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Jeder kämpft für sich allein

Studentin, Bücher, Stapel [Quelle: Fotolia.com, Autor: olly]

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An der Uni und im Job sorgt jeder erst mal für sich. Lohnt es sich trotzdem, sich zu verbünden? Oder sind dafür alle zu egoistisch?

Studenten sind eine Macht. Kein Witz: Sie können Wahlen entscheiden, Politiker stürzen und die Zukunft des Landes mitbestimmen. Sie können entscheiden, wie sie arbeiten wollen und zu welchem Gehalt. Sie können ihre Interessen durchsetzen, ohne Kompromisse. Das schöne Leben fordern? Studenten können das.

Der Grund dafür ist eine Zahl: 2.694.579. So viele Studenten zählte das Statistische Bundesamt im vergangenen Wintersemester. Wenn man dazu noch die Hunderttausende akademischer Berufsanfänger der letzten zwei, drei Jahre rechnet, ergibt das unterm Strich eine der größten Interessengruppen in Deutschland.

Studenten und Berufseinsteiger sind zusammen mehr Leute, als in den größten deutschen Gewerkschaften mitmachen. Mehr, als sich in den Arbeitgeber- und Industrieverbänden engagieren. Mehr, als es in Deutschland Arbeitslose oder Millionäre gibt. Mehr als alle Mitglieder aller Parteien zusammengerechnet. Studenten sind also eine Macht. Wieso empfinden sich trotzdem viele als Einzelkämpfer?

Der deutsche Student

Der deutsche Student ist 24 Jahre alt, männlich und in einer festen Beziehung. Er macht gerade den Bachelor und wird es wohl nicht mehr schaffen, ein Auslandssemester einzuschieben, wobei ihn Großbritannien schon reizen würde. Er wurde in Deutschland geboren, und zwar von Eltern, die auch studierten und auch hier geboren wurden. Von ihnen kriegt er sein Geld zum Leben. Zusätzlich jobbt er, weil er "sich etwas leisten will", wie er sagt. Wofür kämpft er? Für gar nichts.

Denn "den deutschen Studenten" gibt es nicht. Er ist eine Fiktion, zusammengebastelt aus den Durchschnittswerten und Wahrscheinlichkeiten, die in der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks stehen. Diese Studie ist repräsentativ. Doch die rund 2,7 Millionen Menschen, die sich hinter den Durchschnittswerten verbergen, könnten in vielen Dingen nicht unterschiedlicher sein.

Manche stressen sich, um für die Semesterferien das Traumpraktikum zu bekommen. Andere müssen zusehen, dass sie über den Sommer genug verdienen, damit für die nächsten Monate Geld übrig bleibt. Die einen werden sich fragen, wie sie nach ihrem Abschluss im Großkonzern nicht untergehen. Die anderen, was prekäre Arbeitsbedingungen mit ihnen machen.

Was viele teilen, ist das Gefühl: Die anderen in meinem Seminar sind meine Konkurrenten. Erst konkurriert man mit ihnen um Studienplätze, dann um Noten und schließlich um Jobs. Rund jeder Fünfte sagt, Konkurrenz sei ein großes Problem an seiner Uni. Das hat der Studierendensurvey der Uni Konstanz ergeben.

Mit seinen Konkurrenten schließt man sich nicht zusammen. Es gebe eine "Zurückhaltung der Studierenden gegenüber Verbindlichkeiten und organisatorischen, dauerhaften Zugehörigkeiten", heißt es im Studierendensurvey. Und deshalb muss sich vor einer der größten Interessengruppen niemand fürchten. Keine Partei, kein Politiker und auch kein Arbeitgeber.

