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Businessplan mit Bestnote

Brainstorming Buisness Menschen im Büro Flipchart junges Team [Quelle: Unsplash.com, Autor: Austin Distel]

Quelle: Unsplash.com, Austin Distel

Für die meisten Studenten sind Masterarbeiten nur ein notwendiges Übel auf dem Weg zum Abschluss. Dabei können sie viel mehr sein: Produktentwicklung, Marktforschung – oder der erste Impuls zur Gründung

Wenn Keesiu Wong seinen Kunden erklärt, was künstliche Intelligenz (KI) in ihren Unternehmen leisten kann, greift er auf seine Masterarbeit zurück. Darin hat der Absolvent der TU München die KI als unternehmerische Ressource analysiert und Strategien für ihren Einsatz ausgearbeitet. Deshalb kann sein Unternehmen Design AI Mittelständler dabei beraten, wie KI Fabriken und Lager effizienter machen könnte, und Großkonzernen helfen, die neuesten Forschungsergebnisse in vorhandene Algorithmen einzuarbeiten.

Und das ist nicht der einzige Mehrwert seiner akademischen Leistung. Das Schulungsmaterial für Kunden beruht auf seiner Zusammenfassung der Forschungsliteratur. Die empirischen Ergebnisse seiner Code- und Datenanalysen verarbeitet er in Blogbeiträgen, die Kunden sogar ausdrucken und zu Terminen mitbringen würden. Selbst die Personalsuche läuft dank eines Algorithmus aus der Abschlussarbeit leichter, mit dem Wong die Codequalität von Bewerbern automatisch bewerten lassen kann. Mittlerweile arbeiten 20 KI-Experten bei Design AI. "Meine Masterarbeit", sagt Keesiu Wong, "hat dazu beigetragen, dass es uns gibt und dass wir wachsen."

Fundament statt Schlussstein

Keesiu Wong hat damit etwas geschafft, was nur wenigen gelingt. 145 000 Menschen haben im vergangenen Jahr einen Masterabschluss in Deutschland gemacht. Für gewöhnlich nehmen die dabei entstandenen Abschlussarbeiten den immer gleichen Weg: Aus dem Kopf der Studierenden in ein Word-Dokument zu einem Copy-Shop über den Schreibtisch eines Professors und geradewegs in die hinterste Ecke des Bücherregals. Auch deshalb sehen viele in den wissenschaftlichen Manuskripten, die sie zum Ende ihrer Studienzeit einreichen müssen, eher ein notwendiges Übel als eine nützliche Gelegenheit. Der entscheidende Baustein für den akademischen Titel – nicht das Fundament für die unternehmerische Zukunft. Dabei ließe sich in den sechs Monaten, die für die Arbeit zur Verfügung stehen, vieles erreichen. Das belegt schon ein Blick auf die Bewerber beim Supermaster-Wettbewerb, in dem die WirtschaftsWoche auch in diesem Jahr die beste wirtschaftswissenschaftliche Masterarbeit auszeichnet.

Dort zeigen Masteranden, warum ihre Arbeiten eben nicht in Schubladen einstauben, sondern auf eine größere Bühne gehören. Sie machen Vorschläge zur Lösung konkreter Probleme von der rentablen Energiespeicherung bis zur Wiederbelebung ausgestorbener Innenstädte. Sie schaffen theoretische Grundlagen, um neue Ausprägungen der Digitalisierung oder des Klimaschutzes besser zu verstehen. Noch nutzen nur wenige die Abschlussarbeit als Sprungbrett ins Gründerleben, auch weil die Hochschulen diesen Weg kaum unterstützen. Dabei kann die Masterarbeit ein wertvolles Mittel sein, um das eigene Start-up vorzubereiten – und um junge Menschen zum Gründerleben zu inspirieren.

Gina Schöler kam die Idee, ihre Abschlussarbeit zum Beruf zu machen, erst spät. Sie beschäftigte sich zunächst in einer Hausarbeit, dann in ihrer Masterthesis im Fach Kommunikationsdesign an der Hochschule Mannheim damit, eine Kampagne zu entwerfen, die einen Wertewandel in der Gesellschaft anstoßen könnte. Das Ziel: Glück und Wohlbefinden zum Staatsziel erklären – nach dem Vorbild des kleinen asiatischen Staates Bhutan, in dem das Bruttonationalglück statt das Bruttoinlandsprodukt als wichtigste Kennzahl gilt. Zusammen mit einem Kommilitonen hatte sie die Idee, zu diesem Zweck ein fiktives Glücksministerium zu erschaffen. Die beiden befragten Menschen, experimentierten mit Designs und Ideen, starteten sogar eine Crowdfunding-Kampagne für das Projekt. In ihren Abschlussarbeiten dokumentierten sie all das und analysierten den Markt für ihre Idee.

Der Lohn war, zunächst, eine gute Note. Doch für Schöler sollte noch mehr dabei herausspringen: eine ganze berufliche Laufbahn. "Ich konnte einfach nicht aufhören", sagt sie heute, acht Jahre nach der ersten Idee. Nicht dass sie die große Karriere gewittert hätte. Nur hatte sie, wie sie es ausdrückt, "nie solche Flow-Momente, nie so viel Spaß bei der Arbeit". Seitdem hält sie Vorträge auf internationalen Konferenzen wie in Unternehmen, sie gibt Workshops in Schulen und in echten Ministerien. Sie erklärt die neuesten Erkenntnisse der Glücksforschung und hilft, sie in den Schul- oder Arbeitsalltag zu integrieren. Anfangs finanzierte sie sich durch ihre Tätigkeit als freie Gestalterin. Mittlerweile trägt sich die selbst ernannte Glücksministerin finanziell längst selbst.

