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Lieber keinen Freund als so einen!

Auf der Straße, Teil II

Was, wenn man einfach mal eine Frau anspricht? Zum Beispiel die: lange dunkle Haare, Halstuch, Perlenohrringe. Sabrina, Germanistik und Geschichte im achten Semester. Die Männer? Tja. Lachen, Räuspern. "Wir haben hier in Aachen die nerdigsten Exemplare", sagt sie. "Informatiker-Anmache zum Beispiel: gibt’s eigentlich gar nicht! Die sind zu introvertiert." Die anderen: "sehr schnell entflammbar". In jeder Begegnung liege Verzweiflung, so eine unangenehme Jetzt-aber-Verkrampfung. Neulich habe ein Maschinenbauer sie gefragt:

"Sind deine Eltern Taliban?"

"Wieso das?"

"Du bist so heiß wie eine Bombe."

Sie fand den Satz dann im Internet wieder, in einer Liste von Anmachsprüchen, die ihr ziemlich bekannt vorkamen. "Sind deine Eltern Architekten? Du bist so gut gebaut. – Ich habe meine Handynummer verloren, kann ich deine haben? – Hast du Zucker gefrühstückt, oder warum bist du so süß?"

Diagnose Sabrina: "Bisschen plump, oder? Es kommt gar kein lockeres Gespräch zustande." Sie sagt das nicht mit dem Furor einer Frauenrechtlerin, eher mitleidig wie eine Therapeutin, was womöglich noch schlimmer ist. Am schlimmsten jedenfalls: Sabrina hat dann lieber keinen Freund als so einen.

Eine Ehrenrettung

Jetzt ist es natürlich höchste Zeit für eine Verteidigungsrede!

Es ist schließlich auch ein Zeichen der Zeit, dass Artikel wie dieser in leichter Belustigung vom Männerüberschuss in Aachen berichten und nicht von den Universitäten in Leipzig oder Münster, wo die Frauen in der Mehrheit sind. Offenbar löst ein Rudel Männer andere Reflexe aus als ein Haufen Frauen. Womöglich sagt das Interesse daran aber weniger über die Männer selbst aus – und mehr darüber, wie die Gesellschaft gerade auf den Mann blickt, vor allem auf den Mann in der Mehrheit: Ist er nicht komisch? Ein Tölpel? Ein bedauernswert ungeschicktes Wesen? Irgendwie nicht ganz alltagstauglich? Erst recht die Gattung des Homo maschiniensis, dessen Exemplare die kniffligsten Aufgaben gelöst bekommen, aber am 1 + 1 von Mann und Frau verzweifeln?

Zugutehalten ließe sich diesem Mann zuallererst, dass er in Aachen kaum Probleme macht. Die Gleichstellungsbeauftragte des Asta weiß von keinem einzigen Fall von sexueller Belästigung (was allerdings eine Selbstverständlichkeit sein sollte).

Im männerlastigen Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme: keine einzige Klokritzelei. Bei den Germanisten hingegen: eine Riesensauerei.

Auch keine Einbildung: In der Stadt der Maschinenbau-Studenten halten sich die Fußgänger besonders penibel ans Ampelrot. Viele Radfahrer sind mit Helm unterwegs. Selbstverständlich funktionieren auch ihre Fahrradlampen.

Diese Männer sind auf den ersten Blick vielleicht keine Romantiker oder Revolutionäre. Aber eben auch nur auf den ersten Blick. Der IT-Nerd Edward Snowden, der in Aachen nicht weiter aufgefallen wäre, hat mit seinem Wissen die Welt wachgerüttelt. Die Helden von heute – das sind Programmierer, Tüftler, Hacker, Whistleblower. Stille Stars. Ingenieure und Informatiker sind es, die die Welt retten müssen, mit Plug-in-Hybriden und Windkraftwerken und mit Erfindungen, die erst noch erfunden werden müssen. Aachen ist da so etwas wie das deutsche Silicon Valley.

Wer weiß denn, ob nicht einer dieser Aachener Jungs in wenigen Jahren ein Auto entwickelt, das Kohlendioxid ein- statt ausatmet? Oder als Whistleblower ganz groß rauskommt, weil er – während der Medizinstudent die Freundin ins La Finestra ausführt – den Server der Weltbank hackt? Und selbst wenn nicht: wird er derjenige sein, der zu Hause die Waschmaschine reparieren kann.

