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"Krasse Sache, Mann!"

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teach First Deutschland (Quelle: e-fellows.net)

Teil 3: Auch wenn die Neunte noch immer versucht, ihr auf der Nase herumzutanzen: Die meisten Schüler hat Christina von sich überzeugt. Basketball AG, Hausaufgaben-Club und Englisch-Förderung werden begeistert angenommen. Und auch Problemfälle lässt Christina nicht hängen.

Montag, 21. September

 6 Uhr: Sportzeug, Unterrichtsmaterialien, Laptop, Verlängerungskabel, Becher, Servietten, Kekse und Getränke – bloß nichts vergessen! Bepackt mit drei Taschen verlasse ich das Haus. "Oh, wohin soll die Reise denn gehen?", fragt mein Nachbar erstaunt. Reise? Welche Reise? Doch dann muss ich schmunzeln. Irgendwie hat er recht, denke ich, während ich in die Bahn steige. Nur 40 Minuten später bin ich in einer vollkommen anderen Welt angekommen. Die Schule ist noch menschenleer, fast schon unheimlich. Doch dann der Gong. Schülerinnen und Schüler poltern gegen die Tür und stürmen lautstark herein. Welcome to reality!
 
 Der Sportunterricht der Siebener kann heute nicht wie gewohnt beginnen. Mike* ist in der letzten Stunde nach einer kurzen Provokation auf Sabine* losgegangen und hat ihr mehrfach auf den Hinterkopf geschlagen. Lässig wie immer sitzt er auf der Bank. Ich habe nicht den Eindruck, dass er seine Tat auch nur ansatzweise bereut. Seine Schulakte ist lang und es ist nicht das erste Mal, dass er seine Fäuste nicht kontrollieren konnte. Daher heute kein Sportunterricht für ihn und später ein Gespräch mit den Sozialpädagogen. Nachdenklich trotte ich mit den anderen raus auf den Ascheplatz. Wie kann es sein, dass einige Schülerinnen und Schüler immer wieder vollkommen die Kontrolle über sich verlieren? Was verbirgt sich unter dieser Spitze des Eisbergs? Und vor allem: Wie kann man damit umgehen?
 
 Der Sportunterricht mit den Neunern verläuft ohne Zwischenfälle. 50- und 75-Meter-Sprints auf Zeit. Kurzer Protest, aber alle machen mit. Schnell umziehen, dann Bio mit den Siebenern. Ein kurzer Test. Die Antworten sind zwar inhaltlich überwiegend richtig, aber die Rechtschreibung ist teilweise erschreckend schlecht. Fermärt?! Ah, die Übersetzung dieses Wortes lautet "vermehrt". Mmh, was nun? Ich freue mich darüber, dass die meisten verstanden haben, worum es geht und würde gerne eine Reihe Pluspunkte verteilen. Aber kann ich das? Ich beschließe, dass es gerade wichtiger für die Kids ist durch kleine Erfolgserlebnisse eine Lernmotivation aufzubauen und möchte diese nicht mit dem Rotstift zerstören. Stattdessen werde ich mich mit der Deutschlehrerin beraten.
 
 Ich freue mich auf Bio bei den Neunern, denn heute wird mein Tutor von Teach First Deutschland zum ersten Mal dabei sein. Die Stunde zum Thema Atmung verläuft problemlos. Nach einem kurzen Lob zur letzten Stunde und den fast ausnahmslos richtig ausgefüllten Merkzetteln ist es ruhig, alle arbeiten mit und ich komme wie geplant mit dem Stoff durch. Mit Elin* habe ich mich in der Pause kurz über Musik unterhalten, ihm versprochen, dass ich mir später seinen Lieblingssong anhöre, und jetzt ist er mit Feuereifer dabei.
 
 Die Freude über die gelungene Stunde hält jedoch nur kurz. Mit mulmigem Gefühl erwarte ich meine andere, schwierigere Neuner zur zweiten Bio-Session. Schnell sortiere ich die Materialien neu, klicke die Präsentation auf den Anfang und wische die Tafel. Die Ruhe vor dem Sturm... Plötzlich fliegt ein Rucksack in den Raum. Phil* schubst Sven* hinterher, was von Sven natürlich lautstark kommentiert wird. Auch Janine* ist außer sich, hat Tränen in den Augen. Die drei schreien sich an. Janine flüchtet in die Schulstation. Der Sozialarbeiter kommt in die Klasse. Gemeinsam entschließen wir, dass auch Phil und Sven nicht im Unterricht bleiben können. Unter Protest verlassen sie mit dem "Löwenbändiger" die Klasse. Puh, ein wenig Ruhe kehrt ein. Ich beginne den Unterricht, während der Zweitlehrer Einzelne immer wieder ermahnen muss. Heute habe ich das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen. Erst mit Hilfe der Präsentation und ein paar lebensnahen Geschichten über die Folgen eines Messerstiches für Zwerchfell und Lunge kann ich die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Es klingelt, geschafft!
 
 Der Hausaufgaben-Club läuft nach wie vor spitze. Alle haben Spaß bei einem Mathe-Quiz. Zum Schluss noch Beach-Volleyball mit den Mädchen. Olga* ist Einzelgängerin und wird von den anderen regelmäßig fertiggemacht. Sie weigert sich, mitzumachen. Da ich schon gehört habe, dass auch sie manchmal ausrastet, biete ich ihr an, morgen in der achten Stunde eine Einzelstunde mit ihr zu machen. Plötzlich ein Lächeln in ihrem Gesicht. Sie stimmt zu: "Zu 95 Prozent halte ich meine Versprechen!" Na, dann hoffe ich mal, dass morgen nicht die anderen 5 Prozent in Kraft treten! Später treffe ich noch meinen Tutor zur Besprechung der Bio-Stunde. Ich bin beeindruckt von dem sehr detaillierten und hilfreichen Feedback.
 