Dass sie diesen Karriereweg in der Masterarbeit fand, sieht Schöler als glücklichen Zufall, der nicht jedem zuteil werde. "Viel Potenzial geht bei Abschlussarbeiten verloren, weil die Leute einen Haken dran machen wollen, einfach abgeben und fertig", sagt sie, "aber dieses halbe Jahr ist ein großes Geschenk. So viel Zeit, sich auf etwas einzulassen, hat man nicht oft." Es biete die Möglichkeit, sich selbst und das, was man gerne tut, etwas besser kennenzulernen. Die Option, später einmal Unternehmerin zu werden, sei da nur eine von vielen. "Meine Erkenntnis dabei war: Du musst keinen Job von der Stange nehmen. Du kannst alles sein", so Schöler. Doch zu oft schaffen es die akademischen Institutionen nicht, diesen Gedanken zu transportierten.

Lückenloser Übergang

Für Tobias Kollmann verschenken die Hochschulen damit ein enormes Potenzial. Der Wirtschaftswissenschaftler erforscht an der Universität Duisburg-Essen, wie digitale Unternehmer erfolgreich werden. Die meisten Gründer hätten einen Hochschulabschluss, Hochschulen seien deshalb die Start-up-Quelle schlechthin. "Doch an den wenigsten Hochschulen werden die Studierenden innerhalb des Lehrangebots auf das Gründen vorbereitet. Schon gar nicht in den Abschlussarbeiten", sagt er. Deshalb bietet Kollmann seinen Studierenden die Möglichkeit, diese als Businessplan zu verfassen.

Im Idealfall kommen die angehenden Gründer mit einer guten Idee zu ihm. Dann könne er bereits vor der Planung der Masterarbeit mit ihnen gemeinsam überlegen, ob es lohnt, eine Förderung wie das staatliche Exist-Stipendium zu beantragen. Ein Jahr lang werden angehende Unternehmer dadurch finanziell unterstützt. Im ersten halben Jahr, so Kollmann, könnten sie als Abschlussarbeit den Businessplan schreiben, im zweiten halben Jahr gehe es dann an Markteintritt und Umsetzung. Üblich sei das aber noch nicht. Pro Semester nutzen nur ein bis zwei Studierende sein Angebot.

"Gute Nachwuchsleute werden gerade in den MINT-Fächern von Unternehmen schon aus der Hochschule gefischt, bevor die überhaupt ans Gründen denken", sagt der Forscher. Doch das ist nur ein Grund, warum nur wenige die Masterarbeit als Sprungbrett in die Start-up-Szene nutzen: Vielen jungen Menschen falle es schwer, sich schon so früh auf einen so riskanten Karrierepfad festzulegen, so Kollmanns Beobachtung. Doch eben diesen Biss, sich durch den Businessplan zu quälen, statt ein Jahr auf Reisen oder im renommierten Praktikum zu verbringen, brauche es, um am Ende erfolgreich zu sein. Seine Lösung: "Wir müssen das Thema Gründung schon viel früher ansprechen, damit die 18- oder 19-Jährigen nicht nur an eine Karriere im Investmentbanking denken, sondern vielleicht auch mal ein CFO in einem Start-up werden wollen."

Auch Marc Kley Geschäftsführer des hochschuleigenen Transfer- und Start-up-Zentrums der Universität Köln, versucht, Studenten unternehmerisches Denken nahezubringen. Bachelor- und Masterarbeiten seien ein guter Ausgangspunkt für den Weg in die Start-up-Szene – oder zumindest dafür, diesen als Option auszuloten. "Man kann darin Marktrecherchen betreiben, Prototypen entwickeln oder eine erste Gruppe von Kunden befragen, ob man wirklich eines ihrer Probleme lösen kann", skizziert Kley die möglichen Szenarien. Er mischt sich zwar nicht in die Vergabe von Themen für eine Abschlussarbeit ein. Die obliegt auch in Köln den Lehrstühlen. Aber wer mit dem Gedanken spielt, nach dem Studium ein Unternehmen zu gründen, dem rät Kley, darüber nachzudenken, sich auch schon in der Abschlussarbeit mit Marktpotenzial oder Produktentwicklung der eigenen Idee zu beschäftigen. "Dieser Weg ist aufwendiger, andere Themen sind oft leichter zu bearbeiten", sagt er. Dennoch kann es sich lohnen, denn die angehenden Gründer erledigen so bereits Arbeit, die sie für den Aufbau ihrer Firma sowieso machen müssten.

Keesiu Wong wusste all das während seiner Abschlussarbeit noch nicht. Zwar schlummerte damals bereits der Traum eines eigenen Unternehmens in ihm. Ebenso gut hätte sich das Thema seiner Abschlussarbeit aber für den Einstieg in eine Konzernkarriere geeignet. Und vielleicht ist das die wertvollste Lektion, die Wong allen Studierenden für die Abschlussarbeit mitgeben kann: "Man hat während der Masterarbeit sechs Monate Zeit und kann sich aussuchen, worin man Experte werden will", so Wong, "Das ist sehr wertvoll, egal, ob man am Ende gründet oder nicht." Denn Konzerne wie Mittelständler suchen Mitarbeiter, die sich weniger als Befehlsempfänger verstehen, sondern sich mit ihrem Wissen, ihrer Kreativität und ihrem Engagement einbringen – als Unternehmer im Unternehmen.

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