Aus einem Chat, Teil IV

Hab im Netz mal ne halbwegs attraktive Informatikerin kennengelernt, die lange, lange Single war. Aber was schlug die als Date vor? Die Cebit in Hannover.

Schlechte Geschäfte

Ein Tabubruch muss noch sein, ihn nicht zu wagen wäre angesichts des Themas Unterlassung. Also – mit zittrigen Knien – in Aachens Antoniusstraße, wo die Prostituierten in fleischthekenrotem Licht auf Kunden warten.

"Hallo! Willstu?"

Äh, nein, nur eine Frage.

"Nich reden, komm!"

Danke, danke, wo ist denn der Boss?

Der Boss, das ist dann "der Rudi", weißer Mercedes mit roten Ledersitzen, wirklich, Anzug in Safaribeige, goldene Sonnenbrille von Cartier, jovialstes Rheinisch. "Isch red nisch", sagt der Rudi und redet dann doch. Davon, dass die Männermetropole Aachen für ihn ein "juuuter Standort" sei, "selbstverständlisch!".

Kommen auch Studenten?

"Türlisch! Meist in Gruppen, so zehn bis zwölf, zum Schnuppern. Dann komm’ se einzeln wieder, um zu schmecken."

Abtritt Rudi.

"Glaub dem nichts", sagt eine seiner Damen, deren Identität wir hier vor Rudi schützen müssen. "Die jungen Kerls sind viel zu schüchtern."

Gute Geschäfte

Möglich, dass das stimmt. Jedenfalls ist da ein Geschäft in Aachen, in dem bei einem Testbesuch weit mehr Männer in Glasvitrinen starren als im Puff: der Modellbauladen Hünerbein. Beste Lage, direkt am Marktplatz, 100.000 Artikel auf 750 Quadratmetern – vom Schnittstellenbrückenstecker über Miniaturkardangelenke bis zum Windleitblech. Hier bestaunen Männer jeden Alters Drohnen, Quadrocopter, Minihubschrauber und Modelleisenbahnen hinter Glas. Und Michael Hünerbein, dem Chef ("Baujahr 1976"), ist klar, dass das mit "den vielen technisch Interessierten in der Stadt" zu tun hat. 95 Prozent seiner Kunden sind Männer.

"So ein Geschäft wie dieses, das gibt es vielleicht nur noch zehnmal in Deutschland", sagt Hünerbein. Überall schließen die Läden. Er aber hat seinen Elektroden-Erotik-Fachmarkt vor ein paar Jahren sogar ausbauen können. Manometer!

Bei den Maschinenbauern

"Es ist nun mal faszinierend, wie aus einer kleinen Ursache ein Rieseneffekt wird", sagt sie.

"Ja!", sagt er. "Jedes Teil für sich ist wahnsinnig simpel. Aber was passiert, wenn man es zusammensetzt, das ist der Wahnsinn."

So beschreiben Katrin und Moritz von der Fachschaft Maschinenbau den Zauber ihrer Disziplin. Die beiden – übrigens kein Paar, was ihnen wichtig ist – kennen das Image ihres Fachs genau und lassen sich ein auf ein Spiel mit den Vorurteilen. Sie sollen auf einen Zettel schreiben: Was sind die Stärken und Schwächen des typischen Maschinenbauers?

Am Ende steht auf beiden Blättern: "Er ist penibel."

Im Standesamt

Von einem Wunder ist dann noch zu berichten – oder einfach auch nur davon, dass die Wirklichkeit sich manchmal nicht an Vermutungen hält. Im Standesamt der Stadt Aachen sagt Lothar Linden, der Leiter, er habe hier 1.400 Eheschließungen im Jahr, Tendenz steigend! Die Hochschule stifte viele "global ausgerichtete Ehen", Türken heiraten Chileninnen, Chinesinnen heiraten Deutsche. Und im vergangenen Jahr dann das: Ein Maschinenbauer heiratet eine Maschinenbauerin.

Wie sagte Moritz von der Fachschaft? "Was passiert, wenn man es zusammensetzt, das ist der Wahnsinn."

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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