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Ein Leben im Korsett

Mann Florett Fechtanzug [Quelle: Pexels.com, Autor: Cottonbro]

Quelle: Pexels.com, Cottonbro

Studentenverbindungen locken mit guten Kontakten, günstigen Wohnungen und ausschweifenden Feiern. Nicht alle sind schlagend und frauenfeindlich. Vorsicht ist trotzdem geboten.

Eigentlich war das lichtdurchflutete Haus, das Conner Fülles vor zweieinhalb Jahren ganz in der Nähe der RWTH Aachen besichtigte, ein Glückstreffer. Immerhin sind günstige WG-Zimmer in der Hochschulstadt knapp. Doch Fülles stand damals nicht in einer normalen Wohngemeinschaft, sondern in einem Verbindungshaus des Berg- und Hüttenmännischen Vereins zu Aachen (BuH). Eine Verbindung von Nahem kannte er nicht, die vielen Vorurteile über sie schon.

Für Nichtmitglieder ist die Welt der Verbindungen oft nur schwer zugänglich, aber im Haus des BuH-Vereins trat Fülles nicht in eine abgeschlossene Gemeinschaft ein. Die Türen stehen hier nicht nur für die sechs Bewohner offen; auch die anderen Verbindungsmitglieder gehen ein und aus. Tagsüber kommen sie zum Lernen vorbei und nehmen an den langen Tischreihen auf den grüngepolsterten Stühlen im Gemeinschaftssaal oder der großen Terrasse Platz. Mit gemeinsamen Veranstaltungen am Abend geht das Verbindungsleben weiter: ein Feierabendbier, Partys, wissenschaftliche Vorträge oder ein Fußballturnier mit einer anderen Verbindung. Fülles war schnell überzeugt.

Bald wird der 22-Jährige sein Zimmer räumen und Platz für einen Nachfolger machen. In der Regel wechseln im BuH-Verein die einzelnen Bewohner alle zwei Jahre. Denn tatsächlich ist das erste Argument für Verbindungen häufig der Wohnraum. Im BuH-Verein sind das: sechs Zimmer mit jeweils unterdurchschnittlicher Miete. Das ist verlockend in Städten, wo mit der Zahl der Studierenden die Mietpreise steigen.

Zum Teil vom Verfassungsschutz beobachtet

Erst über die Wohnungssuche würden viele Studenten auf die Verbindung aufmerksam, sagt Fülles. Der Allgemeine Studierendenausschuss der RWTH informiert zwar auch über Verbindungshäuser, versieht den Broschürentext aber mit einer deutlichen Warnung: "Bevor Du auf ein solches Angebot eingehst, solltest Du Dich genau informieren – über Verpflichtungen und Prinzipien." Der Hinweis kommt nicht von ungefähr: Studentenverbindungen stehen seit Jahrzehnten in der Kritik. Sie gelten als konservative Gruppierungen, die an überholten Traditionen und veralteten Geschlechterklischees festhalten. Einigen von ihnen konnten Kontakte zu Parteien des rechten Rands nachgewiesen werden – Mitgliedern der Burschenschaftlichen Gemeinde (BG) zum Beispiel, einem Zusammenschluss von 36 Burschenschaften in Deutschland und Österreich, der zum Teil vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Die Verbindungen sehen sich oft als Opfer einer einseitigen Berichterstattung. Fortschrittlichere Gemeinschaften würden mit einer radikalen Minderheit in einen Topf geworfen. Ihre Vorbehalte zeigten sich auch bei dieser Recherche. Konservative Burschenschaften winkten bei Interviewanfragen kategorisch ab. Einzelne Verbindungsmitglieder waren zunächst gesprächsbereit, aber fügten sich dann doch der Mehrheitsentscheidung ihrer Verbindung. Auch die meisten liberalen Verbindungen blieben verschlossen mit dem Argument, sie seien in den Medien schon mal in die falsche Ecke gerückt worden.

Es finden sich aber auch liberale Verbindungen, die sich nach einigem Hin und Her gesprächsbereit zeigen. Der BuH-Verein gibt sich progressiv und weltoffen, grenzt sich bewusst von Rechtsextremen ab. "Rechtspolitische Verbindungen soll man diskutieren und auch kritisieren, aber man darf sie nicht verallgemeinern. Es gibt genügend Gegenbeispiele, und wir gehören dazu", sagt Fülles. Seine Verbindung schließt seit rund 25 Jahren keine Frauen mehr aus – ein vergleichsweise progressiver Schritt.

Im Verbindungsmilieu sind die verschiedenen Gruppen oft derart gleichförmig, dass eine gemischte Verbindung schnell als Bedrohung wahrgenommen werde, erklärt Anne Mielke. Die Wissenschaftlerin promoviert an der Universität Göttingen zu Damenverbindungen. Sie stellen immer noch eine deutliche Minderheit in der Verbindungswelt dar. In den männlichen Bünden tauchen Frauen nur als gelegentliche Begleitpersonen, sogenannte Couleurdamen, auf. Deswegen sagt Fülles zur Entscheidung seiner Verbindung, Frauen aufzunehmen: "Natürlich wurde das hitzig diskutiert, denn so viele andere Verbindungen halten eisern daran fest, und auch bei uns war es seit der Gründung 1860 lange die Regel." Aber es sei schließlich ein Verlust, nur die Hälfte des Potentials der Studierendenschaft zu nutzen.

