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Jetzt sind die Jungen dran

Vier Junge Leute Tanzen Berglandschaft Sonnenuntergang [Quelle: Pexels.com, Autor: Helena Lopes]

Quelle: Pexels.com, Helena Lopes

Mehr als ein Jahr lang haben junge Leute auf vieles verzichtet, um die Alten vor Corona zu schützen. Das Land schuldet ihnen nun etwas.

Eine größere Aktion der Solidarität hat dieses Land in Friedenszeiten noch nicht gesehen: Kein Festival besuchen. Das Fußballtraining ausfallen lassen. Kaum Freunde treffen. Selten zur Schule gehen. Seit mehr als einem Jahr bleiben junge Leute zu Hause – um das Land vor einer Krankheit zu schützen, die für die Alten viel gefährlicher ist.

Sie haben damit Leben gerettet, und zwar viele. Deutschland hat Erstaunliches erreicht: Die größte Pandemie der vergangenen 50 Jahre dauert an, doch in diesem Jahr sind in Deutschland bislang nicht mehr Menschen gestorben als in Jahren mit schweren Grippewellen. Dank bevorzugten Impfungen für die Alten, und dank der Lockdowns. Die Last der Pandemie, sie äußerte sich vor allem im Verzicht. Alle haben verzichtet. Dieser Verzicht war im Großen und Ganzen auch richtig. Doch niemanden trifft der Verzicht so sehr wie die jungen Leute. So ist es bis heute:

Die meisten Alten sind geimpft oder haben zumindest einen Termin in Aussicht. Viele Menschen im mittleren Alter gehen zur Arbeit und müssen sich dabei nicht mal testen lassen. Kinder dagegen dürfen ohne Test meist nicht mehr in die Schule. Viele Jugendliche haben ihr Klassenzimmer seit Monaten nicht mehr von innen gesehen. Das wahrscheinlich beliebteste Abi-Motto des Jahres heißt zu Recht: "Die Schule war öfter dicht als wir." Und wer das Abitur schon hinter sich hat, dem geht es nicht besser. Total vergessen wurden die Studenten, die seit Monaten teils in kleinen Single-Apartments immer nur vor dem Computer sitzen, anstatt die Welt zu entdecken und Kontakte fürs Leben zu knüpfen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat schon anerkannt: "Gerade die Jungen trifft die Pandemie besonders hart. Und trotzdem bestimmen ihre Probleme nicht die Themen der Talkshows."

Der Verzicht trifft die jungen Leute besonders hart

Sicher, Corona ist auch für junge Leute nicht ganz ungefährlich. Viele hätten das Risiko aber gerne in Kauf genommen, um ihr Leben zu leben. Dutzende Jugendorganisationen haben der Industrieländer-Vereinigung OECD ihre Corona-Sorgen zu Protokoll gegeben. Die Gesundheit stand ganz unten. Die meisten sorgten sich um die geistige Verfassung der jungen Leute, ihre Arbeitsplätze, das Einkommen und die Bildung. In Großbritannien fiel die Lebenszufriedenheit von Unter-30-Jährigen so tief wie das keiner anderen Generation. Auf einer Zehner-Skala ging es um fast zwei Punkte nach unten. Corona brachte das Glück der britischen Jugend noch unter das Niveau von Nicaragua.

Das ist kein Wunder. Die Corona-Maßnahmen kosten junge Leute eine Phase des Lebens, die sich kaum nachholen lässt. Junge Leute entdecken die Welt, schließen Freundschaften fürs Leben und finden Ehepartner – wenn sie einander nur begegnen können. Nichts davon lässt sich durch Zoom-Meetings ersetzen. Kinder lernen Dinge, die später nicht mehr so einfach nachzuholen sind. Es geht um Schwimmkurse, ums Fußballspielen und um soziale Fähigkeiten. Dass die meisten Länder nicht mal in der Lage waren, sich ordentliche Konzepte für die Schulen auszudenken, ist lange bekannt – ebenso wie die Folgen des Lockdowns: Jugendliche werden öfter depressiv und bewegen sich weniger, Kinder müssen öfter zu Hause Gewalt erdulden. Alle müssen sich auf messbare finanzielle Einbußen einstellen. Jugendliche finden schwerer eine erste Stelle, ihr Gehalt erholt sich davon kaum jemals. Schulschließungen haben schon in der Vergangenheit zu Lohneinbußen geführt – allein das Ausmaß des ersten Lockdowns kann Schüler durchschnittlich drei Prozent ihres Lebenseinkommens kosten, praktisch das Gehalt eines Arbeitsjahrs. Und da sind die Folgen der späteren Wellen noch gar nicht mitgerechnet.

Ein Zwei-Milliarden-Euro-Programm hat die Bundesregierung vergangene Woche angekündigt, um den Schülern wenigstens das Nötigste beizubringen, gerade mal 200 Euro je Schüler. Damit kommt man nicht weit. Und es ist ein Nichts verglichen mit dem finanziellen Gewinn, den die Pandemie den Rentnern ganz automatisch bringt.

Was tun für die Jugend?

