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Das nette Nazi-Mädchen von nebenan

Frau auf der Blumenwiese [Quelle: pexels.com, Autor: Andre Furtado]

Quelle: pexels.com, Andre Furtado

Rechtsextreme Influencerinnen suchen in den sozialen Medien nach Anhängern. Mit Frisurentipps, Backrezepten und Aufnahmen vor grünen Landschaften wirken sie zunächst unverfänglich – doch der Schein trügt. Eine Recherche.

Vogelzwitschern mischt sich unter Klavierklänge, während Leni in einem geblümten Kleid durch ein Feld voller Mohnblumen geht. "Hallo, ihr Lieben, willkommen zurück auf meinem Kanal", sagt sie wenige Sekunden später nach diesem Epilog zu ihrem Video. Im Schneidersitz sitzt sie auf einem Bett, im Hintergrund hängen Fotos an einer Lichterkette, eine Zimmerpflanze rankt von einem Regal. Auf ihren Social-Media-Kanälen spricht Leni darüber, wie sie ihre langen blonden Haare frisiert, teilt Backtipps und präsentiert ihre neuesten Mode-Fundstücke.

Leni ist eine Influencerin wie jede andere - aber nicht nur. Wegen dem "Nicht nur" und um ihr nicht zu Popularität zu verhelfen, heißt die junge Studentin in diesem Text "Leni". Ein User kommentiert, Lenis Inhalte würden an Götz Kubitschek erinnern, an einen politischen Aktivisten der Neuen Rechten: "so vertraut, so souverän". Ein anderer schreibt: "Glückwunsch zum Bachelor – Bist du eigentlich noch in der Identitären Bewegung Dresden aktiv?"

Oft trägt Leni ihr blondes Haar zu zwei strengen Zöpfen geflochten, ihre Lippen hat sie zartrosa geschminkt. Unter ihren Fotos schreibt sie über ihre Definition von Weiblichkeit, ihre Verbundenheit zur deutschen Heimat und diskutiert darüber, ob eine "traditionelle Frau" studieren darf. Das, was Leni in den sozialen Medien und vor allem auf Instagram macht, nennt sie ihr "Projekt". Ein Projekt, das, ästhetisch betrachtet, in die heile Instagram-Welt aus modisch gekleideten Menschen, Tierjungen und Traumstränden passt.

Aber auch ein Projekt, das mehrmals von Martin Sellner angepriesen wurde, dem Kopf der Identitären Bewegung (IB). Laut Verfassungsschutz ist die IB Deutschland eine "gesichert rechtsextremistische Bestrebung" und vertritt einen völkischen Staatsvolk-Begriff, der dem Grundgesetz widerspricht. Leni trat in der Vergangenheit für die Gruppierung als Referentin auf, zierte die erste Reihe ihrer Aufmärsche und stellte sich auf der Suche nach jungen Rekruten mit einem Plakat in die Nähe der Universität in Bonn. 2017 hatten Dutzende Identitäre versucht, in das Berliner Justizministerium einzudringen, und blockierten das Gebäude nach ihrem Scheitern - Leni lächelte auf den Fotos der Aktion.

Die IB entstand in Frankreich, im deutschsprachigen Raum fand sie ihren Ursprung in Österreich. Dort arbeitet Judith Goetz als Universitätsassistentin am Lehrstuhl für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Wien und ist auch Expertin zum Thema Frauen bei den Identitären: "Sie versuchen ihre Ideen in den vorpolitischen Raum zu pflanzen, und Kanäle wie Instagram kommen ihnen sehr entgegen, da es dort vor allem um Ästhetik und ansprechende Fotos geht."

Fotos, die laut Goetz Symbolwirkung besitzen: Trachten, historische Bauten, Landschafts- und Naturaufnahmen. Zunächst unverfängliche Fotos, die die deutsche Heimat idealisieren und im nächsten Schritt eine vermeintliche Bedrohung ebendieser Welt imaginieren. Goetz zufolge spielen Frauen in der IB eine zentrale Rolle, um der Gruppierung zu einem weniger militanten Auftreten zu verhelfen. Sie seien daher etwa bei Aufmärschen bewusst in der ersten Reihe platziert worden.

Der Kanal von Influencerin Leni ist Goetz wohlbekannt: "Sie präsentiert sich als das harmlose Mädchen von nebenan, wirkt in keiner Weise gefährlich oder fanatisch - und genau diese Strategie wird von rechten Influencerinnen genutzt." Goetz spricht von Influencerinnen im Plural, denn Leni ist mitnichten die einzige Frau, die sich von Neurechten instrumentalisieren lässt. "Weil Gruppenaccounts in jüngerer Zeit gesperrt wurden, sind Einzelakteure wichtiger geworden: Für die Gruppierung spielt es eine zentrale Rolle, ein modernes Image und sich selbst als jung und hip zu präsentieren."

