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Lukrative Warteschleife

Frau Businesskleidung Tafel Schreibend [Quelle: Pexels.com, Autor: Christina Morillo]

Quelle: Pexels.com, Christina Morillo

Aus- und Weiterbildung sind eine Investition. Ihren Kosten stehen Einkommensvorteile gegenüber. Exklusive Zahlen zeigen, wie hoch diese sein können – und dass sich nicht jeder Abschluss rechnet.

Vielleicht wäre das Leben leichter, wenn an jeder Entscheidung ein Preisschild hinge. Noah Fischer* zum Beispiel, Ende 20, hätte dann nach seinem BWL-Masterstudium gewusst, woran er ist. Zwei Optionen standen zur Wahl: Er konnte direkt als Finanzanalyst arbeiten, mit über 50.000 Euro Jahresgehalt. Oder den Berufsstart hinausschieben, erst noch einen Doktor dranhängen – und im Gegenzug für voraussichtlich drei Jahre Gehaltsverzicht im Anschluss mehr verdienen.

Fischer wägte lange ab, stellte Vor- und Nachteile gegenüber. Am Ende entschied er sich für den Doktor. Und habe dabei viel mehr gelernt, sagt Fischer.

Doch war die Entscheidung auch finanziell richtig? Aus- und Weiterbildung ist nicht nur eine Frage der Persönlichkeitsbildung, des Aufbaus eines Wissensschatzes. Sie ist auch eine knallharte Investitionsentscheidung. Manchmal sind Kosten direkt sichtbar, etwa beim teuren MBA an einer Top-Business-School. An der Harvard Business School etwa werden über 70.000 Dollar Studiengebühr pro Jahr fällig. Oft aber sind die Kosten versteckt, stellen wie beim BWLer Fischer eher einen temporären Gehaltsverzicht dar.

Das fühlt sich nicht immer gut an. Wer sich mit Mitte 20 durchs vierte Mastersemester quält, immer noch in der ranzigen Sechser-WG wohnt und am Monatsende Spaghetti mit Ketchup isst, weil das Geld nicht reicht, schaut neidisch auf Bekannte, die nach einer Ausbildung schon jahrelang arbeiten, sich Auto, Designermöbel und eigene Wohnung leisten.

Die gute Nachricht: Geduld lohnt sich. Beim längerfristigen Vergleich von Aufwand und Ertrag ist Bildung fast immer eine rentable Investition. "Stellen für Akademiker werden grundsätzlich höher vergütet, da sie komplexer sind und häufig Personal- und Umsatzverantwortung beinhalten", sagt Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de. Die Plattform, hinter der die Onlinejobbörse Stepstone steht, betreibt eine der größten Gehaltsdatenbanken in Deutschland. Deren einzigartige Daten und die Analyse vieler Bildungs- und Berufslaufbahnen führen ein Stück näher zur Antwort auf die gerade Berufseinsteiger bewegende Frage: Was rechnet sich – und was nicht?

Klar ist: Nicht jeder akademische Grad und schon gar nicht jede Fortbildung führt automatisch zu mehr Gehalt. Martin Ehlert vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung hat sich in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Nutzen von Weiterbildung in Deutschland auseinandergesetzt. Sein Ergebnis: Bei nonformalen Weiterbildungen, also all jenen, die nicht mit einem Zertifikat oder Bildungsabschluss enden, sind die darauffolgenden Einkommenserträge "klein bis nicht vorhanden". "Es würde ja auch niemand zu seinem Chef gehen und sagen, er hätte gerne 100 Euro mehr, weil er einen einwöchigen Excel-Kurs gemacht hat", sagt Ehlert.

Je früher, desto besser

Entmutigen will Ehlert mit seinen Studienergebnissen aber keineswegs. "Die sagen ja nur aus, dass Weiterbildungen im Durchschnitt nicht das Einkommen steigern," sagt er. Bei Einzelpersonen könnten Weiterbildungen sehr wohl für den "Karriereboost" sorgen.