Vor- und Nachteile des Netz-Aktivismus

Auf Augenhöhe mit dem Chef

Das ist auch gar nicht mehr nötig, sagt Tamara Frast. Sie redet nicht von Organisationen, Verbindlichkeiten und Furcht. Sondern von produktiven Zwiegesprächen. "Augenhöhe" ist ein Wort, das sie gerne verwendet. So wie in dem Satz: "Chefs und Mitarbeiter begegnen sich heute auf Augenhöhe." Frast arbeitet bei Kununu, einer Bewertungswebsite, auf der Arbeitgeber von ihren Angestellten kritisiert werden. Jeder dritte Bewerber informiert sich auf Bewertungsportalen im Internet über Arbeitgeber, das ergab eine Bitkom-Studie im Oktober. Kununu ist das größte dieser Portale. "Auf Kununu kann ich eine Meinung vor einem Millionenpublikum darstellen", sagt Frast. "Sämtliche Sachen, die im Argen liegen, werden auf diese Weise angesprochen, nichts bleibt verdeckt. Da muss man als Chef durchatmen und sich dann der Kritik stellen." Was Frast beschreibt, ist ein Beispiel für das politische Versprechen des Internets. Die Idee, dass keine Organisationen mehr nötig sind, keine Absprachen mit anderen und kaum Anstrengung, um Dinge zu verändern. Manchmal klappt das.

Neulich zum Beispiel, in einem Unternehmen in der Nähe von Wien: gute Arbeit, gute Bezahlung, guter Umgangston. Nichts, worüber die Mitarbeiter sich beschweren würden. Nur dass es keine Kantine gab, fanden viele doof. Das Unternehmen lag außerhalb, weit weg von den guten Mittagstischangeboten der Innenstadt. Die Mitarbeiter mussten sich zu Hause Brote schmieren und zur Arbeit mitnehmen. Dem Chef war das bis dahin nicht aufgefallen, oder er hatte es nicht für ein Problem gehalten. Aber als sich bei Kununu die Rezensionen häuften, die diesen Punkt beklagten, habe er eingelenkt. Jetzt habe die Firma eine Kantine, sagt Tamara Frast. Ganz ohne Streiks und Umsatzeinbußen. Happy End.

Dass Netz-Aktivismus so schnell und unkompliziert ist, hat jedoch auch eine Kehrseite. Nie war es so leicht wie heute, einen Sturm der Empörung loszutreten. Aber mancher, der mit einem Shitstorm etwas Grundsätzliches verändern wollte, merkte, dass die Empörung im Netz auch schnell wieder verpuffte. Zum Beispiel, wenn es um Probleme geht, die alle in der Branche betreffen und für die sich deshalb nicht einfach ein Schuldiger brandmarken lässt. Oder um gesetzliche Rahmenbedingungen, hinter denen sich Betriebe verstecken können. Und oft ist das gerade bei den Themen der Fall, bei denen es um mehr geht als um belegte Brote (siehe die Fallbeispiele Wer sich wehrt).

Was aber bleibt, wenn alle verschieden sind und der Einzelne nur wenig ausrichten kann? Vielleicht hilft Pragmatismus: Um gemeinsam zu kämpfen, muss man sich nicht in jeder Hinsicht ähnlich sein. Man muss nur ein gemeinsames Anliegen erkennen. So wie Jan Duscheck und die Mitarbeiter der Uni-Klinik Leipzig.

Die Emotionen kochen hoch

Bei seinem ersten Arbeitskampf war Jan Duscheck gerade 20. Er arbeitete als Kinderkrankenpfleger an der Uni-Klinik Leipzig, als er merkte, dass einige seiner Kollegen mehr verdienten als er. Viel mehr. "Ich habe auf Station dasselbe gemacht wie meine Kollegin", sagt Duscheck. Aber sie habe ein Drittel mehr Gehalt bekommen.

Rund 3.800 Mitarbeiter hat die Uni-Klinik Leipzig heute, dazu kommen 3.000 Medizinstudenten und Hunderte Auszubildende. Ein gigantischer Apparat mit vielen unterschiedlichen Abteilungen, in denen man sich als Einzelner klein und unbedeutend fühlen kann. Aber: Es ist auch ein Unternehmen, in dem es Tausende potenzielle Verbündete gibt.

