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Die Regelstudienzeit - Fluch oder Segen?

Die Regelstudienzeit setzt Studenten unter Druck [Quelle: Pixabay.com, Autor: geralt]

Quelle: Pixabay.com, geralt

Kritiker sprechen von einem Beschleuniger für Studienabbrüche, Befürworter von einer wichtigen Hilfe zur Orientierung: Die Regelstudienzeit ist höchst umstritten. Zeit, sie abzuschaffen?

Bleibt den Studenten nicht genug Zeit zum Studieren? Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts sehen ganz danach aus. Demnach wurden im Prüfungsjahr 2014 - ähnlich wie schon 2010 und 2012 - nur 40 Prozent aller Hochschulabschlüsse in der Regelstudienzeit erworben. Als Regelstudienzeit wird die Zeit bezeichnet, die idealtypisch für ein Studium im Durchschnitt benötigt wird. Im Hochschulrahmengesetz festgelegt, war der ursprüngliche Zweck der Regelstudienzeit auch, den Studenten das entsprechende Lehrangebot zu gewähren, auf das sie für den Abschluss ihres Studiums innerhalb der vorgegebenen Frist angewiesen sind. Die genaue Semesterzahl der Regelstudienzeit hängt von den Studiengängen und der jeweiligen Prüfungsordnung ab. So oder so: Nicht Muße zum tiefgehenden Studium, sondern Hektik und gedrängte Stundenpläne scheinen heute den Alltag der Studenten zu bestimmen.

Seit der Bologna-Reform werden flächendeckend insgesamt zehn Semester Regelstudienzeit veranschlagt, darunter sechs Semester für den Bachelor- und vier für den Masterabschluss. Abhängig von der Prüfungsordnung, hat die Überschreitung der Regelstudienzeit in den meisten Fällen jedoch nicht sofort unmittelbare Konsequenzen für den weiteren Studienverlauf; Prüfungen können oftmals auch zwei oder drei Semester später abgelegt werden - und genau das scheint bei mehr als der Hälfte aller Studenten ja auch der Fall zu sein, wie die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen.

Die Studentin Tanja von der Universität Mainz überrascht das kaum. Die Regelstudienzeit gehe von utopischen Voraussetzungen aus. Dass das Studium bis zur vorgegebenen Frist abgeschlossen werden kann, erfordere Rahmenbedingungen, die sowohl in den Universitäten als auch in der eigenen Lebenssituation oftmals nicht gegeben seien. "Wenn die Unis wirklich sicherstellen würden, dass alle Studienleistungen auch immer abgelegt werden können, wäre die Regelstudienzeit ein sinnvolles Instrument", erklärt Tanja, die sich im 6. Semester ihres sozialwissenschaftlichen Masterstudiums befindet - und ihren wirklichen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen möchte. Die Realität sehe meistens jedoch anders aus, sagt sie: "Überschneidungen bei Seminaren oder schlicht die Tatsache, dass gewisse Lehrveranstaltungen nur alle zwei Semester angeboten werden, zeigen, dass die Regelstudienzeit fast immer ein gutgemeintes theoretisches Konstrukt ist."

Koppelung mit Bafög gilt als größtes Problem

Als besonders problematisch wird vor allem von Studenten die Koppelung der Regelstudienzeit mit dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) gesehen. Wird die Regelstudienzeit überschritten, droht die sofortige Einstellung der Bafög-Zahlung. Die Empörung im "Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften" (fzs) ist deshalb groß: Die Regelstudienzeit führe auf diese Weise zu einem "Studienabbruchprogramm" und sei ein „Instrument für soziale Selektion im Studium", behauptet Ben Seel, Masterstudent der Politischen Theorie an der Universität Frankfurt und Mitglied im Vorstand des fzs. Besonders hart treffe es Studenten, "die sich sozial engagieren, Angehörige pflegen, Kinder erziehen oder arbeiten müssen".

Die Mainzer Studentin Tanja berichtet von Erfahrungen, die sie mit vielen ihrer Kommilitonen teilt: "Wenn man die Regelstudienzeit einhalten muss, um Bafög zu erhalten, dann ist Arbeiten nebenbei schwierig. Da das Bafög aber in den meisten Fällen nicht reicht, weil nur 224 Euro für den Wohnanteil bereitstehen, ist das oft keine Wahl." Auch Kirsten Wechsel vom Studiendekanat der Neueren Philologien an der Universität Frankfurt hält es für wünschenswert, dass sich die Regelstudienzeit stärker an den tatsächlichen Rahmenbedingungen orientiert. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten in der Rhein-Main-Region sei es für viele Studenten unabdingbar, neben dem Studium zu arbeiten.

Welchen Sinn hat die Regelstudienzeit dann überhaupt noch? "Die Vorgaben zu den Regelstudienzeiten sind sinnvolle Planungsgrößen für die Studiengangsgestaltung und das Ressourcenmanagement der Hochschulen", sagt Peter Zervakis. Er ist Koordinator im "Projekt nexus" der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), das im Zuge des Bologna-Prozesses entstanden ist und sich zum Ziel setzt, die "Studienqualität" zu verbessern. Ein Problem der Regelstudienzeit sieht er allerdings darin, dass die Heterogenität der Studenten nicht immer ausreichend berücksichtigt werde, "um angemessene Studienbedingungen und individuelle Unterstützungsangebote bei der Wahl des passenden Studienprogramms und individueller Lernstrategien anbieten zu können". Spricht dann nicht alles dafür, die Regelstudienzeit abzuschaffen? Nein, sagt Heinrich Schwendemann von der Universität Freiburg, zuständig für die Studienberatung im Fach Geschichte. Die Regelstudienzeit sei als Richtlinie und Orientierungshilfe sinnvoll; sie helfe den Studenten, ihr Studium zu strukturieren.

