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Konzentration eher so lala

Multitasking, essen, arbeiten, Smartphone [Quelle: unsplash.com, Autor: No Revisions]

Quelle: unsplash.com, No Revisions

Netflixen, telefonieren, durch Insta scrollen – alles gleichzeitig: Die Jungen sind Multitasker, das Singletasking haben sie verlernt. Die Frage ist, was hängen bleibt.

Manchmal stelle ich mir meinen Kopf wie ein Großraumbüro vor. Mit einer gestressten Sekretärin, die von einem Schreibtisch zum nächsten rennt und die entsprechenden Gehirnzellen über meine Vorhaben informiert. Wäsche waschen, parallel Kaffee kochen, Harry Potter hören, Blumen gießen – und dabei immer wieder Nachrichten checken. Dabei wäre es in meinem Kopf doch viel ruhiger, wenn ich einfach eine Sache nach der anderen machen würde. Singletasking statt Multitasking. Aber ist das wirklich besser? 

Multitasking – kann ich das überhaupt?

Der Mythos besagt, dass ich als Frau zu den Auserwählten gehöre. Zu dieser Spezies, die vieles kann – und das auch noch gleichzeitig. Heroisch ist das Gefühl, als ich am frühen Nachmittag auf dem Sofa mit meinem Papa telefoniere, dabei durch meinen Insta-Feed scrolle, eine Maxi-Oreo-Schokolade esse und gleichzeitig versuche, dem Science-Fiction-Film Tenet zu folgen. Ich bin eine Multitasking-Göttin, denke ich, während ich "mhm" sage und dabei zusehe, wie ein Auto rückwärts aus der Zukunft (oder ist das die Vergangenheit?) eine Autobahn entlangfährt. Mein Papa stellt mir eine Frage. "Ähm, sorry, Papa, kannst du das noch mal sagen?" Er seufzt, klingt enttäuscht. Mir wird heiß. Ich schäme mich, dass ich ihm nicht die Aufmerksamkeit schenke, die er verdient. 

Also doch keine auserwählte Spezies. Sondern einfach nur menschlich. "Ein Task ist eine Tätigkeit oder eine Aufgabe, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Dafür haben wir quasi einen Aufmerksamkeitsscheinwerfer", sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. "Und diesen Scheinwerfer können Menschen nicht auf verschiedene Dinge gleichzeitig richten." Höchstens auf zwei sehr leichte oder routinierte Aufgaben wie zum Beispiel Zähneputzen und Podcasthören. Wenn ich denke, dass ich mehrere Dinge gleichzeitig mache, schwenke ich eigentlich nur den Scheinwerfer zwischen den Tasks hin und her. Ein Stroboskopeffekt im Kopf entsteht. "Wir sehen dann nur Ausschnitte der einzelnen Aufgaben. Dadurch ist es schwierig, Zusammenhänge zu erkennen", sagt Beck.

Das Smartphone befriedigt unsere Grundbedürfnisse

Film ab, alle Scheinwerfer sind auf die Wohnzimmerbühne gerichtet. Es ist halb vier nachmittags, als zu Beginn des Films die blonde Wissenschaftlerin dem Protagonisten Munition zeigt, die erst in der Zukunft verwendet wird. Die Schauspielerin kommt mir bekannt vor und ich greife automatisch nach meinem Smartphone. Es sind gerade einmal 13 Minuten vergangen. Google: Schauspieler Tenet. Ich tippe auf den Namen Clémence Poésy. Wikipedia, Filmografie. Ich wusste es! Sie spielt Fleur Delacour in Harry Potter und der Feuerkelch. Gerade sehr präsent in meinem Kopf, weil ich kurz zuvor noch das Hörbuch gehört und dabei Blumen auf dem Balkon gepflanzt habe. Ich merke, dass ich vermutlich gerade einen wichtigen Teil des Films verpasst habe. Ich spule zurück, bin aber ziemlich zufrieden mit mir, weil ich recht hatte. 

Menschen können ihren Aufmerksamkeitsscheinwerfer nicht auf verschiedene Dinge gleichzeitig richten.

