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Mal kurz die Welt retten

Volontourismus Freiwilligenarbeit soziale Arbeit helfen [Quelle: Unsplash.com, Madi Robson]

Quelle: Unsplash.com, Madi Robson

Nach dem Abitur arbeiten viele Jugendliche in afrikanischen Ländern in Waisenhäusern als Helfer oder bauen Schulen auf. Das schadet oft mehr, als dass es nutzt.

Die Kinder beäugten die junge Frau verwirrt. Das war also die neue Freiwillige. Doch die Kleinen verstanden nicht, warum sie eine Schwarze vor sich sahen. Sind Helfer nicht immer weiße Menschen? Die Neue passte nicht in ihr Weltbild, in dem die Weißen den Schwarzen überlegen sind. "White Supremacy" nennt sich diese Vorstellung, die sich vor allem durch die Kolonialzeit-Propaganda in der ganzen Welt tief in der gesellschaftlichen Überzeugung verankert hat. Auch hier. Die Kinder selbst waren zwar unterschiedlichster Herkunft. Doch trotzdem mussten sie alle erst einmal das Klischee der "weißen Retter" über Bord werfen.

"Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann", berichtet diese Freiwillige später. Die Siebenundzwanzigjährige ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat und das heute Zimbabwe heißt. Nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes benannt, herrschte dort Rassentrennung. Da sie sowohl Zimbabwerin als auch Britin ist, lebt sie seit der Oberstufe in England. Die junge Frau hat ein Masterstudium in Internationaler Entwicklung absolviert und später ein Freiwilligenprojekt in Bolivien geleitet.

"Geh reisen, und sieh dir die Welt an!", rät sie. Einen philanthropischen Ansatz dabei zu haben sieht die Zimbabwerin aber kritisch: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile. Die subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen werde so gefestigt. Ein zentrales Problem ist die teils überhebliche Illusion der Freiwilligen, sie könnten mal eben die Welt retten – in den Sommerferien oder während eines "Gap Year" nach dem Abitur oder im Studium.

Jedes Jahr entscheiden sich mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen für "Voluntourism". Die Kombination aus Tourismus und Freiwilligenarbeit wird seit Jahrzehnten immer beliebter. Besonders gefragt sind ferne Länder, die sowohl wunderschöne Urlaubsziele als auch Möglichkeiten bieten, "aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag zu leisten". Mit solchen Worten versprechen unzählige Anbieter, "sinnvolle Ferien" zu organisieren – mit Entwicklungsprojekten sowie zusätzlichen Ausflügen und Abendveranstaltungen. So kann sich die Freiwillige doppelt gut fühlen. Und ein rundum positives Erlebnis zu schaffen ist oberste Priorität der Anbieter. Schließlich zahlen ihre Kunden bis zu mehrere tausend Euro in der Woche zuzüglich Flugkosten, um sich zum Beispiel an einem Hausbau in Kapstadt zu beteiligen. "Voluntourism" ist eine Industrie, deren Wert auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt wird. Viele Hobby-Helfer sind vermutlich von jugendlichem Idealismus getrieben, aber auch Rentner und ganze Familien wollen ihr soziales Engagement unter Beweis stellen, zumindest am anderen Ende der Welt.

Frage der Nachhaltigkeit drängt sich auf

Für die meisten dieser Projekte sind keine fachlichen Vorkenntnisse nötig. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? Und was bringt es, nur zwei Wochen lang im Schulunterricht auszuhelfen? Auf der Website des "Voluntourism"-Anbieters "Projects Abroad" heißt es zum Beispiel: "Aufgrund des Lehrermangels... unterrichtest du in der Regel selbständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen." Und: "Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht."

Sofort drängt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit auf. Wenn es wie beim Geschäftsmodell des "Voluntourism" zum Selbstzweck wird, dass immer mehr Freiwillige beschäftigt werden, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip. Stattdessen muss Hilfe zur Selbsthilfe das Ziel sein. Das bedeutet, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann allein tragen. Inwieweit sowohl private als auch staatliche Entwicklungsorganisationen unvoreingenommen daran arbeiten können, muss kritisch überprüft werden. Schließlich würden sie sich damit selbst überflüssig machen.

Doch die Nachhaltigkeitsfrage hat eine weitere Facette: Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifikation besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land akzeptabel sein? Die westliche Angewohnheit, mit zweierlei Maß zu messen, kennt die Zimbabwerin nur zu gut. Warum meinen Westler immer noch, auf andere hinunterblicken und sie belehren zu können? Bei allen Problemen, die es zum Beispiel auch mit chinesischen Investoren in Entwicklungsländern gibt, ist mit ihnen das Gespräch auf Augenhöhe erfrischend. Sie kommen ohne den selbstgerechten Dünkel des Weltverbesserers und wollen einfach nur Geschäfte machen – mit Partnern, nicht mit Hilfsbedürftigen. Aus ihrem Herkunftsland kennt die junge Frau "Voluntourism"-Projekte, die daran gescheitert sind, dass Einheimische bei der Planung und Umsetzung gar nicht einbezogen wurden. Anscheinend hatten die "Helfer" das Gefühl, das nicht nötig zu haben.

