Partner von:

Jung, fit und plötzlich am Beatmungsgerät

Frau Maske Schirm Corona [Quelle: unsplash.com, tam wai]

Quelle: unsplash.com, tam wai

Derzeit häufen sich Berichte, dass auch junge Menschen schwer an Covid-19 erkranken. Stimmt das wirklich? Warum manche die Infektion unterschätzen.

Am Tag nachdem Boris Johnson auf die Intensivstation kam, waren die häufigsten Google-Suchbegriffe im Zusammenhang mit dem Namen des britischen Premiers: "Alter" und "Raucher".

Vermutlich weil viele Menschen sich fragten, wie ein gar nicht so alter und recht tatkräftiger Mensch offenbar verhältnismäßig schwer an der Lungenkrankheit Covid-19 erkranken kann. Da als besonders gefährdet doch die Alten, Kranken und Schwachen gelten.

Für die Hausärztin Irmgard Landgraf gehört Boris Johnson mit seinen 55 Jahren sogar zu den "Jungen". Denn das sind für sie "all meine Patienten unter 75". Und von denen ist kaum einer in der Position eines Premiers. Der mit Vorsicht und Vorzug beobachtet und behandelt wird. Mit mehrmaligen, richtig ausgeführten und ausgewerteten Tests. Unter regelmäßiger Kontrolle von Allgemeinzustand, Fieber, Atemfrequenz. Und dann noch nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Landgraf, die zudem Lehrärztin der Berliner Charité ist, im Vorstand des Hausärzteverbands Berlin und Brandenburg und der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin, sagt: "Viele Leute, auch die Jungen, halten sich für nicht so krank, erreichen aufgrund der Überlastung des Systems keinen Arzt, keinen Test, keine Kontrolle – und kommen dann auch noch aus Angst vor Ansteckung vielleicht zu spät ins Krankenhaus."

Und so steht man mit einem Mal auch als junger, gesunder Mensch mit guter Immunabwehr in einem Nebel aus Verunsicherung, Schrecken und Viren und fängt an zu googeln und sieht da:

Dass am 15. März der 21-jährige Fußballtrainer Francisco Garcia aus Malaga dem Sars-CoV-2-Virus erlag.

Wie der 38-jährige Fausto Russo, nicht rauchend, nicht trinkend, Fitnesscoach und Trainer des Fußballvereins Atletico Terme Fiuggi der dpa am 23. März vom Krankenhausbett bei Rom sagt: "Glaubt bloß nicht, was sie euch sagen - dass es nur die Alten und Schwachen trifft!"

Dass der Chefarzt der München Klinik Clemens Wendtner am 25. März berichtet, sie müssten auch junge Menschen in ihren Zwanzigern und Dreißigern nach wenigen Stunden in der Notaufnahme intubieren, also künstlich beatmen.

Wie am 26. März in Paris die zuvor angeblich topfitte 16-jährige Julie A.  Europas jüngstes Corona-Opfer wird.

Dass der britische Guardian am 1. April berichtet, fast 40 Prozent der in den USA ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten und Patientinnen seien jünger als 55 Jahre alt.

Dass am 2. April in Frankreich vermeldet wird, unter den schweren Fällen auf den Intensivstationen seien 6 Prozent der Menschen zwischen 60 und 80 – und 35 Prozent jünger als 60 Jahre und 90 Personen jünger als 30.

Wie am 6. April der Münchner Merkur zwischenbilanziert: "Coronavirus: Vier Jugendliche (12, 13, 14, 16) gestorben".

Und dass unter Fachleuten allerhand Hypothesen zu jungen Corona-Fällen kursieren, die sich in dieser kurzen Zeit mit der neuen Infektionskrankheit aber noch nicht verifizieren lassen.

Der Virologe Christian Drosten erklärt: Die jüngeren Opfer seien in den Medien überrepräsentiert.

Das stimmt. Und hat natürlich damit zu tun, dass über Ereignisse, die außerhalb des Erwartbaren liegen, also junge Covid-19-Tote, öfter berichtet wird. Und sie werden oft verkürzt dargestellt und/oder wahrgenommen. 