Henning Beck, Neurowissenschaftler

"Der Informationstechnologie ist es gelungen, die unmittelbar zentralen Grundbedürfnisse von Menschen zu befriedigen", sagt Peter Vorderer, Psychologe, Soziologe und Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Mannheim. Die drei zentralen Grundbedürfnisse nach der Selbstbestimmungstheorie sind: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Damit lassen sich Handlungen von Menschen motivationspsychologisch erklären. Diese Theorie wendet Vorderer auf die Mediennutzung an: 

Apps wie Instagram oder Facebook sorgen dafür, dass wir uns sozial eingebunden fühlen, weil wir miteinander interagieren können. Das Smartphone gibt uns die Möglichkeit, das Wissen der Welt in der Hosentasche zu tragen und es jederzeit abrufen zu können und uns kompetent zu fühlen. Und die Autonomie, immer und überall sozial eingebunden sein zu können und Wissen abrufen zu können, macht das Smartphone unwiderstehlich. So unwiderstehlich, dass auch Studierende in Vorderers Seminaren am Handy daddeln. 

Dem Smartphone alle Schuld zuzuschieben, stimmt auch nicht

Ich muss ungefähr zwölf gewesen sein, als ich von meinem gesparten Taschengeld mein erstes Smartphone gekauft habe. Ein Samsung mit gelbem Plastikgehäuse um die 75 Euro. Mein Sparbuch hat geblutet, aber ich malte mir in den buntesten Farben aus, wie auch ich auf dem Pausenhof Jason Derulos In My Head von meinem Handy abspielen würde. War das der Tag, an dem ich aufgehört habe, mich auf nur eine Aufgabe konzentrieren zu können? Der Tag, an dem die Vergesslichkeit anfing? Oder mache ich es mir zu leicht, dem Smartphone allein die Schuld dafür zu geben? 

"Es gibt immer mehrere Gründe für eine bestimmte Entwicklung", sagt Vorderer. "Vermutlich haben die bildungspolitischen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte auch ihren Teil dazu beigetragen, die Anforderungen und damit den Zeit- und Leistungsdruck auf die Jüngeren zu erhöhen." Der fing schon in der Schule an: G8 statt G9. An der Uni geht es weiter: die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge. "Dass man in einer solchen Situation versucht, alltägliche Lernsituationen scheinbar zu optimieren, indem man verschiedene Tätigkeiten simultan durchführt, erscheint mir sehr plausibel", sagt Vorderer. Arbeitsmails in der Freizeit lesen, Freizeitvergnügen in den Arbeitspausen planen. Die Grenzen verschiedener Lebensbereiche verschwimmen, die Leistungsgesellschaft erwartet Effizienz. Das Großraumbüro in meinem Kopf bekommt immer mehr Aufgaben.  

Multitasking gibt uns einen kurzen Kick, aber wir leben auf Kosten unserer zukünftigen Zufriedenheit. 

Henning Beck, Neurowissenschaftler

Die Sekretärin in meinem Kopf fängt an, To-do-Listen zu schreiben. Und freut sich, wenn sie neue Aufgaben auf dem Zettel notieren kann. Das Gehirn sehnt sich nach neuen Reizen. Und jedes Mal, wenn eine kleine Aufgabe erledigt wird, wenn eine Mail beantwortet oder eine Story bewertet wurde, belohnt sich die Sekretärin. Es gibt kein besseres Gefühl für sie, als einen fetten Haken hinter eine Aufgabe zu machen. "Unser Gehirn ist immer auf der Suche nach der schnellen und greifbaren Belohnung. Genau diese Belohnung erreichen wir durch kurzfristiges Multitasking, wenn wir parallel Kleinigkeiten erledigen", sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. 

Das Problem ist aber, dass die Sekretärin lieber mehrere und einfachere Aufgaben erledigt – dadurch wird sie kurzfristig glücklicher. Größere Projekte bleiben dabei eher auf der Strecke. "Wir spüren dabei leider nicht, wie wir größere Aufgabenpakete dadurch schlechter erledigen. Multitasking gibt uns einen kurzen Kick, aber wir leben auf Kosten unserer zukünftigen Zufriedenheit", sagt Beck. 

Die Macht der Gewohnheit – literally

Zurück in meinem Wohnzimmer schmieden Robert Pattinson und die zwei anderen einen Plan, um in den Osloer Flughafen einzubrechen. Ich greife wieder wie selbstverständlich nach meinem Smartphone und suche "Robert Pattinson" – der Tennieschwarm meiner Jugend. Google schlägt mir TikTok-Videos zu seinem "side profile" vor. Währenddessen reden die drei Männer über ein Flugzeug und dass die Besatzung über die Rettungsrutsche fliehen soll. Ich tippe auf das TikTok-Video "he has such a good side profile…" und werde zum App Store weitergeleitet. Ich soll mir zuerst die TikTok-App herunterladen. Ich wische die Seite wieder weg. Nein, danke, eine weitere App ertragen die Gehirnzellen im Großraumbüro nicht mehr. Ich habe bereits einen 15-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne-Insta-Story-Kopf und kann mich kaum auf einen Film konzentrieren. 

Jede Generation hat ihr eigenes Medienangebot. Meine Eltern haben in ihrer Jugend Schwarz-weiß-Fernsehen gesehen, mein älterer Bruder auf einem Gameboy gezockt. "Heute hat die jüngere Generation andere Möglichkeiten, um die zentralen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Gerade Jugendliche sind unsicher und brauchen den Austausch, den Vergleich mit anderen, um erwachsen zu werden", sagt Vorderer. Deswegen verbrächten sie auch viel Zeit in den sozialen Medien. Aber eigentlich sei der Großteil der Mediennutzung Gewohnheit. "Sobald sich Gewohnheiten eingeschlichen haben, werden sie auch nicht mehr infrage gestellt. Das heißt nicht, dass die Menschen nicht anders können, aber es gibt keinen Anlass, irgendetwas zu ändern." Aufs Smartphone schauen, Insta öffnen, Twitter überfliegen – alles keine bewussten Entscheidungsprozesse mehr. Meine Gewohnheit verleitet mich dazu, alle paar Minuten mein Display anzutippen. 

Ist die Software oder die Hardware das Problem?

Nach anderthalb Stunden kann ich offiziell verkünden, dass ich dem Film nicht mehr folgen kann. Meine Geduld und die Hälfte der Schokolade sind am Ende. Ich bin sauer auf mich selbst, weil ich nicht mal in Ruhe einen Film gucken kann, ohne auf mein Smartphone zu glotzen. Ich bin enttäuscht, weil meine Konzentrationsfähigkeit offensichtlich erbärmlich ist. Und ich fühle mich schlichtweg blöd, weil ich den Film nicht verstehe. 

Ich scrolle durch meinen Insta-Feed. Story von El Hotzo. Hahaha. Es geht um "Plantsplaining", also Leute, die ihm ungefragt Tipps zu seinen Pflanzen geben. Haha. Wie kommt der Typ immer auf solche Ideen? Ich wäre auch gerne so kreativ. Ha. Wie kann eine Story mir schlechte Laune bereiten, wenn ich sie eigentlich lustig finde? Meine Laune ist am Nullpunkt. Die weibliche Protagonistin Kat wird von ihrem Mann angeschossen und dann in die Vergangenheit gebracht. Ich verstehe gar nichts mehr und widme mich nun endgültig meiner Instagram-Lektüre.

Ablenkung, um sich nicht mit der eigenen Unwissenheit beschäftigen zu müssen. Einer der Gründe, warum Studierende während Vorderers Vorlesung Filme auf ihren iPads schauen oder durch ihren Insta-Feed scrollen. "Damit können sie kompensieren, dass die momentane Situation langweilig ist, nicht schnell genug geht oder sie den Stoff nicht verstehen", sagt Vorderer. Das Paradoxe ist aber, dass die Apps nur kurzfristig glücklicher machen und nur kurzfristig von den unangenehmen Gefühlen wie Einsamkeit oder Unwissenheit ablenken.

Der Abspann verhöhnt mich. Ich habe diesem Film – mit zugegebenermaßen viel Unterbrechung – fast drei Stunden meines Tages gewidmet. Da sollte doch wenigstens eine kurze Zusammenfassung meinerseits drin sein, denke ich. Ein kleiner Selbstversuch. Ich hole meinen Laptop und versuche mich daran zu erinnern, was ich da gerade gesehen habe. Ich scheitere am ersten Satz. Wie heißt der Protagonist, dem ich zweieinhalb Stunden dabei zugeschaut habe, wie er die Welt vor einer Atomkatastrophe rettet? Die Welt wurde gerettet – aber ist mein Kopf verloren?

