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"Der Funke soll überspringen!"

Vorlesungssaal [Quelle: freeimages.com, Autor: fredjk]

Quelle: freeimages.com, fredjk

Ein Hochschullehrer erklärt seine Arbeit und was er von den Studenten erwartet.

ZEIT Campus: Herr Knabe, Sie sind VWL-Professor. Kennt ein Professor seine Studenten eigentlich alle persönlich?

Andreas Knabe: Das würde ich gerne, aber es ist nicht immer möglich. In meiner Einführungsvorlesung in die Mikroökonomie sitzen 500 Studenten. Aber wer ab und an eine Frage stellt, den kenne ich zumindest schon mal vom Sehen. Manchmal kann ich auch einen Namen zuordnen, weil mir jemand eine E-Mail geschrieben hat. Wirklich persönlich lerne ich die Studenten aber meistens erst in den fortgeschrittenen Semestern kennen, wenn es in Seminaren mit weniger Teilnehmern um spezialisierte Themen geht.

ZEIT Campus: Ist es denn überhaupt sinnvoll, in so einer großen Vorlesung Fragen zu stellen?

Knabe: Ja, warum denn nicht? Dafür nehme ich mir am Ende immer ein paar Minuten Zeit. Das reicht für zwei, drei Fragen und Antworten. Es gibt meistens ein paar, die sich trauen. Und wenn mal niemand will, ermutige ich dazu. Ich sage dann: "Liebe Leute, wenn Sie etwas nicht verstanden haben, müssen Sie nicht glauben, dass Sie damit allein sind. Sie können sicher sein, dass einige andere, womöglich Hunderte, Studenten im Raum das auch nicht verstanden haben." Ich bin ja froh, wenn jemand nachfragt und ich merke, wo das Problem liegt.

ZEIT Campus: Wenn man sich in großer Runde nicht traut, wann kann man dann seine Fragen loswerden?

Knabe: Nach der Vorlesung, während ich meine Sachen einpacke, versammeln sich oft noch mal so 15, 20 Studenten um mich, um nachzuhaken oder auch um einfach zuzuhören. Das entwickelt sich schnell zur viertelstündigen Kleingruppendiskussion. Außerdem gibt es begleitende Veranstaltungen zu den Vorlesungen: Übungen, die von Doktoranden geleitet werden, und Tutorien, die Masterstudenten halten. Sie alle arbeiten an meinem Lehrstuhl, auch sie kann man fragen, wenn man sich bei mir nicht traut. Oder man kommt in meine Sprechstunde.

ZEIT Campus: Kann man denn in die Sprechstunde gehen, nur weil man in der Vorlesung etwas nicht so genau verstanden hat?

Knabe: Ja. Ich freue mich, wenn sich Studenten bei mir melden, um ihre Fragen loszuwerden. Allerdings erwarte ich, dass sie sich gut vorbereiten, bevor sie in die Sprechstunde kommen.

ZEIT Campus: Was genau erwarten Sie da?

Knabe: Dass jemand bereits versucht hat, das Problem selbst zu lösen. Vielleicht mal im Lehrbuch nachgeschlagen oder darüber mit Kommilitonen diskutiert hat. Wenn ich frage: "Was haben Sie denn nicht verstanden?", und der Student antwortet: "Alles!", dann ist das natürlich schwierig. Aber wenn jemand sagt, auf dieser oder jener Folie habe ich dieses oder jenes Problem, dann können wir darüber diskutieren. Das bringt die Studenten weiter und macht auch mir Spaß.

ZEIT Campus: Was ist Ihr Tipp für Studenten?

Knabe: Von Anfang an dranzubleiben und nicht erst kurz vor der Klausur mit Fragen zu kommen. Das ist der Hauptunterschied zur Schule. Es kontrolliert nicht ständig einer, ob man noch mitkommt. Kurz vor der Klausur ist es oft schon zu spät. Da haben meine Mitarbeiter und ich auch gar keine Zeit mehr, alles zu beantworten und zu erklären.

ZEIT Campus: Welche Aufgaben haben Sie als Professor noch neben den Vorlesungen und Klausuren?

Knabe: Ziemlich viele. Das Lehren nimmt etwa ein Drittel meiner Zeit ein. Daneben kümmere ich mich um meine Forschung und übernehme organisatorische Aufgaben. Ich bin zum Beispiel Studienberater für einen englischsprachigen Bachelor und Mitglied im Fakultätsrat, wo unter anderem über die Neubesetzung von Lehrstühlen entschieden wird. Als Forscher beschäftige ich mich mit Rentenpolitik und damit, wie sich Arbeitslosigkeit auf das Wohlbefinden auswirkt. Für meine Aufsätze und Vorträge analysiere ich große Datensätze, führe Interviews und wende verhaltensökonomische Modelle an. Außerdem besuche ich Workshops und Konferenzen zu meinem Themengebiet.

ZEIT Campus: Das ist bestimmt spannender, als die immer gleichen Einführungsvorlesungen zu halten ...

Knabe: Das geht mir nicht so. Eine Vorlesung ist für mich keine lästige Pflichtübung, ich will, dass der Funke überspringt. Als Student haben mich die Vorlesungen am meisten beeindruckt, bei denen ich gemerkt habe, dass der Dozent von seinem Fach fasziniert ist. Ich will die Begeisterung für mein Fach an meine Studenten weitergeben! Am allerschönsten ist es, wenn meine Vorlesung den ein oder anderen so neugierig macht, dass er hinterher noch Lust hat, in der Bibliothek weiterzulesen oder mit Kommilitonen bei einem Bier darüber zu sprechen.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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