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"Depressionen haben zugenommen"

Vielleicht ist der Grund ganz einfach: Menschen vergleichen sich mit anderen Menschen. Das war schon immer so. Das kann motivieren. Wenn es ums Lernen oder den Lebenslauf geht, fühlt sich der Vergleich aber oft nicht gut an. Unis, die Bachelor- und Masterplätze vergeben, Stiftungen, die Stipendien ausschreiben, und Arbeitgeber, die offene Stellen besetzen – sie alle vermitteln den Eindruck, man müsse besser als die anderen sein. Und mehr lernen. Weshalb man, wenn man gefragt wird, lieber etwas zu viel Arbeitszeit angibt als zu wenig.

Dabei hat die Schulmeister-Studie bestätigt, was auch der Bundesrichter Thomas Fischer sagte: Einige der Probanden mit Topnoten hatten besonders viel Freizeit. Wer mehr lernt, schreibt also nicht automatisch die besseren Noten.

Wie viel Stress ist normal?

"Ich brauche den Druck", sagen manche Studenten, die das Lernen auf den letzten Moment hinauszögern. "Viele erledigen Dinge auf den letzten Drücker, weil das einen Thrill erzeugt", sagt der Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert. Und es gibt noch einen anderen guten Grund fürs Aufschieben: Wer nur wenig Zeit für die Hausarbeit hatte, den enttäuscht eine schlechte Note weniger ("dafür ist die Note doch noch okay"), als wenn er wochenlang an der Arbeit geschrieben hätte. Das ist die eine Seite des Stresses. Die andere: In der Zeit zwischen 2005 und 2012 ist die Zahl der Studenten, die sich an die psychologischen Beratungsstellen der Studentenwerke gewendet haben, von etwa 20.000 auf 30.000 gestiegen. Der Anstieg ist deutlich höher als der bei den Studentenzahlen. An vielen Universitäten gibt es jetzt Wartezeiten für eine psychologische Beratung: In München sind es zwei Wochen, in Bochum vergehen etwa acht Wochen, bis man einen Termin bekommt.

"Für viele fühlt sich das Studium heute stressiger an als noch vor einigen Jahren", sagt Rückert. Er leitet die psychologische Beratungsstelle an der FU Berlin. In den letzten drei Jahren habe sich dort die Zahl der Studenten, die sich bei ihm gemeldet haben, verdoppelt. "Die meisten, die zu uns kommen, sind überfordert, Depressionen haben zugenommen", sagt Hans-Werner Rückert. Wenn man mal ein paar Wochen lang bis abends in der Bibliothek sitzt, nicht mehr zum Einkaufen kommt, am Semesterende ein paar Nachtschichten schiebt – dann ist das meist aber noch kein Grund zur Sorge.

Ob das Lernen zur psychischen Belastung wird, hänge nicht ausschließlich vom Lernstoff ab, sagt Tim Hagemann. Sondern davon, wie man damit umgehe. Hagemann forscht an der Hochschule der Diakonie zu den Themen Arbeit und Gesundheit. Er unterscheidet zwischen positivem und negativem Stress. Den positiven Stress nennt er lieber: Herausforderung. "Eine große Herausforderung schärft unsere Wahrnehmung, macht wach und konzentriert", sagt er. Erscheine einem die Herausforderung zu groß, würde sie in negativen Stress umschlagen. "Das überreizt das Nervensystem, setzt Angst frei und blockiert das Gehirn", sagt Hagemann. Dann gelinge nichts mehr.

Wer glaubt, dauerhaft überfordert zu sein, kann den Selbsttest der Uniklinik Bonn machen (online unter bit.ly/campus_stress). Er soll helfen, die eigene Stressbelastung einzuschätzen. Anklicken kann man, ob das Herz sticht, das Atmen schwerfällt, Kopf und Rücken schmerzen, die Hände und Füße kalt sind und wie oft man Bauchweh hat. Treten solche Symptome dauerhaft auf, empfiehlt die Uni, dringend etwas zu unternehmen – zum Beispiel sich Hilfe bei der Beratungsstelle der Hochschule zu suchen. Hans-Werner Rückert sagt: "Wenn der Patient überfordert ist vom Lernstoff, können wir Lösungen finden." Damit meint er zum Beispiel: bessere Entspannungs- oder Lerntechniken.

Wie lerne ich besser?

"Erfolg hängt nicht allein von Begabung oder Intelligenz ab, sondern vor allem davon, wie man das Lernen organisiert", sagt Rolf Schulmeister, der Bildungsforscher aus Hamburg. Statt noch mehr Stunden am Schreibtisch zu sitzen, solle man sich überlegen, wie man besser lernen könne. Schulmeister und viele andere Lernforscher sind sich einig: Die konservativen Lernstrategien sind die effektivsten. Das bedeutet erstens, rechtzeitig mit dem Lernen anzufangen. Dann ist der Berg an Unterlagen und Büchern kleiner, den man am Ende des Semesters bewältigen muss.

Zweitens, sagt Schulmeister, sei das Lernen eine Frage der Gewissenhaftigkeit. "Für Studenten, die konzentriert arbeiten und sich nicht ablenken lassen, ist eine Stunde so viel wert wie für andere fünf Stunden", sagt er. Klingt banal, aber: Facebook abschalten hilft. Wer es allein nicht schafft, kann sich Programme installieren wie Freedom: Für eine selbst gewählte Zeit wird dann der Zugang zum Internet auf dem Computer komplett blockiert. Selfcontrol hingegen sperrt nur einzelne Seiten, die man vorher festlegen kann. Obstract blockiert diese Seiten nicht, sondern zielt darauf ab, den User zu nerven: Auf jedem unproduktiven Browserfenster poppt ein Labyrinth auf, das die Seite so lange überdeckt, bis der Weg gefunden wurde. Da überlegt man sich doppelt, ob die Ablenkung das wirklich wert ist.

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