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Herausforderung an der Moskwa

Der Rote Platz in Moskau

Der Rote Platz in Moskau


Russland hat ein PR-Problem. Die UdSSR und ihr Nachfolgerstaat sind weitestgehend aus dem Hauptteil der Weltnachrichten verschwunden. Auch aufgrund der sehr einseitigen Berichterstattung aus dem Land haben sich eine Menge negativer Vorurteile gebildet. Von denen haben die meisten in der Tat leider einen sehr wahren Kern – das kann und sollte man nicht abstreiten. Es gibt aber eine Reihe von Gründen, sich trotzdem für einen Auslandsaufenthalt in Moskau zu entscheiden. Meine Zeit bisher war sehr interessant und belohnend – gerade weil Moskau doch ein Stückchen herausfordernder ist als andere Hauptstädte im Westen.

Prunk aus alten Zeiten
Russland ist ein stolzes und kulturell reiches Land und zudem eine der beiden Supermächte des Kalten Kriegs. Moskau als Hauptstadt spiegelt das in vollem Umfang wider. Die Stadt ist überwältigend, mit großen, breiten Straßen. Die Gebäude aus der Stalinzeit sind durchgehend imposant, wenn doch etwas überzogen. Alles ist jedoch etwas über seinem Verfallsdatum, und es gibt kein Geld für die Renovierung der öffentlichen Gebäude oder der Infrastruktur. Das Leben geht trotzdem irgendwie weiter.

Die russische Kultur
Einige meiner russischen Freunde behaupten, Russland bilde den Kern einer komplett eigenständigen Kultur (siehe Huntingtons "Clash of Civilisations"). Meiner Meinung nach unterscheiden sich die Menschen in Moskau nur in Details vom typischen Europäer. Moskau ist sehr traditionell und altmodisch. Es erinnert mich manchmal an das Deutschland der 70er, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Russen lieben ihre Hunde und ihre Autos, essen gerne Torte und kaufen gerne Blumen. Auf den ersten Blick scheinen Russen jedoch oberflächlich, sehr unfreundlich, aggressiv, latent ausländerfeindlich und rassistisch. Außerdem wirken sie von unserer westlichen Sehweise gesehen sehr korrupt. Erst wenn man den Menschen näher kommt, merkt man, wie herzlich und hilfsbereit Russen sein können. Versucht daher ein Netzwerk aufzubauen!

Kluft der sozialen Schichten
"Service" existiert außer bei McDonald's nicht . Die alte Einstellung "Sei froh, dass wir das Zeug überhaupt haben!" herrscht immer noch in den Köpfen vor. Auf der anderen Seite hat sich das Land seit dem Fall des Eisernen Vorhangs deutlich weiterentwickelt. Die jungen Russen schauen nach Westen und dabei eher nach Europa als in die USA. Die Gesellschaft ist mehr oder weniger in zwei Lager geteilt – die Superreichen und die Armen. Die Straßen sind voll mit alten russischen Ladas und Wolgas, aber eben auch mit S-Klassen und riesigen amerikanischen SUVs, die niemand in Westeuropa kaufen würde.

Pralinen und Dollar sind immer willkommen
Moskau als Hauptstadt einer ehemaligen Supermacht weist eine hohe Zahl von Universitäten, Instituten und Akademien mit zum Teil sehr guten Standards auf. Die Bildungslage gilt als einer der wenigen positiven Faktoren für Moskau als Wirtschaftsstandort. Die bekanntesten Hochschulen sind wohl die MGU (Moscow State) mit fast allen Fachrichtungen in einem der "Stalintürme" und die MGIMO für Internationale Beziehungen und Wirtschaft. Sie ist vergleichbar mit den französischen IEPs. Die Akademie, an der ich studiere, untersteht dem Außenministerium und ist daher finanziell gut gestellt und mit motivierten Mitarbeitern gesegnet. Dies kann je nach Hochschule genauso oder komplett anders sein.
Wo genau ihr studieren könnt, hängt von eurer Heimatuniversität ab. Wenn ihr das Geld, einen Sponsor oder ein Stipendium habt, könnt ihr auch selber Abmachungen vor Ort treffen. West-Dollar sind immer willkommen! Dies gilt auch bei allen organisatorischen Angelegenheiten und zum Teil auch bei der Notenvergabe. Fragt eure Kommilitonen, ob eine Schachtel Pralinen reicht oder eher harte Dollar erwartet werden. Es sollte euch außerdem nicht stören, dass sich nur ein Teil der Studenten aufgrund seiner Noten für das Studium qualifiziert hat. Der andere darf dank Vatis Geld studieren.

Die Sprache lernt sich vor Ort
Russisch-Grundkenntnisse sollten vorhanden sein, diese kann man aber in der Vorbereitung zu Hause innerhalb eines Jahres erlangen. Generell habe ich den Eindruck, dass fast alle westlichen Studenten in Moskau hauptsächlich Russischkurse belegen und die Vorlesungen auf Russisch eher eine zweitrangige Rolle einnehmen. Das hängt wiederum von euren Abmachungen ab.

Eher Oper als Kneipe
Es gibt unzählige Museen, unter anderem mit dem Troja-Schatz und Sammlungen europäischer Maler auf Weltklasseniveau. Russen lieben Theater und klassische Musik am Abend – ein sehr positives Überbleibsel der Zeit unter den Kommunisten. Das Bolshoi-Theater für Oper und Ballett samt seiner neuen Experimental-Bühne bietet pro Woche mehrere unterschiedliche Weltklasseaufführungen. Die Preise beginnen ab zwei Dollar für die billigsten Plätze. Russen sind keine typischen Pub- oder Kneipenbesucher. Sie ziehen kleine Parties zu Hause mit Freunden vor. Es gibt trotzdem eine Reihe von Stundentenkneipen für Russen und einige sehr nette Pubs für die englische expat-community, falls ihr euch mit Gleichgesinnten austauschen wollt.

Einheimische Produkte nutzen
Das Leben in Moskau sollte deutlich billiger sein als in Deutschland. Generell gilt die Regel, dass alle russischen Produkte spürbar günstiger sind als ausländische. Das liegt hauptsächlich an den Einfuhrsteuern, mit Hilfe derer die einheimische Wirtschaft gestärkt werden soll. Man kann allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz alles kaufen, was man auch in Deutschland bekommt. Übrigens spiegelt sich die Zwei-Klassen-Teilung auch in den Preisen wider. Meidet daher Topvisagisten und Fitness-, Szene- und Stripclubs! Kosten für Unterkunft und Essen sind niedrig. Die Preisspanne der Wohnheime reicht von monatlich 20 Dollar an der MGU bis zu 200 Dollar an meiner Akademie. Der Flug mit der Lufthansa sollte bei etwa 400-500 Euro liegen. Aeroflot ist deutlich billiger und benutzt auf Europastrecken durchgehend Boeings oder Airbus. Der Service ist schlecht, aber die Sicherheitsstatistik ist vergleichbar mit europäischen Fluglinien. Eine gute Vorbereitung auf Moskau und die Damen an der Passkontrolle!

Warum solltet ihr also nach Moskau?
Ein Jahr hier ist anstrengender als in Paris oder London, öffnet aber neue Horizonte. Die Stadt ist spannend, herausfordernd und verrückt. Unter den 14 Millionen Menschen in Moskau kann man gute Freunde finden und Kenntnisse der russischen Sprache schaden nie – Russlands Wirtschaft wächst, Investitionen werden sicherer und Russland wird außenpolitisch aktiver.

 

 

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