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Was ich für Credit Points schon getan habe

Frust, Stress, genervt [Quelle: unsplash.com, Hutomo Abrianto]

Quelle: unsplash.com, Hutomo Abrianto

Studenten sind Illusions- und Aufschiebekünstler – bis ihnen irgendwann im Laufe des Semesters die Realität um die Ohren fliegt. Was also tun, wenn die Abgabefrist bedrohlich nahe rückt oder die Messlatte in schwindelerregender Höhe hängt? Drei Studenten beichten uns ihre verrücktesten, absurdesten, ja ungesündesten Aktionen auf der Jagd nach den alles entscheidenden Credit Points.

4 Credit Points mehr, 4 Kilogramm weniger – in 4 Tagen

Wie die meisten Studenten habe auch ich mir nach Panik-Nachtschichten immer vorgenommen: "Bei der nächsten Hausarbeit"... Du kennst das Spiel. Nie durchgezogen. Kurz vor dem Abgabetermin gibt es auch beim nächsten Mal wieder denselben Stress: Irgendwie muss das Teil fertig werden. Und das in vier Tagen. Die ersten Nachtschichten werden eingelegt, der Freundeskreis vernachlässigt und das WG-Zimmer nur noch für den Gang zur Kaffeemaschine verlassen.

Grundsätzlich bin ich kein Mensch, der seinen Magen gerne knurren lässt. Besser gesagt mag ich es eigentlich schon nicht, wenn mein Magen ansatzweise Gefahr läuft, durch zu langen Nahrungsentzug an die Grenze der Rebellion zu geraten. Umso erstaunlicher ist es, welches Phänomen sich immer kurz vor den Abgabefristen meiner Hausarbeiten abspielt. Denn genauso wie ich zu längeren Hungerphasen eigentlich nicht geschaffen bin, ist es mir aufgrund einer hartnäckigen Form der Prokrastinationssucht offenbar auch nicht möglich, mit dem Schreiben früh genug anzufangen.

Stattdessen ist mein Belohnungssystem so ausgerichtet, dass ich es für eine gute Idee halte, meine Produktivphasen möglichst komplett auf die letzten Tage vor Abgabetermin zu konzentrieren. Der dadurch bedingte Stress wiederum resultiert in einem kompletten Shutdown meines Verdauungstraktes. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, dass Kaffee und höchstens mal ein Stückchen Schokolade völlig ausreichen, um mich in dieser Phase über den Tag zu bringen.

Nachdem die Arbeit dann auf den letzten Drücker doch noch fertig wird, der altbekannte Schwur erneut geleistet, die Jogginghose dank vier verlorener Kilos um die Beine schlackert und die Schuldgefühle langsam verschwinden – dann kehrt mit einem Schlag auch wieder das sonst so verlässliche Hungergefühl zurück. Und alles, was ich die letzten Tage nicht konsumiert habe, verleibe ich mir in einem feierlichen Festmahl ein. Denn grundsätzlich bin ich ja kein Mensch, der seinen Magen gerne knurren lässt.

Keine Note, kein Stress?

Als Literaturwissenschaftler konnte ich mir im Bachelor meine Nebenfächer frei zusammenstellen. Ich genoss es sehr, mein eigenes Fach aus neuen Blickwinkeln kennenzulernen. Erst gegen Ende des Studiums geriet ich beim Fakultäten-Hopping langsam ins Schwitzen: Sich in ständig neuen Fächern auf Hausarbeits- oder Klausur-Niveau zu hieven, kostete Zeit, die ich parallel zum Hauptfach nicht mehr hatte.

Eine Lösung für die letzten sechs ECTS musste her. Meine vermeintliche Rettung: ein Zeichenseminar, das man ohne Note abschloss. "Keine Note, kein Stress", sagte ich mir, und startete mit waldorfschulhafter Gelassenheit in den Kurs. Kunst als Ausdruck der Seele oder so. Womit ich nicht gerechnet hatte: Mein Kurs bestand aus zwanzig ganz und gar nicht anthroposophisch angehauchten Kunststudenten, die mich in der ersten Sitzung skeptisch in ihren Zirkel aufnahmen – um mich in den folgenden Monaten demonstrativ in Grund und Boden zu malen.

Meine erste Zeichenübung (gerade Linien) stieß noch auf Mitleid, mein "Baum" brachte mir zum ersten Mal offenes Entsetzen ein.

