Partner von:

Die Dinge, die noch bei unseren Eltern liegen

Bett, brauner Teddybär, Fenster [Quelle: pexels.com, Autor: Teresa Howes]

Quelle: pexels.com, Teresa Howes

Zieht man zu Hause aus, bleiben meist ein paar Gegenstände zurück – weil man sich nicht trennen mag oder in dem neuen Leben kein Platz ist. Das sind ihre Geschichten.

Wenn man von zu Hause auszieht, wird die Welt erst einmal größer. Doch die Wohnungen und Zimmer, in die man zieht, werden eher kleiner. Nicht alles kann mit und auch nicht alles soll mit, schließlich geht es darum, erwachsener und unabhängiger zu werden. Das neue Leben wird eingerichtet, während Teile des alten Zuhauses zurückbleiben. Manchmal nur vorübergehend, manchmal länger. Manchmal wird auch nachträglich noch etwas eingelagert, weil sich die Lebensumstände verändert haben. Das ist praktisch und billig – zumindest für uns Kinder. 

Herzschmerz to go

Alle meine Ex-Freunde lagen bis vor Kurzem im Keller meiner Eltern. Also die Erinnerung an sie: Briefe voller Schnulz, Bilder von durchzechten Nächten, eine Kette, ein Feuerzeug, ein ausgewaschenes Shirt. Bei meinem Auszug vor zehn Jahren wollte ich die Kiste nicht in mein neues, erwachsenes Leben mitnehmen. Ich wollte Brücken abreißen! Altes hinter mir lassen! Kein Blick zurück! Ich liebte Drama zu der Zeit.

Nur die Erinnerungsstücke an den einen guten Ex habe ich mitgenommen, den mag ich heute noch. Für mich ist das besonders. Viele Menschen trinken Bier mit ihren Ex-Partnern, sind "echt gute Freunde" oder noch besser: die Patentante des Kindes mit der neuen Frau. So bin ich nicht. Zwischen meinem damaligen Ich und dem heutigen liegt viel und wenn ich an manche meiner Ex-Freunde denke, fröstelt es mich. Andere finde ich okay, aber okay reicht weder für Patentante-Sein noch für einen Platz in meinem Leben.

Letztens hatte mein Vater die Schnauze voll und sagte: Hol die Boys oder sie landen auf dem Sperrmüll. Also hab ich sie geholt. Nachdem ich eine Weile unschlüssig mit der Kiste vor der Haustür meiner Eltern gestanden hatte, ging ich ums Eck zur schwarzen Tonne und setzte mich davor. Ich las die Briefe noch ein letztes Mal, schaute mir die Bilder an und wickelte die Kette noch einmal um den Finger. Danach landete alles im Müll – nicht aus Drama, einfach als pragmatischer Abschied. Nur das Feuerzeug habe ich behalten. Der Ex-Freund, der mir das geschenkt hatte, hat mir damals so heftig das Herz gebrochen, dass ich es manchmal heute noch spüren kann. Deswegen darf er mit.

Sara Tomšić

Kommissar Kuschel

Im Wohnzimmer meiner Eltern steht immer noch Rex, mein alter Plüschhund. Mein Vater hat ihn mir geschenkt, als wir beide auf Heuschnupfen-Kur an der Nordsee waren. Damals war ich gerade mal fünf Jahre alt und Rex gefühlt doppelt so groß wie ich – ein lebensechtes schwarzes Plüschtier mit braunen Flecken als Augenbrauen. Warum ich ihn Rex nannte, weiß ich nicht mehr. Vermutlich kam die Idee von meinem Vater: Kommissar Rex war der Spürhund einer berühmten österreichischen Polizeiserie, die wir während mancher Abende unserer Nordsee-Zeit gemeinsam angesehen haben. Rex wachte bis zu meinem Auszug neben meinem Bett, selbst mit 18 durfte er nie woanders stehen. Wenn ich einmal wegen eines Albtraums aufwachte, sah ich seine Umrisse und wusste: Ich bin sicher. 

Zum Studium habe ich Rex zurückgelassen. Das tat weh, als ließe ich einen guten Freund im Stich. In den Jahren danach eroberte mein kleiner Bruder das Zimmer, für mein altes Bett war noch Platz, für Rex nicht mehr. Seitdem steht er im Wohnzimmer meiner Eltern und schaut aus dem Fenster. Das Licht hat sein Fell ausgeblichen, am Kopf schimmert es silbergrau, am Bauch bläulich. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch komme, sehe ich von der Straße aus Rex am Fenster stehen. Seine Wirkung ist geblieben. Sobald ich ihn sehe, weiß ich: Ich komme nach Hause.

