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"Die waren eben Buddys"

Frau, Professorin, Führungsposition, Universität [Quelle: pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio

Wie die Naturwissenschaftlerin und ehemalige Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel sich in einer Männerwelt durchgesetzt hat.

Ulrike Beisiegel hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich: Die Biochemikerin war lange Professorin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg, später Forschungsdekanin und schließlich bis 2019 Präsidentin der Universität Göttingen. Im Interview erzählt die 67-Jährige, wie sie sich in der männlich geprägten Universitätswelt durchgesetzt hat.

DIE ZEIT: Frau Beisiegel, bis 2019 waren Sie Präsidentin der Universität Göttingen – eine von wenigen Frauen, die eine Hochschule leiten. Ich wollte Sie schon lange interviewen, doch Sie sagten immer: Erst wenn ich nicht mehr im Amt bin. Muss man Macht abgeben, bevor man frei sprechen kann?

Ulrike Beisiegel: Ich habe mich natürlich gefragt, ob das typisch Frau ist, sich so zurückzuhalten. Meine Absage hatte aber eher mit Verantwortung zu tun. An meiner Universität gab es in den letzten Jahren Unruhe und Enttäuschungen. Es haben viele Kräfte auch öffentlich an der Universität gezerrt, ich wollte keine weitere sein.

ZEIT: In einem älteren Interview haben Sie einmal gesagt: "Ich habe immer meinen Mann gestanden." Eine merkwürdige Redewendung. Was meinten Sie damit?

Beisiegel: Wahrscheinlich habe ich mir Anführungsstriche dazugedacht. Wenn Sie wie ich als Frau eine Karriere in den Naturwissenschaften machen wollen, müssen Sie sich in ein sehr männlich geprägtes System einfügen. Männer hören leider meist nur auf Männer – sie machen oft große Worte, sind aber in den Sitzungen inhaltlich nicht immer vorbereitet. Frauen sind dagegen meistens sehr zurückhaltend. Denen will ich vermitteln: Es ist niemals dumm, wenn ihr etwas sagt, selbst wenn andere mal lachen. "Frau" muss auch mit den Ellenbogen arbeiten, selbstsicher und dominant auftreten.

ZEIT: Sie sagten auch mal, es sei Ihnen nie um Macht gegangen. Worum dann?

Beisiegel: Um Gestaltungsmöglichkeiten. Ich war lange als Professorin tätig, später beratend im Wissenschaftsrat. Irgendwann wollte ich meine Ideen selbst umsetzen. Als ich Forschungsdekanin am Universitätsklinikum in Hamburg war, habe ich einige Projekte zur Nachwuchsförderung entworfen. Der Vorstand hat meine Konzepte jedoch ignoriert. Das habe ich mir ein halbes Jahr lang angeguckt – und bin dann zurückgetreten. Wenn ich merke, dass ich nicht mitgestalten kann, dann lasse ich es.

ZEIT: Letztes Zitat aus Ihrer Vergangenheit – ein Satz von 2008: "Ich leiste mir keine Familie. Das hat meiner wissenschaftlichen Arbeit gutgetan." Haben Sie sich bewusst gegen ein klassisches Familienleben entschieden, oder hat das System Sie dazu gedrängt?

Beisiegel: Kinder zu kriegen hat sich für mich nicht ergeben. Ich war als junge Wissenschaftlerin in einer festen Beziehung – wir hatten zusammen in Marburg studiert. Dann hat mich die Forschung gepackt, und ich habe ein USA-Stipendium bekommen. Damals war das so: Ging ein Wissenschaftler in die USA, ging seine Ehefrau mit – umgekehrt galt das nicht. Ich wusste, dass mir die USA-Erfahrung wichtiger war als eine Beziehung und Kinder. In meiner Generation gibt es nicht viele erfolgreiche Wissenschaftlerinnen mit Kindern und Familie.

ZEIT: Bereuen Sie das?

Beisiegel: Nein. Ich war sehr glücklich mit meiner Forschung und der großen Freiheit, die ich immer hatte. Ich lebe auch heute gern allein, pflege Freundschaften und habe meine Familie.

ZEIT: Als Sie Ihren ersten Ruf bekamen, waren nicht einmal zehn Prozent der Professuren mit Frauen besetzt. Wie haben Sie Ihre Haltung zu Themen wie Frauenquoten, Kinderkriegen, weibliches Auftreten entwickelt?

"Wie Frauen müssen uns gegenseitig motivieren"

Beisiegel: Es gab immer Frauen, die sich von diesem Thema total distanziert haben, als ginge sie die Geschlechterfrage nichts an. Das war bei mir anders. Als ich in den USA ins Labor kam, wurde ich mit den Worten begrüßt "Du bist die zweite Frau hier. Die erste wurde nach sechs Wochen wieder rausgeschmissen". Da habe ich verstanden: Frauen gehören hier noch nicht hin. Ich bin aber zum Glück nicht rausgeflogen. Später wurde ich Gleichstellungsbeauftragte.

ZEIT: Haben Sie feministische Literatur gelesen, sich intellektuell munitioniert?

Beisiegel: Nein, ich habe aus Erfahrung gelernt. Einmal war ich als wissenschaftlicher Gast in einem Hamburger Club eingeladen, in den normalerweise nur Männer, auch mit ihren Ehefrauen, zugelassen sind. Ich stehe also am Eingang, und man will mich allein nicht reinlassen. Da kommt ein Kollege vorbei, seine Ehefrau am Arm, hakt mich unter und sagt: "Die Frau Beisiegel nehme ich auch noch mit."

ZEIT: Inzwischen sind 24 Prozent der Professuren mit einer Frau besetzt. Ist das ein Erfolg?

Beisiegel: An den Universitäten und in der Wirtschaft hat sich vieles verbessert. Es gibt Stipendien, Förderprogramme. Frauen profitieren davon. Aber ich beobachte auch eine Gegenbewegung: Die Männer merken, dass die Frauen in den Führungspositionen ankommen, und die Netzwerke werden genutzt, um weiter männliche Kollegen entsprechend zu positionieren. Wir müssen jetzt Strategien entwickeln, damit Frauen nicht nur in Führungspositionen ankommen, sondern auch dort bleiben können.

ZEIT: Und wenn eine Frau nicht durchhalten will – wenn sie sagt: Das tue ich mir nicht an, lieber verlasse ich die Wissenschaft?

Beisiegel: Dann ist das sehr schade.

ZEIT: Oder ein Ausdruck von Selbstbestimmung.

Beisiegel: Ich finde, erfahrene Führungspersönlichkeiten sollten den jungen Wissenschaftlerinnen den Weg ebnen. Es darf einfach nicht sein, dass Frauen auf kulturelle Blockaden stoßen und sich dem bestehenden System anpassen müssen. Vielmehr muss das Wissenschaftssystem für alle Geschlechter Platz in den Führungsebenen haben.

ZEIT: Es ist oft von männlichen Netzwerken die Rede. Wie sehen die aus?

Beisiegel: Ein Beispiel: In Göttingen kam ein neuer Professor an, der schon am zweiten Tag mit einem meiner Kollegen zusammen Porsche gefahren ist. Die beiden haben sich sofort geduzt. Ich habe mich mit beiden gut verstanden, aber die waren eben Buddys. Im Wissenschaftsrat und bei der Hochschulrektorenkonferenz habe ich eigene Treffen für Wissenschaftlerinnen organisiert, wo wir uns über solche Fragen ausgetauscht haben. Alle Frauen hatten dieselben Erfahrungen gemacht: Männer halten zusammen, sobald ein Konflikt aufkommt. Frauen stehen dann oft allein da.

ZEIT: Haben die Uni-Präsidentinnen und Professorinnen durch solche Frauentreffen an Einfluss gewonnen?

Beisiegel: Unsere offiziellen Zusammenkünfte, am Rande der Sitzungen, wurden von den Männern freundlich beklatscht. Nach dem Motto: Fein, dass ihr euch um die Frauensache kümmert. Viel wichtiger ist es jedoch, hinter den Kulissen Strippen zu ziehen. Da stehen wir noch am Anfang. Dass die Gießener Medizinerin Katja Becker als Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft kandidiert hat und gewählt wurde, bedurfte einiges an Vorbereitung.

ZEIT: Wie sah die aus?

