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"Viele Studierende sind in suizidale Krisen geraten"

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Die harten Kontaktbeschränkungen sind vorbei, aber ihre psychischen Folgen werden die Studierenden noch jahrelang belasten. Der Psychologe Pablo Paolo Kilian erklärt, wie die Pandemie eine ohnehin schon vulnerable Gruppe aus der Bahn geworfen hat.

Herr Kilian, Sie leiten die psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks Leipzig. Wie ist die Lage mit Blick auf die Corona-Situation aktuell?

Seit der erste Lockdown zu Ende gegangen ist, bekommen wir enorm viele Anfragen. Das ist bis heute so. In normalen Zeiten melden sich im Spätsommer weniger Studierende bei uns als sonst, erst zur Prüfungsphase verlängern sich die Wartezeiten für ein erstes Beratungsgespräch wieder. Das war dieses Jahr nicht so, es gab überhaupt kein Abflachen.

Die Studierenden müssen also ziemlich lange warten, bevor Sie ihnen helfen können?

Zwischendurch waren es drei Monate. Das ist nicht tragbar. Deswegen hat das Studentenwerk reagiert und wir konnten das Team deutlich vergrößern. So haben sich die Wartezeiten von drei Monate auf sechs Wochen reduziert. Wir bieten seit der Pandemie auch mehr Gruppenangebote an, um eine größere Zahl an Menschen unterstützen zu können und sozialer Isolation entgegenzuwirken.

Sie haben in Ihrer Beratungsstelle Hochrechnungen für dieses Jahr gemacht: Fast die Hälfte aller Anfragen hatte mit den Folgen der Pandemie zu tun.

Wir haben uns vor Kurzem im Team noch einmal zusammengesetzt und gesammelt, was für Schwierigkeiten bei den Studierenden in den vergangenen anderthalb Jahren entstanden sind. Im Durchschnitt sind die Anfragen alle ein Stück weiter in Richtung schwere Belastung gerutscht. Es gibt einige Studierende, die ihren sozialen Halt komplett verloren haben. Manche konnten selbst den telefonischen Kontakt zu ihren Eltern nicht mehr aufrechterhalten, weil die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Pandemie zu starke Konflikte im Miteinander erzeugt haben. Das Zusammenleben in WGs hatte auf einmal eine unglaubliche Sprengkraft: Wenn alle vier Mitbewohner eine andere Sicht auf die Pandemie hatten, konnten die verschiedenen Erfahrungen nicht mehr zusammengebracht werden. Auch in Freundeskreisen hat der unterschiedliche Umgang mit den Einschränkungen zu großen Problemen geführt.

Das klingt so, als hätte die Pandemie grundlegend etwas an der psychischen Gesundheit der Studierenden verändert.

Viele derjenigen, die sich bei uns melden, sind vorher ganz gut durchs Leben gegangen. Aber die Corona-Maßnahmen haben dazu geführt, dass sich Eigenschaften verstärkt haben, die bis zu einem gewissen Maße total normal sind. Soziale Ängste zum Beispiel. Personen, die auch sonst eher zurückhaltend sind, haben alle Möglichkeiten verloren, ihre Zurückhaltung zu überwinden und diese Überwindung in Vorlesungen, in Seminaren und auf Partys zu üben. Unsere sozialen Ängste werden größer, wenn wir keine korrigierenden Beziehungserfahrungen haben, und die Schwellen, aus sich raus zu gehen, werden höher, auch wenn es den anderen ganz genauso geht.

Das heißt, für viele Studierende ist es nach drei Corona-Semestern nun deutlich schwieriger, sich auf Kneipentouren und Partys wieder wohlzufühlen?

Ja, genau. Hinzu kommt, dass wegen des Coronavirus generell noch sehr viel Verunsicherung herrscht.

Müssen wir auch davon ausgehen, dass viele Freundesgruppen die Phasen des Lockdowns nicht überlebt haben?

