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Das Rätsel geschlechtsspezifischer Fachinteressen

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Männer und Technik, Frauen und Soziales – die tendenziell unterschiedlichen Fachinteressen von Männern und Frauen stellen Sozialforscher vor ein Rätsel. Wer die geschlechterspezifische Berufswahl ändern will, muss bereits im Kindesalter ansetzen.

Es gibt soziologische Wissensbestände, die auf sehr starke Konkurrenz unter den alltäglichen Überzeugungen stoßen müssen. Etwa bei der Frage, warum es eigentlich immer noch typische Männer- und Frauenberufe gibt. Die Soziologie forscht seit mindestens fünfzig Jahren zu diesem Problem, versteht es laut einer aktuellen Publikation hierzu immer noch nicht so richtig. Schon die hartnäckige Konstanz der geschlechterspezifischen Ungleichheit in der Berufswahl ist ein Rätsel, denn eigentlich erwartet man ja einen Rückgang oder gar das gänzliche Verschwinden dieser Unterschiede. Denn im Grunde gibt es ja keine geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich in der Wahl des Berufes niederschlagen müssten, oder?

Der Laie hingegen mag jetzt einwenden, doch, die gibt es, und die unterschiedliche Berufswahl ist ja sogar ein Beweis dafür: Frauen seien körperlich schwächer als Männer, könnten also in bestimmten Berufen gar nicht mithalten; Frauen hätten auch andere Interessen und unterschiedliche Begabungen und schließlich auch bessere Karrierechancen in solchen Berufen, wo Frauen ohnehin schon dominierten. Wozu also sollten sich Frauen eigentlich die Mühe machen, die typischen "Männerdomänen" der Berufswelt zu "erobern", wie es oft so martialisch gefordert wird? Weil dort die besseren Arbeitsmarktchancen und Aufstiegswege in Führungspositionen der Gesellschaft liegen, so die Berufsforscher. Wenn Frauen aber trotzdem lieber die typischen Frauenfächer studieren – finden sie sich dann freiwillig mit dieser Benachteiligung ab?

Meiden Frauen Technikberufe, weil sie Benachteiligung erwarten?

Anna Erika Hägglund und Markus Lörz wollen sich mit dieser Vermutung natürlich nicht abfinden. Die beiden Berufsforscher untersuchen in einer aktuellen Studie, warum Männer und Frauen in Deutschland unterschiedliche Studienfächer wählen. Während Frauen etwa in den Sprach-, Pädagogik- und Kulturfächern deutlich überrepräsentiert sind, mangelt es vor allem in den Ingenieurwissenschaften nach wie vor an Studentinnen. Hier werden schon Anteile von 25 Prozent als Erfolg gefeiert. Sind daran die besagten Geschlechterstereotypen schuld? Oder erzieht schon die Schule zu unterschiedlichen Interessenprofilen von Jungen und Mädchen? Vielleicht antizipieren Frauen ihre zu erwartende Ausgrenzung und Benachteiligung in den typischen Männerfächern aber auch und weichen diesen in der Studienwahl darum ganz bewusst aus? Sind es also eher die Prägungen vor dem Studium oder die Erwartungen dessen, was nach dem Studium kommt, die zu den deutlichen Unterschieden in der Fachwahl führen?

Alle hinter diesen Fragen stehenden soziologischen Erklärungsansätze überzeugten nicht in Gänze, so Hägglund und Lörz. Die Daten ihrer Untersuchung entstammen Befragungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Darin wurden Abiturienten 2010 jeweils ein halbes Jahr vor ihrem Schulabgang und ein halbes Jahr danach über ihre Studienpläne befragt. Auch in dieser Stichprobe von am Ende rund 5300 Teilnehmern zeigte sich, dass Frauen viel weniger als Männer in Mint-Fächer strebten. Erklären lasse sich das im Wesentlichen mit den "vorgelagerten Bildungsbiographien" der Befragten. Allerdings nicht über eine etwaige geschlechtsspezifische Erziehung im Elternhaus. Nein, es sei mal wieder die Schule, auf die es ankomme: Schon hier fänden die Vorprägungen in der Fächerwahl statt. "Das Spektrum an wahrgenommenen Möglichkeiten wird folglich frühzeitig eingegrenzt", bemerken die Autoren.

Das Interesse entscheidet, aber woher kommt es?

Die Furcht hingegen, in einem geschlechtsuntypischen Beruf Nachteile zu erleben, übe weder bei Frauen noch bei Männern einen signifikanten Einfluss auf die Studienfachwahl aus. Die Hauptursache der geschlechtsspezifischen Studienfachwahl liege vielmehr in der beruflichen Interessenorientierung. Die Überrepräsentation der Männer in den Ingenieur- und Naturwissenschaften sei wie erwartet "auf ihre höheren realistischen beziehungsweise forschenden und niedrigeren sozialen Interessen" zurückzuführen. Frauen dagegen wählten die Geistes- und Sozialwissenschaften, weil sie "stärker sozial und künstlerisch sowie schwächer technisch-praktisch" orientiert seien.

Also das Interesse entscheidet – aber natürlich sind auch die eher harmlos klingenden Interessen nicht frei von Geschlechterprägungen. Damit landet der Ball allerdings im Feld der Sozialisationsforschung: Denn wie und vor allem wann entstehen eigentlich diese geschlechtstypischen Interessen? Warum haben Jungs "niedrige" soziale Interessen? Ihre Studie könnte solche Fragen natürlich nicht beantworten, räumen Hägglund und Lörz ein. Für ein "umfassendes Verständnis" der bereits im Kinder- und Jugendalter stattfindenden Sozialisationsprozesse muss man wohl einen tatsächlich sehr frühen Zeitpunkt vermuten, an dem sich die Interessen der Jungen und Mädchen auseinanderentwickeln. An die Bildungspolitiker daher die Mahnung: Wer mehr Frauen in technischen Berufen will, müsse früher ansetzen als mit ein paar "punktuellen Maßnahmen im letzten Schuljahr". Es sollte wohl bereits das erste Schuljahr sein.

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