem digitalen Herzchen belohnt. Prof. Q. geht einen anderen Weg. Er versucht jeglicher Art von Verlustgefühlen vorzugreifen, indem er studentische Power-Point-Vorträge kommentarlos durchwinkt gemäß der Maxime: "Lasset die Kindlein lallen!" Sind Einwürfe zwingend nötig, nutzt er das BigBlue-Button-Umfragetool, das uns die Wahl lässt zwischen A, B, C oder D. Fabian und ich haben uns für C entschieden.

"Online-Lehre wirkt auf mich belanglos"

Einerseits bin ich dankbar für Big Blue Button. Für Fabian, Svenja, Friedrich, Wiebke, Anna, Dr. X. und Prof. Q. Dafür, dass ich die Vorlesung zum Bildungsideal des Neuhumanismus mit einem Klick in Stud.IP abrufen kann. Dafür, dass Frau Z., die Klassenlehrerin meines Sohnes, uns via Padlet mit Schulaufgaben versorgt, obwohl die Datensicherheit zu wünschen übrig lässt. Dafür, dass ich die Netiquette von Videokonferenzen beherrsche und verstanden habe, wie viel Ideologie beziehungsweise Ideologiekritik in der Entscheidung steckt, mit welchen Medien ich mich als Lehrerin in meinem Klassenraum umgebe. Und nicht zuletzt dafür, dass ich nun weiß, wie sich Input anfühlt. Andererseits bin ich ernüchtert, weil Online-Lehre auf mich belanglos wirkt und fade. Weil sie selten meine Reflexion in Gang setzt, weil sie mich einsam und Fabian austauschbar macht.

Im Bildschirm gerinnt die Welt zu einer Scheibe, die uns nicht flach genug sein kann. Während der Corona-Pandemie haben wir uns neu in sie verliebt. Es ist, als wären wir alle – Dozenten, Studenten, Lehrer und Schüler – erneut in die Höhle hinabgestiegen, die Platon in seinem Gleichnis beschreibt. Jeder für sich und jeder in seine eigene. Dort sitzen wir nun mit Kaffee und Tee im Pyjama, T-Shirt oder Businesskostüm und tun so, als machten wir weiter wie zuvor, mit dem Unterschied, dass wir auf Schatten sehen. Noch haben wir uns nicht an das Dämmerlicht gewöhnt: "Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte: würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so plötzlich von der Sonne herkommt?"

Was aber, wenn wir an den Schatten Gefallen finden? Wenn uns ihr blaues Licht nicht mehr in den Augen brennt? Wenn wir die Blicke der anderen nicht mehr vermissen und wir uns sagen, das sei gut so? Wir können warten, bis sich ein Wanderer vor unserer Höhle niedersetzt und von der Sonne erzählt. Wir können einen Exzentriker wie Bartleby einlassen, der uns mit seinem allesverweigernden "I prefer not to" die Sinnlosigkeit der Schattenschau bewusst macht und uns aus unserer Höhle vertreibt, während er darin zugrunde geht. Oder wir finden beim Aufräumen alte Seminarnotizen, die uns daran erinnern, wie anregend es war, mit Judith, Felix, Pia, Andres, Miriam und Dr. A. zur selben Zeit am selben Ort zu lernen und zu diskutieren – und gehen von selbst, sobald das möglich ist.

* Die Namen aller Personen sind geändert.

Die Autorin studiert Lehramt Gymnasium Deutsch (9. Fachsemester) und Englisch (7. Fachsemester).

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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