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Im Hörsaal noch an Mamas Rockzipfel

Hände, Zusammenhalt, Team, Generationen [Quelle: unsplash.com, Autor: krakenimages]

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Eine tägliche Whatsapp-Nachricht an Papa schicken – unreif oder heute ganz normal? Höchste Zeit, die eigene Beziehung zu den Eltern mal mit den Durchschnittswerten zu vergleichen!

Auf meinem Smartphone erscheint zweimal "Home": einmal im Telefonbuch – die Festnetznummer meiner Eltern – und dann eine Stecknadel auf Google Maps, die die genaue Adresse meines Elternhauses anzeigt. Ich gebe zu, in düsteren Momenten der Motivationslosigkeit in der Unibibliothek schaue ich mir manchmal immer noch an, wie weit es jetzt theoretisch mit dem Auto nach Hause wäre, obwohl ich es mittlerweile auswendig weiß: 3 Stunden und 44 Minuten ohne Staus und Pausen. Ich fahre zwar meistens dann doch nicht, aber allein schon solche kleinen Eskapismus-Anflüge in Gedanken halten mich über Wasser. Meinen Spotify-Account teile ich mit meinem Vater, Hauptnenner ist unsere beidseitige grenzenlose Begeisterung für Taylor Swift und The Chainsmokers, über die wir uns auch auf die Ferne ausgiebig austauschen. Am Ende unserer Chat-Nachrichten merkt mein Vater dann etwa an: "Ja, 'Mirror Ball' ist toll! Wusstest du, dass dies auch ein Album von Neil Young ist, das er 1995 mit Pearl Jam produziert hat?"

Klingt, als würde ich immer noch sehr an meinen Eltern hängen. Aber ist das mit Anfang 20 und in meiner Lebensphase als Studentin nicht mittlerweile normal? Jedenfalls hört man häufig - zuweilen mit leicht sarkastischen Untertönen gewürzt -, dass sich die junge Generation von heute schwerer von den Eltern ablösen kann.

Überbehütete Studierende

Nancy Quittenbaum, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Uni Erfurt, bestätigt: Es gebe eine Tendenz hin zu mehr Unselbständigkeit unter Studierenden. "Meiner Wahrnehmung nach werden Studierende von den Eltern teilweise überbehütet. Im Vergleich zu meiner eigenen Studienzeit, in der zahlreiche Kommilitonen ihr Studium durch Nebenjobs finanziert haben, werden Studierende heute von ihren Eltern finanziell sehr großzügig unterstützt. Wir erleben auch, dass sich Eltern sogar mit der Prüfungsordnung auseinandersetzen und auf juristischer Grundlage bei den Professoren und Dozenten melden, weil sie die Noten ihrer Kinder hinterfragen." Zwar beschränken sich ihre und die Beobachtungen ihrer Kollegen nur auf Studierende der Schul-und Grundschulpädagogik, doch sie könne sich vorstellen, dass die Einmischung in Studienfächer wie Medizin und Jura womöglich noch größer sei, da in diesen Fächern der elterliche Druck auf die Kinder viel höher ausfalle.

Frieder Lang, Professor am Institut für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zeichnet ein etwas anderes Bild: "In den Medien wird gelegentlich der Eindruck erzeugt, dass sich die jüngere Generation in ihrem Verhalten von früheren Generationen abhebe, neuerdings wird bei der Generation Z eine höhere Abhängigkeit von Eltern festgestellt. Dabei wird übersehen, dass es allgemeingültige Entwicklungsprozesse im Erwachsenenalter gibt, die in jeder Generation der Nachkriegszeit ähnlich verlaufen. Dazu zählt auch die Ablösung von den Eltern, die eine Neudefinition dieser Beziehung erfordert und zeitlich nicht auf die Phase des Studiums begrenzt ist."

Vielmehr beruhe die Gestaltung der Beziehung zu den Eltern auf einem lebenslangen Prozess; viele Erwachsene entwickelten erst mit 40 Jahren oder später eine Haltung, bei der sie ihre Eltern als Menschen mit Eigenheiten und eigener Biographie erleben und anerkennen. Dazu zähle auch, sich nicht über die Abhängigkeit von den Eltern zu definieren. "Bei Studierenden ist so eine Haltung noch selten und wäre entwicklungspsychologisch auch gar nicht zu erwarten", so Lang.

Aus Studien von Frieder Lang und seinem Team geht hervor, dass die Zufriedenheit unter Studierenden umso größer ist, je öfter sie mit den Eltern in Kontakt stehen, am besten täglich. 80 Prozent aller Studierenden würden den täglichen Kontakt zu den Eltern suchen, sei es persönlich oder über Messenger wie Whatsapp.