Klar ist auch: Finanzielle Motive stehen bei der Bildung nicht immer im Vordergrund. Doch manchmal kann das Wissen über lohnende Bildung helfen, auch eine zähe Ausbildung durchzustehen. Schon mit 35 Jahren haben Akademiker im Schnitt Nichtakademiker finanziell eingeholt – und hängen sie dann oft deutlich ab. Auch später im Berufsleben rechnen sich Fort- und Weiterbildungen meist noch. Allerdings gilt die Faustregel: Je jünger man ist, desto mehr zahlt sich die Investition aus. Bei einer längeren verbleibenden Lebenszeit können Gehaltszuwächse die Kosten leichter ausgleichen.

Nicht nur beim laufenden Gehalt, sondern auch beim Vermögen gibt es Unterschiede. Sichtbar werden die, wenn die lebenslangen Ersparnisse – finanziert aus den Nettogehältern nach Steuern und Sozialabgaben – analysiert werden. BWLer Fischer zum Beispiel kann durch den zusätzlichen Doktortitel bis zum Renteneintritt im besten Fall eine halbe Million mehr an Vermögen aufbauen, als wenn er direkt in den Job eingestiegen wäre. Sein anfänglicher Gehaltsvorsprung von 25.000 Euro dank Doktortitel bietet ihm den Raum, jeden Monat mehr Geld anzulegen

Der zweite Bildungsweg

Dass er einmal Architekt werden wollte, wusste Lukas Großmann schon als kleiner Junge. Als er mit 15 den Realschulabschluss in der Tasche hatte, hat er aber erst mal keinen Bock mehr auf Schule: Viele Fächer interessieren ihn nicht. Also entscheidet er sich für eine Ausbildung zum Bauzeichner.

Eine teure Fehlentscheidung? Forschung und Studien zeigen, dass sich jedes Jahr mehr an Schulbildung auszahlt. Um bis zu zehn Prozent steige das Lebenseinkommen pro Schuljahr, rechnet Ludger Wößmann vom ifo Zentrum für Bildungsökonomie vor. Seine Forschung interessiert gerade jetzt in der Krise, mit Homeschooling und Distanzlernen: Laut Wößmann kostet ein verlorenes Schuljahr die Schülerinnen und Schüler drei bis vier Prozent ihres Lebenseinkommens.

Gut also, dass Bauzeichner Großmann seinen Bildungsweg später verlängert hat. Drei Jahre Ausbildung bestärken ihn in seinem Berufswunsch: Architekt. Also rafft er sich auf und macht sein Abitur nach. Mit 23 studiert er jetzt im ersten Mastersemester am Karlsruher Institut für Technologie.

Seine Investition? Insgesamt sechs Jahre für Fachabi, Bachelor und Masterstudium. Als Bauzeichner hätte er in dieser Zeit mit 27.600 Euro Jahresgehalt kalkulieren können. Kurzfristig rechnet sich die Entscheidung also nicht. Als Architekt wird er dafür mit etwa 30 Prozent mehr Gehalt starten, zeigen die Daten von Gehalt.de. Schon mit 38 könnte er sein Alter Ego mit einem Lebenseinkommen von knapp 588.000 Euro überholt haben. Bis zur Rente hätte er als Architekt im Schnitt 2,05 Millionen Euro verdient – als Bauzeichner wären es nur 1,54 Millionen Euro gewesen.

Mit eingerechnet werden muss allerdings auch die Verzinsung des verdienten und im Idealfall angesparten Geldes. Ein Blick auf den Anlagespielraum nach Steuern und Sozialabgaben zeigt: Weil Bauzeichner vier Jahre früher Geld verdienen und sparen, können sie bei angenommenen sechs Prozent Anlagerendite, etwa mit einem Aktienfondssparplan, zumindest ähnlich viel Vermögen aufbauen wie Architekten. Zum Renteneintritt läge ihr Vermögensrückstand gegenüber Architekten nur bei 6.000 Euro.