Eine Datenvisualisierung der Süddeutschen Zeitung vom 7. April zeigt: Haben Personen, die jünger sind als 60 Jahre, Symptome, dann müssen von 1.000 von ihnen 47 ins Krankenhaus und 953 werden wieder gesund. Nur wenige dieser 4,7 Prozent haben einen so schweren Verlauf, dass sie beatmet werden müssen. Und von den unter 30-jährigen positiv Getesteten mussten 98,8 Prozent gar nicht ins Krankenhaus. Die meisten Jungen und Gesunden spüren nicht einmal, dass sie infiziert sind.

Zu den Hintergründen der genannten Fälle muss man sagen: Der spanische Fußballtrainer hatte eine ihm nicht bekannte Vorerkrankung, Leukämie. Ob das Mädchen tatsächlich so topfit war, ist zumindest unklar.

Ein großer Teil US-amerikanischer Jugendlicher ist übergewichtig, daher sagte die New Yorker Kinderärztin Edith Bracho-Sanchez dem Guardian: "Die Kinder, die ich ins Krankenhaus schicken musste, hatten Vorerkrankungen, durch die sie immungeschwächt waren."

In Frankreich bessert man allmählich die Test- und Zählweise nach, die anfänglich schubweise verlautbart wurde und vor allem Krankenhäuser und nicht Altenheime miteinbezog. Und die aktuell noch verhältnismäßig vielen jungen Patienten in deutschen Kliniken waren, so erklärt es der Chefarzt Wendtner, oft diejenigen, die zu Beginn der Infektionswelle im Skiurlaub oder feiern waren, also da, wo der Virus erstmals intensiv inhaliert wurde.

Warum junge Hochleistungssportler erkranken

Also muss man, nach dem ersten Erschrecken und der genaueren Betrachtung, erst mal nüchtern festhalten: Extrem wenige Menschen unter 75 erkranken schwer an Covid-19. Bei Krankheiten wie Malaria sieht das anders aus.

Daran stirbt jedes Jahr eine halbe Million Menschen, 90 Prozent von ihnen Afrikaner und Afrikanerinnen weit unter 75 Jahren, vor allem Kinder. Die schwächsten unter ihnen sind diejenigen, die auch Corona am meisten treffen wird, ob direkt oder indirekt.

Unverwundbar ist kein Mensch. Nicht mal die Starken. Das wird manchen von uns im westlichen Wohlstand, der angeblich durch Hochleistungsbereitschaft garantiert werden kann, gerade bewusst. Auch und gerade, wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Unter den ersten Covid-19-Fällen sahen die Mediziner in Norditalien auch Hochleistungssportler. Nicht alle verwunderte das. Denn Extremsportler gehen per Definition gern an und über ihre Grenzen hinweg. Und es kann auch unter Menschen mit einer starken Immunabwehr zu einem unter Intensivmedizinern gefürchteten Phänomen kommen, dem sogenannten Zytokinsturm oder nachfolgendem Inflammatorischen Schock.

Nachfolgend, weil der erste Virenangriff durch das Immunsystem gebannt wurde. Man scheint erholt. Ein starker, gesunder Mensch kann gut kompensieren. Doch plötzlich reagiert das Immunsystem über, Entzündungszellen überfluten den Körper und können ihn zum Kreislaufzusammenbruch treiben. Klinikchefs beschreiben das auch im Zusammenhang mit Corona.

Wendtner spricht vom Zytokinschock, Claudia Spies, Klinikdirektorin der Berliner Charité für Anästhesiologie und Intensivmedizin, sagt: "Ich habe junge Menschen mit einer schweren Sepsis erlebt, die bis kurz vor ihrem kompletten Kreislaufzusammenbruch klinisch nicht auffällig waren."

Weil sie so jung und stark sind, dass sie lange kompensieren können, würden sie oft viel später diagnostiziert und könnten auch versterben, wenn sie nicht umgehend kompetent behandelt werden. Sie sagt: "Es kann zu einer massiven Abwehr kommen, die abhängig ist von der Viruslast, der Abwehrfunktion des Patienten und der Balance, diese Abwehr unter Kontrolle zu halten, um genügend Erreger abzuwehren, ohne sich selbst zu zerstören."

Wenn man mit Ärzten und Ärztinnen über dieses Phänomen spricht, kommen diese allerdings zu unterschiedlichen Einschätzungen. Je nachdem, in welchem Zustand sie Corona-Patienten und -Patientinnen erleben. Ob sie vom Ende oder vom Anfang her arbeiten. Und in welcher Phase der Erforschung, Erkenntnis und Erfahrung dieser neuen Krankheit wir uns alle – Mediziner, Medien, Menschen – weltweit befinden: Sie verändert sich quasi minütlich. Die einen warnen davor, spät ins Krankenhaus zu gehen, andere sagen, dass sich für den Verlauf der Krankheit kaum etwas ändere.

Ab ins Krankenhaus

Und die Hausärztin Irmgard Landgraf, die erste Anlaufstelle für Patienten, beschreibt anhand eines Falls, wie sie die Situation der Menschen zu Hause einschätzt: Eine junge Frau rief an, sie wohnt auf dem Land. Videoberatung wäre besser, haben aber die wenigsten Ärzte in Deutschland bislang eingerichtet (bekommen). Die Frau hat seit einer Woche Fieber, trockenen Husten und fühle sich zunehmend schwächer. Im Umfeld ihres Mannes, der die gleichen Symptome habe, seien einige positiv getestet. Die Frau klagt, sie könne weder Hausarzt noch Amtsarzt erreichen und fühle sich allein gelassen.

Haus- und Amtsärzte seien überlastet, sagt nicht nur Irmgard Landgraf, Vorstandsmitglied im Aktionsbündnis Patientensicherheit. Patienten erreichten oft nur Warteschleifen und Mailboxen, seien dann häufig auch selbst nicht erreichbar, bekämen weder einen Termin noch eine Beratung noch einen Test.

Also sagt die Hausärztin Anruferinnen und ihren Patienten, die zu Hause sind und bleiben sollen: Wenn sich das Fieber erhöht, das Krankheitsgefühl verschlimmert und man beginnt, Luftnot zu bekommen: Sofort beim nächsten Krankenhaus anrufen! Und die Professorin Spies verweist auf sicherere Tests auf Antikörper und per Computertomografie: "Für mich wäre das Prozedere, sich in der jetzigen Zeit alle Patienten mit Fieber melden zu lassen, egal welche Symptome der Patient hat." Wenn wir es wirklich gut machen wollten, überlegt sie weiter, "müsste man neben dem Fieber zweimal täglich auch die Atemfrequenz zählen und wenn diese über 22 in der Minute liegt, auch die Sauerstoffsättigung".

Sie verweist mit Nachdruck auf eine Studie chinesischer Mediziner: Die konnten anhand von Computertomografien der Lunge viel früher und genauer als anhand der gängigen Abstrichtests im Rachenraum erkennen, wer wie schwer erkrankt war. Denn die Bilder zeigten in bis zu einem Drittel der Fälle eine angegriffene Lunge – während sich die Patienten oft noch gar nicht richtig krank fühlten.

Die Klinikdirektorin Spies musste in den letzten Tagen übrigens zu Hause bleiben. Sie wurde negativ auf Sars-CoV-2 getestet. Und hat "hoffentlich nur" eine Grippe. Raucht nicht und wurde am 6. April 59 Jahre alt.   

Boris Johnson konnte die Intensivstation mittlerweile wieder verlassen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Aktuelles zum Studium

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentar (1)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    In der Tat ein interessanter Artikel. Und sicher ist es nie gut, eine Gefahr zu unterschätzen. Gefahren sollten aber auch nicht überschätzt werden. In Deutschland ist bisher eine Person unter 40 an COVID-19 gestorben [https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.04.11.20061721v1.full.pdf, S. 4]. Das ist ohne Zweifel tragisch. Daraus folgt zwar auf der einen Seite, dass es natürlich möglich ist, auch als junger gesunder Mensch an COVID-19 zu sterben. Aber andererseits folgt daraus auch, dass die Wahrscheinlichkeit sehr sehr gering ist, meines Erachtens vernachlässigbar gering. Um sich selbst brauchen sich junge Menschen also im Allgemeinen keine Sorgen machen.

Das könnte dich auch interessieren