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Meine Krankheit gehört mir

berufsunfähig, Versicherung, krank, verdienstausfall [Quelle: freeimages.com, Autor: tizwas01]

Quelle: freeimages.com, tizwas01

Vielen Unis reicht ein Krankenschein nicht aus, um Studenten von Prüfungen zu befreien. Sie fordern mehr, zum Teil sehr persönliche Details. Gehen sie damit zu weit?

Es war eine Prüfungsphase wie immer, doch in diesem Winter war für Marie nichts wie immer. Marie, Studentin der Politik und Soziologie, hatte private Probleme. Die psychische Belastung war so groß, dass sie sich krankschreiben ließ und zu Hause blieb. Plötzlich ein Anruf vom Prüfungsamt, sie solle dringend vorstellig werden: Auf dem Krankenschein fehlten die Symptome, das reiche so nicht, sie gelte damit als durchgefallen. Das weitere Studium war akut gefährdet. "Das hat mich in Panik versetzt", erzählt sie. Sie sei zugleich beschämt gewesen - dann nämlich, als sie das ausgefüllte Attest des Psychiaters einreichen musste. Plötzlich war sie wie gläsern. Und das mit etwas sehr Privatem, ihrer Krankheit.

Marie, die anders heißt, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen will, ist nicht die Einzige, der es an ihrer Uni so erging. Gerade in diesen Tagen, in denen Semesterabschlussprüfungen geschrieben werden, wiederholt sich ihre Geschichte, so oder so ähnlich. Wer sich zum Beispiel an der Universität Freiburg von einer Klausur oder Hausarbeit abmelden will, dem reicht ein einfacher gelber Zettel vom Hausarzt nicht. Die Uni verlangt mehr als eine übliche Krankschreibung - nämlich "Angaben zu Symptomen und der daraus resultierenden Leistungsminderung", wie es auf einem Formular heißt. Die Begründung der Uni: Sogenannte "Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen versetzen den Prüfungsausschuss nicht in die Lage, die Frage der Prüfungsfähigkeit zu beurteilen, weshalb eine Genehmigung des Rücktritts dann nicht möglich ist". Arbeitsunfähig, aber prüffähig? Für Studenten klingt das absurd.

Andere Hochschulen wie etwa in Kiel, Dortmund und Darmstadt haben von dieser Praxis nach Protesten der Studenten Abstand genommen. Einige beharren aber weiter darauf. Und die Idee dahinter klingt erst einmal gar nicht schlecht: Gleiche Chancen für alle. Keiner soll länger lernen dürfen und sich damit einen Vorteil verschaffen. Aber rechtfertigt das einen so tiefen Einblick in die Privatsphäre? Die Studenten sagen: Nein.

Freiwilligkeit gilt eher pro forma

Ein Sportstudent, dem das Kreuzband gerissen ist, mag keine Praxisprüfung in Volleyball mehr zustande bringen, wohl aber das dazugehörige Regeltestat. Auch eine Grippe kann man oft förmlich von der Nasenspitze ablesen, da gibt es dann nichts zu verheimlichen. Auf der anderen Seite gibt es oft gute Gründe, dass Studenten die Details ihrer Krankengeschichten nicht öffentlich machen wollen. Da müssen noch nicht einmal, so wie bei Marie, psychische Probleme dahinterstecken - die zu einer Stigmatisierung oder Ausgrenzung führen könnten. Und die man gerne für sich behält oder allenfalls der eigenen Familie und Freunden anvertrauen möchte.

Universitäten jedoch sehen sich gesetzlich auf der sicheren Seite. "Es gibt datenschutzrechtlich den Grundsatz der Datenvermeidung oder Datensparsamkeit", teilt ein Sprecher des Datenschutzbeauftragten Baden-Württembergs auf Anfrage mit. Damit sei der Student angehalten, dem Arzt nur das freizugeben, was für die Prüfungsunfähigkeit relevant ist. Die Datenerhebung sei nach Angaben des Sprechers somit in dem Umfang zulässig, „wie es erforderlich ist“. Was erforderlich ist und was nicht, bleibt im Gesetz allerdings unbeantwortet - und am Ende im Ermessensspielraum der Universitäten. Sie können Studenten nämlich zu nichts zwingen, diese müssen selbst entscheiden, ob sie ihren Arzt von der Schweigepflicht entbinden oder nicht. Allerdings müssen sie dann auch mit den Konsequenzen leben. Nach der Devise: Du kannst dich für die Geheimhaltung entscheiden, aber dann fällst du eben durch. Auch der Sprecher räumt ein, dass hier die Freiwilligkeit sehr theoretisch ist. Pro forma aber gebe es keinen Zwang und somit "nichts, was unserer Rechtsauffassung widerspricht".

Viele Studenten sind angesichts dieser Interpretation empört. "Im Streitfall heißt es immer nur: Darf man das? Ob es auch sinnvoll ist, fragt keiner", klagt zum Beispiel Isabel Schön vom Studierendenrat (StuRa) der Universität Freiburg. Vor allem: "An anderen Unis geht es ja auch ohne." Die verzichteten auf zusätzliche Informationen über den Krankenschein hinaus. Neben dem Eingriff in die Privatsphäre bemängelt der StuRa vor allem, dass sich mit dem umstrittenen Formular chronische Leiden wie Migräne oder Depressionen, die immer wieder auch akut auftreten können, nur schwer geltend machen ließen. "Was anerkannt wird und was nicht, ist nicht definiert. Das lässt Spielraum und erweckt den Eindruck von Willkür", sagt Isabel Schön.