Als Jan Duscheck mit seinen Kollegen sprach, wurde klar, dass anderen die ungleiche Bezahlung auch aufgefallen war. Es stellte sich heraus, dass vor allem Berufseinsteiger betroffen waren, für die der alte Tarifvertrag nicht mehr galt. "Es gab große Aufregung in der Belegschaft", sagt er, "da kochten die Emotionen hoch."

Die Klinik-Angestellten taten, was dort bis dahin noch nie passiert war: Sie verbündeten sich, ließen sich beraten von Leuten, die sich mit Arbeitskämpfen auskannten, formulierten Forderungen, stellten ihre Chefs gemeinsam zur Rede und verlangten mehr Geld. Dann passierte: nichts.

Jan Duscheck ist heute 30, inzwischen hat er den Arbeitskampf zu seinem Beruf gemacht. Dafür opferte er sogar sein Studium der Gesundheitsökonomie, für das er sich zwischenzeitig eingeschrieben hatte. Duscheck ist heute zuständig für die jungen Mitglieder bei ver.di, einer Gewerkschaft, in der sich Friseure und Krankenpfleger zusammengeschlossen haben, aber auch akademische Berufsgruppen wie Wirtschaftsprüfer und Wissenschaftler.

Duscheck erzählt, dass es häufig so läuft wie damals in der Uni-Klinik. Hinzu kommen die Anfeindungen, die in den letzten Monaten zugenommen haben, im Zuge der Bahn-, Piloten- und Kitastreiks: Wer streikt, gilt schnell als egoistisch, egal, welche Ziele er verfolgt. Das muss man aushalten können. Duscheck sagt: "Es gibt immer einige, die abspringen, weil sie enttäuscht sind oder sich nicht zutrauen, lange Konflikte durchzuhalten."

Noch drastischer formulierte es Gabriel Winant, der Geschichte studiert und eine Studentengewerkschaft in den USA leitet. "Es gibt keine Chance, dass wir irgendeinen Sieg der Gerechtigkeit erzielen, ohne zuvor gewaltige Unannehmlichkeiten zu erzeugen", schrieb Winant neulich in der Zeitschrift n+1. "Und zwar in erster Linie Unannehmlichkeiten für uns selbst."

Doch zumindest manche, die durchhalten, merken irgendwann: Es lohnt sich.

Die "Verfasste Studierendenschaft" vertritt Studierende

Ein kleines Stück Papier

Der Sieg ist zu erkennen an einem kleinen Stück Papier. Jahrelang haben Isabella Albert und ihre Mitstreiter dafür gekämpft. Jetzt klebt es außen an der Pforte eines der Institutsgebäude der Uni Heidelberg, etwas behelfsmäßig und leicht zu übersehen. Auf dem Papier stehen die Worte des Triumphes: "Verfasste Studierendenschaft".

Isabella Albert ist 27 und so etwas wie die Cheflobbyistin der Studenten. Sie ist eingeschrieben an der FH Aachen, doch ihr Studium liegt auf Eis, seit sie im Vorstand des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (FZS) ist, des Dachverbands der Hochschulvertretungen.

Statt sich um ihre Karriere als Ingenieurin zu kümmern, spricht sie in Landtagen, liest Gesetzestexte und ist bis 22 Uhr auf ihrem Diensthandy erreichbar. Den letzten Urlaub hatte sie Ostern, "ein paar Tage", sagt sie, das letzte freie Wochenende? Schwer zu sagen. Die Wochenenden sind ihre Hauptarbeitszeit. Das Problem ist nur: Kaum einen interessiert das. Wenn Studentenvertreter gewählt werden, liegt die Wahlbeteiligung an vielen Unis oft im einstelligen Bereich. Und vom FZS haben die meisten noch nie gehört, egal, wie sehr sich Albert und ihre Kollegen aufreiben.

Wenn man sie fragt, warum es sich trotzdem zu kämpfen lohnt, spricht sie vom Zettel draußen an der Pforte. Seit knapp drei Jahren dürfen Studenten nun in Baden-Württemberg Vertreter wählen und ihr Budget selbst verwalten. Das nennt man "Verfasste Studierendenschaft". 35 Jahre lang gab es kein Gesetz dafür – anders als in fast allen übrigen Bundesländern. Dann kam es zum Regierungswechsel und auf Druck der Studenten zum neuen Gesetz. Für Isabella Albert ist das ein Erfolg: "Jetzt können wir bei Missständen zum Beispiel Klagen gegen die Universitäten finanziell unterstützen, das ging früher nicht." Das heißt: Wer an der Uni zum Opfer von Ungerechtigkeiten wird, kann sich jetzt wehren. Bei Problemen mit der Zulassung etwa. Das ist für Studenten gut, die sehr unterschiedliche Interessen haben. Unabhängig vom Fach und davon, wer später mal welches Gehalt verdienen wird.

Power from the People

Auch für Jan Duscheck und seine Kollegen von der Uni-Klinik Leipzig hat es sich gelohnt, gemeinsam zu kämpfen: Nach vielen Monaten Protest wurde ein neuer Lohn beschlossen. "Das nützte uns und allen, die nach uns kamen", sagt Duscheck, "das ist etwas, worauf man stolz sein kann." Dass sich eine Interessenvertretung lohnt, zeigt auch eine neue Studie. In Ländern wie den USA und Deutschland, heißt es da, bekämen Angestellte in Firmen mit gewerkschaftlicher Vertretung mehr Geld, und es gehe dort gerechter zu. Die Studie heißt Power from the People, und ihr Auftraggeber stand bisher nicht im Verdacht, Propaganda für Gewerkschaften zu machen: Es ist der Internationale Währungsfonds.

Dass sich die größte Interessengruppe des Landes, die 2,7 Millionen Studenten und die Hunderttausenden Absolventen, wegen ihrer Unterschiedlichkeit nicht dauerhaft zusammenschließen, ist vielleicht gar nicht schlimm. Aber sie sollten auch bei kurzfristigen Anliegen wissen, welche Ressourcen sie anzapfen können, um ihre Ziele zu erreichen. Das Internet zum Beispiel, aber auch ganz altmodische Interessenvertretungen, die vor allem dann helfen, wenn ein Konflikt länger dauert. Mehrere Monate wie im Falle von Jan Duscheck, 35 Jahre wie bei Isabella Albert.

Manchmal ist es so einfach: Wenn sich alle zusammentun, profitiert davon der Einzelne. Und wenn Einzelne sich wehren, gewinnen am Ende alle. Bin ich zu egoistisch? Vielleicht nicht egoistisch genug.

Fallbeispiele "Wer sich wehrt": Juristen und Medienleute

Wer sich wehrt I: Juristen

Was ist das Problem?
In Hamburg erhielten Rechtsreferendare mit 950 Euro brutto pro Monat weniger Geld als ihre Kollegen in vielen anderen Bundesländern. Dabei sind die Mieten in der Stadt höher als anderswo. Bis vor zwei Jahren bekamen die Referendare sogar nur 900 Euro – und keine Zuschläge für Kinder. "Von dem Geld kann man zwar leben", sagt Steffen Brauer, 28, "man muss aber jeden Cent umdrehen und Spaghetti mit Ketchup essen – trotz Uni-Abschluss." Das Problem besteht seit Anfang der 2000er-Jahre, als der Beamtenstatus für Rechtsreferendare aufgehoben wurde.

Wer ist betroffen?
Juristen, die nach dem ersten Staatsexamen das zweite machen, um Anwalt oder Richter zu werden. In einem zweijährigen Referendariat arbeiten sie an Gerichten, bei Verwaltungen oder Staatsanwaltschaften. In Hamburg sind das aktuell 600 Leute.