Das ist die größte Ironie von allen: Die Rentenregeln sind seit wenigen Jahren so gestrickt, dass das Ab und Auf der Wirtschaft in so einer Rezession die Rente erhöht. Selbst wenn die Löhne nach der Krise nicht höher sind als vorher, steigt die Rente kräftig: Durch die Rentengarantie wird sie durch den Abschwung nicht geschmälert, nimmt das Aufholen aber voll mit. Auf diese Weise bringt Corona den Rentnern drei bis vier Milliarden Euro, hat das Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik für die F.A.S. ausgerechnet. Aber nicht nur einmal. Sondern jedes Jahr, unbegrenzt. Dieses Geld müssen die jungen Leute in den kommenden Jahren noch zusätzlich aufbringen. So kann es nicht weitergehen. Deutschland muss etwas für seine Jugend tun. Aber was?

Das heißt nicht, dass die geimpften Alten weiter zu Hause bleiben sollten. Wenn sie keine Gefahr für andere sind, sollen sie rausgehen. Kein junger Mensch hat einen Vorteil davon, wenn die Alten zu Hause hocken müssen. Gerechtigkeit muss anders geschaffen werden. Nämlich so: Falls die Pandemie doch noch länger dauert, müssen junge Leute trotzdem sichere Freiheiten bekommen. Das kostet Geld. Luftfilter müssen beschafft, bessere Konzepte erdacht werden, auch für den Präsenzunterricht. Wenn die Pandemie vorbei ist, haben die jungen Leute verdient, dass sich Deutschland einmal richtig um sie kümmert.

Klima, Rente, Wohnraum

Was gehört dazu? Einiges. Erstens braucht Deutschland einen Klimaschutz, der diesen Namen verdient, damit nicht alle Last auf der jungen Generation liegt – das hat das Verfassungsgericht schon festgestellt. Wichtig ist aber auch, dass die Republik dabei den jungen Leuten nicht ihre Chancen auf Wohlstand verbaut. Schlaue Lösungen, die Klimaschutz und Reichtum zusammenbringen sind möglich? – Deutschland muss sie nutzen.

Dann braucht das Land eine Rentenreform, die nicht alle Lasten auf den jungen Leuten ablädt. In vier Jahren beginnt die Phase, in der die Babyboomer in Rente gehen und das Verhältnis von Beitragszahlern zu Alten schwierig wird. Corona hat den Rentnern gerade eine Gehaltserhöhung gebracht. In den nächsten Jahren darf nicht noch mehr Steuergeld in die Rente fließen, sei es für Mütterrenten oder Renten mit 63. Das Geld wird dringender gebraucht – unter anderem für Investitionen, die das Land zukunftssicher machen.

Drittens braucht es genug Platz. Junge Leute brauchen Wohnraum in den Städten, in denen sie leben wollen. Andernfalls steigen Mieten und Kaufpreise in Höhen, in denen sich nur noch reiche Erben das Wohnen in beliebten Städten leisten können. Mietendeckel bekämpfen nur die Symptome und sichern den Alteingesessenen ihren Wohnraum. Gute Wohnungspolitik sorgt dafür, dass die jungen Leute in den Trendstädten genug Platz finden – dann werden auch die Mieten gedämpft.

Was tun für die Bildung?

Dass gute Bildung nötig ist, hat Deutschland in den vergangenen Wochen bemerkt. Geschehen ist bisher wenig. Vor allem Eltern mit wenig Bildung können ihre Kinder oft nicht richtig fördern. Hier kommt eine Idee von den Jungen Liberalen: Deren Bundeschef Jens Teutrine fordert die deutschlandweite Einrichtung so genannter Talentschulen: "Die am besten ausgestatteten Schulen müssen in die Viertel mit den größten sozialen Herausforderungen." Dort müssten die Klassen klein sein, es müsse genügend Sozialarbeiter und engagierte Lehrer geben. Kurzfristig könnte auch eine digitale Lösung helfen: "Es braucht auch eine digitale Hausaufgabenbetreuung, die nach der Schule zu jeder Zeit unkompliziert zur Verfügung steht."

Die Chefin der Grünen Jugend, Anna Peters, fordert ein BAföG unabhängig von Eltern, Alter und Semester. "Jeder sollte ohne finanzielle Not studieren können", sagt sie.

Mancher junge Mensch wünscht sich auch ein bisschen Symbolik. Die Chefin der Jusos, Jessica Rosenthal, fordert einen Sonderzuschuss für junge Menschen – "etwas, das sie nicht nur für ihre Zukunft stärkt, sondern nach den vielen Entbehrungen der vergangenen Monate für ein paar Momente der Normalität sorgt". Deshalb schlägt sie einen Freizeitgutschein vor. Damit könnten die jungen Leute Restaurants oder Kultureinrichtungen besuchen, vielleicht auch den stationären Einzelhandel. Ihre Logik: Das bringt nicht nur jungen Leuten ein paar unbeschwerte Stunden, sondern stärkt auch Orte, die der Jugend wichtig sind und die in den vergangenen Monaten besonders gelitten haben.

Nicht jeder dieser Vorschläge ist unkontrovers, nicht alles muss man machen, über manche Idee kann man lange und laut streiten. Wenn das geschähe, wäre es schon mal ein Schritt in die richtige Richtung: Wenn Deutschland nicht mehr darüber redet, dass die Jugend zu Hause bleiben muss. Sondern darüber, was das Land für seine jungen Leute tun kann.

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