Manuel Stark

Bauchgefühl

Meinen ersten Bauchtanzrock nähte mir meine Mutter aus einem Vorhang. Darüber knotete ich ein dunkelblaues Klimptertuch und fühlte mich wie eine richtige Tänzerin. Später bekam ich ein professionelles Set: ein Wickeloberteil, einen Rock mit kleinen Sternchen und passendem Schleier. Die Ausrüstung war der Safe-Space meiner Jugend. Wenn ich sie trug, war mir nichts peinlich. Egal, wie unsicher oder überfordert ich von der Schule, dem Alltag und dem Erwachsenwerden war, in der Bauchtanzgruppe wusste ich, was ich tun musste.

Ich wusste, wie ich die Hüfte und Beine für einen "Shimmy" bewegen muss, eine Art Zitter-Move, bei dem die Metallmünzen am Hüfttuch klimpern, oder wie ich die Finger halte für eine elegante Pose. Ich bekam ein Gefühl für meinen Körper. Außerdem fand ich es schön, etwas zu machen, in dem ich mich von meinen Fußball oder Handball spielenden Mitschüler:innen unterschied.

Mit den Jahren wurde das Oberteil an den Ärmeln zu kurz, die Farbe verblasste und die Sternchen auf dem Rock blätterten ab. Ich wuchs aus dem Kostüm heraus und auch aus meiner Leidenschaft fürs Tanzen. Trotzdem konnte ich es nicht wegschmeißen – zu sehr hänge ich an ihm und der Erinnerung, wie ich in ihm größer, reifer und selbstbewusster wurde. Nun liegt es versteckt in einer Truhe in meinem ehemaligen Zimmer. Falls es entdeckt wird, hat es noch die Chance auf ein zweites Leben in der Faschingskiste.

Katharina Holzinger

Der Ernst des Lebens

Meine Känguru-Schultüte und die wenig guten Erinnerungen an die Schulzeit liegen zusammengedrückt auf dem Dachboden meiner Eltern. Von meiner Mutter gebastelt und mit einer eigenen kleinen Schultüte im Beutel sollte mit dem Känguru eigentlich der "Ernst des Lebens" beginnen, aber der kam erst später. Meine Grundschule und das Dorf drumherum waren so klein, dass die erste und zweite Klasse und die dritte und vierte zusammen unterrichtet wurden. Wir machten im Heimat- und Sachkundeunterricht Ausflüge zu Denkmälern oder in die Seehundstation, buddelten während des Biologieunterrichts im Schulgarten oder liefen Schlittschuh auf den zugefrorenen Fleeten als Sportunterricht.

Und das war alles sehr unernst und schön. Irgendwann gab es für die Hausaufgaben und Tests aber keine Stempel mehr, sondern Noten. Es ging um Zeugnisse und die Empfehlung für die weiterführende Schule und das hat alle ruiniert. Plötzlich war die Belohnung eine Zahl und nicht mehr das Lernen selbst. Von da an wurde permanent meine Leistung und auch meine Persönlichkeit bewertet, ohne dass ich darum gebeten hätte. Dazu kamen Teenager-Dramen und all die Dinge, die ich aus Lehrplangründen lernen und tun musste, aber eigentlich nicht lernen und tun wollte.

Damals dachte ich, nach der Schule würde ich endlich frei sein. Das war natürlich eine Lüge. Mittlerweile denke ich, dass die Bewertung durch anderer auch schön sein kann, sie sollte nur einfach nie der Grund sein, etwas zu tun.

Berit Dießelkämper

Alles kommt wieder

Mit 16 hatte ich eine DIY-Phase und habe mir ein Jeanskleid genäht: dunkler, dünner Jeansstoff, Spaghettiträger aus Lederbändern. Das Kleid fand ich damals so toll, weil nur ich es hatte und sonst niemand. Und weil meine Mutter – gelernte Schneiderin – mir half, den Stoff richtig zuzuschneiden, das Kleid abzustecken und zu nähen. Ich saß stundenlang an der Pfaff-Nähmaschine meiner Mama, trennte falsche Nähte wieder auf, bis irgendwann alles gesessen hat. Bis heute hängt es in einem Bauernschrank in meinem alten Kinderzimmer.

Ich würde es niemals wegschmeißen, denn es erinnert mich an meine Teenager-Jahre: Als ich das erste Mal mit 15 und gefälschtem Personalausweis im Kick in Herford auf Freibier-Partys zu Avril Lavigne tanzte. Wie ich im Sommer mit dem Ferienticket nach Köln zum Shoppen gefahren bin, aber in Wahrheit einfach nur meine Heimatstadt verlassen wollte.

Getragen habe ich das Kleid nur ein paar Mal, weil es für die Schule ein bisschen zu chic und für die Freibierparty ein bisschen zu wertvoll war. Aber darum ging es auch nicht, sondern darum, dass ich von meiner Mutter viel lernen konnte. Das Kleid ist jetzt zwanzig Jahre alt und in der Mode kommt ja alles nach zwanzig Jahren wieder. Eigentlich wäre jetzt eine gute Zeit für ein Comeback.