Auch in anderen Punkten unterscheidet sich der BuH-Verein von konservativeren Männerbünden: Die Hierarchien sind deutlich flacher, Bänder und Uniformen gibt es nicht, genauso wenig die umstrittene Mensur, bei der die Verbindungsmitglieder gegeneinander fechten. "Die Mensur erinnert auf den ersten Blick ans Sportfechten, aber damit hat sie wenig zu tun", sagt Mielke. "Die Mitglieder halten dabei im wörtlichen Sinn ihren Kopf hin." Nur Hals und Augen der Kämpfenden sind in der Regel geschützt, viele ziehen sich Schnitte im Gesicht zu – sie gelten als Statussymbol und Zeichen für eine Art Blutsbruderschaft. Noch immer existieren mehrere hundert sogenannte pflichtschlagende Verbindungen.

Der BuH-Verein ist eine von rund 40 Verbindungen in Aachen. Das macht die Stadt zu einer der Verbindungshochburgen im Land. Bei einem Spaziergang durch Aachen fallen schnell die Flaggen an den Verbindungshäusern auf; vor den Hörsälen verkaufen die Mitglieder manchmal Tickets für ihre Partys. Ansonsten sind sie im Hochschulleben weitgehend unauffällig, bestätigen auch die Vertreter der Aachener Studierendenschaft. Asta-Referent Karl Hammer sagt: "In den vergangenen Jahren sind die Verbindungen an unserer Universität nicht durch extrempolitische Aktionen aufgefallen. Der Asta hat eine eindeutige Meinung dazu und würde sich im Falle solcher klar positionieren." In anderen Städten schlagen Studierendenvertreter schärfere Töne an. In Göttingen beispielsweise, einer weiteren Verbindungshochburg, rät der Asta den Studierenden von einem Beitritt ab und verwehrt den Verbindungsmitgliedern alle Hochschulämter.

"Sie stützen die Mitglieder und schränken sie gleichzeitig ein"

Anne Mielkes Studienstart in Göttingen liegt schon einige Jahre zurück. Mielke war selbst nie Verbindungsmitglied, doch im Göttinger Studentenleben sind die Verbindungen so präsent, dass sie die Aufmerksamkeit der jungen Wissenschaftlerin weckten. "Studentenverbindungen lassen sich im übertragenen Sinn mit einem Korsett vergleichen", sagt Mielke. "Sie stützen die Mitglieder und schränken sie gleichzeitig ein." Dabei sollen die Verbindungsfarben helfen. Sie sind beim BuH-Verein allerdings nur am Vereinshaus präsent – auf der Flagge mitten im Garten. Dort steht auch eine Bergbau-Lore: Sie symbolisiert den Ursprung des Vereins im Bergbau. "Von den ehemaligen Mitgliedern kommen viele aus diesem Bereich. Heute dominieren die MINT-Fächer", sagt Fülles, der passenderweise Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau studiert.

Die alten Herren und hohen Damen, wie die ehemaligen Mitglieder von Studentenverbindungen heißen, halten die Historie lebendig – auch beim BuH-Verein. Regelmäßig kommen sie zu Veranstaltungen und halten Vorträge. Die Ehemaligen finanzieren die Verbindung und das Haus. Sie helfen auch bei der Karriereplanung, vermitteln Praktika und vergeben Stipendien, etwa für Auslandsaufenthalte. So unterstützen sie zum Beispiel Studierende, deren Familien ihre Kinder nicht fördern können oder wollen.

Damit alle lernen können, herrscht im Gemeinschaftssaal des BuH-Vereins tagsüber Ruhepflicht wie in einer Bibliothek. Aber abends wird der Lernraum zum Treffpunkt, wo sie "in gesitteter Weise Alkohol konsumieren", erklärt Fülles mit einem Schmunzeln. "Kneipe" werden die regelmäßigen Feiern im Verbindungssprech genannt. "Es startet mit Reden, gelegentlich einem Sketch und vielen Bergmannsliedern. Das ist der offizielle Teil", sagt Fülles. Der Vorstand gestaltet den Ablauf nach einem strengen Regelwerk, er entscheidet sogar über Klopausen. Dann folgt der lockere inoffizielle Part: Um Mitternacht erklingt das Steigerlied, ein altes Bergmannslied, das Licht geht aus, und eine Grubenlampe leuchtet auf, alle stimmen in den Gesang mit ein – das ist das Lieblingsritual von Fülles.