Nachhilfe für 60-Grad-Wäsche und Lebensmittelaufbewahrung

Ziemlich ähnlich sieht das mein eigener Freundeskreis: 16 von 20 Kommilitonen, mit denen ich über das Thema sprach, sagten, sie hätten ein gutes bis extrem gutes Verhältnis zu den Eltern, in dem Streitereien quasi nicht existierten. Mehr als zwei Drittel würden sogar ohne Klagen noch einmal mit den Eltern in den Urlaub fahren, und zwar rein um der Familiengemeinschaft willen, gar nicht einmal, um Sonne und Strand kostenlos abzusahnen. Mit studentischer Rebellion scheint das nicht mehr viel gemein zu haben, wovon ich nicht überrascht sein darf - schicke ich doch an vielen Tagen mehrminütige Audios mit meinen Eltern hin und her, meistens über Sachen, die mir bunt in den Sinn kommen ("Du weißt doch bestimmt, ob Goethe eigentlich Kinder hatte?", "Ach, und hör dir noch mal das Reputation-Album an, ich kam jetzt beim zweiten Hören erst richtig in den Flow. Du wirst es lieben!").

Das ist übrigens ein Unterschied zu den Erfahrungen mancher Gleichaltriger, deren Eltern anscheinend gar nicht wüssten, wie sie eine Audionachricht auf Whatsapp aufnehmen sollten. Jedenfalls habe ich mich bislang ganz wohl gefühlt mit dem entspannten Verhältnis zu den Eltern. Die Klassiker-Fragen ("Was muss ich noch mal bei 60 Grad alles waschen?", "Brot soll ja in den Kühlschrank, um länger frisch zu bleiben, oder? - Nein!! - Oh. Und was ist, wenn es da schon mehrere Tage drin liegt?") haben sich im Vergleich zu Semester 1 Gott sei Dank in Alltagswissen aufgelöst und werden in Notfällen der helfenden Hand des Internets überlassen. Die Organisation meines Studiums geht, mit Verlaub, schneller, wenn ich es selbst mache, da meine Eltern bis zum heutigen Tag das System meines Zwei-Fach-Bachelors nicht verstanden zu haben scheinen. Die Prüfungen muss ich leider selbst schreiben - wobei ich mich spaßhalber schon gefragt habe, ob es in einem großen Hörsaal auffallen würde, statt mir einfach meinen Vater reinzusetzen. Und weiser ist es allemal, sich mit den Professoren allein herumzuärgern, als meine Eltern ins Boot zu holen. (Diese Taktik hat damals in der Schule übrigens schon nicht funktioniert, weil sich meine Eltern und Lehrer dann gegen mich verbündet haben.)

Interessanterweise scheint guter Kontakt zu den Eltern aber nicht bei allen Studierenden den gleichen Effekt zu haben. Dozentin Nancy Quittenbaum spricht von einem Anstieg der psychischen Labilität und schnellen Entmutigung der Studierenden. "Als Dozentin führe ich viele Gespräche auf zwischenmenschlicher Ebene, um die Studierenden darin zu bestärken, dass Misserfolge während des Studiums zum persönlichen Wachstum beitragen und dass man sich in Prüfungsphasen mit Disziplin auch mal durchbeißen muss, um erfolgreich zu sein. Solche Gespräche habe ich in den Jahren davor als Dozentin fast nie geführt", sagt Quittenbaum. Ihrer Wahrnehmung nach habe dies schon in den Vor-Corona-Jahren Einzug genommen und sei durch die Pandemie nur noch verstärkt worden. Nicht nur die Lehrenden machten solche Beobachtungen, auch die Sekretariate berichteten von zunehmend unselbständigen Studierenden. "Sie wissen häufig nicht, wie sie sich selbst organisieren sollen, wo sie Informationen finden, und haben eine gewisse Erwartungshaltung, dass die Universität sich schon darum kümmern wird, so wie es die Eltern daheim ja auch tun. Aber eine Universität ist keine Schule", die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten "keine Elternfunktion übernehmen".

Lassen sich diese Beobachtungen von wachsender Unselbständigkeit mit der Pandemie erklären? Damit, dass Studierende durch die Lockdowns zurück nach Hause gedrängt wurden oder gar nicht erst aus dem Elternhaus ausgezogen sind? "Umzüge von Studierenden in Unistädte haben, wie erste Studien zeigen, abgenommen, doch dem können verschiedene Ursachen zugrunde liegen", sagt die Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) Katharina Spieß. So hätten sich vor allem während der Pandemie die Jobchancen für Studierende verringert, ganz zu schweigen von der sozialen Isolation durch Onlinelehre. Bei den Eltern erst mal zu bleiben scheint die logische Schlussfolgerung. "Ob das nur kurzfristig ist, muss sich erst noch zeigen", sagt Spieß, man müsse abwarten, ob die Studierenden mit mehr Präsenzlehre eher wieder aus dem Elternhaus rausgehen. Ein sicherer Indikator für höhere Abhängigkeit von Studierenden von ihren Eltern und daraus resultierende Unselbständigkeit ist das also erst mal nicht.