Martina Kix

Gleichberechtigung, hex-hex!

Letztes Jahr im August hatte ich mehrere Wochen Fieber. Ich lag zu Hause bei meinen Eltern im Bett und langweilte mich. Ich erinnerte mich an einen Karton, den ich mit dreizehn in den Keller verbannt hatte. Früher war ich ein großer Fan von Hörspielen und Hörbüchern. Vielleicht sogar ein kleiner Freak. Ohne das "Hex-hex" von Bibi Blocksberg konnte ich nicht einschlafen. Wenn ich malte oder bastelte, musste immer eine Kassette oder CD laufen. Irgendwann kamen mir die bunten Hüllen kindisch vor und ich wollte sie nicht länger in meinem Zimmer sehen.

Krank im Bett versetzte mich meine Hörspielsammlung in eine vertraute Zeit zurück: Ich konnte immer noch Wort für Wort die Dialoge mitsprechen und obwohl Jahre dazwischenlagen, kannte ich jeden Handlungsstrang. Aber ich merkte, dass ich die Kassetten als Erwachsene plötzlich anders hörte und Wut verdrängte die Nostalgie: Ich regte mich zum Beispiel furchtbar auf, als in der einen Folge von Bibi und Tina Tina den Abwasch übernehmen musste, weil ihre Mutter ihr einredete, dass das keine Aufgabe für ihren Bruder sei. Es störte mich, dass es nur dieses eine Familienbild aus Mutter, Vater und Kind gab, in dem der Mann arbeitete und die Frau sich um die Kinder kümmerte. Außerdem waren alle von ihnen cis, heterosexuell, weiß und hatten keine Migrationsgeschichte. Wo war die Diversität?

Ich war mit einem Mal enttäuscht von mir selbst. Wie hatte ich das damals nicht merken können? Und was hatten diese Geschichten vielleicht unterbewusst mit mir gemacht? Den Karton hatte ich eigentlich gepackt, um mich später an schöne Momente aus meiner Kindheit zu erinnern. Jetzt wollte ich sie am liebsten verdrängen. Also landete alles wieder im Keller. Meine Mutter sagte: "Auf dem nächsten Flohmarkt verkaufen wir sie!" Ich nickte. Aber möchte ich überhaupt, dass diese Geschichten weiter in Kinderzimmern gehört werden?

Louisa Band

Ein Kleid in der Ferne

In München warten im Schrank meiner Mutter zwei Kleider darauf, dass ich sie noch einmal ausführe. Dass ich sogar zwei Abiballkleider hatte, lag an Spanien gegen Italien 2012. Etwas unglücklich fiel unsere Abifeier auf das Finale der Fußball-EM. Für einen neuen Termin waren wir zu spät dran. Es gab also mittags eine Abifeier mit Zeugnis, Eltern, Sektempfang. Und abends nach dem Spiel die große Party in irgendeinem Club mit irgendeiner anderen Oberstufe von einer anderen Schule.

Das erste Kleid war Gold, komplett durchsichtig, mit schmalen Trägern. Darunter trug ich einen glänzenden, braunen Unterrock. Ich könnte es heute genauso wieder anziehen. Es war ungewöhnlich und verspielt. Ich erinnere mich noch, wie der Raum vollgesogen war mit Anspannung, Freude, Sehnsucht und Euphorie. Wochenlang haben wir alle letzten Male ehrfürchtig begangen und gefeiert: der letzte Unterricht, die letzte Pause, die letzte Prüfung. Ein langes Crescendo bis hin zu dieser Feier. Ich fühlte mich ganz groß, als ich mein Zeugnis entgegennahm.

Am Abend trug ich dann ein kurzes schwarzes Paillettenkleid. Dieses Kleid schrie praktisch nach Party. Aber die Party war eine Enttäuschung. Wie eine Silvesterfeier, die an den viel zu großen Erwartungen ihrer Gäste nur scheitern kann. Es gab keinen tränenreichen Abschied an diesem Abend, weder einen Soundtrack unserer Schulzeit noch irgendwelche "Weißt-du-noch?"-Momente, an die ich mich heute erinnern würde.

Als ich von zu Hause auszog, ließ ich die Kleider dort. Irgendwie konnte ich mir einfach nicht vorstellen, sie in meinem neuen, erwachsenen Leben in Berlin anziehen zu wollen. Zu viele alte Gefühle hingen noch daran. Manchmal denke ich an das erste Kleid. Überhaupt denke ich vor allem an den ersten Teil der Feier, wenn ich an mein Abi zurückdenke. Nächstes Jahr ist es zehn Jahre her. Dann hole ich es noch einmal raus.

Amna Franzke

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren