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Mehr Luft für den Aufstieg

Aufstieg [Quelle: unsplash.com, Amanda Perez]

Quelle: unsplash.com, Amanda Perez

Leistung entscheidet? Nein, für den Bildungserfolg ist das Elternhaus viel wichtiger. Selbst an der Uni macht sich das bemerkbar. Das belegt eine neue Studie.

Bildung, das klingt immer so schön. Nach Freiheit. Wer sich bildet, in Hörsälen, Laboren und Bibliotheken, der wächst ins Offene hinein.

System, das klingt immer so fies. Nach Technokratie. In einem System folgt alles einer Regel.

Ein Bildungssystem also ist offen und geschlossen zugleich, im besten Fall eine Architektur, die alle Möglichkeiten eröffnet, dabei aber klare Wege vorgibt.

Allein, das deutsche System hat Fehler.

Kinder von Maurern und Kassiererinnen, Schneidern und Tischlerinnen machen seltener Abitur und schreiben schlechtere Noten als der Nachwuchs von Anwältinnen, Lehrern oder Ärzten. An deutschen Schulen entscheidet bis heute die soziale Herkunft über den Bildungserfolg. Worüber man bislang wenig wusste: Was in der Schule beginnt, setzt sich an der Uni dramatisch fort. Das zeigt der Hochschul-Bildungs-Report, eine neue Studie des Stifterverbands und der Unternehmensberatung McKinsey, die im Herbst erscheint. Ein Auszug daraus liegt der ZEIT exklusiv vor. Er zeigt, wie groß der Graben zwischen Arbeiter- und Akademikerkindern an deutschen Hochschulen wirklich ist.

Die soziale Ungleichheit schleppt sich hartnäckig von der Grundschule bis zur Promotion. Eine kleine Wissenselite reproduziert sich erfolgreich selbst.

Von einer sogenannten leaky pipeline sprechen Stifterverband und McKinsey in ihrer Analyse, einem "leckenden Rohr". Aus jedem Leck fließen die Arbeiterkinder ab.

Von hundert Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelorabschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich 10 eine Promotion absolvieren.

Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen nur 15 einen Bachelor, machen nur 8 bis zum Master weiter – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad.

Ein Prozent aller Arbeiterkinder promovieren. Bei den Akademikerkindern sind es zehnmal so viele

Noch deutlicher wird dieses Missverhältnis, wenn man sich die tatsächlichen Größenverhältnisse anschaut. Die Studie vergleicht zur Anschauung 100 Akademiker- mit 100 Nichtakademikerkindern. In der Realität aber gibt es deutlich mehr Familien, in denen die Eltern nicht studiert haben; das Verhältnis liegt bei fünf zu eins. In der Grundschule sitzen also eine Million Nichtakademikerkinder neben 200.000 Akademikerkindern – am Ende tragen aber 20.000 Akademikerkinder und nur 10.000 Nichtakademikerkinder pro Jahrgang einen Doktorhut.

"Es gibt noch immer eine starke Selektion", sagt René Krempkow vom Stifterverband, der zusammen mit Julia Klier von McKinsey die Studie betreut hat. Klier betont: "Ein akademischer Abschluss ist nicht für alle gleich erstrebenswert, und natürlich muss nicht jeder promovieren. Aber die familiäre Herkunft sollte nicht das Kriterium sein, das darüber entscheidet."

Bildungsforscher betonen, es gebe viele Gründe dafür, dass die bestausgebildeten Menschen in diesem Land vor allem aus einem kleinen Ausschnitt der Bevölkerung stammen. Und doch stechen mit Blick auf die akademische Ausbildung drei Hürden heraus.

Geld

Wohl nirgendwo auf der Welt studiert es sich so kostengünstig auf so hohem Niveau wie in Deutschland. Die Hochschulen erheben keine Studiengebühren, und mit dem Bafög gibt es sogar eine staatlich subventionierte Förderung für all jene, deren Eltern nur wenig Geld haben. Dazu kommen Studienkredite mit niedrigen Zinsen, Stipendien für die besonders Begabten oder Engagierten. Und die Hilfskraftjobs an den Unis sind seit Einführung des Mindestlohns besser bezahlt als jemals zuvor.

Und trotzdem: Die Finanzierung des Studiums bleibt für viele noch immer eine echte Hürde.

Eva-Maria Sorge hat es geschafft. Seit Kurzem hat die 22-Jährige aus Jena ihr Bachelorstudium Psychologie abgeschlossen, obwohl sie sich das nach dem Abi fast nicht zugetraut hätte und kurz davor war, eine Lehre als Hotelfachfrau anzufangen. "Da verdient man vom ersten Tag an Geld", sagt sie. Sorges Eltern haben beide nicht studiert, ihre Mutter arbeitet in einem Sanitätshaus als Fachverkäuferin, ihr Vater ist schon länger krankgeschrieben. "Geld war bei uns immer ein Thema", erzählt Sorge. "Aber auch im positiven Sinne: Mir wurde beigebracht, dass soziale Kontakte wichtiger sind."

Sozialwissenschaftler nennen es die "Neigung zu risikoaversen Entscheidungen", wenn eine gute Abiturientin sicherheitshalber einen Ausbildungsberuf anvisiert. Das sei typisch für Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern, erzählt Martin Neugebauer. Er forscht an der Freien Universität Berlin zur sozialen Ungleichheit an Hochschulen. "Diese Abiturienten haben ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Bei einer Ausbildung weiß man, was man hat, bei einem Studium nicht unbedingt. Geht es schief, fehlen die elterlichen Ressourcen."

Eva-Maria Sorge ging das Risiko ein und finanzierte ihr Studium mit Bafög, Kindergeld, einem kleinen Zuschuss ihrer Eltern und Nebenjobs: "Erst arbeitete ich als Kassiererin, dann wurde ich studentische Hilfskraft." Während des Bachelorstudiums lebte sie von rund 600 Euro monatlich; der deutsche Durchschnittsstudent hat laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks knapp 900 Euro zur Verfügung. Die Angst vor finanziellen Schwierigkeiten war für sie wie ein schwerer Rucksack, den sie durch ihre Vorlesungen und Prüfungen mitgeschleppt hat.

Sorge hat ihren sozialen Aufstieg auch fachlich zu ihrem Thema gemacht. Im Herbst beginnt sie einen Masterstudiengang in Bildungspsychologie, danach will sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Sie will etwas beitragen, damit Menschen wie sie keine statistische Ausnahme bleiben. Doch die gesellschaftliche Unwucht arbeite gegen sie, sagt Martin Neugebauer: "Sozial höhergestellte Milieus setzen alles daran, den schon erreichten Status der Familie weiterzugeben und sich nach unten abzugrenzen." Seitdem das Auslandssemester weniger exklusiv geworden sei, ziehe es Studierende aus bessergestellten Familien zunehmend an besonders hochkarätige – und teure – Studienorte.

Das heißt: Je mehr Arbeiterkinder sich in die akademische Welt vorwagen, umso mehr setzen ihre bürgerlichen Kommilitonen daran, ihnen davonzulaufen.

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