"Ablösung hat eine bestimmte Funktion in der Entwicklung"

Ob sich die psychische Abhängigkeit junger Erwachsener von ihren Eltern durch die Pandemie tiefgreifend verstärkt hat, ist durch wissenschaftliche Daten ebenfalls nicht nachgewiesen. Frieder Langs Hypothese lautet, dass auch der von Corona betroffene Teil der Generation Z keine großen Änderungen erfahren werde, da das Bedürfnis junger Menschen, ihre Kompetenzen und Qualitäten unabhängig von den Eltern zu entwickeln, tief verankert sei. "Wenn es Daten gibt, die das Gegenteil belegen, würde mich das schon sehr überraschen."

Darüber hinaus ist bekannt, dass rund 80 Prozent aller Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern während des gesamten Lebens intensiv und gut bleiben. "Ablösung hat eine bestimmte Funktion in der Entwicklung, bei der es primär darum geht, das eigene Leben unabhängig von dem der Eltern zu gestalten." Die Unterstützung von Eltern für ihre Kinder, insbesondere die finanzielle Unterstützung, reiche oft bis ins mittlere Erwachsenenalter, wobei es irgendwann auch in die andere Richtung gehe und Kinder ihre gealterten Eltern dann vermehrt unterstützten.

Vor diesem Hintergrund überrascht auch die Tendenz nicht, dass Studierende nach Ende des Studiums dann in ihre Heimatstadt zurückkehren würden, wo noch die Eltern und alte Schulfreunde wohnten, sagt die BiB-Direktorin Katharina Spieß. Abwegig erscheint das nicht: Von den 20 Kommilitonen meines Freundeskreises könnten sich 14 vorstellen, nach Abschluss des Studiums für einige Monate noch einmal nach Hause zurückzukehren. Drei würden sogar gänzlich wieder zurückziehen.

Natürlich gibt es auch immer Kehrseiten. Bei mir persönlich fliegen oft nach drei Tagen Besuch zu Hause die Fetzen zwischen mir und meinen Eltern. Whatsapp ist ein gutes Medium für einen täglichen Austausch mit sicherer Entfernung, aber kaum gegenseitigen Verpflichtungen. Denn wenn ich viel um die Ohren habe, kann es vorkommen, dass ich mich tagelang gar nicht melde und mein Vater dann meine Mitbewohner anruft, um zu fragen, ob ich noch lebe. Eltern einer Freundin von mir, die es gewohnt waren, täglich mit ihr zu telefonieren, haben auch schon mal die Polizei gerufen, als sie rein gar nichts von ihrer Tochter hörten. (Die Beamten haben dann so lange ans Zimmer meiner Freundin geklopft, bis sie aus dem Tiefschlaf erwacht ist, und so für einen äußerst amüsanten Zwischenfall im Wohnheim gesorgt.)

"Kontakt nur so viel, wie man es sich selbst wünscht"

Auch Eltern müssen sich eben daran gewöhnen, dass ihre Schützlinge ihrer Aufsicht im Laufe des Studiums immer weiter entfliehen. Das kann zuweilen dazu führen, dass Dozenten wie Nancy Quittenbaum Väter und Mütter als Helikoptereltern wahrnehmen, wenn sie, juristischen Beistand im Gepäck, über Prüfungsnoten diskutieren wollen. Und die zugehörigen Studierenden als unselbständig. Auf eine generell steigende Unreife unter Generation-Z-Studierenden sollte man trotzdem nicht schließen, mag es in anderen Studiengängen oder Universitäten ganz anders aussehen.

Im Großen und Ganzen bin ich froh, zu meinen Eltern ein gutes Verhältnis zu haben und hin und wieder ein kleines Paket mit Lieblingskeksen und Vitamintabletten zugeschickt zu bekommen, um die Prüfungsphase besser zu überstehen. Für mich und das Gros meiner Freunde hat sich die Kombination aus räumlicher Distanz, aber häufigem Kontakt als tauglich herausgestellt.

"Kontakt nur so viel, wie man es sich selbst wünscht", lautet auch die Empfehlung von Frieder Lang. Wenn man sich den Eltern gegenüber auch noch als Student mitteilungsbedürftig fühlt, ist das also keineswegs unnormal. Und wenn das nicht der Fall ist, ist es ebenso normal. Auch, dass das Eltern-Kind-Verhältnis ein Leben lang intensiv bleibt, wie Frieder Lang es am Ende unseres Gespräches betont, klingt für mich nach einer guten Nachricht, zum Beispiel nach einer Fortsetzung von "The Crown" auf der elterlichen Couch noch für eine ganze Weile.

Franziska Sittig, 21 Jahre alt, ist freie Journalistin und studiert English Studies und VWL an der Universität Heidelberg.

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