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Mit Vollgas durchs Studium

Sprung, Mann, Spiegel, Wand, Turbostudium [Quelle: Pexels.com, Autor: Juliano Ferreira]

Quelle: Pexels.com, Juliano Ferreira

Für viele Studierende wirkt die Regelstudienzeit wie eine ständige Bedrohung. Andere sehen sie als Einladung zum Wettbewerb. Wie ein Turbo-Studium funktioniert – und was es außer Fleiß kostet.

"Wie oft ich während meines Bachelorstudiums auf einer Party war, das kann ich wahrscheinlich an zwei Händen abzählen", sagt der 29 Jahre alte Sebastian Tideman. Das sei schon etwas peinlich. Er hat im Jahr 2011 begonnen, Betriebswirtschaftslehre an der Uni Bremen zu studieren. Im ersten Semester trieb ihn die Angst an, nicht gut genug für das Studium zu sein, sich ein riesiges Lernpensum aufzuhalsen. Überraschenderweise schrieb er sehr gute Noten. Das stachelte ihn an, noch mehr zu tun. "Die schlechteste Note während meines Bachelorstudiums war eine 1,7", erinnert er sich. Seinen Bachelor schloss er nach nur fünf Semestern mit Bestnoten ab, danach begann er mit einer Sondergenehmigung seine Promotion – und schaffte diese in einer rekordverdächtigen Zeit von unter drei Jahren. Heute ist er Juniorprofessor an der Royal- Holloway-Universität in London.

Für die Mehrheit der Studierenden ist schon die Regelstudienzeit kein erreichbares Ziel: Sie sieht vor, dass in jedem Semester Module im Wert von 30 ECTS-Punkten, kurz Credits, belegt werden, und beträgt im Bachelor meist sechs oder sieben Semester. Nur 38,1 Prozent der Studierenden schlossen im Jahr 2018 ihren Bachelor in der Regelstudienzeit ab, bei den Masterabschlüssen waren es noch weniger.

Schon im Arbeitsleben, bevor die meisten anderen überhaupt erst mit dem Studium beginnen, steht der 19 Jahre alte Benedikt Olf. Er hat noch vor dem Abitur seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an einer Fernuni abgeschlossen und will im kommenden Sommersemester zusätzlich noch einen Bachelor in Wirtschaftsinformatik beenden. Derzeit arbeitet er bei einem Consulting-Unternehmen in Leipzig. In der sechsten Klasse hat Olf damit begonnen, zusätzlich zur Schule erst Kurse in Mathematik bis Abiturniveau und dann Uni-Kurse zu belegen. "Irgendwann habe ich mir dann das Ziel gesetzt, den Bachelor vor dem Abi zu machen", sagt er.

Seine Eltern hätten ihn dabei unterstützt, und mit der Schule sei das gut vereinbar gewesen, nur für Prüfungen habe er freigestellt werden müssen. Auch wenn es viel Arbeit gewesen sei und man in der Freizeit schon Abstriche habe machen müssen, habe ihn sein Ziel vor Augen immer motiviert. Schwierig empfand es Olf, schon so früh zu entscheiden, was er machen will. Bevor er einen Master beginnt, will er darum erst mal etwas Arbeitserfahrung sammeln.

Mehr als zwei Semester in eines gepackt

Die 23 Jahre alte Ruth, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat aus anderen Gründen schnell studiert: Sie finanzierte ihr Physikstudium über ein Stipendium und hatte Angst, dass sie das aufgrund schlechter Noten wieder verlieren könnte. "Bis ins dritte Semester habe ich immer wieder überlegt, einfach hinzuschmeißen", erzählt sie. Gerade die Grundlagenkurse hätte sie oft nicht spannend gefunden. Dann entschied sie, das Studium durchzuziehen, und versuchte gleichzeitig durch mehr Credits pro Semester schlechtere Zensuren zu kompensieren.

Im vierten Semester belegte sie dann Prüfungsleistungen im Umfang von 82 Credits – mehr als 2,5 Mal so viel wie eigentlich vorgesehen. "Ich bin gut im effizienten Lernen", sagt sie. Das Pensum habe ganz gut funktioniert, weil die Prüfungen, die sie aus dem sechsten Semester vorgezogen habe, in der Mitte des Semesters stattfanden und sie so nicht alles auf einmal machen musste. "Das war zwar etwas wahnsinnig, aber mir hat es Spaß gemacht."

