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Moderne Medizin

Papaya, Obst, Frucht [Quelle: unsplash.com, Autor: Debora Cardenas]

Quelle: unsplash.com, Debora Cardenas

An Papayas lernen Medizinstudierende in ihrer Freizeit, wie man Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Denn an der Universität bringt ihnen das niemand bei. Wie kann das sein?

Dieser Text stammt aus der neuen Print-Ausgabe von ZEIT Campus. Es geht um junge Deutsche im Silicon Valley, das erste Jahr von Syrern an deutschen Unis und Zoff mit den Eltern. Jetzt am Kiosk, in vielen Mensen oder direkt bei ZEIT ONLINE kaufen.

Als Anja zum ersten Mal einer Mutter ihr frischgeborenes Baby auf die Brust legte, musste sie aufpassen, dass sie nicht anfängt zu weinen. "Ich finde es so berührend, wenn auf einmal ein neuer Mensch im Raum ist", sagt Anja. Sie ist 28, hat Sommersprossen und weißblondes Haar. Nach ihrem Medizinstudium macht Anja jetzt ihre Facharztausbildung als Gynäkologin in einer Uni-Klinik. Im Kreißsaal redet sie den werdenden Müttern gut zu, assistiert den Ärzten, bringt frische Tücher, untersucht die Neugeborenen. Sie lernt, wie man Babys zur Welt bringt. Aber sie wolle auch etwas anderes lernen, sagt sie: Wie man eine Schwangerschaft abbricht, wenn eine Frau sich gegen das Kind entscheidet. Eigentlich ist das ein selbstverständlicher Bestandteil der Gynäkologenausbildung, könnte man denken. Doch so einfach ist es nicht. Denn Abtreibungen sind immer noch ein hoch umstrittenes Thema. Und das kriegen auch junge Mediziner zu spüren.

Es ist erst wenige Wochen her, da bezeichnete Papst Franziskus Ärzte, die Abtreibungen durchführen, als "Auftragsmörder". Manche anderen Menschen vergleichen auf ihren Internetseiten Schwangerschaftsabbrüche sogar mit dem Holocaust. Anja machen solche Anfeindungen Angst. Ihren echten Namen und Arbeitsplatz möchte sie deshalb in diesem Text nicht preisgeben. "Ich will nicht zur Zielscheibe werden", sagt sie.

Tausende Abtreibungsgegner demonstrieren jedes Jahr in Berlin beim "Marsch für das Leben". Einige von ihnen verteilen Flugblätter vor Praxen und sprechen Frauen an, die sich auf dem Weg zum Arzt befinden. Doch es gibt eine zweite Entwicklung. Eine, die sich im Verborgenen abspielt: Denn offenbar bieten immer weniger Ärzte in Deutschland überhaupt noch Abtreibungen an.

Rund 101.000 Schwangerschaftsabbrüche wurden 2017 durchgeführt, meldet das Statistische Bundesamt (abschließende Zahlen für das Jahr 2018 gibt es noch nicht). Das sind 2,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Bundesländer sind gesetzlich dazu verpflichtet, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. Trotzdem ist die Zahl der Arztpraxen und Kliniken, die Abtreibungen durchführen, seit dem Jahr 2003 um rund 40 Prozent gesunken. Das haben Recherchen des ARD-Magazins Kontraste ergeben.

Im OP-Plan ihrer Klinik finde sie keine Abtreibungen bei ungewollten Schwangerschaften, sagt Anja. "Solche Standard-Eingriffe machen wir an der Uni-Klinik nicht", habe ihr ein Assistenzarzt erklärt. Eine Ausnahme sei nur, wenn ohne diesen Eingriff das Leben der Mutter bedroht sei.

"Als ich das hörte, war ich total perplex", sagt Anja. Denn im Sommer sei der letzte Gynäkologe, der in ihrer Stadt noch Schwangerschaftsabbrüche durchführte, in Rente gegangen. Mitarbeiter von Pro Familia, die Schwangere beraten, bestätigen das auf Anfrage. Sie sprechen von einem medizinischen Versorgungsproblem, das es nicht nur in Anjas Wohnort in Nordrhein-Westfalen gebe, sondern auch anderswo in Deutschland. Zum Beispiel in Niederbayern.

Der Letzte seiner Art

Michael Spandau serviert auf der Terrasse seines Einfamilienhauses am Stadtrand von Passau Espresso in kleinen Glastassen und zündet sich eine Zigarre an. Das Handy legt er vor sich auf den Tisch. "Meine Patientinnen können mich jederzeit anrufen", sagt er. Eigentlich wollte er längst im Ruhestand sein, mit Frau und Hund endlose Sommer im Campingwagen an Kärntner Seen verbringen. Doch Michael Spandau ist der letzte Gynäkologe in Niederbayern, an den sich schwangere Frauen noch wenden können, wenn sie eine Abtreibung wollen. Und deshalb ist er zwar offiziell in Rente, sitzt aber nicht vor seinem Campingwagen am See, sondern arbeitet weiter.

