Partner von:

Die neue Generation Praktikum

Sprung, Sprungbrett, Frau, Freude [Quelle: unsplash.com, Autor: Anthony Ginsbrook]

Quelle: unsplash.com, Anthony Ginsbrook

Sich von Praktikum zu Praktikum hangeln – diese Zeiten sind vorbei. Trotzdem sind längst nicht alle Schnupperstationen für Studenten gleich gut.

Rechnungen buchen, Anfragen bearbeiten, Bilanzen ziehen – Anja arbeitet für fünf Monate als Praktikantin in der Verwaltung einer Klinik. "Das Praktikum ist eigentlich voll gut. Ich bekomme Einblick in viele Bereiche", erzählt die 21 Jahre alte Studentin der Gesundheitsökonomie. Sie fühlt sich gut integriert und bekommt häufig neue und abwechslungsreiche Aufgaben.

Wie die anderen Praktikanten und Praktikantinnen in diesem Text will sie ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen. "Ich wollte ein Praktikum im Krankenhaus machen, weil ich dort später auch arbeiten möchte", sagt sie. Grundsätzlich ist sie zufrieden. Ein Problem gibt es allerdings: Sie erhält monatlich bloß eine Aufwandsentschädigung von 60 Euro.

Ungefähr 600.000 Praktika werden in Deutschland jährlich absolviert. Früher waren sie oft als Sackgasse verschrien. Noch vor zehn Jahren warnten viele, die damalige "Generation Praktikum" hangele sich von Zwischenlösung zu Zwischenlösung, ohne ordentliche Stellen zu finden.

Fünf Monate arbeiten und keine Entlohnung

In Zeiten der guten Konjunktur sind solche Rufe weitgehend verstummt. Praktika gelten als gute Vorbereitung aufs Berufsleben – manchmal gar als handfestes Sprungbrett. Die heutige Praktikantengeneration treiben andere Dinge um: eine sehr unterschiedliche Qualität der Stellen etwa.

Und auch: eine sehr unterschiedliche Bezahlung. Ein Großteil der heutigen Praktika sind Pflichtpraktika, die von den Hochschulen vorgeschrieben werden. Seit der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 haben auch Praktikanten Anspruch auf Bezahlung, vorausgesetzt, sie sind mindestens 18 Jahre alt und das Praktikum dauert drei Monate oder länger. Das gilt aber nur für freiwillige Praktika. Pflichtpraktika – und damit auch Praxissemester – sind davon ausgenommen.

Wie viel Geld Studierende im Pflichtpraktikum bekommen, entscheidet der Arbeitgeber. Manche bekommen den Mindestlohn, einige mehr, andere eine kleine Aufwandsentschädigung von ein paar hundert Euro – und wieder andere gar nichts. Auch über zusätzliche Zahlungen wie Wohn- oder Benzingeld entscheidet der Arbeitgeber. Anja will nicht jammern. "Ich kenne auch viele, die bekommen gar nichts", sagt sie. Von drei Kliniken hatte sie Zusagen, die anderen beiden hätten nichts bezahlt.

Pflichtpraktikanten müssen nicht nur auf Gehalt verzichten. Sie haben auch keinen Anspruch auf Urlaub. Im Vordergrund steht der Lerneffekt und das Studium, darum sind sie keine normalen Arbeitnehmer. Während ihrer fünf Monate Arbeit in der Klinik kann sich Anja keinen Tag freinehmen.

Vergütung spielt häufig nur sekundäre Rolle

Auch die 23 Jahre alte Isabelle hat in ihrem Praxissemester nichts verdient. Sie studiert "Soziale Arbeit Transnational" und hat ihr Praktikum beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften in Frankfurt gemacht. Sie sagt, schon im Studium werde vermittelt, dass es im Praxissemester wohl kein Geld gebe. Viele Verbände und NGOs hätten nicht das Geld, um Praktikanten zu bezahlen. Ihr habe das Praktikum trotzdem gefallen. Auch seien alle offen mit den Rahmenbedingungen des Praktikums umgegangen.

Grundsätzlich beschweren sich Praktikanten wenig. Im Gegenteil, die meisten sind mit ihrer Arbeit und dem Lerneffekt zufrieden; mehr als 80 Prozent würden sich Umfragen zufolge beim selben Arbeitgeber noch einmal bewerben.

Josef Holnburger ist in der Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) verantwortlich für Arbeitsmarktpolitik und sieht trotzdem Handlungsbedarf. "Es gibt eine große Spannweite bezüglich der Zustände bei Praktika - von sehr schlechten Bedingungen bis zu sehr guten", sagt er. Holger Schäfer ist Arbeitsmarktökonom am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Er glaubt hingegen, dass höhere Mindeststandards Nachteile hätten: "Dann geht die Anzahl der Praktikumsstellen zurück", sagt er.

Gütesiegel für faire Arbeitgeber

"Vergütung spielt für Praktikanten häufig eine sekundäre Rolle", sagt Elke Neuhard, Projektleiterin der Initiative "Fair Company". Die Initiative zertifiziert Unternehmen, die sich verpflichten, Qualitätsstandards einzuhalten: zum Beispiel direkte Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen oder eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Mehr als 600 Unternehmen machen mit. Darunter sind große Unternehmen wie Aldi oder Unilever, aber auch viele kleine und mittelständische.

Das Siegel von Fair Company hilft ihnen, sich im Wettbewerb zu positionieren. Wenn Praktikanten in diesen Unternehmen ein Problem haben, können sie sich an die Initiative wenden. Nur fünf Prozent der Praktikanten geben an, dass die Regeln nicht eingehalten worden sind. Laut Elke Neuhard sind den Praktikanten von heute eine gute Betreuung und sinnvolle Aufgaben oft wichtiger als die Bezahlung. Vor allem wenn die Betreuung nicht passt, seien sie unzufrieden.

Da die Fair-Company-Initiative Praktikanten zu Rückmeldungen auffordert, erreicht sie auch Kritik. Diese sei überwiegend positiv, gute Integration ins Team und abwechslungsreiche Aufgaben würden oft gelobt. Aber auch negative Anmerkungen seien dabei. "Der Anspruch, dass Praktikanten etwas dazulernen und sich entwickeln sollen, besteht nicht. Hauptsache, die Arbeit wird schnell und zuverlässig erledigt", sagte ein Praktikant zum Beispiel. Kritisiert wird auch immer wieder, dass Ausschreibungen nicht zur Tätigkeit passen.

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren