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Mehr als nur ein Job

Mikrofon, Radiostudio, Moderation, On Air [Quelle: unsplash.com, Autor: Fringer Cat]

Quelle: unsplash.com, Fringer Cat

Das Studium ist lehrreich, sicher. Aber es gibt Nebenjobs, da sammelt man mindestens genauso viel Wissen wie im gesamten Bachelor. Anhand von fünf Beispielen zeigt sich schnell: Es kann über Kellnern weit hinaus gehen.

Das Arbeiten gehört zum Studium dazu - zumindest für die meisten. Drei von vier Studierenden, das ergab eine Forsa-Umfrage, jobben nebenbei. Ein großer Teil arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni, ebenso viele machen einen Bürojob. Die übrigen geben Nachhilfe, arbeiten als Verkäufer oder in der Gastronomie, betreuen Kinder, helfen bei Veranstaltungen. Das Gehalt und viel Flexibilität ist den Studierenden dabei wichtig, klar. Aber sie legen auch Wert darauf, dass sie Anerkennung erfahren und sich nicht langweilen. Auch eine Teilzeitstelle kann sich schließlich ziemlich zäh anfühlen. 

Die fünf Studierenden, die mit uns über ihre Arbeit gesprochen haben, haben etwas gefunden, das mehr ist als nur ein Nebenjob. Wie ihre Tätigkeiten sie herausfordern, ihren Horizont erweitern, ja für das Leben an sich vorbereiten, erzählen sie hier. 

Ramona Weisenbach, 30 Jahre alt, studiert Soziale Arbeit und arbeitet beim Leseprojekt Kontext der Hochschule München.

"Als ich das erste Mal von Kontext gehört habe, habe ich gleich gedacht: Das ist eine wahnsinnig gute Idee! Seit zehn Jahren gibt es das Leseprojekt schon, seit drei Jahren bin ich dabei. Wenn Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 21 eine Straftat begehen - etwas klauen, Drogen konsumieren oder jemanden verprügeln -, können die Staatsanwälte oder Richter in München und im Umland statt Sozialstunden eine Leseweisung erteilen. Dann kommen die Jugendlichen zu uns. Beim ersten Treffen beantworten sie einen ausführlichen Fragebogen, damit wir ihnen dann möglichst passende Buchvorschläge machen können. Die Bücher drehen sich meistens um Themen, mit denen die Jugendlichen schon Erfahrung haben: Gewalt, Drogen, Haft, Probleme mit der Familie oder mit Freunden, Mobbing in der Schule, Depressionen. Die Bücher sollen die Jugendlichen auf neue Gedanken, auch im Umgang mit solchen Problemen, bringen.

Der Plan ist, dass sie selbständig zu Hause lesen, gleichzeitig mit mir als Mentorin. Wir treffen uns über etwa drei Monate hinweg bis zu sechsmal und reden über das Buch. Klappt es mit dem Lesen allein gar nicht, setzen wir uns zusammen hin und lesen. Falls ihnen das ausgesuchte Buch nicht gefällt, ermutigen wir sie dazu, sich für ein anderes zu entscheiden. Die Geduld, die wir als studentische Mentoren bei den Jugendlichen aufbringen, zahlt sich fast immer aus. 

Ich habe vor meinem jetzigen Studium Jura studiert mit Fokus auf Strafrecht. Sozialstunden sind oft wenig pädagogisch begleitet, da geht es eher darum, die Jugendlichen mit körperlicher Arbeit zu beschäftigen. Unser Ansatz ist ein komplett anderer: Lesen ist eine Aufgabe für den Kopf, da kommen die Jugendlichen ins Nachdenken, auch darüber, wieso sie bei uns gelandet sind. Die meisten sprechen so offen mit uns darüber - das überrascht mich heute noch manchmal. Vielleicht liegt es daran, dass wir fast immer zu zweit sind: nur der Jugendliche und ich.

Vor zwei Jahren habe ich mit einem 17-Jährigen gelesen, der keine Ausbildung gefunden hatte, generell gerade in einer ganz schwierigen Situation war. Wir haben versucht, ihm zu helfen, und haben am Ende einen Ausbildungsplatz für ihn gefunden. Er hat sich letztes Jahr noch mal gemeldet und gesagt: Es gefällt mir total gut. 

Aber von der Mehrzahl der Jugendlichen wissen wir nicht, wie es mit ihnen weitergegangen ist. Ich denke immer noch oft an ein Mädchen, das aus Syrien nach Deutschland geflüchtet war und schon eine kleine Tochter hier hatte. Sie kam zu uns und war in einer gewaltvollen Beziehung. Sie und ihr Partner waren beide heroinsüchtig, sie hatte noch vor der Schwangerschaft einen Entzug gemacht. Nach der Leseweisung findet eigentlich immer ein Abschlussgespräch statt. Ich habe das in ihrem Fall dadurch ersetzt, dass ich mit ihr zur Frauenberatungsstelle gegangen bin. Weil sie noch nicht gut Deutsch sprach, konnten wir mit ihr nicht lesen, stattdessen haben wir einen kleinen Sprachkurs gemacht und sie so durch die Leseweisung begleitet.

Für die meisten Jugendlichen ist es eine wahnsinnige Herausforderung, ein Buch zu lesen. Es wirkt oft so, als hätten sie keinen Bock, aber hinter diesem "keinen Bock" steht meistens noch viel mehr. Oft lassen es die Verhältnisse zu Hause nicht zu, dass man sich auf etwas konzentriert. Wir wollen diese Barrieren abbauen. Wenn die Jugendlichen nicht anfangen, selbständig zu lesen, versuchen wir es immer wieder auf den unterschiedlichsten Wegen - gerade arbeiten wir an einer Motivationsapp, für deren Umsetzung uns aber leider die finanziellen Mittel fehlen.

Zu meinen liebsten Büchern im Projekt gehört "Concrete Rose" von Angie Thomas. Es geht um einen schwarzen 17-Jährigen, dessen Vater im Gefängnis sitzt und der selbst schon mit Drogen dealt. Als er ein Mädchen schwängert, muss er Verantwortung für sich und das Baby übernehmen. Das Buch zeigt, wie schwer es ist, richtig zu handeln im falschen Umfeld. Viele Jugendliche bei uns können sich da reinfühlen. Dabei achten wir immer darauf, dass wir die Leseeindrücke auf Augenhöhe miteinander besprechen. Mir fällt das leicht, weil ich jede Leseweisung auch als Lernprozess für mich erlebe - gerade weil wir unterschiedliche Herkunftsgeschichten und unterschiedliche Bildungsniveaus haben."

Emely Frenz, 21 Jahre alt, studiert Medizin in Hamburg und arbeitet im Institut für Rechtsmedizin des Hamburger Uniklinikums.

"Nie hätte ich gedacht, mal in der Rechtsmedizin zu jobben. Die Vorstellung, in einem Keller mit toten Menschen zu arbeiten, fand ich befremdlich. In unserer Kultur haftet dem Tod etwas Unheimliches an, er wird fast tabuisiert. Jetzt arbeite ich gerne hier. Per Zufall kam ich auf einen Schreibjob in der Rechtsmedizin und wurde gefragt, ob ich auch Nachtwachen machen würde. Nach einem Probedienst dachte ich: Warum nicht? Es gehörte Überwindung dazu, Gestorbene zu entkleiden, ihren Geruch wahrzunehmen. Aber es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt.

Den größten Teil meiner Arbeit macht die Annahme von Verstorbenen aus. Ich entkleide den Toten, nehme Blut ab, schiebe ihn auf eine Waage im Boden und messe seine Körpergröße. Das alles schreibe ich auf einen Zettel, den ich an seinem Zeh befestige. Dann bringe ich ihn in den Kühlraum. 

Eine weitere Aufgabe ist Telefondienst bei einer Beratungsstelle des Instituts, die rund um die Uhr erreichbar ist. Natürlich mache ich keine psychologische Krisenintervention, das dürfen nur speziell ausgebildete Personen. Oft rufen Menschen an, die Gewalt erlebt haben und dies rechtsmedizinisch dokumentieren lassen wollen. Den Betroffenen gebe ich dann einen Termin bei uns in der Gewaltambulanz. Häufig melden sich auch Angehörige von gerade Gestorbenen. Denen tut es oft schon gut, wenn ihnen jemand zuhört. 

Es ist ein schönes Gefühl, wenn man Menschen in schwierigen Situationen Trost spenden kann, auch wenn dies völlig fremde Personen sind. Manchmal ist es aber schwierig, den Betroffenen genügend Zeit zu widmen. Ständig ruft jemand an, die Bestatter stehen vor der Tür mit neuen Toten, es kommen Blutproben, die auf Medikamente oder Alkohol untersucht werden sollen, und ich muss entscheiden, wie dringend das ist. Mir gefällt, wie vielseitig mein Job ist und dass ich viel Verantwortung habe. Doch manchmal komme ich an meine Belastungsgrenze.

Was ich nach einem Jahr im Institut gelernt habe: in stressigen Situationen ruhig zu bleiben und die Aufgaben zu priorisieren. Aber auch, sich bewusst zu machen, dass man nicht alles schaffen kann und auch nicht muss. Und: selbständig zu arbeiten. Hat man keinen Arzt neben sich, muss man Entscheidungen allein treffen und zu diesen stehen.

Ich bekomme rund 17 Euro pro Stunde - ein Luxus im Vergleich zu anderen Studentenjobs. Ich finde das aber angebracht, denn ich habe viel Verantwortung, und der Job kann psychisch ziemlich belasten. Ob ich mal Rechtsmedizinerin werden möchte? Mich interessieren andere Fächer mehr, und ich mag die Interaktion mit Patienten sehr gerne. Aber wer weiß . . ."

Alva Everson, 22 Jahre alt, studiert Industrial Design Engineering in Den Haag und kümmert sich um ein Mädchen mit Downsyndrom.

"Ich bin Schwedin und kam vor zwei Jahren als Au-pair nach Den Haag. Freunde meiner Au-pair-Familie haben eine Tochter mit Downsyndrom und fragten, ob ich mich ab und zu mal um die junge Frau kümmern könnte. Sie ist jetzt 21. Seit einem Jahr bin ich fast jedes Wochenende mit ihr zusammen, 15 bis 20 Stunden pro Monat.

Ich mag mein Studium, aber ich finde es gut, zwischendurch etwas zu machen, was nichts damit zu tun hat. Als mich die Familie wegen ihrer Tochter fragte, wusste ich: Das wird eine Herausforderung. Aber ich war auch sicher, dass das perfekt für mich sein würde, denn ich passe ab und zu auf Kinder auf seit ich 14 bin, und es macht mir viel Spaß, mit Menschen zu arbeiten.

Ich soll der jungen Frau helfen so unabhängig wie möglich zu werden, damit sie demnächst ausziehen kann. Gerade machen wir ein Kochbuch zusammen. Ich erkläre ihr, wie man Rezepte nachkocht, und wir machen Fotos von jedem Schritt, die sie dann in ihr Buch klebt. Unser Ziel ist es, dass sie ohne Hilfe die Rezepte nachkochen kann.

Außerdem helfe ich ihr dabei, sich genügend zu bewegen. Wir fahren viel Rad, meist jeden Tag eine halbe bis eine Stunde. Ich versuche immer Dinge zu machen, die ihr Freude bereiten. Zum Beispiel Spiele spielen, malen, basteln oder tanzen.

Manchmal kostet die Zeit mit ihr ziemlich viel Energie, und es ist mitunter schwierig zu wissen, wie ich handeln soll oder was sie möchte, weil sie sich nicht so gut sprachlich äußern kann. Aber egal wie erschöpft ich bin - ich gehe immer mit einem Lächeln von ihr weg. Sie strahlt so viel Positives aus, ist immer fröhlich und dankbar.

Ich glaube, der Job mit der jungen Frau hilft mir sowohl im Beruf als auch generell im Leben. Ich habe zum Beispiel gelernt, meine Art zu reden und zu handeln so anzupassen, dass es die andere Person versteht. Das kann manchmal schwierig sein, aber es bedeutet nicht, dass das etwas Negatives ist oder dass ich etwas falsch gemacht habe. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn ich mal nicht so gut drauf bin nach der Arbeit.

Bisher plane ich nicht, meinen Studiengang zu wechseln. Falls das einmal der Fall sein sollte, würde ich definitiv überlegen, etwas zu studieren, was so ähnlich ist wie der Job mit der jungen Frau."

Justus Becker, 22 Jahre alt, studiert Physik und Philosophie in Bochum und jobbt beim Bochumer Campusradio "CT das radio"

"Ich mache seit dem Abi Poetry-Slam. Mir gefällt es, mit meiner Stimme zu arbeiten, und ich schreibe gerne. Als ich zu studieren anfing, erzählte mir eine Bekannte vom Hochschulradio. Ich habe erst ein Semester lang ein Praktikum gemacht und arbeite jetzt zwei Tage pro Woche dort. Ich bin Chef vom Dienst, nebenbei kümmere ich mich um die Finanzen. Der Job hat mich enorm beeinflusst - und zwar positiv. Sich mit Themen zu beschäftigen, die mich ansonsten nicht so interessieren würden, weitet den Blick auf die Welt. Ich habe gelernt, präzise zu erklären - eine Fähigkeit, die man immer gebrauchen kann. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, Journalist zu werden.

Mein typischer Tagesablauf sieht so aus: Vor der Redaktionskonferenz recherchiere ich nach Themen, die die Hörer - vor allem Studierende und Uni-Mitarbeiter - interessieren könnten. Ich vergebe Aufträge an die Praktikanten, gebe ihnen Tipps für die Recherche, korrigiere ihre Skripte und helfe ihnen, das Geschriebene zu sprechen.

Das macht mir viel Spaß und so lerne ich, Menschen zu führen. Ich freue mich aber immer, wenn ich Sendungen sprechen kann, meist sind das Livenachrichten oder Beiträge für das Kino-Ressort. Ab fünf Uhr abends überlegen wir uns im Redaktionsteam, über welche Themen wir am nächsten Tag berichten könnten. Das sind zum einen aktuelle Nachrichten - etwa neue Corona-Regeln - oder zeitlose Beiträge, zum Beispiel über Mediensucht. Zwischendurch kümmere ich mich um die Finanzen, das ist viel Verwaltungs- und Organisationsarbeit: E-Mails schreiben, Rechnungen archivieren, Veranstaltungen planen, zum Beispiel einen DJ für den Hochschulball im Sommer 2022 organisieren. Apropos Musik: Die stört mich manchmal im Hochschulradio, weil es nicht mein Musikgeschmack ist. Aber es soll ja den Zuhörern gefallen.

Mein Honorar? Es gibt keins - ich arbeite ehrenamtlich. Aber das ist für mich okay. Ich habe damit sicherlich gute Chancen, später mal einen Job in den Medien zu finden. Außerdem macht mir die Arbeit so viel Spaß, dass man das mit Geld nicht bezahlen kann. Mein Tipp: Nicht so schnell wie möglich durch das Studium huschen, sondern sich Zeit nehmen, sich selbst zu finden. Und das geht am besten, wenn man etwas macht, was nichts mit dem Studium zu tun hat."

Eva Meixner, 27 Jahre alt, studiert Wirtschaftspädagogik an der Uni Frankfurt und jobbt in der Frankfurt School of Finance & Management.

"Für die Dozierenden ist es sicherlich ungewohnt, von einer Studentin unterstützt zu werden. Aber die meisten sind erleichtert, dass ich zur Seite stehe, wenn die Technik hakt. Ich jobbe seit drei Jahren in der Abteilung für Executive Education, also Weiterbildungen für Führungskräfte und Manager, 37 Stunden pro Woche. Am Anfang habe ich vor allem Hilfsaufgaben im Büro erledigt: Fragen in Onlinetests eingepflegt, Datenbanken verwaltet, E-Learning-Skripte aktualisiert und mit den Dozierenden kommuniziert.

Spannend fand ich die Anfangszeit der Pandemie. Die Geschäftsführung wusste ja selbst noch nicht, wie es weitergehen wird, aber sie reagierte schnell und kaufte Hard- und Software, um auf die geänderten Bedingungen einzugehen. Ich unterstütze zurzeit vor allem die Referenten in hybriden Seminaren - also wo ein Teil der Teilnehmer vor Ort ist und ein Teil per Video zugeschaltet wird - und in reinen Zoom-Seminaren. Wir verwenden zwar die neueste Technik für Raummikrofone und Kameras, trotzdem kann es immer mal zu Problemen oder Fragen kommen. Daher werde ich oft als Support im Hintergrund eingesetzt - wie ein Arzt im Dienst.

Manche der Dozierenden sind sehr aufgeschlossen gegenüber den neuen Techniken. Andere können sich noch nicht damit anfreunden und ziehen die Präsenzseminare vor, so wie sie sie immer schon gehalten haben. Das kann ich verstehen - sie haben ja keine didaktische Ausbildung. Ein Zoom-Seminar muss man aber anders gestalten als ein Präsenzseminar. Deshalb planen wir jetzt eine Schulung für die Referenten. Mein üblicher Arbeitstag sieht so aus: Ich lege die Lernunterlagen im Tagungsraum bereit, begrüße die Dozierenden, richte die hybride Raumtechnik ein und erkläre bei Bedarf. Während die Vor-Ort-Teilnehmer eintreffen, kontrolliere ich, ob bei den Zoom-Teilnehmern alles funktioniert und ob sie hör- und sichtbar sind.

Dass die Dozierenden mich nicht ernst nehmen, weil ich jünger bin, habe ich zum Glück noch nie erlebt. Ich bekomme zwölf Euro die Stunde. Das Geld brauche ich, aber ich bin froh, dass ich es in einem Job verdiene, der mir so viel Abwechslung und eigenverantwortliches Handeln bietet."

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Neben dem Studium jobben ist gar nicht so einfach wie gedacht. Wir erklären, was du beachten musst, wenn du einen Nebenjob annimmst.

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