"Ich hab in dem Moment echt Angst bekommen"

Auch Maries Arzt hat sich zunächst geweigert, etwas auf das zusätzliche Attest für die Universität zu schreiben. Mit dem Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht - und dass zwei Zeilen Symptome noch lange kein vollständiges Bild ergäben. "Nur mit der Diagnose ist ja noch lange nicht der ganze Mensch beschrieben", sagt Marie. "Ich hab in dem Moment echt Angst bekommen. Ich dachte, wenn der jetzt nicht unterschreibt, dann ist mein Studium gelaufen." Für sie eine zusätzliche Belastung in ohnehin schwieriger Situation. Sie fragt: "Wer hat denn die medizinische Kompetenz, der Arzt oder die Prüfungskommission?"

Bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg hält man sich allerdings mit ausführlichen Bewertungen zurück. Eine Stellungnahme gibt es nur schriftlich. Die Schweigepflicht sei insofern gewahrt, heißt es darin, dass krankgeschriebene Studenten selbst entscheiden können, ob sie Informationen freigeben oder nicht. "Von Freiwilligkeit zu sprechen ist doch der blanke Hohn, wenn das Studium auf dem Spiel steht", sagt Marie. Sie findet das Vorgehen nicht nur problematisch, sondern auch unlogisch: Wenn ein Arzt Studenten tatsächlich Gefälligkeitsdiagnosen ausstellen würde, wäre es ihm wohl egal, ob er dafür einen Krankenschein nutzt oder ein Zusatzformular der Universität, auf dem er Symptome hinzudichtet. "Das ändert gar nichts", sagt sie. Wer es drauf anlegt, bekomme auch den Schein. Nur sei das eben die Ausnahme, nicht die Regel.

Studenten sehen sich bisweilen unter Generalverdacht. "Als ob wir alle Simulanten wären", sagt Isabel Schön. Marie ergänzt: "Es herrscht immer noch dieses Klischee vom Gammelstudierenden, der nur Party macht und so seinen Abschluss verschleppt." Es müsse doch jedem selbst überlassen werden, wie ernst er es mit dem Studium nehme. So aber sei man grundlos gläsern. Die Daten-Sammelwut geht vielen Studenten einfach zu weit.

Keine Handhabe

Sie erlaubt ja auch tiefe Einblicke in die Privatsphäre. Und die Frage ist, ob diese den Dozenten überhaupt zustehen. "Wenn ich einem Dozenten private Probleme offenbare, dann aus Eigenantrieb - weil ich ihm vertraue und nicht weil ich muss", sagt Marie. "Es kommt ja auch kein Arbeitgeber auf die Idee, das von Angestellten einzufordern", sagt Isabel Schön vom Studierendenrat der Uni Freiburg. Arbeitnehmerverbände würden auf die Barrikaden gehen - Studenten aber hätten keine Handhabe. Im Arbeitsrecht ist klar geregelt: Arbeitnehmern wird Privatsphäre zugestanden. Studenten jedoch nicht. Dabei sind die weder angestellt, noch hätten sie Anrecht auf Krankengeld. Der Unterschied ist ein Problem bei der Zuständigkeit: Arbeitsrecht gehört zum Bund, Bildung ist Ländersache - und damit auch die Krankschreibung eines Studenten. In den meisten Hochschulgesetzen ist aber nicht festgehalten, wie genau die Abmeldung von einer Prüfung aussehen soll. Deshalb macht es jede Uni anders. Zum Teil unterscheiden sich sogar die Fakultäten innerhalb der Hochschulen.

Viele Studenten sehen aber noch ein anderes Problem. Selbst wenn die Uni kulant urteilt: Wer garantiert denn, dass die sensiblen Daten nicht in falsche Hände geraten? Psychische Leiden, Übelkeit in der Schwangerschaft - all das geht niemanden etwas an, wenn es um die Beurteilung akademischer Reife geht. "Wir sind eine kleine Fakultät. Die Professoren sitzen Tür an Tür", erzählt Marie. Wer garantiere ihr, dass nicht doch über den Flurfunk etwas öffentlich wird? "Am Ende heißt es noch: Ach, das war die mit den Psychiaterattesten." Und schon sei man abgestempelt und habe vielleicht sogar Nachteile, wenn es um Betreuung von Abschlussarbeiten oder eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, also die eigene akademische Karriere geht.

Studenten wünschen sich von den besonders neugierigen Hochschulen mehr Vertrauen. So wie es anderswo selbstverständlich ist. Die Uni Leipzig etwa verlangt nur "in Zweifelsfällen" ein amtsärztliches Attest. In Kiel reicht immerhin die Unterschrift des Arztes, dass "prüfungsrelevante Symptome" vorliegen. Und in Nordrhein-Westfalen war der Streitfall Krankschreibung im Studium vor zwei Jahren sogar Anlass für eine Hochschulgesetzreform: In der Begründung zur neuen Fassung heißt es nun, "dass die Pflicht zur Offenbarung personenbezogener Daten zum Nachweis der Prüfungsunfähigkeit auf ein Minimum zu beschränken ist". Das Gesetz verweist auf ein "berechtigtes Interesse der Studierenden am Schutz ihres Persönlichkeitsrechts". Und weiter: "Nach der neuen Regelung müssen die Hochschulen ein privatärztliches Attest grundsätzlich als Nachweis der krankheitsbedingten Prüfungsunfähigkeit akzeptieren." Datenvermeidung und prüfungsrechtliche Gleichbehandlung seien so in eine Balance gebracht.

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