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Was ist das Abitur noch wert?

Goethe-Schiller-Denkmal, Bildung, Kultur [Quelle: pixabay.com ]

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Der Deutsche Lehrerverband sorgt sich um die Standards an den Schulen: "Wenn eines Tages alle Abitur haben, dann hat keiner mehr Abitur." Die F.A.Z. hat Lehrer und Wissenschaftler gefragt, woran es liegt, dass die Noten immer besser werden.

Der Deutsche Lehrerverband schlägt Alarm – er ist zunehmend über die Qualität des deutschen Abiturs besorgt. "Die Politik will schöne Bilanzen präsentieren und hat die Ansprüche an die Schüler stark gesenkt", kritisiert Verbandspräsident Josef Kraus gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Schulpolitik habe sich auf die Fahnen geschrieben, die Abiturientenquoten zu erhöhen. "Doch da haben wir inzwischen die Decke durchstoßen." Seine Befürchtung: "Wenn eines Tages alle Abitur haben, dann hat keiner mehr Abitur."

Allmählich gewinne man den Eindruck, das Abiturzeugnis sei nur ein Attest für die Studierberechtigung, aber nicht mehr für die Studierbefähigung, sagt Kraus. Die Hochschulen reagierten auf die schlechtere Qualität des Abiturs, indem die Mehrzahl in den Kernfächern Brückenkurse für Studienanfänger anbiete. "Es ist doch abenteuerlich, dass die Hochschulen glauben, nachholen zu müssen, was die Schule nicht geleistet hat." Kraus befürchtet zudem, es könne zu einem schlimmen Vertrauensverlust gegenüber dem Gymnasium kommen, wenn die "Hochschulen das Abitur eines Tages nicht mehr anerkennen". Die Universitäten müssten sich dann auf eigene Zugangsprüfungen verlassen, die aber grundsätzlich nicht so valide seien wie der Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung in der Schule, der über zwei Jahre gehe.

Nicht nur die hohe Abiturientenquote – weit über die Hälfte eines Jahrgangs erwirbt inzwischen die Hochschulzugangsberechtigung – missfällt den Lehrervertretern. Als Beleg dafür, dass etwas aus dem Ruder gelaufen sei, gilt ihnen außerdem die deutliche Verbesserung der Abiturnoten. Nach Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) sind die Bestnoten im Laufe der Jahre stetig gestiegen. Zwischen 2006 und 2015 hat sich in allen Bundesländern, außer in Baden-Württemberg, der Anteil der Abiturienten erhöht, die die Abschlussnote 1,0 erreichten – in Berlin zum Beispiel von 0,3 Prozent auf 1,6 Prozent und in Bremen von 1,25 Prozent auf 2,0 Prozent. Dort liegt sie ähnlich hoch wie in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Spitzenreiter ist Thüringen mit 3,1 Prozent. Doch auch in Bayern, dessen Abitur als besonders anspruchsvoll gilt, ist der Anteil der 1,0-Abiturienten von 0,95 auf 1,9 Prozent gestiegen. Insgesamt werden dort – nach Anteilen – sogar deutlich mehr Einserabiture erreicht als beispielsweise in Baden-Württemberg.

Mündliche Noten zählen mehr als früher

Kraus, der zwanzig Jahre ein bayerisches Gymnasium geleitet hat, ist auch mit seinem Bundesland unzufrieden. Dort seien die Anforderungen ebenfalls gesenkt worden. So hätten früher in der Oberstufe die schriftlichen Leistungen mehr Einfluss auf die Abiturnote gehabt als die mündlichen, nämlich zwei Drittel im Vergleich zu einem Drittel. Da schriftliche Leistungen naturgemäß schwerer zu erbringen seien als mündliche, habe man umgestellt – auf die Formel eins zu eins. "Allein das ist ein Grund für bessere Noten, denn bei mündlichen Prüfungen kommen natürlich nicht so viele schlechte Noten heraus, weil der Lehrer dann doch noch ein bisschen nachhilft und weil er sich nicht an einem bestimmten Erwartungshorizont wie in schriftlichen Prüfungen orientieren muss", erklärt Kraus.

Auch der Notendurchschnitt aller Abiturienten unterscheidet sich nach den KMK-Statistiken deutlich von Bundesland zu Bundesland; er reicht von 2,16 in Thüringen bis 2,59 in Niedersachsen. Für Lehrervertreter ist klar, dass dies nicht auf bessere Leistungen der Schüler zurückzuführen ist. Sie beklagen deshalb eine große Ungerechtigkeit, schließlich gelte der Numerus Clausus an den Hochschulen unabhängig davon, wo man Abitur gemacht habe.

In der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) will man in den Alarm des Lehrerverbands freilich nicht einstimmen. Man sehe das alles nicht dramatisch, sagt Donate Kluxen-Pyta. Die BDA-Bildungsfachfrau gibt zum einen zu bedenken, dass die Abiturergebnisse in den Bundesländern schon seit Jahrzehnten unterschiedlich seien und man gelernt habe, damit umzugehen. Zum anderen beobachte sie, dass die Fremdsprachenkenntnisse der Schüler wesentlich besser geworden seien, weil viel mehr in der fremden Sprache unterrichtet werde. Aus Sicht der BDA stehen die Noten ohnehin nicht im Mittelpunkt. Es komme vor allem darauf an, dass jeder Schüler gemäß seines Abschlusses den Weg in das Berufsleben finde, und da gebe es inzwischen viele Möglichkeiten. So könne man auch mit Abitur in eine Ausbildung gehen und dann eventuell noch ein Studium anschließen. Die Wirtschaftsvertreter setzen auf Differenzierung und sehen ein System, in dem die Hochschulen entscheiden, wen sie aufnehmen, deshalb nicht kritisch, sondern sogar als geboten an.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Jaja, die "anspruchsvolleren" Bundesländer. Herr Kraus ist schon desöftern mit derat polemischen Aussagen aufgefallen. Deshalb sehen ihn andere Lehrervereinigungen, wie z.B. die GEW auch sehr kritisch. Schade, dass von dort niemand zu Wort kommt. Es sollte auch nicht der Eindruck entstehen, dass sich die Mehrheit der deutschen Gymnasiallehrer von dieser Institution vertreten fühlen. Dass harte Grenzen wie die Zulassung zum Gymnasium (Gymnasialempfehlung) oder zur Hochschule (Abitur) aufgeweicht werden oder teilw. ganz entfallen, sehe ich nicht als kritisch an. Auch wenn Herr Kraus das anders sieht, sind beide Instrumente in keinster Weise valdie. Teilweise räumt er dies mit Blick auf die mündlichen Noten ja auch selbst ein. Ein studienfachspezifischer Eingangstest ist als Selektionsinstrument eindeutig überlegen (vgl. z.B. das Medizinerparadoxon: Ist ein 1er Abitur ein valider Hinweis auf hohe professionelle Kompetenz eines Urulogen? Wohl kaum.).

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