Für Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg, ist es das gleiche Konzept wie in der Kolonialzeit: die Idee, dass die Westler immer alles besser wissen. Er spricht zudem von einem "Parallelsystem", wenn von außen finanzierte Projekte Aufgaben des Staates übernähmen, was letztlich nicht effizient sein könne. Selbst effektive Entwicklungsprogramme an Schulen könnten zum Beispiel die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das eigentlich dafür vorgesehene Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden.

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Kommentare (4)

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  1. Anonym

    Danke für den Artikel! Du hast meiner Meinung nach total recht!

  2. Anonym

    Viel viel zu einseitig. Fand es echt schwer den Artikel zu Ende zu lesen. Schade!

  3. Anonym

    Ich muss dem Vorgänger Kommentar vollkommen zustimmen. Denkbar einseitiger Artikel. Nicht jeder Freiwilligendienst lässt sich als Voluntourism abstempeln. Klar ein Freiwilligendienst für wenige Wochen für die man tausende Euro bezahlt macht keinen Sinn. Deswegen aber einen interkulturellen Austausch aufzugeben ist auch keine Lösung. Man darf junge Freiwillige auch nicht als Entwicklungshelfer verwechseln, weshalb sich die Frage stellt inwiefern es sinnvoll ist Freiwilligenprogramme mit europäischer und chinesischer Entwicklungspolitik zu vergleichen. Man bekommt durch einen längeren Auslandsaufenthalt (mindestens ein Jahr) Erkenntnisse, durch die man vielleicht versteht, dass es die "Westler" nicht gibt und es nicht die Lösung aller Probleme ist, wenn wir auf unsere Privilegien verzichten und Asche auf unser Haupt schütten, wie es im Artikel vorgeschlagen wird. Ist die billige Milch das Problem oder sind es die geöffneten Märkte der Importländer? Die beste Entwicklungshilfe sind Investitionen die sich für alle lohnen. Da fehlen aber den meisten jungen Leuten die Mittel zu. Man sollte sie dennoch einen Beitrag leisten lassen und damit auch gegen Rassismus und Vorurteile vorgehen. Und übrigens gibt es nicht nur in Afrika Freiwilligendienste, auch wenn sie sich am besten eignen, um darauf die These des Artikels aufzubauen.

  4. Anonym

    Und was nun? Entwicklungsarbeit gänzlich einstellen? Der Globalisierung zum Trotz? Das ist die logische Konsequenz, die dieser Artikel vorschlägt. Keine Frage: So mancher Anbieter von "Freiwilligendiensten" biete perfide Dienste an, die man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen muss. Solche Vier-Wochen-Weltverbesserer-Programme sind - da gebe ich dem Text ganz recht - alles andere als nachhaltig und reißen die Wunder der europäischen Kolonialisierung nur erneut auf. Rassismus und Diskriminierung kann auf dieser Weise nicht überwunden werden. Doch die Autorin des Artikels kehrt alle Freiwilligen- und sogar professionelle Entwicklungsprogramme unter einen Kamm und ignoriert erfolgreiche Freiwilligen- und Entwicklungsprogramme gänzlich. Der Markt ist groß, doch unter den vielen schwarzen Schafen finden sich sinnvolle Angebote für junge Erwachsene. Natürlich, auch in diesen stecken viel Geld und interkultureller Austausch findet in der Regel nur Richtung Süden statt, doch als Erben der Kolonialherren, welche für die heutige Weltordnung gesorgt haben, haben wir eine Pflicht, sinnvolle und nachhaltige Arbeit zu leisten. Und zu einem guten und erfolgreichen Freiwilligendienst gehört - und das sollte JEDES Programm beinhalten - ein interkulturelles Training, welches auf genau diese ethischen Probleme aufmerksam macht. Freiwilligenarbeit kann zur Stärkung der White Supremacy führen, sie kann bestehende Strukturen stärken, die lokale Wirtschaft untergraben und die Arroganz der Europäer vergrößern. Das muss sie aber nicht. Geht ein Freiwilliger mit Bedacht und Verstand an seinen Freiwilligendienst, mit Respekt vor den Menschen und sich selbst - und das sollte jeder, der sich selbst Freiwilliger nennt - so kann ein solcher Dienst einen unglaublichen persönlichen Mehrwert bieten. Die Welt kann man alleine nicht retten. Dem muss man sich bewusst sein. Doch kann man seine Fußstapfen hinterlassen und vor allem, denn das ist die eigentliche Essenz eines Freiwilligendienstes, motivieren, zurück im eigenen Land die Probleme vor der eigenen Haustür in die Hand zu nehmen und somit einen Beitrag für eine bessere Welt leisten. Mit einem Verständnis von globalen Zusammenhängen, welches man sonst auf keinen Fall erwirbt, kann man in seiner Heimat dafür Sorge tragen, dass sich soziale und gesellschaftliche Probleme bessern. Freiwilligenarbeit und vor allem Entwicklungsdienste zu dämonisieren und allen Teilnehmern schlechte Intentionen vorzuwerfen, bringt niemanden weiter. Man muss sich nun einmal eingestehen, dass die finanziellen Mittel in Europa liegen. Philantropismus kann, wenn es durch die falschen Hände ausgeführt wird, zu weiteren Schäden führen. Doch ganz darauf zu verzichten, bringt niemandem etwas.

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