Wer wehrt sich?
Der etwa zehnköpfige Personalrat der Referendare am Oberlandesgericht Hamburg. Er ist eine Interessenvertretung, die jährlich neu gewählt wird. 2013 war Brauer dort zuständig für den Bereich Finanzen. "Wir wollten unser Anliegen öffentlich machen", erzählt er. Der Rat sprach mit Politikern und Journalisten, ging in Vorlesungen, mobilisierte Studenten. So gelang es, eine öffentliche Anhörung mit über 200 Gästen im November 2013 im Rathaus zu erwirken, bei der Referendare ihre Forderungen vorbrachten: eine Erhöhung ihres Geldes auf 1.100 Euro und die Einführung eines Familienzuschlags.

Was ist der Stand?
Die Rechtsreferendare hatten Erfolg, mit Abstrichen. Im Juli 2014 änderte die Landesregierung die Unterhaltsbeihilfeverordnung. Seitdem erhalten die Referendare 950 Euro im Monat und Familienzuschläge. Brauer sagt: "Protest lohnt sich." Also alles paletti? Nicht ganz. "Es war ein Erfolg, weil nicht absehbar war, dass wir etwas ändern können. Der Personalrat hat das Bestmögliche rausgeholt", sagt Jan Mysegades, 24, einer von Brauers Nachfolgern im Personalrat. "950 Euro sind aber noch immer nicht angemessen." Der Kampf um faire Entlohnung gehe weiter.

Wer sich wehrt (II): Medienleute

Was ist das Problem?
Zahlreiche Verlage und Medienfirmen kämpfen mit sinkenden Auflagen und bauen Stellen ab. Trotzdem bleiben sie als Arbeitgeber populär. "Bisher war ›irgendwas mit Medien‹ unter jungen Leuten so ein Renner, dass sich Verlage vor Bewerbungen kaum retten konnten", sagt Susanne Stracke-Neumann von der Deutschen Journalisten-Union (DJU). Die Folge: "Konkurrenzkampf pur unter Berufseinsteigern." Und kaum einer, der sich traut, sich zu beschweren. Etwa über unbezahlte Praktika oder schlechte Volontariate.

Wer ist betroffen?
Jeder Zweite, der in den Medien arbeiten will, sehnt sich nach einem Job im Printbereich. Das zeigte eine Umfrage der Vereine Jugendkulturforschung und Jugendpresse vor einigen Jahren. Dort zahlen jedoch viele Arbeitgeber nicht nach Tarif. Die DJU führt unter dem Titel "Auf der Tarifflucht" eine Liste im Internet über rund 100 teils renommierte Verlage, die sie für ihre niedrigen Gehälter an den Pranger stellt.

Was tun die dagegen?
Einige machen, was sie am besten können: schreiben. Etwa Moritz Pohl. Der war empört, als er erfuhr, dass ein angesehener Buchverlag seinen Volontären 500 Euro zahlt – Geld, von dem wenig übrig bleibt, wenn man Miete und Versicherungen bezahlt hat. "An der Uni habe ich meine Abschlussarbeit über Literaturskandale geschrieben", sagt er. "Jetzt habe ich versucht, selbst einen anzuzetteln." Pohl verfasste seinen Blog-Eintrag "Empörung über Kiepenheuer und Witsch". Erst passierte nichts. Dann verlinkte der Medienkritiker Stefan Niggemeier den Text. Und dann brach ein Shitstorm auf der Facebook-Seite des Verlags aus.

Hatte das Erfolg?
Der Verlag verdoppelte das Gehalt. Ein Erfolg, könnte man denken. Moritz Pohl ist jedoch nicht zufrieden. "Nach der Erhöhung war das Thema für alle gelaufen", sagt er, "dabei sind 1.000 Euro brutto immer noch nicht angemessen." Und andere Verlage zahlen weiterhin schlechter. Pohl wollte den Protest deshalb ausweiten, erfand den Hashtag #medienwut, als #aufschrei für Medienleute. Kaum einer griff ihn auf.

