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Von der Studentin zur Dozentin

Farbenfroher Straßenladen in Madras

Farbenfroher Straßenladen in Madras

Dass ich irgendwann einmal in Indien studieren würde, war für mich seit meinem ersten Indienaufenthalt klar. Damals war ich nach Südindien gereist, um die Entwicklungshilfe vor Ort kennen zu lernen, und das Land hatte mich so fasziniert, dass ich in den folgenden Jahren mehrfach dorthin gereist bin.
 

Indische Farbenfreude
 Was es genau war, das mich faszinierte, ist schwer auszudrücken. Meist sage ich, es ist die indische Farbenfreude. Damit meine ich nicht nur die leuchtenden Stoffe, die farbigen Gewürze, den Kitsch und die bemalten Wände. Sondern auch die Vielfältigkeit der Lebensweisen, die mir dort begegnet sind und die, zumindest dort, wo ich gelebt habe, friedlich koexistierten.
 

Ein Admissionletter und ein Telefongespräch
 Noch vor meiner Zwischenprüfung hatte ich das Auswahlgespräch beim DAAD. Da ich bereits die Zusage vom renommierten Loyola College in Chennai (Madras) in der Tasche hatte, war es nicht schwer, das Stipendium zu bekommen. Kurz vor meiner Abreise rief ich das College vorsichtshalber noch einmal an und faxte ihnen den Admission Letter, den ich im Jahr zuvor vom Direktor höchstpersönlich erhalten hatte.
 

Neuer Direktor - neues Glück?
 Was ich nicht wissen konnte: Der Direktor hatte in der Zwischenzeit gewechselt und der neue wollte nichts von einer Ausländerin an seinem College wissen. Loyola College, das College, das mein Fach Medienwissenschaft in Chennai am besten abdecken konnte, nimmt fast ausschließlich Männer auf - eine Frau, dazu eine Ausländerin, würde womöglich für Unruhe sorgen. In allerletzter Minute schaffte ich es mit Hilfe des alten Direktors, den neuen doch noch einigermaßen gnädig zu stimmen.
 

Wer bist denn du?
 Der Direktor hatte nicht Unrecht: Ich war ein Störfaktor im College. Ich wurde betrachtet wie ein seltenes Zootier, und ein Professor bat mich, nicht in der Nähe seines Seminarraums zu stehen – seine Jungs würden sonst nicht aufpassen. Einige Studis der besonders coolen Sorte sprachen mich an und luden mich in die Disko ein, aber es dauerte eine Weile, bis ich echte Freunde gefunden hatte.
 

Ab in den Pausenhof
 Mein Fach Visual Communication war sehr verschult, aber ich hatte ja meinen Ausländerbonus (als einzige am ganzen College) und durfte meine Veranstaltungen selbst zusammenstellen. So hatte ich eine Kombination aus eher theoretischen Fächern wie Art Appreciation, das von der indischen Kunstauffassung handelte, bis hin zu sehr praktischen Fächern wie Drawing. Dennoch: Von der Anwesenheitsliste bis zur Pausenglocke erinnerte vieles an die Schule.
 

Ein neuer Job
 Eines Tages bestellte mich der Direktor zu sich. Ich war sehr nervös – hatte ich etwas falsch gemacht? Waren meine Churidars (langes Top mit passender Hose und leichter Schal), die ich zum College trug, nicht anständig genug? Der Direktor war überaus freundlich, bestellte mir etwas zu trinken und bot mir Kekse an. Dann rückte er mit der Sprache heraus: Der Deutsch-Dozent hatte wegen Krankheit das College verlassen, ob ich nicht die Stelle übernehmen könnte. Knapp hatte ich eingewilligt, galten neue Regeln: Keine Churidars mehr, sondern Saris (Stoffbahn mit kurzer Bluse) tragen, nicht mehr mit Freunden auf dem Campus unterhalten – schließlich sei ich jetzt eine Respektsperson.
 

Talent im Feilschen
 Es war anstrengend, zu unterrichten und zugleich noch zu studieren. Vor allem, weil die Temperaturen im April auf bis zu 45 Grad kletterten und ich mit Malaria und chronischer Erkältung zu kämpfen hatte. An die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Ameisen, die um mein Frühstück konkurrierten, und Kakerlaken, die das Badezimmer bevölkerten, hatte ich mich längst gewöhnt und die Rikshawfahrten konnte ich mittlerweile fast besser herunterhandeln als meine indischen Freunde. Ich hatte viel gelernt: Wie schwer Deutsch sein kann, wie ich mich als Lehrerin bewähre, wie ich in kürzester Zeit die sechs Meter Stoffbahn namens Sari fachgerecht um mich geschwungen habe, wie ich anständig mit der rechten Hand esse und so weiter.
 

Gegensätze prallen aufeinander
 Abgesehen vom Studium habe ich Einblicke in ganz verschiedene Welten bekommen: Die Schickimicki-Welt des Modelns, in der junge Inderinnen, die nur in Singapur shoppen gehen, die Rampe auf- und ablaufen. Die Welt des indischen Kinos, wo eine junge Deutsche einen indischen Guru trifft und sich in ihn verliebt. Die Welt der Straßenkinder, die in der Hoffnung auf Reichtum ihre Dörfer verlassen haben und nun als Lumpensammler in der Stadt arbeiten.
 

Zwischen Religion und US-Charts
 Mein Freundeskreis war ebenso bunt wie das Land: Ein Hindu, der bei bestandenem Uniabschluss eine lange Pilgerfahrt unternehmen wollte, eine Muslimin, die gegen jegliche Standards unverheiratet mit einem Hindu zusammenlebte, ein Christ, der in seinem Auto einen Magnet mit Madonnafigur angebracht hat, der zwar bei jeder scharfen Kurve im Auto umherflog, ihn aber doch vor Unfällen bewahren sollte. Studenten, die Mama und Papa Lügen erzählen mussten, um mal an den Strand fahren zu können, Studenten, die sich zu fünft ein Zimmer teilten, Studenten, die ihre Automusikanlage stets voll aufdrehten und den Campus mit den US-Charts beschallten.
 

Eine Feier kommt selten allein
 Ich habe soviel gefeiert wie selten: Weihnachten mit meinem angloindischen Freund, das Lichterfest Deepawli mit meiner hinduistischen Gastfamilie, Neujahr in einem westlichen Club, das indische Erntedankfest Pongal bei einem Freund in einem kleinen Dorf, Halloween, Freundschaftstag und Valentinstag, und natürlich immer wieder Hochzeiten. Mein Indienaufenthalt war sicher mein farbenfrohstes, wenn auch anstrengendstes Jahr.

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