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Zwei Männer Lernutensilien Laptop Stadt [Quelle: Pexels.com, Autor: Armin Rimoldi]

Quelle: Pexels.com, Armin Rimoldi

Seit Corona finden viele Prüfungen gezwungenermaßen zu Hause statt. Hier haben Studierende neue Möglichkeiten, zu schummeln. Die Hochschulen tun sich schwer damit, das zu verhindern.

Während der Klausurphase gehen auf dem Verkaufsportal "Ebay Kleinanzeigen" im Halbstundentakt Anzeigen wie diese online: Ein Student will jemanden engagieren, der für 600 Euro (Verhandlungsbasis) eine Klausur in Thermodynamik schreibt und besteht – egal, mit welcher Note. Titel: "Ghostwriter gesucht". Der Student will aber erst nach bestandener Klausur zahlen. In Klammern hat er noch eine Info zur Klausur dazugeschrieben: "Findet online statt".

Schummeln, spicken, abschreiben – das gibt es wohl, seitdem Prüfungen geschrieben werden. In den vergangenen Monaten hat sich an den Hochschulen aber einiges geändert: Erst hat die Corona-Pandemie die Vorlesungssäle und dann den ganzen Campus leergefegt. Von jetzt auf gleich mussten die Unis ihre Lehre ins Internet verschieben. Bei Semesterarbeiten, mündlichen Prüfungen und Referaten hat sich dadurch relativ wenig geändert: Sie laufen mehr oder weniger wie gehabt ab, nur eben per Videokonferenz statt in Präsenz.

Aber bei der klassischen Klausur sieht es anders aus. Technisch gesehen ist es kein Problem, sie nicht mehr im Hörsaal, sondern zu Hause im WG-Zimmer zu schreiben. Aber digitale Klausuren bringen auch bisher ungekannte Möglichkeiten zum Schummeln mit sich, und die Unis tun sich schwer damit, das zu kontrollieren.

"Wenn bei Online-Prüfungen Kontrollinstanzen fehlen, ist die Bereitschaft zu täuschen sicher größer", sagt Christian Teipel. Als Rechtsanwalt vertritt Teipel Studierende, denen vorgeworfen wird, bei Klausuren geschummelt zu haben, und die die Konsequenzen nicht einfach so hinnehmen wollen. Manchmal berät Teipel auch private Hochschulen, die bei solchen Verfahren auf der Gegenseite stehen. Vor der Pandemie erreichten Teipels Kanzlei in Köln jeden Monat sechs bis zehn Anfragen von Studierenden, bei denen es um Täuschungsvorwürfe in Klausuren ging. Seit dem Beginn der Pandemie und damit dem Beginn der Online-Lehre hat sich die Zahl fast verdoppelt.

Hochschulen kennen die Problematik

Auch der Blick auf die Ghostwriter-Gesuche bei Ebay Kleinanzeigen suggeriert, dass Studierende die Lücken, die die Pandemie in die Prüfungsaufsicht gerissen hat, ausnutzen. Doch kaum einer der Suchenden will darüber sprechen. Nur der Student mit Sorge um seine anstehende Klausur in Thermodynamik ist zu einem anonymen Telegram-Chat bereit. "Natürlich ist es jetzt leichter, an die Credit Points zu kommen", schreibt er. Auch einige seiner Kommilitonen würden die neuen Schummel-Chancen nutzen. "Aber es ist dumm, zu viel darüber zu sprechen." Dann bricht er den Chat ab. Auf die Frage, ob er einen Ghostwriter finden konnte, kommt keine Antwort mehr.

Wie hart die Konsequenzen sein können, wenn man auffliegt, zeigen zwei Fälle an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). In einer geisteswissenschaftlichen Klausur und in einer sozialwissenschaftlichen Prüfung habe es zwei Täuschungsversuche gegeben, berichtet die Uni. Die Prüflinge hatten sogenannte Open-Book-Klausuren geschrieben, bei denen Hilfsmittel wie Vorlesungsskripte und Lehrbücher zwar erlaubt sind, aber die Zeit für die Lösung der Aufgaben relativ knapp bemessen ist. So wollen die Lehrenden verhindern, dass geschummelt wird. Anstatt Auswendiggelerntes abzufragen, sollen die Studierenden ihr Wissen auf spezielle Fälle anwenden, eine Übertragungsleistung, die sich – zumindest ohne Ghostwriter – schwer fälschen lässt.

Die Studierenden in den beiden Betrugsfällen an der LMU fanden trotzdem einen Weg: Sie sprachen sich während der Open-Book-Klausuren ab. "Das konnte anhand der abgegebenen Arbeiten nachgewiesen werden und wurde bei der Anhörung auch eingeräumt", teilt das zuständige Prüfungsamt mit. Es drohte mit Exmatrikulation. Ein Student sei der Strafe zuvorgekommen – und habe das Fach gewechselt.

Einen ähnlichen Versuch haben mehr als hundert Studierende der Universität zu Köln gestartet und sich während einer Online-Klausur in Messenger-Gruppen zusammengeschlossen, um Aufgaben untereinander aufzuteilen. "Die Beweise liegen vor, auch wenn die Identifikation der Täuschenden noch andauert", sagt ein Sprecher der Uni. Das Rektorat hat die gesamte Studierendenschaft in einer "Info-Mail" auf mögliche Konsequenzen hingewiesen: Schwere Täuschungen können das Ende des Studiums bedeuten. Weder in Köln noch an einer anderen deutschen Universität dürften die Schummler den betreffenden Studiengang dann fortsetzen. Die Möglichkeit, die komplette Klausur für ungültig zu erklären, sie für alle Teilnehmer zu annullieren, wurde in der Mail ebenfalls erwähnt.

Eugen Esman, Asta-Vorsitzender in Köln, spricht, anders als die Hochschule, nicht von einer "Info-", sondern von einer "Droh-Mail". Vor allem Annullierungen als letztes Mittel lehnt er ab. Die, die ehrlich arbeiten, sollten nicht bestraft werden. Aus Fairness ihnen gegenüber müssten die Fälle aufgeklärt werden. Die meisten, glaubt Esman, würden ohnehin auffliegen. "Bei Täuschungen in dem Ausmaß bekommt immer jemand kalte Füße."

Esman gegen Überwachungsmaßnahmen

Als Studierendenvertreter diskutiert Esman nicht nur über die Konsequenzen von Betrugsfällen, sondern auch über deren Vorbeugung. Eine umstrittene Maßnahme: das sogenannte Proctoring. Dabei werden die Prüflinge etwa mit Webcams überwacht, um zu verhindern, dass ihnen andere helfen oder sie sich Hilfsmittel auf dem Schreibtisch zurechtlegen, die sie eigentlich nicht benutzen dürfen. Das klingt hart, aber gewisse Überwachungsmaßnahmen seien zulässig, sagt Rechtsanwalt Teipel. Bei einer Präsenzprüfung schaue die Aufsicht schließlich auch genau darauf, was die Prüflinge machen. Esman findet diese Kontrolle allerdings moralisch fragwürdig. "Das WG-Zimmer ist im Zweifel der einzige private Rückzugsraum, in den plötzlich ein Fremder immerhin visuell eindringt", sagt er. "Letztlich kann das auch die Prüfungsleistung beeinflussen." Viele Studierende stünden gerade sowieso schon unter Druck. Ihre mentale Situation sei katastrophal.

Die psychische Lage seiner Mandanten kann Rechtsanwalt Teipel in den Verfahren meistens nicht berücksichtigen. Ihm geht es von Berufs wegen immer allein darum, dass das Prüfungsverfahren ordnungsgemäß abläuft. "Das ist unser Maßstab, egal, ob wir eine Hochschule oder einen Studierenden vertreten." Das heißt aber nicht, dass es für die Studierenden immer schlecht ausgeht.

Zuletzt waren gleich mehrere Studierende der Bergischen Universität Wuppertal Mandanten von Teipels Kanzlei. Die Hochschule warf ihnen vor, betrogen zu haben, weil sich Antworten überschnitten hätten. "Es stellte sich heraus, dass der Professor seit Jahren dieselben Fragen nur in unterschiedlicher Reihenfolge in jedem Jahrgang stellte", sagt Teipel. "Natürlich kommt es dann irgendwann zu Doppelungen." In dem Fall war die Klausur selbst das Problem. Die Uni lenkte ein.

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