Fallbeispiele "Wer sich wehrt": Therapeuten und Lehrer

Wer sich wehrt III: Therapeuten

Was ist das Problem?
Rund 1.800 Stunden müssen Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) in Kliniken arbeiten. Sie haben einen Hochschulabschluss, werden aber oft wie Praktikanten bezahlt. "Manche arbeiten für null Euro 40 Wochenstunden auf einer Akutstation mit schwer psychisch Kranken", sagt Anna Eiling, 28, Sprecherin der Bundeskonferenz PiA. Das Problem ist das Psychotherapeutengesetz von 1999. Darin ist nicht geregelt, welchen Status PiA haben, ob sie etwa bezahlt werden müssen.

Wer ist betroffen?
Absolventen der Psychologie oder Pädagogik, die sich nach ihrem Studium zu Psychologischen Psychotherapeuten ausbilden lassen. Das sind rund 1.800 Leute, potenziell betroffen sind alle, die noch studieren und später in dem Beruf arbeiten wollen.

Was tun die dagegen?
Manche PiA haben Kliniken verklagt – teilweise mit Erfolg. Die Bundeskonferenz PiA organisiert Demos und Flashmobs, etwa vor dem Bundesgesundheitsministerium. Auch Studenten engagieren sich: "Wir haben uns eingeklinkt", sagt Luisa Machalz, 25. Früher mussten auch Medizinabsolventen 18 Monate als schlecht bezahlte "Ärzte im Praktikum" arbeiten. Das wurde nach langen Protesten abgeschafft. Ähnliches wollen jetzt die PiA schaffen.

Hatte das Erfolg?
Zum Teil. Im November wurde auf dem Psychotherapeutentag beschlossen, dass die Ausbildung geändert werden muss. Das steht auch im Koalitionsvertrag von CDU und SPD. Für die heute Betroffenen hat sich aber nicht viel verbessert. "Unsere Situation bleibt akut dieselbe", sagt Eiling. Ein Vorschlag ist, die Kliniken zu verpflichten, wenigstens den Mindestlohn zu zahlen.

Wer sich wehrt IV: Lehrer

Was ist das Problem?
In Bayern haben Lehramtsreferendare kaum Chancen auf einen festen Arbeitsplatz. "Der Staat bildet mehr Lehrer aus, als er einstellt", sagt Markus Pilster, 28, ein ehemaliger Referendar. So ähnlich bestätigt das auch das Bayerische Bildungsministerium. Pilster hat in den letzten drei Jahren fünfmal die Schule wechseln müssen, sagt er – trotz Einserschnitt.

Wer ist betroffen?
Referendare und Lehramtsstudenten – vor allem diejenigen unter ihnen, die an Gymnasien und Realschulen unterrichten wollen. Im September hat nur rund jeder zehnte Realschulreferendar eine Stelle erhalten. Im Februar wollten 720 Leute an Gymnasien unterrichten, 33 Prozent erhielten ein Angebot. Allen Lehramtsstudenten in Bayern stehen ähnliche Probleme bevor.

Was tun die dagegen?
Fünf Referendare haben 2014 die Initiative "Bewegung in Bildung" (BiB) gegründet. Die CSU hatte kurz zuvor angekündigt, über 800 Lehrerstellen zu streichen. Markus Pilster schrieb Leserbriefe für die BiB, sie gründeten ein Blog und eine Facebook-Gruppe. "Wir waren ziemlich perplex, dass die nach drei Tagen schon Hunderte Mitglieder hatte", erzählt er. Heute sind es rund 13.000. Online verabredeten sie sich zu Demos, in München kamen rund 600 Teilnehmer.

Hatte das Erfolg?
Nach den Protesten hat die CSU ihren Kürzungsplan zurückgezogen. Das hilft kurzfristig, jedoch bleibt das strukturelle Problem bestehen. "Ich bin desillusioniert", sagt Markus Pilster. "Der Aufwand für die Demo war enorm, ich bin enttäuscht, wie wenige kamen." Derzeit stagniere der Protest: "Unter den jungen Lehrern herrscht eine Atmosphäre der Angst." Pilster will weiter demonstrieren und zeigen, dass "wir nicht alles schlucken".

Mitarbeit: Amadeus Ulrich

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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