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80 Tage in Armenien

Essen à la Wörterbuch
 Ratlos und mit knurrendem Magen stehe ich im Tante Emma-Laden. Ich schaue auf dicht gepackte Reihen mit Konserven, Brot, Obst, Nudeln, Gewürze - davor eine Theke und eine Verkäuferin, die kein Englisch versteht. Ich krame ein paar Brocken Armenisch zusammen und verlasse den Laden mit einem Glas Erbsen und einer Tüte Spaghetti. Die Nudeln gibt es heute ohne Salz - das Wort habe ich so schnell nicht in meinem Sprachführer gefunden. Es ist der erste Tag meines Praktikums in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Schnell finde ich heraus, dass das kleine Land mit rund drei Millionen Einwohnern seine uralte Sprache mitsamt eigener Schriftzeichen hingebungsvoll pflegt und gegen fremdländische Einflüsse abschottet. Der Reisesprachführer wird zum unverzichtbaren Begleiter.
 

Projektmanagement im Anschluss an die Diplomarbeit
 Dennoch hinterlässt das Ausland Spuren: Nicht nur Russland wegen der Sowjetvergangenheit, sondern zunehmend auch westliche Länder. Ausländische Investoren, besonders im IT-Bereich, gelten für das arme Land als Ticket in eine bessere Zukunft. Einer dieser Investoren ist mein Arbeitgeber Lycos Europe. Das deutsche Unternehmen betreibt eine Entwicklungsabteilung in der Hauptstadt, um Personalkosten zu sparen. Die armenischen Softwareentwickler setzen unter anderem das Intranetportal für die europaweit rund 900 Lycos-Mitarbeiter um. Da ich dieses Intranet im Rahmen meiner Diplomarbeit in Gütersloh konzipiert habe, darf ich mich als Praktikantin drei Monate lang um das Projektmanagement in Jerewan kümmern.
 

IT: Traum-Jahresgehalt 2.400 Dollar
 In fließendem Englisch begrüßt mich Hrant, der Softwareentwickler, der unser Intranet programmiert. Er ist 20 Jahre alt und bastelt nebenbei an seinem Informatik-Bachelor. Das Intranet ist sein erstes Projekt bei Lycos. "Für mich ist das die große Chance", sagt er. Manche Lehrer verdienen hier nur 20 US-Dollar im Monat. Das macht die Jahreseinkommen von 2.400 bis 6.000 US-Dollar in der IT-Branche zu Traumgehältern. Wer einen der begehrten Jobs in ausländischen Firmen ergattert, ist in der Regel nicht nur fit in Englisch, sondern auch fachlich sehr gut ausgebildet. Das gilt für Armenier aber generell: In der Sowjetunion war Armenien das Zentrum der Entwicklung hochtechnisierter Waffensysteme. Entsprechend stark investierte der Staat in den Bildungssektor. Und noch immer hat fast jeder in der Hauptstadt ein Uni-Diplom.
 

Website-Tests, Videokonferenzen und Usability-Diskussionen
 Die rund 40 Mitarbeiter von Lycos Armenien arbeiten von Montags bis Samstags, oft bis spät in den Abend. Ich entwerfe Navigationsbäume, teste Suchfunktionen, Foren und Eingabefelder, bespreche per Telefon, Chat und Videokonferenz offene Fragen mit deutschen Kollegen. Denn Informationen fließen oft nur spärlich zwischen der Zentrale in Deutschland und den armenischen Entwicklern. Hitzig diskutieren Hrant und ich über die Nutzerfreundlichkeit des Portals. Während die Armenier in technischen Fragen extrem sattelfest sind, gilt Usability hier noch als zweitrangig.
 

Zum Grillen in die Berge
 Am Sonntag mieten Hrant und die anderen Kollegen aus meiner Abteilung einen klapprigen Kleinbus. Es geht hinaus aus der staubigen, lauten, unordentlichen Jerewaner Innenstadt, hinein in eine neblige, baumarme, atemberaubende Berglandschaft. Wir besichtigen das Kloster Geghard und seine Kapelle, die die Erbauer direkt in den Fels hineingehauen haben - sogar mit Reliefen in den Wänden. "Es gab einfach keine anderen Baumaterialien", sagt Softwareentwickler Artavazd. Das nächste Mal halten wir in einer Schlucht, deren Wände aussehen, als hätten Riesen übergroße steinerne Streichhölzer aufgestapelt, und wir packen Grillfleisch, Wein und Wodka aus. "Im Sommer grillen wir in freier Natur, so oft wir können."
 

Sporadisch fließendes Wasser, ein Heizkörper, 400 Dollar Miete
 Gegrilltes gehört generell zu den preiswerten Genüssen in Armenien. Eine Portion chorowaz - Schaschlik eingerollt in Fladenbrot mit Gemüse und Salat - kostet 500 Dram - 75 Eurocent. Ein Kilo Kartoffeln bekommt man für rund 25 Cent. Die Tafel Schokolade für 45 Cent, die Tüte Fruchtsaft für einen Euro - eher westliches Preisniveau. Für meine Innenstadt-Wohnung zahlt Lycos pro Monat 400 US-Dollar Miete. Und das, obwohl es für zwei Zimmer, Küche und Bad zusammen nur einen kleinen Elektro-Heizkörper gibt und frisches Wasser in diesem Stadtteil nur jeweils ein paar Stunden morgens und abends aus den Wasserhähnen fließt. Alles, was knapp ist oder importiert werden muss, hat seinen Preis. Dennoch bin ich überglücklich, als Lycos mir erlaubt, mein Praktikum um drei Wochen zu verlängern.
 

Heimweh nach Jerewan
 Nach drei Monaten in Jerewan muss ich den Rückflug antreten. Zurück in Deutschland werde ich vermutlich weiterhin auf die Uhr gucken, bevor ich duschen gehe. Und mich ärgern, dass ich für einen Döner drei Euro ausgeben muss. Und heftiges Heimweh haben nach den Menschen, die stolz sind auf einen 20 Jahre alten Lada und selbst unter härtesten Bedingungen nie ihren Humor verlieren.
 
 Noch Fragen? Dann schreib eine Mail an Stefanie.

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