Dienstag, 22. September

 Bio und Sport – alles nach Plan. Die üblichen kleinen Zwischenfälle, aber kein großes Drama. Gerade die Bio-Stunde, in der ich versuche, einige Anregungen meines Tutors umzusetzen, verläuft spitze. Ich merke, wie ich immer sicherer vor der Klasse werde. Ein gutes Gefühl!
 
 In der Freistunde erstelle ich die Plakate für mein zweites außerunterrichtliches Angebot: eine Basketball-AG mittwochs in der achten Stunde. Als Motivation länger in der Schule zu bleiben und Basketball zu spielen, stelle ich den Besuch eines ALBA Berlin-Spiels im Januar in Aussicht. Bedingung: Teilnahme an neun von zwölf AG-Tagen. Deshalb bekommt jeder einen AG-Pass, auf dem Stempel gesammelt werden. Unter Reaktivierung einiger alter Kontakte organisiere ich gerade Freikarten für alle AG-Teilnehmer. Grandios wäre es natürlich, wenn die Kids auch einheitliche T-Shirts bekommen würden. Mal sehen, was sich da machen lässt...
 
 Auf dem Gang kommen später einige Schülerinnen auf mich zugestürmt: "Wir haben Sie als Vertrauenslehrerin gewählt!" Mich?! Wow! Olga erscheint tatsächlich zu dem verabredeten Termin – eine große Chance für mich, Kontakt zu ihr aufzubauen und ihr die Möglichkeit zu geben, durch Sport die überschüssigen Kräfte in die richtigen Bahnen zu lenken. Eine tolle Stunde!
 
 Abends noch Austausch unter Naturwissenschafts-Fellows in der Strandbar. Super Atmosphäre, dafür heftige Geschichten. Das hat bei dir funktioniert? Okay, dann probiere ich das auch mal. Das Fellow-Netzwerk ist echt Gold wert.
 

Mittwoch, 23. September

 Nach einer kurzen Besprechung mit meinem Mentor kommen heute neun Schülerinnen und Schüler zum Hausaufgaben-Club! Bio mit Tom*, schnell ein paar Mathe-Aufgaben anschreiben, ein Gedicht besprechen mit Lena* und Laura* (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom), Extra-Aufgaben an der kleinen Tafel rechnen lassen. Ich denke, ich sollte die Teilnehmerzahl auf maximal zehn begrenzen!
 
 Es klingelt, schnell packe ich zusammen und mache mich auf den Weg zur Sporthalle – gespannt, ob und wie viele Schüler zur AG kommen. Wow, schon von weitem werde ich begrüßt. Was machen wir? Lernen wir auch coole Tricks? Spielen Sie mit? Aufregung und Vorfreude anscheinend auf beiden Seiten. Ich stehe vor elf Kids und erkläre, was in der AG geübt wird: Dribbeln, passen, werfen, Offense und Defense. Wow, lernen wir auch Englisch? Stimmt, denke ich, da könnte man immer mal wieder neue Worte und Sätze einfließen lassen. Ich erkläre kurz die wichtigsten Verhaltensregeln und es geht los. Ich bin beeindruckt davon, wie schnell einzelne Aufgaben umgesetzt werden und wie konzentriert alle bei der Sache sind.
 
 Am Ende trommle ich sie nochmal zusammen, verteile die AG-Pässe, auf die ich mittlerweile auch die Namen geschrieben habe und erkläre, wie alle es schaffen können, mit mir zum ALBA Berlin Spiel zu gehen. Strahlende Gesichter! "Yeah! Krasse Sache, Mann!" Einige scheinen stolz auf ihren eigenen Pass und den ersten Stempel in einem der neun Felder. Ob ich noch ein paar Würfe und Moves vormachen könnte? Klar, gerne! Mit Mühe schaffe ich es, die Kids eine halbe Stunde nach AG-Schluss aus der Halle zu bewegen.
 

Donnerstag, 24. September

 Auch heute wieder Sportunterricht: Akrobatik! Die Stunde verläuft schleppender als gedacht, da den Kids die Koordination und die ungewohnten Bewegungsabläufe sehr schwer fallen. Die Jungs weigern sich. "Ich mach den Scheiß nicht, das ist doch schwul!"
 
 Phil* kommt in der Pause auf mich zu. "Können Sie mir in mein Hausaufgaben-Heft schreiben, dass ich zur Basketball-AG gehe? Meine Eltern glauben mir das nicht!" Phil ist anscheinend noch nie freiwillig länger in der Schule geblieben. Vielleicht sollte ich für alle Eltern einen kurzen Brief schreiben?
 
 Nach Schulschluss treffe ich mich mit einigen Neunern, um die Englischförderung zu besprechen und Ideen zu sammeln. Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen eine Reise nach London auf die Beine stellen und uns dort eine englische Schule angucken? "London?! Das ist doch das mit der Queen und Big Ben?" - "Wie geil. Ich war noch nie in einem anderen Land!" Berlin goes London - ein etwas größeres Projekt!
 
 

Freitag, 25. September

 Heute kein Unterricht. Stattdessen Unterrichtsvorbereitung und ein Seminar mit den anderen Berliner Teach First Deutschland Fellows heute Nachmittag. Ich freue mich auf viele spannenden Geschichten und neue Ideen für den Schuleinsatz.
 
 * Die Namen wurden von der Autorin geändert.

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