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"Ich kaufe im Crash"

Börse, Aktien, Geldanlage [Quelle: pixabay.com]

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Beate Sander hat innerhalb weniger Tage eine halbe Million Euro verloren. Im Interview erklärt die "Börsen-Oma", warum ihr das wenig ausmacht und welche Aktien sie jetzt kauft.

Frau Sander, wie stark hat der Corona-Crash Ihrem Depot geschadet?

Vor drei Monaten, am 16. Dezember, hatte ich die Zwei-Millionen-Euro-Marke geknackt. Diese zwei Millionen konnte ich bis zum 12. März halten, dann war die Herrlichkeit vorbei. In der vergangenen Woche konnte ich nur noch den Stand von 1,5 Millionen Euro verteidigen. Ich hatte also nach Steuern und Gebühren ein knappes Viertel verloren.

Was waren Ihre größten Verluste?

Vorübergehend haben meine Luxusgüteraktien und Tourismuswerte am meisten eingebüßt, teilweise deutlich mehr als ein Drittel. Noch schlimmer hat es einige Automobiltitel getroffen. Vom Jahreshoch gesehen, ist dies ein Absturz knapp um die Hälfte.

Wie sehr schmerzt das?

Ich kann damit gut leben. Prozentual habe ich viel weniger verloren als der durchschnittliche Anleger.

Haben Sie Ihr Depot nun ein wenig anders aufgestellt?

Ich passe schon seit Jahren mein Depot fortlaufend den großen Marktbewegungen und Zukunftstrends an. Deshalb habe ich beim Technologie-Crash im Dezember 2018 beherzt bei Technologiewerten aus den Vereinigten Staaten zugegriffen. Diese Käufe habe ich mit Teilverkäufen von Immobilienaktien finanziert, die nahe dem Jahreshoch notierten.

Was sind heute Ihre Favoriten?

Momentan stammen die meisten Favoriten aus dem Gesundheitswesen, also Pharma, Biotechnologie und Medizintechnik, mit Blick auf den Corona-Crash. Desinfektionsmittel, Hygieneartikel, Schutzmasken, Schutzkleidung, Nahrungsergänzungsmittel zur Stärkung der eigenen Immunabwehr, Diagnostik, Impfstoffe, neuartige Wirkstoff-Kombinationen: All diese Geschäftsmodelle sind und bleiben sicherlich noch eine Weile chancenreich.

Anleger haben in den vergangenen zwei Wochen panisch reagiert. Haben Sie sich auch von vielen Ihrer 120 Aktien getrennt?

Ich habe mich von drei oder vier Verlustbringern komplett getrennt, um den Steuerausgleich für Aktienverluste mit den zuvor erzielten Veräußerungsgewinnen zu verrechnen und um Neukäufe zu finanzieren. Von meinen besten Aktien habe ich nur dann einen kleineren Teil verkauft, wenn es sich nicht um ausgesprochene Dividenden-Aristokraten handelt und der Kursverlust einstellig war.

Wie schaffen Sie es, so cool zu bleiben?

Ich habe schon im Crash von 2000 bis 2003 und vor allem während der Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 meine "Hoch-/Tief-Mut-Strategie" erfolgreich erprobt und verfeinert. Das ist wie bei einem Gärtner: Er muss zur genau richtigen Zeit säen und pflanzen, hacken, düngen, bewässern, um eine gute Ernte einzufahren. So muss ich im Crash schrittweise mit Teilverkäufen bei Siegeraktien den preiswerten Zukauf meiner Favoriten finanzieren. Wer nur zögerlich und zaudernd abwartet, verpasst den besten Zeitpunkt.

Sie meinen, man könnte jetzt wieder beherzt Aktien kaufen?

Wir haben den heftigsten Kursverlust in diesem Jahrtausend erlebt. Da heißt es zwar, nicht sein ganzes Pulver auf einmal zu verschießen. Aber in Panikstarre zu verfallen und immer nur abzuwarten ist auch nicht viel besser. Ich habe am vergangenen Montag den Absturz von Freenet und MTU Aero Engines zum Zukauf genutzt. Den Freitag zuvor war ich günstig beim Pharmakonzern AstraZeneca und dem Medizintechnikunternehmen Intuitive Surgical eingestiegen.

Wie erkennt man einen guten Zeitpunkt zum Einstieg?

Genau genommen, erkennt man dies erst hinterher. Seien Sie zufrieden, wenn Sie nahe der Tiefstände zugreifen und in Augenhöhe zum Jahreshoch verkaufen! Auch aus diesem Grund empfehle ich, lieber mit 1.500 bis 2.000 Euro einzusteigen und preisgünstig nachzukaufen, als gleich für 5.000 oder 10.000 Euro zu ordern.

Gehört nicht auch ein wenig Glück dazu?