Codierte Inhalte wurden aufgrund zunehmender Sperrungen wegen Hassrede zudem zu einer Ausweichstrategie. In einem ihrer Youtube-Videos sagt Leni, dass sie künftig weniger Videos drehen werde und vorzugsweise Inhalte für Instagram erstelle, denn letztere seien mit nur wenigen Klicks erstellt. Doch nicht nur das macht Instagram interessant: Die Plattform gilt dieser Tage als das vorrangige soziale Medium unter Jugendlichen.

"Im digitalen Zeitalter spielen Rechte mit Begriffen, die zwar als Euphemismen getarnt sind, in denen jedoch eine ideologische Bedeutung verankert ist", sagt auch Medienlinguistin und Kognitionswissenschaftlerin Rocío Rocha Dietz vom gemeinnützigen Center für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz CeMAS, mit Sitz in Berlin, das Expertise zu Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus bündelt.

"Auch auf Instagram spielen rechte Influencerinnen damit – nur eben auf Bildebene." Die eigentliche Bedeutung ergebe sich demnach durch das Zusammenspiel zwischen Text, Referenz und Foto. Im Zweifelsfall ist diese Bedeutung abstreitbar, da nicht offensichtlich. "Aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive ist die Decodierung der Inhalte zudem interessant, da sie nachweislich einen Erfolgsmoment beim Rezipienten auslöst – denn er hat sie selbst entschlüsselt", sagt Rocha Dietz, die zu digitaler Kommunikation rechtsextremer Gruppen forscht. "Außerdem glauben Menschen einer Aussage eher, wenn sie an der Entschlüsselung selbst beteiligt waren."

Rocha Dietz sieht bei Leni zudem Parallelen zum Traditional Wife Movement aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten, das rechten Influencerinnen hierzulande als Vorbild dienen könnte. "Die Bewegung trat dort schon 2016 auf", sagt Rocha Dietz. "Akteurinnen waren junge Frauen, die im Fünfziger-Jahre-Outfit für ein antifeministisches Bild und die Rolle der Frau als fürsorgliche Mutter warben." Auch wenn Frauen aller Erkenntnis nach aufgrund ihres Geschlechts keinen einfachen Stand in der männerdominierten rechten Szene hätten, könnten Influencerinnen zum Teil einer Medienstrategie werden, die Interessierten einen vergleichsweise sanften Einstieg bietet.

Judith Goetz sagt, dass die codierten Inhalte auf Instagram eine bislang unterschätzte Gefahr darstellten. Allein die Möglichkeit, mit Protagonisten ohne große Anstrengungen interagieren zu können - ohne zum Beispiel physisch an einem rechten Aufmarsch teilnehmen zu müssen -, schaffe Nahbarkeit und die wiederum emotionale Ansprache.

"Die extreme Rechte wiederholt mit ihren Influencerinnen, was sie sonst im realen Leben praktiziert", sagt Goetz. "Diese Frauen auf Instagram wirken durch ihre Selbstinszenierung sympathisch und ansprechend, sodass nicht erkannt wird, welche Inhalte damit verknüpft sind und wo man mit zwei Klicks weiter landen kann – nämlich auf einer rechtsextremen Seite."

Um das zu überprüfen, bleibt nur das Erstellen eines fiktiven Accounts: Mit Brezel-, Adler- und Deutschlandflaggen-Emoji in der Profilbeschreibung sowie einem Account-Foto, das einen blonden Frauenkopf Typ "Blumenmädchen" inmitten einer grünen Landschaft zeigt. Einen Tag nach Beginn des Tests: Der Account vom "Kampf der Nibelungen" möchte unserem Profil folgen – die größte Kampfsport-Veranstaltung der rechtsextremen Szene in Europa.

Als möglicherweise für uns interessantes Profil vorgeschlagen wird zudem: die Initiative Lukreta. Dieser Verbund rechter Frauen im Netz spielt mit der Angst, spricht pauschal von einer Gefahr, die von migrantischen Männern ausgeht. Lenis Fotos tauchen dort auf, etwa am Welt-Kopftuch-Tag, an dem demonstrativ Lenis blonde Wallemähne zu sehen ist und der Hashtag #NoHijabDay gesetzt wird. Mit einer der zentralen Figuren der Initiative zeigt sich Leni auf Fotos in enger Umarmung: "Wahre Freundschaft", schreibt sie dazu. "Ihr zwei seid mega süß zusammen", kommentiert eine Jungpolitikerin der AfD. Auch unter den Followern von Leni tummeln sich zahlreiche AfD-Aktivisten.

