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Die Hölle muss eine Warteschleife sein

junger Mann Laptop Tisch Verzweiflung Problem  [Quelle: unsplash.com, Autor: Tim Gouw]

Quelle: unsplash.com, Tim Gouw

Drei Monate ohne Internet leben – geht das überhaupt? Und das auch noch in einer Pandemie, in der man verstärkt auf soziale Medien angewiesen ist? Eine WG hat es unfreiwillig für uns getestet.

"Kannst du vielleicht einen Hotspot aufmachen?", rufe ich meiner Mitbewohnerin zu und stürme in ihr Zimmer, ohne Rücksicht auf ihre Privatsphäre. Ich habe kein Datenvolumen auf meinem Handy, muss aber in eine Zoom-Veranstaltung. Widerwillig gibt sie mir ihr Internet frei. Für ein paar Stunden kann ich die Welt wieder umarmen. Ich besuche Instagram, Twitter und Facebook. Was machen meine Freunde im Ausland? Wo ist das nächste Katzen-Video, und was treibt eigentlich der Bachelor? Ich mache alles – außer eine Zoom-Veranstaltung zu besuchen: Meine Mitbewohnerin wird bestimmt nicht merken, dass ich ihr Internet missbrauche – für Trash.

Wenn wir etwas wissen wollen, googeln wir. Unseren Freunden schreiben wir über Whatsapp. Wenn wir uns verlaufen, öffnen wir Maps. Musik läuft über Spotify und Serien bei Netflix. Und wenn wir Lust auf ein Date haben, tippen wir auf unserem Handy auf eine kleine rote Flamme. Wir sind die Generationen Y und Z und Alpha, wir sind die Generation digital, soll heißen: Wir kennen ein Leben ohne Internet nicht. Ohne immerzu verfügbares, schnelles Internet, auf dem Handy und dem Laptop (auch wenn der Empfang in Deutschland tatsächlich oft noch besser sein könnte).

Wir kennen das Leben davor nicht, und wir kennen das Leben ohne – ohne Internet und ohne Spaß – nicht mehr. So wie die Menschen, die zum Spaß ein Wochenende lang beim Mittelalter-Camp lernen, wie die Menschen früher lebten, arbeiteten oder Feuer machten, so haben wir nun an einem ganz eigenen Sozialexperiment teilgenommen: ein Leben ohne Internet. Ist ja quasi wie Mittelalter. Allein, unser Experiment war ein unfreiwilliges.

Eine Stadt, in der es Bier und Weißwurst vom Himmel regnet

Vor drei Monaten sind wir aus Frankfurt nach München gezogen. Ein Ort, von dem viele sagen, er sei ein Paradies. Eine Stadt, in der es Bier und Weißwurst vom Himmel regnet. Die Wohnungssuche war einfach und unkompliziert. Das ist nicht die Regel. Der Preis war für Münchner Verhältnisse sehr günstig. Die Gegend: gutbürgerlich. Hier gratulieren uns Nachbarn zu unserem "sozialen Aufstieg". In all dieser Ruhe ist es bestimmt möglich, gut zu arbeiten – denke ich. Wir sind endlich an einem vernünftigen Ort angekommen – denke ich. Hier verhält sich alles ordnungsgemäß und funktioniert. Tja.

Der Schein trügt. Am Tag unseres Einzugs bestellen wir einen Router und schließen einen Vertrag ab. "In einer Woche werden Sie eine Highspeed-Verbindung haben. Der Techniker muss nur vorbeikommen und Sie anschließen", sagt ein Mann am anderen Ende der Telefonleitung. Die größte Lüge, die mir je aufgetischt wurde.

Und ja, der Techniker, er kommt, begrüßt mich mit einem freundlichen "Servus". Ich zeige ihm die Anschlüsse, verschiebe mit meinen Mitbewohnern die Möbel, damit er in Ruhe und ohne Hindernisse arbeiten kann. Nach einer halben Stunde kommt er zu mir: "Ich konnte leider keine Verbindung feststellen. Ich muss in den Keller oder auf den Dachboden." Ich begleite ihn durch unser Wohnhaus. Erst sind wir im Keller: kein Internetanschluss. Dann auf dem Dachboden: die Technik viel zu veraltet. Bohren, friemeln, schrauben: Das grüne Lämpchen am Router will einfach nicht leuchten. Stattdessen blinkt es nur vor sich hin. Der Techniker verabschiedet sich und vertröstet uns auf die folgende Woche.

Ich flüchte mich in Optimismus. In ein paar Tagen haben wir bestimmt Internet. Vielleicht tue ich mir etwas Gutes, wenn ich mal Digital-Detox mache. Das ist gesund! Ich könnte in der Zwischenzeit ein paar Bücher lesen. Und überhaupt: Ich hab ja noch Datenvolumen! Diese Woche überlebe ich ohne Probleme.

Die fehlende digitale Pforte zur Welt

Die Tage vergehen, und ich fange an, mein Datenvolumen zu rationieren wie ein Nomade sein Wasser. Jeden Tag nur 100 MB. Das habe ich mir geschworen. Doch mit jedem Tag wird es schwieriger. Denn das Wichtigste fehlt: die digitale Pforte zur Welt. Mitten in einer Zeit, in der die Menschheit von einer Pandemie betroffen ist und sich nach Wärme und Geborgenheit sehnt, fehlt das Einzige, das soziale Kontakte ermöglicht.

In den nächsten Tagen sehe ich, wie verschiedene Anbieter Werbung für ihre Dienste machen. "Die nächste Generation des Internets kommt auch zu Ihnen", steht auf Werbetafeln. Glasfaser, Geschwindigkeiten, 5000 Mbits pro Sekunde sind Begriffe, die mir in schrillen und hellen Farben den digitalen Fortschritt in Deutschland vermitteln sollen: Deutschland, einig Digitalnation! Aber das DSL-Lämpchen in unserer WG blinkt einfach weiter. Es kommt mir vor, als würde sich das Lämpchen darüber freuen, dass wir keine Internetverbindung haben. Es ist ein schadenfrohes Blinken.

Es macht mich wütend, dass in diesem Land das Internet nicht funktioniert. Selbst als ich in der Ukraine gelebt habe, hatte ich nach zwei Tagen einen Internetanschluss. In Deutschland warte ich nun schon zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen ich nicht kommunizieren, konsumieren und, nun ja, "lernen" kann.

Wenn der Techniker einen vergisst

Gäbe es die Pandemie nicht, würde es mir nichts ausmachen. Das rede ich mir zumindest ein. Bars, Clubs, Parks, und Reisen in ferne Städte würden mich ablenken. Ich würde viele Freunde treffen. Doch Corona macht es unmöglich. Heute sollte eigentlich der Techniker kommen, aber er hat uns vergessen. Lange habe ich mich nicht mehr so hilflos gefühlt. Es ist, als hätte man uns auf einer einsamen Insel ausgesetzt.

Die Spannung in der WG nimmt zu. Wir rufen Hotlines an, die uns an andere Hotlines verweisen, die uns an andere Hotlines verweisen. Was das Internet angeht, so gibt es da keine Entscheidungsfreiheit. Es fühlt sich an, als wäre man in einer Dauerschleife gefangen, in der sich jedes Gespräch wiederholt. Kundennummer für Kundennummer. Geburtsdatum für Geburtsdatum. Erklärung für Erklärung. Die Hölle muss eine Warteschleife sein. Wir sind dem Willen einer höheren Macht ausgeliefert. Heil dir, Netzwerkbetreiber!

Jeder kann ein Held sein

Das DSL-Lämpchen blinkt weiter. Immer noch kein Internet. Wir fragen uns, ob es an uns liegt? Haben wir das Netz irgendwie enttäuscht? Müssen wir womöglich Doro Bär persönlich gnädig stimmen? Ich jedenfalls bin kurz davor, einen meiner Mitbewohner der Digitalministerin zu opfern. Da hat mein Handy ausreichend Edge-Empfang gesammelt, ich bekomme eine Nachricht.

Ein Freund schickt mir die Corona-Werbekampagne der Bundesregierung zur Belustigung per Whatsapp. Dort heißt es: Wir sollten nichts tun. Auf dem Sofa liegen. Einfach nur Bingewatchen, also Serien wie am Fließband wegschauen. Jeder kann ein Held sein, heißt es in dem Aufruf. Wie können wir Helden sein, wenn wir nicht einmal eine stabile Internetverbindung haben? Neben der Corona-Krise trifft uns diese Internet-Krise. Ich frage mich, ob mir der Datenmangel meine Zukunft versaut. Soll ich später in meinen Lebenslauf schreiben: "Journalistenausbildung abgebrochen weil kein Internet"?

Flucht zu einem Kommilitonen

Aus Verzweiflung gehe ich zu Kommilitonen. In einer Pandemie nicht besonders ratsam. Doch für Nachwuchsjournalisten wie mich ist das Internet eigentlich überlebensnotwendig. Kein Internet, keine Zoom-Meetings, kein Austausch, kein Wissen, keine Arbeit, keine Kohle.

Ich glaube, es müsste schon ein Monat vergangen sein. Der zweite Techniker kommt. Er tut das Gleiche, was der erste Techniker tat und findet: im Keller keine Verbindung. Auf dem Dachboden ist die Technik viel zu veraltet. Bohren, friemeln, schrauben: Das grüne Lämpchen am Router blinkt, als wollte es sagen: "Internet? Für euch? Gibt's nicht. Sorry, not sorry." Der Techniker verabschiedet sich und vertröstet uns wieder. "Man wird sich bei Ihnen in zwei Wochen melden", sagt er.

