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Raumnot, Rolls-Royce, rote Bohnen

Julia vor der Skyline von Hongkong (e-fellows.net)

Julia vor der Skyline von Hongkong (e-fellows.net)

Zugegebenermaßen hätte ich etwas mehr Zeit in sorgfältiges Kofferpacken investieren sollen. Das hätte mir einiges an unnötigem Gepäck erspart. Meine Errungenschaften von den vielen Einkaufstouren in Hongkong musste ich in einem Paket von über 30 Kilo nach Hause verschiffen. In Hongkong gibt es ungemein vielfältige und ausgefallene Einkaufsmöglichkeiten, von sagenhaft billig bis maßlos überteuert. Meine beste Investition war wohl eine warme Jacke, die mein ständiger Begleiter wurde. Die Hongkong-Chinesen klimatisieren ihre Räume sibirisch kalt – was paradoxerweise im Winter dazu führt, dass die Außentemperatur von ungefähr 18° C durch die Raumtemperatur noch unterboten wird.
 

Hongkong: Vielfalt auf kleinem Raum

 Nichtsdestotrotz ist Hongkong einfach eine geniale Stadt und schwer vergleichbar mit anderen Städten: eine einzigartige Mischung aus asiatischer Kultur und westlicher Modernität, sauber und fortschrittlich, aber manchmal genauso schäbig und dreckig, pulsierend und weltoffen. Die Einheimischen sind entsprechend materialistisch und stellen ihren Wohlstand zur Schau. So hat Hongkong zum Beispiel die höchste Rolls-Royce-Dichte der Welt.
 

Platzmangel ist an der Tagesordnung

 Andererseits leben aber auch massenhaft Menschen auf wenigen Quadratmetern zusammengedrängt, weit unter dem für uns gewöhnlichen Standard. Der Platzmangel bestimmt das Leben in Hongkong, und man muss sich erst an die Menschenmassen gewöhnen. Im Stadtteil Mong Kok leben rund 270.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Das macht ihn zu einem der dichtestbesiedelten Gebiete der Welt. Trotz der ständigen Überfüllung geht es in Hongkong weniger hektisch zu – aber auch langsame Menschenmengen können sehr anstrengend sein.
 

Keine Langeweile in der Freizeit

 Die Freizeitmöglichkeiten in Hongkong sind schier endlos. Seien es ausgedehnte Essens-, Shopping- oder Ausgehmöglichkeiten, riesige Naturreservate, in denen man herrlich wandern kann, viele Inseln mit tollen Stränden oder die tolle Asien-Anbindung durch Billigfluglinien.
 

Mein Wohnheim mit kleinem Zimmer - und Dachterrasse

 Gemeinsam mit einer Einheimischen teilte ich mir im Wohnheim ein 14 Quadratmeter großes Zimmer. Da Privatwohnungen ungefähr fünfmal so viel Miete kosten, ist das ein beträchtlicher finanzieller Vorteil, auch wenn das Zusammenleben am Anfang etwas ungewohnt ist. Mein Wohnheim war prima ausgestattet: Es hatte ein kleines Fitnessstudio, eine tolle Dachterrasse mit Grill und Blick über die Stadt und weitere Annehmlichkeiten.
 

Inder, Italiener und McDonald'

 Leider entsprach das chinesische Essen in der Uni-Kantine – wie zu erwarten war – gar nicht dem Essen des China-Imbisses in Deutschland. Ich erlebte dort einige negative Überraschungen. Einmal dachte ich, ich hätte einen Schokopudding vor mir. Der entpuppte sich aber als süßes Dessert aus roten Bohnen. Erfreulicherweise konnte man aber gut auf die vielen kleinen Straßenrestaurants vom Inder bis zum Italiener ausweichen, und manchmal tat es auch ein normales McDonald's-Menü für ganze 2,40 Euro.
 

