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"Der Akademisierungswahn ist vorbei"

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Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und Politische Theorie, spricht über den Akademisierungswahn und den daraus entstandenen Fachkräftemangel in Deutschland. Wie sieht die Zukunft der beruflichen Bildung aus?

Herr Nida-Rümelin, bei uns zu Hause ist ein Fenster undicht, und kein Handwerker ist dafür zu finden. Eine Folge des "Akademisierungswahns", vor dem Sie vor fünf Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung warnten?

Wenn Sie sich ein paar Jahre zurückerinnern, wurde immer gesagt, wir haben aufgrund der demographischen Schrumpfung mit einem großen Fachkräftemangel zu rechnen. Und dann kam: Aufgrund dessen brauchen wir weit mehr Studierende, und wir müssen die Hochschulen ausbauen. Und das habe ich kritisiert. Ich habe damals gesagt: Was sich abzeichnet, ist in der Tat ein massiver genereller Fachkräftemangel, aber dann noch mal in erster Linie in den nichtakademischen Bereichen. Damals war das sehr exotisch. Aber genau das ist eingetreten.

Wurden Ihre Warnungen ignoriert?

Es wurde reagiert. Die Statistik ist eigentlich ganz erstaunlich, aber es redet niemand über sie: Wir haben den Zuwachs der Studierendenquote in Deutschland genau seitdem so gut wie gestoppt. Es gibt ein gewisses Auf und Ab, aber wir haben seit dem Wintersemester 2013/14 keine Veränderung der Studierendenquote mehr. Die lag 2013/14 im Wintersemester bei 59 Prozent und im Wintersemester 2017/18 bei 57 Prozent. Es gab natürlich immer schon die Warnungen von Seiten der Handwerkskammern und der Industrie- und Handelskammern, aber sie hatten relativ wenig öffentliche Resonanz. Ich will jetzt meine Rolle nicht überschätzen, aber man kann schon sagen: Durch meine - und in Österreich Konrad Liessmanns - öffentliche Interventionen hat es da doch eine Dynamik gegeben. Der Akademisierungswahn ist vorbei - aber einen Handwerker, der Zeit hat, finden Sie trotzdem nicht ohne weiteres.

Blicken wir zurück: Wie kam es zum starken Zulauf an die Unis?

Die Legende lautet ja immer: Das waren die Eltern und die Kinder, die das so wollten, und deshalb sei es so gekommen.

Viele Eltern rümpfen tatsächlich die Nase, wenn ihr Kind sagt: Ich gehe nicht studieren, ich mache eine Ausbildung.

Das ist schon lange so. Aber mittlerweile ist der Hochschulzugang anders geregelt. Ungefähr die Hälfte der Studierenden kommen nicht mehr übers Gymnasium, sondern über Fachoberschulen, Berufsoberschulen, Meisterabschlüsse: An die Stelle der Hochschulreife ist die Hochschulzugangsberechtigung getreten.

Und das halten Sie für falsch? Wollen Sie Schulabgängern ohne klassische Gymnasialkarriere und Abitur den Hochschulzugang künftig verwehren?

Nein, das hat ja auch Vorteile, das will ich gar nicht bestreiten. Aber dann brauchen wir Auswahlverfahren an den Hochschulen. Zudem spielte der Hochschulpakt 2006 eine entscheidende Rolle. Die Hochschulen wurden mit mehr Mitteln ausgestattet, was auch nötig war - aber zur gleichen Zeit wurde das verbunden mit der Auflage, die Studienplätze auszuweiten. Die Betreuungsrelation hat darunter gelitten und die Qualität der Lehre.

An der Qualität der Berufsschulen gibt es aber auch einiges zu bemängeln.

Das stimmt. Die starke Fokussierung auf den tertiären Sektor, also auf Hochschulbildung, hat dazu geführt, dass wir der beruflichen Bildung nicht genug Aufmerksamkeit schenkten. Die berufliche Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist unbestreitbar die beste der Welt; die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern bezeugt das, und andere Länder versuchen, das nachzuahmen. Aber wir können nicht sagen: Alles gut, das kann einfach so bleiben.

Sind die Berufsschulen beispielsweise für die Digitalisierung gerüstet?

Genau darum geht es jetzt: Wir müssen die berufliche Bildung fitmachen. Die digitale Herausforderung ist dabei einer der wichtigsten Aspekte. Mehr Allgemeinbildung ist ein weiterer. Außerdem muss man sich überlegen, wie man die Ausbildungsgänge so fasst, dass sie auf die Dynamiken der Arbeitswelt besser vorbereitet sind. Sie sind zum Teil sehr spezialisiert. Und schließlich muss auch Englisch eine größere Rolle spielen. Und das heißt, in die Berufsschulen zu investieren. Kein Bereich im deutschen Bildungswesen ist personell so schlecht ausgestattet wie die Berufsschulen.

Gerade deshalb könnte man auf die Idee kommen, dass die Hochschulen bestimmte Werte besser vermitteln können.

Ich habe nichts gegen alle möglichen Hybride. Zum Beispiel das duale Studium. Aber das darf nicht dazu führen, die berufliche Bildung im dualen System, in Betrieb und Schule, zu vernachlässigen oder gar zu ersetzen. Berufsschulen sind durch Fachhochschulen nicht ersetzbar. Ich halte zum Beispiel nicht viel davon, die Pflegeberufe jetzt in toto zu akademisieren. Weil wir da einen Nachwuchsmangel haben und das dann attraktiver sei. Umgekehrt wird da ein Schuh draus: Wir sollten diesen Nachwuchsmangel beheben dadurch, dass wir die Berufe und die Ausbildungsgänge attraktiver machen.

Wenn der Pflege-Azubi fertig ist, erwartet ihn nicht gerade ein super Gehalt.

Das Ganze hat sicherlich auch eine finanzielle Dimension. Aber bitte nicht pauschalisieren! Ein Mechatronikermeister in einem großen Kfz-Unternehmen zum Beispiel verdient mit Mitte vierzig mehr als ein Gymnasiallehrer in Deutschland. Aber im Bereich Pflege und Betreuung ist die Vergütung in der Tat ein Problem.

Ihre konkreten Rezepte, um die berufliche Bildung wieder zu verbessern?

Die Qualifikation der Berufsschullehrerinnen und -lehrer, auch die Ausstattung der Berufsschulen. Nicht nur Nachwuchsförderung, sondern auch Nachqualifikation, Weiterbildung. Wir brauchen etwas Ähnliches für diesen Bereich wie den Hochschulpakt, eine nationale Anstrengung.

Und wie teuer wird Ihr neuer Berufsschulpakt?

Also nennen wir's mal: "Pakt berufliche Bildung". Da sollten von Bund, Ländern und Gemeinden, Kammern, Gewerkschaften und Unternehmen Mittel in die Hand genommen werden. Ich weiß nicht genau, wie viel Geld insgesamt seit 2006 zusätzlich in die Hochschulen investiert wurde, aber es waren viele Milliarden - in dieser Größenordnung sollte in den kommenden Jahren in die berufliche Bildung investiert werden.

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