Die Stimmung wird angespannter

Ich laufe in Kreisbewegungen durch die Wohnung und kaufe das hundertste Datenpaket. Auf meine Rechnung will ich gar nicht schauen. Zu groß ist die Angst vor einer exorbitanten Summe, die meinen Dispo sprengen könnte. Wir derweilen rufen beim Anbieter an, verhandeln und betteln. Eine Stimme vertröstet uns auf zwei Wochen. Wir sehnen uns.

In der Wohngemeinschaft wird die Stimmung unterdessen angespannter. Die ständige Rationierung des Internets schlägt uns auf die Stimmung. Unsere Stimmen sind gereizt. Doch bevor es zu einem Streit kommt, einigen wir uns auf die einzig mögliche Option: Wir zetteln einen Twitter-Krieg an. Unsere Follower im Rücken und ausgestattet mit dem letzten verbleibenden Datenvolumen twittern wir gegen den Netzbetreiber an. Es passiert – nichts.

Auf einer einsamen Insel ohne Internet

Wir bilden uns ein, der Anbieter freue sich insgeheim, uns wochenlang ohne Internet leben zu lassen. Ich frage mich, ob wir gerade an einem größeren sozialen Experiment ohne unser Wissen teilnehmen? Könnte das Problem nicht einfach nur gespielt sein, um die Abhängigkeit des Menschen vom Internet messen zu können? Das ginge aber gegen die Menschenrechte – zumindest in meiner Welt.

Nach fast zwei Monaten fühlt es sich an, als würde ich jeden Kontakt zur Zivilisation verlieren – mitten in einer Großstadt. Meine wilde, archaische Seite kommt langsam zum Vorschein. Ich fühle mich wie Robinson Crusoe oder der Protagonist im Film "Cast Away", der vergeblich versucht, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Auf dieser einsamen Insel ohne Internet habe ich mein Zeitgefühl verloren.

Wie Kafkas Josef K.

Und nach einigen Monden und Sonnen kommt der dritte Techniker. Wie halb verdurstet stehe ich neben ihm, frage, was los ist. "Es kann doch nicht sein, dass man fürs Internet drei Techniker braucht", meint auch er. Er schaut sich unsere Verbindungen an. "Sie haben einen Highspeedrouter. Hier funktioniert nur DSL. Ich bestelle Ihnen einen neuen, wenn es für Sie in Ordnung ist. Und einen Techniker, der diese Verbindung einrichtet." Wir stimmen zu. Wir sind zu weit gekommen, um den Anbieter jetzt zu wechseln.

Es scheint so, als würde allein das Versprechen auf Anschluss meine Lebensgeister wecken. Ich funktioniere wieder, ich bin wach. Sieht so die Hoffnung aus? "In der Weihnachtszeit geschehen noch Wunder", rede ich mir ein. Nach einigen Tagen kommt der vierte Techniker. Bohren, friemeln, schrauben: "In ein paar Stunden müsste das Internet funktionieren." Wir warten. Erst zwei, dann fünf Stunden. Das Internet funktioniert nicht.

Mein Blut kocht. Ich sehe nur noch rot. Ich frage mich, ob die Vorsitzenden der Internetanbieter das gleiche Problem haben. Müssen sie jemals aufs Internet verzichten? Bestimmt nicht. Gerne würde ich diese Menschen in ihrem Elfenbeinturm aus Highspeed, Glasfaser und Digitalisierung zur Rede stellen. "Atme tief ein und aus", sage ich mir. Ich nehme das Telefon und gebe die Nummer der Kundenhotline zum etwa tausendsten Mal ein. Horror.

Auf der anderen Seite höre ich eine vertraute Stimme: "Wenn Sie Fragen zum Anschluss haben, wählen Sie die 1. Wenn Sie eine Störung haben, wählen Sie die 2." Das ist der Beweis, dass der Mensch eine Beziehung zur Künstlichen Intelligenz aufbauen kann, denke ich mir. Ich werde weitergeleitet zu einem Kundenbetreuer. Wie Kafkas Josef K. werde ich ständig weitergeschickt. Irgendwann hört mir eine Frau dann wirklich zu. Sie beruhigt mich und überprüft die Verbindung vom Callcenter aus. Ein Kabel außerhalb des Hauses könnte das Problem sein. Sie schicken einen Techniker zu uns – den fünften.

Nach fünf Tagen erhalte ich einen Anruf. Der unsichtbare Techniker hat das Problem behoben, und tatsächlich: Das DSL-Lämpchen leuchtet grün. Es blinkt nicht mehr. Ein digitales Weihnachtswunder! Ich öffne den Browser: läuft. Fast drei Monate sind vergangen seit dem shut-out. So fühlt sich das Glück an.

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