Was Bildung alles ändern kann

Vorsprung durch Bildung

Die Unterschiede zwischen Angestellten und Akademikern beim lebenslangen Einkommen sind häufig groß. Gehalt.de hat dazu die Datensätze seiner Nutzer anonymisiert ausgewertet und verglichen. Schon allein der simple Vergleich von Akademikern und Nichtakademikern zeigt: Wer nicht studiert, hat mit 66 im Schnitt insgesamt 1,82 Millionen Euro verdient. Akademiker hingegen kommen zum Renteneintritt auf durchschnittlich gut 2,85 Millionen Euro Lebenseinkommen. Investieren beide Gruppen ihr Einkommen ab dem ersten Gehalt in einen ETF-Sparplan, wächst das Vermögen von Akademikern bis zum 67. Geburtstag auf knapp 770.000 Euro an – bei Nichtakademikern, die zwar früher vom Zinseszinseffekt profitieren können, aber auf lange Sicht deutlich weniger Geld sparen, sind es 150.000 Euro weniger.

Auch ein umfassendes Studium zahlt sich aus, wie der Vergleich von Master- und Bachelorstudenten zeigt. Mit 40 haben Masterabsolventen ihre Kollegen mit Bachelorabschluss beim Lebenseinkommen überholt, zum Renteneintritt haben sie dann gut 300.000 Euro mehr verdient als diejenigen, die im Bachelor mindestens zwei Jahre kürzer studiert haben.

Über die verschiedenen Berufsfelder hinweg aber ergeben sich starke Unterschiede. Nichtakademiker in technischen Jobs können deutlich mehr verdienen als Studierte in schlecht bezahlten Berufen.

So hat Gehalt.de erhoben, dass in der Logistikbranche ein studierter Chef, der früh Personalverantwortung übernimmt, bis zur Rente bis zu 3,9 Millionen Euro Einkommen erzielen kann. Key-Account-Manager können mit einer bloßen Ausbildung auf 3,1 Millionen Euro kommen. Erzieher in der Kinderbetreuung hingegen schaffen bis zur Rente ein Lebenseinkommen von lediglich 1,6 Millionen Euro – in diesem Beruf arbeiten mittlerweile auch viele Akademiker.

Lebenslanges Lernen

"Bestanden, :-). #weiterbildung, #socialmedia, #certified" – mit diesen Worten teilt Jasmin Leutner stolz ihr neuestes errungenes Zertifikat auf der Karriereplattform LinkedIn. Nach der Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie vor sieben Jahren die Fortbildung zur Marketingfachkauffrau gemacht. Vor wenigen Wochen absolvierte sie eine von der Industrie- und Handelskammer zertifizierte Weiterbildung zur Social-Media-Managerin – und postete das Ergebnis auf LinkedIn. Zeitaufwand: 100 Stunden. Kosten: 1.800 Euro aus eigener Tasche. Leutner muss agil bleiben. Bisher hat die 30-Jährige jedes Jahr über 50 internationale Messen und Kongresse für ihre Maschinenbaufirma organisiert. An eine schnelle Erholung im von Corona lahmgelegten Messegeschäft glaubt sie nicht. Deshalb legt sie in Sachen Weiterbildung noch nach: Als Nächstes steht ein Onlinefernstudium im Bereich Grafikdesign an. Bis zu sechs Monate dauert das in Vollzeit und kostet noch mal 1.800 Euro.

Leutner hofft dabei weniger auf Gehaltsvorteile, als auf mehr Job- und Einkommenssicherheit. Ihr Hintergedanke: Irgendwie muss man ja am Ball bleiben, gerade weil "die meisten Unternehmen von Leuten im Marketing heutzutage ein breites Know-how von Social Media über Grafikdesign bis hin zu Pressearbeit erwarten".

Leutners Weiterbildungsformate sind klassisch. Sie setzt auf einen formalen oder zertifizierten Abschluss, wie den zur Fachkauffrau oder den von der IHK zertifizierten Lehrgang im Bereich der sozialen Medien. Auch solche Weiterbildungen können aber durchaus Einkommenseffekte auslösen. So verdient ein Meister, Fachwirt oder Betriebswirt laut Zahlen von Gehalt.de bis zu seinem Lebensende 2,05 Millionen Euro. Ist hingegen nur eine Berufsausbildung der höchste Abschluss, liegt der Verdienst bis zum Renteneintritt im Schnitt nur bei 1,64 Millionen Euro.