Beisiegel: Zuerst muss man deutlich machen: Dieser Posten soll jetzt endlich zum ersten Mal mit einer Frau besetzt werden! In diesem Fall haben sich sogar zwei Frauen aufgestellt. Und dann muss man mit denjenigen, die bei der Wahl eine wichtige Stimme haben, reden und viele Telefonate führen, die Frauennamen immer wieder ins Spiel bringen. Man braucht Geduld, und wir Frauen müssen uns gegenseitig motivieren. Es wird gegenüber den Kandidatinnen ständig dasselbe Argument vorgebracht: dass sie, anders als die meisten männlichen Kandidaten, keine Führungserfahrung haben.

"Mein Führungsstil war partizipativ"

ZEIT: Ist das kein valides Argument?

Beisiegel: Wie soll denn eine Frau bitte schön Führungserfahrung sammeln, wenn sie nie in eine Führungsposition gewählt wird? Ich bin sehr froh, dass Katja Becker jetzt DFG-Präsidentin ist. Doch sie wird sicher von vielen Seiten kritisch beobachtet.

ZEIT: Was waren Sie für eine Führungspersönlichkeit?

Beisiegel: Mein Führungsstil war partizipativ, also auf Teilhabe aller Parteien bedacht. Er wurde von den Professoren im Senat nie besonders gemocht. Manche Provokation hat mich innerlich zur Weißglut gebracht. Ich habe jedoch immer sachlich argumentiert und bin zum Glück nie emotional geworden. Ich bin dann aber, nach einer hitzigen Sitzung, durchaus mal zu meinen Vertrauten und habe dort Dampf abgelassen.

ZEIT: Die Uni Göttingen hat sich in Ihrer Amtszeit zweimal um den Titel als Exzellenz-Uni beworben – vergeblich. Warum sind Sie an dieser Aufgabe gescheitert?

Beisiegel: In der ersten Wettbewerbsrunde sind wir mit unserem Konzept zu Unrecht rausgeflogen. Unter unserem Gutachten stand damals, die Uni Göttingen sei "uneingeschränkt förderungswürdig". Bei einer anderen Uni stand: "bedingt förderungswürdig". Dass diese dann zur Exzellenz-Uni gekürt wurde, wir aber nicht, war nicht nachvollziehbar.

ZEIT: Wurde also gemauschelt?

Beisiegel: Der Grund für diese Entscheidung war wohl Befangenheit. Das wussten alle, und es war daher besonders bitter.

ZEIT: Einige Jahre später scheiterten Sie erneut.

Beisiegel: Wir hatten uns mit sechs Exzellenz-Clustern beworben, von denen vier in die zweite Auswahlrunde kamen; in ganz Deutschland waren in dieser Runde 88 Anträge. Normalerweise werden Forschungsprojekte dieser Größe zwei Tage lang begutachtet – beim Exzellenz-Wettbewerb hatten die Gutachter aber nur zweieinhalb Stunden Zeit. Die internationalen Gutachter waren teilweise durch den Jetlag übermüdet. Ich habe eine unserer Professorinnen buchstäblich am Stuhl festgehalten, damit sie nicht aufspringt und die Gutachter wachrüttelt. Göttingen wurde nicht schlechter behandelt als andere Universitäten, aber das Evaluationsverfahren war einfach völlig überlastet.

ZEIT: Haben Sie selbst keine Fehler gemacht?

Beisiegel: Diese Frage habe ich mir natürlich gestellt. Die Forschenden haben jedoch ihre Projekte sehr gut geplant und kritisch bearbeitet. Ich habe sie mit dem Präsidium bestmöglich unterstützt, und wir haben uns extern beraten lassen. Wir haben also alles getan, um uns für diesen Wettbewerb gut aufzustellen. Ich habe mir da keinen Vorwurf zu machen.

ZEIT: Bei Ihrer Verabschiedungsfeier an der Universität Göttingen haben Sie sich John Lennons Lied Imagine gewünscht. Wovon träumen Sie?

Beisiegel: Vom Segeln. In Dänemark und Schweden. Vor allem aber nutze ich meine berufliche Erfahrung, um beratend im Wissenschaftssystem tätig zu sein. Ich will mich für Frauen in Führungsposition starkmachen. Eines möchte ich allerdings auf keinen Fall: bis zum Schluss in irgendwelchen Gremien hocken, wie manche alte Herren.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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