Der Gipfel der Demütigung war die Lektion Aktzeichnen – für mich wie für die Dame fortgeschrittenen Alters, die eines dunklen Wintermorgens im Evakostüm auf die zusammengeschobenen Seminartische kletterte und sich auf ein würdevolles Abbild ihres nackten Selbsts freute. Ich versagte schon bei den groben Rumpfumrissen, die Gliedmaßen vollendete ich nur teilweise, um Gesicht, Brust und Scham malte ich einen ehrfürchtigen Bogen. Die Porträtierte war not amused, meine Kommilitonen ein weiteres Mal unterwältigt – und ich einfach nur heilfroh, nach vier endlos langen Monaten die sechs demütigsten ECTS meiner Unilaufbahn zu verbuchen.

Dem Tod ins Auge sehen

Ein Seminar zum Thema Wirtskeller, im Geburtstagsjahr des Reinheitsgebots? Das versprach Gemütlichkeit, Geselligkeit und all die anderen schönen Dinge, die man in den Räumen der gestrengen Alma Mater sonst vergeblich sucht. Noch dazu klang der architekturgeschichtliche Kurs für mich als Kunsthistorikerin nach einer spannenden Abwechslung. In der ersten Sitzung schienen sich all meine Hoffnungen zu bewahrheiten: Vergnügte Kommilitonen, Gemälde von Festgesellschaften und draußen der schönste Altweibersommer. Prompt ließ ich mich darauf ein, ein Referat über den noch unerforschten Wirtskeller eines nahegelegenen 5.000-Seelen-Orts zu halten. Pionierarbeit, Feldforschung – ich war begeistert. 

Dann zogen die Wochen ins Land, aus dem Altweibersommer wurde ein grimmiger Herbst. Auch an dem Tag, an dem ich das noch unentdeckte Juwel der Bierkellerkunst besichtigen wollte, war es nebelig und regnete ununterbrochen. Als ich durch die leeren Straßen des Orts lief, breitete sich in mir ein mulmiges Gefühl aus. Am Bierkeller angekommen saßen mir Kälte, Nässe und Trostlosigkeit schon so tief in den Knochen, dass mich die nächsten Enttäuschungen nur noch milde überraschten. Der Wirtskeller war nämlich, anders als angekündigt, seit einigen Monaten für Gäste geschlossen, eine dicke Staubschicht lag auf Bänken und Tischen. Gut ins Bild passte auch der Besitzer, der auf mich wirkte wie Charles Dickens' Scrooge persönlich. Nachdem er mir den Keller gezeigt hatte – kunst- und architekturhistorisch, da war ich mir inzwischen sicher, aus sehr gutem Grund noch nicht erforscht – freute ich mich auf frische Luft, um zu überlegen, was nun aus meinem Referat werden sollte. Doch Scrooge hatte andere Pläne: Zu einem Bierkeller gehöre auch das Wirtshaus – und das werde er mir nun zeigen.

Es erübrigt sich zu sagen, dass ein verlassenes Wirtshaus nicht sehr viel erquicklicher ist als ein verlassener Wirtskeller. Ich bibberte und sehnte mich einmal mehr nach draußen, wo es auch nicht viel kälter und feuchter sein könnte als hier drin. Je weiter wir uns im Haus nach oben vorarbeiteten, desto penetranter wurde zudem ein furchtbarer Gestank. Spätestens als wir auf dem Dachboden ankamen – eindeutig der Ursprung des Gestanks – war ich mir sicher, dass ich hier eher für eine Hausarbeit zu Horrorszenarien recherchieren könnte als zu Bierkellern. Plötzlich hörte ich ein Flügelschlagen und für einen kurzen Augenblick setzte sich etwas auf meine Schulter. Scrooge schaltete das Licht an, und im gelblichen Schein der Glühbirne erkannte ich jetzt, was genau im Haus so gestunken hatte: Der gesamte Dachboden wimmelte vor Getier, vorwiegend Tauben, war übersäht mit Kot, und in den Ecken lagen tote Vögel und Marder in den verschiedensten Stadien der Zersetzung. Forensische Biologie könnte ich hier also auch noch studieren ...

In diesem Moment starben nicht nur alle Hoffnungen auf ein vergnügliches Referat in mir, sondern auch die letzten Reste meines Immunsystems. Meine kunsthistorische Referatsvorbereitung mit Anklängen an Horror Studies und Thanatologie bescherte mir so nicht nur sechs sehr zähe ECTS-Punkte, sondern auch einen  Schnupfen des Todes, der mir das aufrichtige Mitleid von Kommilitonen und Dozentin einbrachte. Ich aber war erleichtert. Es hätte auch die Vogelgrippe werden können.

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