Andere Arten der Weiterbildung sind weniger übersichtlich und schwieriger zu fassen. Da gibt es einwöchige Office-Kurse, Grundlagen der Programmierung, die am Wochenende in zwölf Stunden herunterdekliniert werden oder den vierwöchigen Onlinelehrgang zum Konfliktmanagement. Wer sich weiterbildet, kann eine neue Sprache lernen oder sein Wissen aus Büchern oder Podcasts ziehen. Ganz breit interpretiert sind auch Fitnessstudio, Friseur oder Klangschalentherapie Investitionen in Humankapital – selbst eine Weinprobe lohnt sich für den, der den zukünftigen Job vielleicht beim Fachsimpeln über die besten Weine bekommt.

Verzerrt werden kann jede Rechnung über den Wert von Weiterbildung auch durch den menschlichen Faktor: Menschen, die Weiterbildungen machen, sind oft von vornerein mehr motiviert und lernbereit als solche, die kein Interesse an der Fortbildung haben. Auf vom Unternehmen organisierte Weiterbildungen im Job schicken Chefs Mitarbeiter oft in der Absicht, sie anschließend befördern zu können. Die Weiterbildung begleitet dann zwar die Gehaltserhöhung, hat sie aber gar nicht wirklich ausgelöst.

Eine der wenigen Studien, die die finanziellen Auswirkungen von beruflichen Weiterbildungen klar beziffert, ist 2008 erschienen und nutzt 20 Jahre alte Daten. Damals lag die Weiterbildungsrendite im Osten bei sechs Prozent und im Westen bei zwei Prozent.

Vor allem Personen mit niedrigerem Bildungsabschluss konnten finanziell von Weiterbildungen profitieren: Hauptschulabsolventen konnten ihr Einkommen um sechs Prozent steigern, die mit mittlerer Reife um drei Prozent, Abiturienten noch weniger. "In vielen Berufen – in der Wissenschaft, bei Beratern oder Journalisten – steht die Weiterbildung quasi schon in der Jobbeschreibung", sagt Sozialforscher Ehlert dazu. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass Weiterbildungen dort keinen Effekt aufs Einkommen hätten, sondern die Position nur stabilisierten.

Außerdem zeigte die Studie, dass im Westen vor allem Jüngere zwischen 20 und 44 von Weiterbildungen profitierten. Obwohl die Daten wegen ihres Alters mit Vorsicht zu betrachten sind, unterstreichen sie doch, was Mikroökonom Sebastian Ebert von der Frankfurt School of Finance, wie er selbst sagt, "salopp" formuliert: "In den Zwanzigern lohnt sich die Investition in die eigene Weiterbildung fast immer." Irgendwann erreiche man dann aber den Punkt, wo man abwägen müsse, ob sich die Investition ins Humankapital noch rechne. Zumindest, wenn man die Weiterbildung rein finanziell betrachtet.

Finanz-Honorarberaterin Stefanie Kühn hält formale Bildungsabschlüsse und Zertifikate vor allem im jungen Alter für beruflich wichtig. "Je älter man wird, desto mehr zählt dann die Berufserfahrung." In einer Erhebung zur beruflichen Weiterbildung in Deutschland von 2016 gaben übrigens nur drei Prozent der Befragten an, dass für sie der größte Nutzen der Weiterbildung in einem höheren Gehalt läge. Ein großer Teil wollte vor allem aus persönlichem Interesse Wissen erweitern. "Es muss ja nicht für alles einen monetären Return geben", sagt Honorarberaterin Kühn.

Und manchmal kann Weiterbildung auch sinnvoll sein, um Zeit zu gewinnen – etwa in Krisenzeiten. "Leute, die während einer Rezession ihren Studienabschluss erlangen, haben über Jahrzehnte hinweg Nachteile, weil sie schlechter bezahlt starten, als eigentlich zu erwarten wäre", sagt Ingo Isphording, der in Bonn zur Zukunft der Arbeit forscht. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen: in Weiterbildung investieren. In Lockdown-Zeiten oft nicht das schlechteste Argument.

*Name durch die Redaktion geändert

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