Mutige und Tüchtige verdienen das Glück. Und Glück hatte ich tatsächlich. Isra Vision und RIB Software waren kürzlich innerhalb eines Tages um knapp die Hälfte gestiegen, weil es Übernahmeangebote gab. Qiagen legte um mehr als ein Drittel zu, weil Thermo Fisher zugreifen will. Alle drei Titel habe ich zum Höchstkurs komplett verkauft, um mich mit preiswerten Aktien einzudecken.

Weichen Sie gelegentlich von Ihrer "Hoch-/Tief-Mut-Strategie" ab?

Selbstverständlich bleibe ich meiner Strategie treu. Für mich gilt: Ein Crash ist nur gut – für Leute mit Mut! Ergänzend achte ich beim Kauf und Teilverkauf besonders auf die Entwicklung der Dividende. Ein Beispiel mit gerundeten Zahlen: Ich kaufe die Dax-Aktie Munich Re für 300 Euro. Sie stürzt um ein Drittel ab auf 200 Euro. Die Dividende bleibt gleich bei rund 10 Euro. Beim Kauf von 300 Euro beträgt die Dividendenrendite mehr als 3 Prozent. Beim Einkaufspreis zu 200 Euro sind es mehr als 4,5 Prozent.

In nächster Zeit werden Dividenden wohl eher gekürzt oder fallen aus.

Volks- und betriebswirtschaftlich gesehen, sind bei Umsatz- und Ertragseinbruch gekürzte oder gestrichene Dividenden zum Überleben beziehungsweise Schuldenabbau vernünftig. Wenn wütende Aktionäre aber einen extremen Kursabsturz verursachen wie jetzt, ist der Schaden für das Eigenkapital weitaus größer als eine eingesparte Ausschüttung. Deshalb kaufe ich solche Aktien bei Bekanntgabe einer Kürzung nicht nach. Viel eher denke ich über einen Teil- oder Komplettverkauf nach.

Wie arg schätzen Sie den aktuellen Crash ein, zum Beispiel im Vergleich zur Finanzkrise 2008?

Dieser Crash ist weitaus gefährlicher und unberechenbarer, weil drastische Einschränkungen, Schließungen und Verbote zu einer Rezession führen. Diese Einschnitte der persönlichen Freiheit beschwören immer größere Ängste herauf, die sich an der Börse widerspiegeln. Medizinisch ist es vernünftig, das Infektionsrisiko zeitlich zu strecken, damit mehr Intensivplätze für die Beatmung bei schweren Lungenkrankheiten verfügbar sind. Aber die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind verheerend. Vor allem kleinen Unternehmen droht die Insolvenz.

Als 82-Jährige mit Vorerkrankungen gehören Sie zur höchsten Risikogruppe. Wie schränken Sie sich ein?

Ich handle insofern verantwortungsbewusst, als ich Berührungen vermeide, mir mehrmals täglich die Hände wasche und mit räumlichem Abstand auch persönliche Kontakte bei mir zu Hause pflege. Ich laufe aber zu Fuß zwei Kilometer zum Einkaufen und fahre überall hin, wo es nicht strikt verboten ist. Damit will ich zeigen, dass auch Mut und Zuversicht die Abwehrkräfte stärken.

Sie haben keine Furcht vor einer Ansteckung durch das Coronavirus?

Angst, Frust und Verzweiflung wirken sich lähmend aus. Das gilt nicht nur für die Börse. Den Crash verschulden weder Politik noch Medien. Sondern Anleger veräußern viel mehr, als sie kaufen. Und je massiver und unkontrollierter dies geschieht, umso schlimmer sind die Folgen einer solchen Kettenreaktion. Schauen wir uns nur den deutschen Leitindex Dax an: Binnen vier Wochen von rund 13.800 Punkten ausgehend, haben wir zeitweise einen Absturz bis auf 8.200 Punkte erlebt. An Heftigkeit ist das in so kurzer Zeit kaum zu überbieten.

Steht nach so einem Absturz zu befürchten, dass künftig noch weniger Deutsche auf Wertpapiere setzen?

Ja, dieser Crash wird dazu führen, dass noch mehr Zeitgenossen einen hohen Bogen um Aktien machen. Die Politik könnte hier ein Signal setzen, indem sie Einsteigern und Senioren für fünf Jahre Steuerfreiheit anbietet und bei einer Aktienhaltedauer von fünf oder zehn Jahren generell auf eine Steuer verzichtet.

Es kommt ganz anders: Finanzminister Scholz will eigentlich eine Finanztransaktionssteuer durchsetzen.

Damit wird das zarte Pflänzchen Aktienkultur mit Füßen zertreten!

Glauben Sie, dass sich die Kurse absehbar wieder erholen und Sie Ihre zweite Million wieder erreichen?

Ich bin überzeugt, dass sich meine Qualitätsaktien wieder aufrappeln. Ich sehe diesen heftigen Crash als Ausgangsbasis. Nicht nur um die zweite Million wieder zu erobern, sondern mich auf den Weg zur dritten Million aufzumachen. Ob das gelingt, hängt wohl vor allem davon ab, wie lange ich noch lebe.

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