Gäbe es Michael Spandau nicht, müssten Frauen aus der Region 150 Kilometer bis nach München oder Regensburg zum nächsten Arzt fahren. Auch jetzt bekomme er schon Anrufe aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Augsburg. "Für die Patientinnen ist das eine Zumutung", sagt Spandau. Seine eigene Praxis habe er vor acht Jahren verkauft. Aufgrund der Versorgungsnot beschloss er jedoch, als Privatarzt weiterzuarbeiten. "Spätestens mit 67 wollte ich wirklich aufhören", sagt er. Dieses Jahr ist er 70 geworden. Zwar gibt es laut der Landesregierung vier weitere Arztpraxen und Kliniken, die in Niederbayern Abtreibungen durchführen. Doch das Gesundheitsministerium zähle dabei die Ärzte, die eine Zulassung haben – und nicht die, die den Eingriff tatsächlich durchführen, sagt Thoralf Fricke von Pro Familia in Passau. Also landen die Frauen am Ende doch auf dem Untersuchungsstuhl von Michael Spandau. Pro Jahr führe er etwa 300 Abtreibungen durch, sagt er, an manchen Tagen habe er bis zu zehn Operationen.

Michael Spandau begann sein Medizinstudium im Jahr 1968. Damals drohten Frauen und Ärzten Gefängnisstrafen, wenn sie eine Schwangerschaft abbrachen. Spandau erzählt, er habe damals Frauen erlebt, die aus Not versucht hätten, mit heißen Stricknadeln oder Seifenlauge selbst abzutreiben, und die mit schweren Verletzungen im Krankenhaus landeten. "Für mich war klar, dass ich als Gynäkologe den Frauen helfen muss", sagt er.

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    In der Theorie wird ja auch gelehrt wie eine Abtreibung funktioniert, dazu braucht man keine Papayas. Und die Theorie reicht eben auch völlig aus, es muss eben einfach nicht jeder können, genauso wenig, wie jeder eine Whipple-OP können muss. Bei uns in Leipzig ist die Lehre nicht eingeschränkt, abgesehen eben vom praktischen Aspekt. Und zum Thema Weiterbildung meinte ich eher folgendes: Auch in den meisten anderen Fächern muss man sich selbst darum kümmern die nötigen praktischen Fähigkeiten zu erlernen und seinen Katalog abzuarbeiten, das ist nicht nur in der Gynäkologie so! Und man muss auch nicht selten eben die Weiterbildungsstelle wechseln, um alles zu lernen. Und ja, natürlich ist schlechte Lehre in der Weiterbildung ein Skandal! Aber eben in jedem Fach und nicht nur in der Gynäkologie, weil Abtreibungen so ein kontroverses Thema sind, über dass sich Leser gern aufregen,obwohl es sie meist nicht betrifft. Was mich am Artikel stört ist der Fokus und der Eindruck, den er hinterlässt. Leser werden hier durch einseitige Berichterstattung beeinflusst. Das Studium hat noch tausend andere Mängel, die ich gern behoben sehen würde, bevor ich bemängele, dass einem niemand am Modell eine Abtreibung erklärt. Wir haben auch kein Modell für Lumbalpunktionen, Thoraxdrainagen, Appendektomien etc. Wir untersuchen im gesamten Studium vielleicht 3 Frauen vaginal oder schauen dabei zu - wenn wir Glück haben. Es wäre einfach unverhältnismäßig bei dieser Lehrsituation den Fokus mehr auf Abtreibungen zu legen.

  2. Anonym

    Ich habe den Artikel jetzt nicht so verstanden, als wäre die Forderung, dass jeder Student eine Abtreibung durchführen können müsste. Und nur weil ein Student in der Ausbildung einen Eingriff nicht am Patienten durchführen dürfte, ist es nicht illegal ihm diesen z.B. am Modell beizubringen. Abtreibungen sind Bestandteil der Gynäkologie und als solcher sollten sie auch im Studium gelehrt werden. Eine Whipple-Operation ist auch Teil der Weiterbildung zum Viszeralchirurg. Trotzdem musste ich im Studium lernen wie diese Operation (in der Theorie) funktioniert. Die Entscheidung ob ich als Gynäkologe am Ende Abtreibungen durchführe oder nicht, bleibt jeder Person selbst überlassen. Die Uni sollte diese Entscheidung nicht für ihre Studenten treffen, in dem sie die Lehre einschränkt. Und zuletzt: schlechte Lehre in der Weiterbildung in der Gynäkologie ist aus meiner Sicht erst Recht ein Skandal, wenn sie kein Einzelfall ist.

  3. Anonym

    Schon wieder dieser furchtbare Artikel, von dem hauptsächlich hängenbleibt, dass Medizinstudenten in der Uni lernen sollten, wie man abtreibt... Ich wäre froh, wenn wir andere praktische Dinge lernen würden, die man nicht nur in einem Fachbereich benötigt und bei denen es auch legal ist diese nicht-ärztlichem Personal bereits beizubringen. Abtreibungen sind Bestandteil der Ausbildung zum Facharzt/-ärztin für Gynäkologie und haben im Studium nichts zu suchen (die fehlende Lehre in der Facharztausbildung wird immerhin im Artikel auch thematisiert, auch hier ist die Gynäkologie mit schlechter Lehre und dass man sich selbst kümmern muss längst nicht so ein Einzelfall und Skandal wie hier dargestellt).

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