Wird die Regel zur Ausnahme?

Doch das Problem liegt allem Anschein nach woanders, denn woran bemisst sich die Norm der konkret geltenden Regelstudienzeit? "Der postulierte 'Regelfall' wird künftig immer mehr die Ausnahme sein", sagt Tanja Brühl, Vizepräsidentin der Universität Frankfurt. Die wachsende Heterogenität der Studenten werde zwangsläufig mit einer Diversifizierung der Studiendauern einhergehen. Auch mit Blick auf die Kopplung an das Bafög kommt Brühl deshalb zu dem Schluss: "Perspektivisch sollten Land, Bund und Hochschulen gemeinsam darüber nachdenken, ob es nicht auch noch andere Studien- und Studienfinanzierungsmodelle gibt, die die Lebenswirklichkeit der heutigen Studierenden abbilden könnten."

Dass öffentlich über eine Änderung des bisherigen Systems nachgedacht wird, geschieht nicht ohne Grund, denn mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master ist die Regelstudienzeit zunehmend in die Kritik geraten. Ein "Europa des Wissens" wollten die europäischen Bildungsminister schaffen, als sie 1999 die Bologna-Erklärung verabschiedeten. Von der "Förderung der Mobilität" war die Rede, einer "arbeitsmarktbezogenen Qualifizierung" und "internationaler Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems". Wie ließen sich solche hochgesteckten Ziele am besten erreichen? An zentraler Stelle stand für die Initiatoren die Verkürzung der Studienzeit. Diese Rechnung aber ging nicht auf: Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Studienzeit, die mit Bologna eingespart werden sollte, eben doch benötigt wird. Würde die Regelstudienzeit um zwei Semester verlängert, stiege der Anteil der Absolventen in den meisten Fächern drastisch.

Ganz ohne Zeitdruck zu studieren ist jedoch nicht erst seit der Bologna-Reform mit Schwierigkeiten verbunden. Schon mit dem ersten Hochschulrahmengesetz (HRG) vom 26. Januar 1976 verhinderte die dort verankerte Regelstudienzeit, dass die sogenannten "Langzeitstudenten" zum Normalfall wurden. Die Studenten waren angehalten, innerhalb von vier Jahren ihr Studium abzuschließen. Ausnahmen waren nach dem Willen der Gesetzgeber "nur in besonders begründeten Fällen" zu gewähren. Dass die Debatte über die Studienzeit dennoch neues Feuer entfacht hat, hängt auch mit dem generellen Wandel der Bildungslandschaft zusammen. Weniger als die Regelstudienzeit ist dabei die inhaltliche Ausrichtung und die Struktur des Bachelor- und Masterstudiums das Problem.

Unternehmen setzen Prioritäten oft anders

Mit Bologna hat sich der Wertehorizont verschoben: Bildung wird ökonomisiert. Effizienz, Ressourcen, das Diktum praktischer Anwendbarkeit: die Bildungsinhalte sind kein Selbstzweck mehr, sondern orientieren sich am Primat ihrer wirtschaftlichen Brauchbarkeit. Dazu gehört auch, dass die Studenten durch die Abschaffung der Wehrpflicht und die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre immer jünger werden - eine Entwicklung, die durch die Vorgaben der Regelstudienzeit zusätzlich forciert wird. "In der Regelstudienzeit spüren die Studierenden oft den Druck, ihr Studium möglichst schnell abschließen zu müssen", erzählt Peter Zervakis. "Sie haben nicht nur Angst wegen der auf die Regelstudienzeit begrenzten Bafög-Förderung, sondern auch, weil sie eine möglichst kurze Studiendauer als den ausschlaggebenden Faktor für einen erfolgreichen Übergang in den Arbeitsmarkt ansehen."

Fraglich ist, ob diese Sorge berechtigt ist. Aus Unternehmensperspektive werden die Prioritäten oftmals anders gesetzt, als unter vielen Studenten angenommen wird. So betont etwa Carsten Baumgärtner von der Unternehmensberatung Boston Consulting, dass den Unternehmen ein interessanter Lebenslauf wichtiger sei als schnelles Studieren. Solange es gute Gründe für eine Überschreitung der Regelstudienzeit gibt, sieht Baumgärtner darin kein Problem. An erster Stelle stehen für ihn dabei Praxis- und Auslandserfahrungen - Tätigkeiten, für die in der gedrängten Regelstudienzeit zumeist keine Zeit bleibt. Wer in der freien Wirtschaft Erfolg haben will, ist aber offensichtlich gut beraten, sich trotzdem die Zeit dafür zu nehmen.

Diese Feststellung entbehrt nicht einer gewissen Ironie - waren es zu Beginn der Bologna-Reform doch vor allem Vertreter aus der freien Wirtschaft, die vehement die Verkürzung der Studienzeit forderten. Doch von welcher Seite aus man das Ganze auch beleuchtet: die starre Verkürzung der Regelstudienzeit scheint in jeder Hinsicht an der Realität vorbeizugehen. Vielleicht wäre es endlich an der Zeit für eine Reform der Reform.

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