Auch wenn das nie so explizit gesagt wurde: Die Einschränkungen haben eine soziale Triage verlangt. Das hat einige Freundeskreise gespalten und bei den Studierenden teilweise zu Ausgrenzungserfahrungen in massiver Art geführt, die sie ohne Hilfe von außen gar nicht mehr bewältigen konnten. Manche Studierende waren total isoliert.

Als Psychologe warnen Sie aber auch vor dem anderen Extrem.

Vor Beziehungen, die in die Verschmelzung gehen, ja. Bei WGs haben wir das in den vergangenen Monaten relativ häufig erlebt. Da war es erst mal sehr wertvoll, dass die Zusammenwohnenden sich hatten, aber gerade in einer Zweier- oder Dreierkoalition heißt Nähe auch: viel mehr aushalten. Da kam es zum Teil zu symbiotischen Beziehungen, die Trennung zwischen der eigenen und der anderen Person ist manchmal verschwommen, es war dann nicht mehr möglich, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und ihnen nachzugehen. Da kann es bei Menschen, die sonst gut durchs Leben gehen, ganz schön wackelig werden. Studierende, die in solch engen Pandemie-Beziehungen waren, kamen zu uns, motivationslos und niedergeschlagen, mit einer depressiven Symptomatik. Oft spüren sie dann nicht unmittelbar, dass sie Abstand und mehr Autonomie brauchen.

Das klingt sehr ernst.

Sehr. Viele Studierende sind in suizidale Krisen geraten. Auch bei einer Vielzahl derjenigen, die sich jetzt bei uns melden, sind die Krisen existenziell: extreme finanzielle Nöte, gewaltvolle Paarbeziehungen, Nahestehende sind gestorben, von denen sie sich nicht verabschieden konnten.

Was bedeutet das für das neue Semester?

Die Studierenden haben sich ein System geschaffen, mit dem sie in der Pandemie zurechtgekommen sind – auch wenn das oft nur halbwegs funktioniert hat. Viele sind zurück in ihre Heimat gezogen, eine gesunde Ablösung , die ersten Schritte in die Autonomie, fehlen. Das muss jetzt alles wieder aufgebrochen werden. Viele Studierende erleben nun einen massiven Druck, die letzten zwei Jahre aufzuholen. Das, was eigentlich am Anfang eines Studiums hätte stehen sollen, dieses Unbeschwerte, gibt es jetzt nicht mehr. Die Studierenden kommen aus einer schwierigen Phase: Sie sind total erschöpft, aber das Studium ist verkürzt und die junge Generation hat ein sehr leistungsorientiertes Selbstbild. Das Bild des entspannten Studierenden, der um zehn Uhr aufsteht und donnerstags auf Partys geht, ist einfach nicht mehr Realität.

Wie lange wird es dauern, bis sich das wieder eingependelt hat?

Die Pandemie-Zeit schwingt stark nach. Einige haben ihren Job verloren, andere haben ihr Studium nicht geschafft, obwohl sie es längst abschließen wollten. Viele stehen jetzt da und sagen sich: Mein soziales Netzwerk ist ein Scherbenhaufen. Ein paar Jahre wird das mit Sicherheit noch dauern.

Können Sie und Ihr Team diese Langzeit-Belastungen auffangen?

Die Mittel für die neuen Stellen, die in der Pandemie dazugekommen sind, hat das Studentenwerk aus Rücklagen finanziert. Die sind so gut wie aufgebraucht. Auf Bundesebene gab es keinen einzigen Euro an Unterstützung, um die psychosoziale Beratung Studierender in der Corona-Krise abzusichern. Dabei brauchten die sächsischen Studentenwerke 300.000 Euro zusätzlich pro Jahr für 2022 und 2023, um die Nachfrage bedienen und eine Pandemie-Nachsorge gewährleisten zu können. Wir fordern ein Aufholpaket, wie es die Bundesregierung für die Schülerinnen und Schüler aufgesetzt hat. Die Studierenden haben diese Unterstützung genauso verdient.

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