Nachdem wir Leni folgen, schlagen die Instagram-Algorithmen zunehmend radikalere Inhalte vor: Kurzvideos mit Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg, Fotos von Panzern, Auschwitz-Aufsehern und Hitlergruß-zeigenden Frauen mit Zahnpastalächeln. Den Kopf von Adolf Hitler auf ihren T-Shirts zensieren sie mit einem schwarzen Herz-Emoji. Offener Antisemitismus und Islamfeindlichkeit finden auf Instagram vor allem in den Storys statt, die nur temporär zu sehen und nach 24 Stunden verschwunden sind – meist bevor die Plattform interveniert.

Auf eine Anfrage bezüglich ihrer Aktivitäten bei der Identitären Bewegung antwortet Leni unserem Account nicht. Der Eigenversuch auf Instagram zeigt jedoch, dass andere User gezielt in den Abonnentenlisten nach Gleichgesinnten suchen. Ein User will zum Beispiel erfahren, ob unsere Account-Betreiberin "im Gegensatz zu vielen anderen Frauen noch Verstand besitzt" oder ob sie "auch so eine komische Feministin" ist. In der vierten Nachricht fragt er, ob sie die AfD wählt.

Normalerweise sprechen Influencerinnen auf Instagram eine überwiegend weibliche Zielgruppe an. Rechtsextreme Frauen in sozialen Medien allerdings nicht nur. Auch an die Wehrhaftigkeit von Männern werde hier appelliert, sagt IB-Expertin Goetz. Die zentrale Zielgruppe seien Jugendliche. "Rechtsextreme Identitätsangebote präsentieren vorgefertigte Konzepte: Etwa ein starres Geschlechtermodell und welche Aufgaben mit den jeweiligen Geschlechtern verbunden werden." Verlangt werde nur die Anpassung an diese Konzepte - und das komme ohne die schwierigen Fragen aus, denen sich Jugendliche auf Identitätssuche sonst stellen müssten.

Helfen könne Aufklärung, sagt Goetz: "Grundsätzlich ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen das geeignete Wissen zur Verfügung zu stellen, um sich im Internet orientieren zu können." Was sind faktenbasierte Informationen, und bei welcher Quelle könnte ein Faktencheck lohnen? Goetz sagt auch: "Die Strategien der extremen Rechten auf Social Media müssen langfristig beobachtet werden, jedoch brauchen Löschungen von Accounts begleitende Erklärungen."

Mit Radikalisierung sowie Deradikalisierung kennt sich Winnie Plha von der Denkzeit-Gesellschaft in Berlin aus. Beim freien Träger in der Jugendhilfe entwickelt die Sozialwissenschaftlerin Projekte zur Deradikalisierung von Jugendlichen mit. Sechs bis neun Monate durchlaufen jugendliche Straftäter darin ein pädagogisches Programm, das ihre psychosozialen Fähigkeiten weiterentwickeln und so Schutz vor delinquentem Verhalten bieten soll. "Unser Ansatz ist: Wenn wir von jungen Menschen Demokratiefähigkeit erwarten, dann geht das nur durch die Entwicklung psychosozialer Reife, innerer Stabilität und Flexibilität."

Und diese drei Aspekte seien entscheidend: "Radikale Gruppen, aber auch Einzelakteure wie rechte Influencerinnen bieten jenen Jugendlichen einen Ausweg, die innerlich in Not sind und weder mit sich selbst noch mit der Gesellschaft zurechtkommen", sagt Plha. "Egal welche Extremismusform wir uns anschauen: Die Parallele liegt in solchen entlastenden Angeboten." Diese seien durch pauschalisierende Vereinfachungen gekennzeichnet: "Wenn ich entwicklungsbedingt keine Ambivalenzen aushalten kann, wende ich mich eher radikalen Positionen zu."

Einen präventiven Ansatz bieten wollen auch die Spieleentwickler vom "Onlinetheater. Live". Der Name ihrer unentgeltlichen Smartphone-App: Loulu. Manipulationstaktiken rechtsextremer Netzwerke im Internet werden bei ihr simuliert: So kapert eine Influencerin zunächst harmlose Hashtags um den Begriff "Heimat", spaziert durch Weinberge, teilt Backrezepte - bis User immer tiefer in einen Sog radikaler Inhalte gezogen werden.

Spieler und Spielerinnen sollten durch die App gegen rechte Narrative und Ästhetik immunisiert werden, sagt Mitentwickler Caspar Weimann. Im Spiel lassen sich diese vorsichtig ertasten. Loulu wird dabei von einer Schauspielerin gespielt. Ihre Vorbilder hingegen sind real.

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