Ihr Plan, das Stipendium zu behalten, ging auch auf. Im fünften und sechsten Semester ging Ruth dann ins Ausland und zog dort Prüfungen aus dem Masterstudium vor. Nach vier Jahren ist sie nun mit Bachelor und Master fertig. Die Masterarbeit hat sie im Sommersemester geschrieben und ist froh, dass ihr da die Pandemie keinen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Jetzt bereitet sie ihre Promotion vor. "Einen bisschen stolz macht es mich schon", sagt sie. Es fühle sich gut an, jetzt schon ein Abschlusszeugnis in den Händen zu halten.

Gute Noten sind Nebensache

Auf diesen Moment muss der 22 Jahre alte Erik Gebel noch ein bisschen warten. Er hat vor, in drei statt in fünf Jahren sein Lehramtsstudium in Dresden abzuschließen. Allerdings hatte er davor auch Wirtschaftsingenieurwesen studiert und konnte sich fast ein komplettes Semester anrechnen lassen. "Ich bin des Studierens müde geworden", sagt er. "Vor allem mit Vorlesungen kann ich nicht viel anfangen, das ist mir zu langweilig." Statt viel Zeit darin zu verlieren, bereitet er sich lieber kurz vor den Prüfungen effizient vor. "Man muss aber auch sagen, dass das Niveau im Lehramtsstudium deutlich niedriger ist als davor im Wirtschaftsstudium", sagt er.

Er belegt derzeit zwischen 50 und 70 Credits im Semester, einmal hat er zehn Klausuren in drei Wochen geschrieben und will nächstes Jahr im Sommer fertig sein. Die Noten, die er in Klausuren schreibe, seien dabei nicht besonders gut und ihm auch nicht so wichtig – er setzt lieber auf Effizienz. An Hausarbeiten hingegen habe er mehr Spaß und bekomme dort auch bessere Zensuren. Neben der hohen Arbeitslast habe er aber immer noch Zeit für Freunde und ehrenamtliches Engagement. "Ich habe gerne einen vollen Terminkalender."

Keiner der Studierenden in diesem Text glaubt, dass ihr schnelles Studium oder ihr junges Alter ein Hindernis beim Berufseinstieg sind. "Ich habe bei der Arbeit gar nicht das Gefühl, dass ich deshalb weniger ernst genommen werde", sagt Benedikt Olf. Sebastian Tideman glaubt, dass sein schnelles Studium häufig ein Alleinstellungsmerkmal und ein Vorteil sei: "Jeder glaubt mir, dass ich ehrgeizig bin."

Auch Jörg Wolstein, Professor und Dekan für Psychologie an der Uni Bamberg, sieht das so: "Meistens sind diese Studierenden sehr souverän und selbstbewusst und haben keine großen Probleme", sagt er. Wolstein betont allerdings, dass über die Überflieger-Studierenden nur wenig bekannt sei, vor allem, weil es keine große Gruppe sei und weil sie an der Uni kaum auffielen. In den vergangenen eineinhalb Jahren sei im Psychologiestudium an der Uni Bamberg nur ein einziger Studierender schneller als in der Regelstudienzeit vorgesehen fertig geworden.

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Kommentare (4)

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  1. Anonym

    Krass, einfach nur krass! Ich dachte ich wäre mit meinen 40 ECTs schon oben dabei, aber das motiviert mich sehr!

  2. Anonym

    Krass, einfach nur krass! Ich dachte ich wäre mit meinen 40 ECTs schon oben dabei, aber das motiviert mich sehr!

  3. Anonym

    Sehr spannender Beitrag. Hat hier jemand Erfahrung mit dem Verhältnis mittelmäßige Noten / dafür außerordentlich schnelles Studium im Bereich Jura? Ich habe mein Staatsexamen nach dem 6. Semester (Regelstudienzeit: 11 Semester) mit durchschnittlichem Erfolg abgelegt, und überlege, ob eine Verbesserung nötig ist, oder ob dies bereits aussagekräftig genug ist. Bei Jura geht ja bekanntlich viel über die Note.

  4. Anonym

    Wie Ruth habe ich meinen Bachelor und Master in Physik auch in 4 anstatt den regulären 5 Jahren gemacht; dazu noch ein Zusatzstudium Biophysik. In einem Semester waren es 78 Credits. Ich bin kein "Überflieger" und hatte deshalb nie ein Stipendium, sondern immer 2-3 Nebenjobs parallel. Dass die Leistung oder die Noten unter dem schnelleren Tempo leiden müssten, ist auch ein Mythos; der Master ist trotzdem, oder eher genau deshalb, sehr gut geworden. Schwierigste Hürde war tatsächlich nicht das Studium selbst, sondern den inkompetenten Menschen im Prüfungsamt klarzumachen, dass die Prüfungsordnung es explizit erlaubt, im Bachelor bereits Kurse für den Master abzuschließen und dann erst später anzurechnen.

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