Für viele Mitglieder sind es neben dem günstigen Wohnraum genau diese Rituale, die Verbindungen in ihren Augen attraktiv machen. Der starke Zusammenhalt der Burschenschaftler erleichtert gerade Erstsemestern die Ankunft am neuen Wohnort, denn Freundschaften gibt es bei den Verbindungen inklusive – ebenso wie Studienberatung und Nachhilfe. Während Corona ist das besonders wichtig geworden. Der BuH-Verein hat seit Beginn der Pandemie deutlich mehr Anfragen als sonst erhalten. Auch wenn die Verbindung den Großteil ihrer Treffen ins Internet verlagert hat – in ihrem Haus ist es immer noch einfacher, Freundschaften zu knüpfen, als im eigenen Studienfach zu Zeiten des Lockdowns. Dabei muss man natürlich wissen, auf was man sich einlässt.

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Kommentare (4)

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  1. Anonym

    Hallo Jana, vielen Dank für deine Antwort. Selbstverständlich wollen wir mit unseren Inhalten Rechtsextremismus in keiner Weise verharmlosen und möchten uns daher an dieser Stelle nochmal explizit von rechtsextremen Äußerungen und Gedankengut distanzieren. Wir haben uns im Team jedoch dazu entschieden, diesen Artikel im Rahmen unser Content-Kooperation mit der FAZ zu übernehmen, da wir finden, dass die Autorin das Thema objektiv darstellt und verschiedene Seiten beleuchtet. Unsere persönliche Meinung tritt dabei folglich in den Hintergrund. Gerne möchten wir mit unseren Inhalten alle gesellschaftlichen Phänomene darstellen, weswegen wir den Artikel als geeignet bewertet haben. Das bedeutet aber auch, dass der Artikel nicht unbedingt der Meinung all unserer Leser:innen entsprechen muss, denn jeder kann und soll sich eine eigene Meinung bilden, wozu wir mit unseren Inhalten beitragen möchten. Liebe Grüße Maria

  2. Anonym

    Hallo Maria, danke für Deine Nachricht, die mich aber nicht zufriedenstellt. Wenn diese Kooperation mit der FAZ bedeutet, dass ihr einseitige Artikel übernehmen müsst, solltet ihr über eine Auflösung nachdenken. Ansonsten sollte die Redaktion nochmal in sich gehen. Das Problem mit Rechtsextremismus, Rassismus und völkischer Grundidologie in Burschenschaften ist hinreichend erforscht und belegt. Insofern frage ich mich, welche unterschieldichen Sichtweisen da eingenommen werden soll, in dem man diese Fakten ausblendet und in in dem Artikel als Randnotiz erwähnt? Seit NSU, Halle, Hanau und dem Mord an Walter Lübcke sollte uns doch allen klar sein, dass Rechtsextremismus und Rassimus kein Randproblem in Gestalt von paar Glatzen mit Springerstiefeln ist, die Rechtsrock hören und im Wald auf Bierdosen ballern, sondern eine reale Gefahr für Menschenleben und für unsere Demokratie darstellt und deswegen eine entschiedene Abgrenzung erfordert. Immer noch werden in Deutschland die strukturelle Verankerung von Rechtsextremismus und die weitreichenden Netzwerke rechter Agitatoren, auch in Politik, Justiz und Wirtschaft hinein, unterschätzt. Deshalb sollte e-fellows.net wie jedes Unternehmen, das sich mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung identifiziert, für unsere Demokratie zu streiten und nicht "unterschiedliche" - richtig wäre verharmlosende - Sichtweisen auf eine Organisationsstruktur bieten, bei der zumindest die Abgrenzung nach Rechts immer (!) eine Rolle spielt.

  3. Anonym

    Hallo Jana, vielen Dank für deinen Kommentar und deine Kritik. Der Artikel ist zuerst in der FAZ erschienen und wurde von uns im Rahmen einer Kooperation übernommen, weshalb wir leider keinen Einfluss auf die Inhalte des Beitrags haben. In der Box "Verwandte Artikel", die du unter dem Beitrag findest, haben wir auch weitere Inhalte zum Thema verlinkt. Hier findest du zum Beispiel einen eigenen Artikel über Damenverbindungen sowie ein Interview, in dem auch über die nationalistischen Tendenzen gesprochen wird. Wir versuchen, das Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen darzustellen und euch möglichst viele Informationen zur Verfügung zu stellen. Liebe Grüße Maria

  4. Anonym

    Was für ein verharmlosender Artikel, in dem einmal das Wort "Rechtsextremismus" fällt und einmal irgendein Asta-Mensch als Kronzeuge gebracht wird, dass die Burschenschaften nicht durch "extrempolitische Aktionen" auffallen. Das verharmlost das Rechtsextremismus- und Rasssismus-Problem der Burschenschaften. Vielleicht sollte der Artikel zum Beispiel darüber aufklären, dass man bereit sein muss, die 1. Strophe des Deutschland-Lieds zu singen, wenn man doch "wissen muss, worauf man sich einlässt"? Weiterhin ist es nett, dass Damenverbindungen erwähnt werden, aber es ist doch völlig klar, dass es hier um Männernetzwerke geht und dass die Burschenschaften ein im besten Falle sehr konservatives Frauenbild haben. Peinlicher Artikel für e-fellows und seine Partner. Ein solches Verständnis von Karrierenetzwerk brauchen nur Leute, die es sonst nicht schaffen.

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