Internatsflair im Wohnheim

 Anders als in Deutschland lebt es sich im Wohnheim ein bisschen wie im Internat. Studenten, die zusammen mit mir im Wohnheim auf einer Etage wohnten, organisierten einen Kochwettbewerb, eine "Chinese Culture Class" oder einen Kartenspiele-Abend. An Videokameras und Vorschriften mangelte es nicht: Besuch musste sich registrieren, Alkohol war verboten und nach 23 Uhr durfte sich niemand im Zimmer aufhalten, der nicht dort wohnte.
 

Uni - oder doch eher Schule

 Der gesamte universitäre Betrieb ist ähnlich verschult, weniger selbständig und sehr kollektiv geprägt, sonst aber gewohnt bürokratisch. Alles muss streng nach Vorgabe laufen, besonders in Bezug auf Anwesenheitspflicht oder Hausaufgaben. Es hat mich Zeit gekostet, mich auf das System einzulassen: Die extrem vielen Gruppenarbeiten - zum Beispiel auch bei Hausarbeiten - fand ich sehr gewöhnungsbedürftig. Es ist aber eine wunderbare Gelegenheit, sich besser mit der Mentalität vertraut zu machen und mit anderen Kulturen in Kontakt zu kommen. Tendenziell werden in Klausuren mehr Lern- als Denkaufgaben gestellt. Es kann auch vorkommen, dass Referate von Festland-Chinesen komplett von einem Skript abgelesen werden – das ist ziemlich typisch für die chinesische Kultur. Hongkong bildet aber insofern eine Ausnahme, als dass dort Diskussionen und eigene Meinungen in Lehrveranstaltungen prinzipiell erwünscht sind – im Gegensatz zu Festland-China, wo selbst eine einfache Frage als Kritik an der Erklärungsfähigkeit des Dozenten gedeutet werden kann.
 

Hongkongs Nachtleben pulsiert

 Obwohl der zeitliche Aufwand für die Uni nicht zu unterschätzen ist, nutzte ich natürlich die vielen Möglichkeiten, die das Leben als Austauschstudent bereithält. Ich kann jedem nur raten, sich energiegeladen ins verrückte, dekadente, aufgetakelte, feierwütige und internationale Nachtleben von Hongkong zu stürzen – auch wenn man gemütliche Straßencafés und urige Kneipen meist vergeblich sucht. Genauso wenig sollte man es verpassen, Asien zu bereisen. Aus Malaysia, Kambodscha, Japan, Thailand und den Philippinen nahm ich einzigartige und wunderschöne Erlebnisse mit.
 

Glücksspiel, Suite und ein Schlafbus

 Übers Wochenende kann man prima mit der Fähre zur Insel Macau gelangen, dem Las Vegas Chinas. Dort liegt der Umsatz durch Glücksspiele mittlerweile sogar höher als in der amerikanischen Schwesterstadt. Wir hatten uns dort mit 20 Personen die teuerste Suite eines Edel-Hotels gemietet - 170 Quadratmeter groß. Nur in dieser Größe war das noble Zimmer erschwinglich. Allerdings mussten einige auf dem Boden schlafen. Bequemer nächtigen konnte man in einem der unzähligen Schlafbusse nach China. Dort hatte ich aber so meine Probleme mit einem Grenzbeamten, der die Gesetze nach seinem Belieben auslegen wollte.
 

Gemischte Gefühle nach der Rückkehr

 Voller Eindrücke und mit ein bisschen Wehmut kam ich nach einem halben Jahr wieder nach Deutschland zurück. Die leer gefegten deutschen Straßen wirken auf mich immer noch sehr befremdlich. Ich vermisse das supermoderne, perfekt ausgebaute und gigantisch preiswerte U-Bahn-System in Hongkong, die ausgedehnten Ladenöffnungszeiten, die typisch asiatischen Karaoke-Lokale, die preiswerten Technik-Artikel, die vielen Hochhäuser und, und, und. Dafür bin ich irgendwie froh, mich nicht mehr langsam durch eine riesige Ansammlung knallbunt gekleideter Studenten schieben zu müssen, in der Kantine nicht immer nur Reis angeboten zu bekommen und wieder in Gefilden mit angenehmer Luftfeuchtigkeit zu wohnen. Und mein Paket aus Hongkong kam nach zwei Monaten auch noch an.

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