Das Problem sei nicht unbedingt die Software, also Apps wie TikTok oder Instagram, sondern die Hardware, sagt Neurowissenschaftler Beck. Zwar sind die Apps darauf ausgelegt, die Nutzer:innen so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, aber erst durch das Smartphone haben wir immer und überall Zugang zu eben diesen Apps. Smartphones und Tablets entgrenzen die Nutzung digitaler Angebote von Raum und Zeit. Würde ich Instagram auch so häufig nutzen, wenn es nur auf meinem Laptop installiert wäre? Vermutlich nicht.

Müssen wir wieder Singletasking lernen?

Da hilft nur: Smartphone einfach mal weglegen. Pausen sind wichtig, um Informationen zu verdauen. "Bei der Ernährung brauchen wir auch Pausen. Wenn wir permanent essen würden, würden wir irgendwann platzen. Wenn zu viele Informationen gleichzeitig in zu kurzer Zeit aufgenommen werden, dann nennen wir das nicht platzen, sondern dann sind das moderne Zivilisationskrankheiten." Damit meint Beck das Gefühl, dass die Zeit zu rasen scheint, das Gefühl, das Wichtige nur schwer vom Unwichtigen trennen zu können, das Gefühl, nicht abschalten zu können, und das Gefühl, sich nicht konzentrieren zu können. Ah ja und Vergesslichkeit.

Die Lösung für diese Zivilisationskrankheiten ist jedoch nicht unbedingt das Singletasking. Unser Gehirn ist häufig gar nicht in der Lage, sich stundenlang fokussiert auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Vielmehr sei es sogar eine Stärke des Gehirns, sich ablenken zu lassen, sagt Beck. "Wenn wir in der Lage wären, unsere Aufmerksamkeit wie eine Maschine auf eine Sache zu konzentrieren, dann wären wir nicht besonders kreativ oder anpassungsfähig und wären nicht in der Lage, über den Tellerrand hinaus zu denken. Das zeichnet uns als Menschheit aus." 

Wenn wir in der Lage wären, unsere Aufmerksamkeit wie eine Maschine auf eine Sache zu konzentrieren, dann wären wir nicht besonders kreativ. 

Henning Beck, Neurowissenschaftler

Trotzdem kann Multitasking auch problematisch sein. Wenn Aufgaben nicht mehr zu Ende geführt werden oder wenn zwischenmenschliche Beziehungen darunter leiden. Welche Auswirkungen genau der Medienkonsum und das Multitasking auf die Generation Z hat, kann die Wissenschaft noch nicht mit Sicherheit beantworten. Aber einige spüre ich bereits in meinem inneren Großraumbüro: Mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen zu wollen, stresst, macht fehleranfällig. "Alle Tätigkeiten, die eine eingehende vertiefte kognitive Beschäftigung mit der Materie erfordern, bedürfen einer erhöhten Konzentration. Manchmal auch für mehr als nur ein paar Minuten", sagt Vorderer. Und mehrere Aufgaben parallel zu erledigen, bedeutet immer eine Einschränkung dieser Konzentration. 

Auch der Kopf muss mal durchatmen. Ich kann mir also unter anderem deswegen so wenig merken, weil das Hirn ständig unter Beschuss steht: Storys meiner Freundinnen. Meiner Erzfeind:innen. Meiner Skincare-Bubble. Tweets von El Hotzo. Push-Benachrichtigungen. WhatsApp-Nachrichten von Mama. Von Papa. Telegram-Nachrichten von Freund:innen. Mails. Onlineshopping. Und natürlich die Arbeit. Ein Stroboskop in meinem Kopf. Kein Wunder, dass da manchmal einfach kein Platz mehr für den Namen des Tenet-Protagonisten bleibt. Um aber mein Bedürfnis nach Kompetenz zu befriedigen, habe ich ihn doch noch nachgeschaut: John. Jetzt hat sich mein Kopf aber eine Pause verdient. Und danach rufe ich meinen Papa an – ohne mich von irgendetwas ablenken zu lassen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Ich war gerade so schön am Lernen und "pling" kommt die e-fellows Newsletter-Mail die mich aus dem Konzept bringt.

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