Partner von:

Und nach dem Hype?

Laptop Web Onlinekurs MOOCs [Quelle: Fotolia.com, Sergey Nivens]

© Sergey Nivens - Fotolia.com

Gratiskurse im Netz revolutionieren nicht die Bildung. Doch sie haben gezeigt: Die Hochschulen brauchen eine Digitalstrategie.

Eigentlich sollten sie die Hochschulwelt revolutionieren: Kostenlose Onlinekurse der besten Universitäten versprachen jedem auf der Welt die Chance zu geben, renommierten Professoren zu lauschen – egal ob reich oder arm, in den USA oder Indien, mit Abitur oder ohne.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Die neuen Massive Open Online Courses (MOOCs), die etwa die Technische Universität München (TUM) an diesem Mittwoch vorstellen wird, sind nicht gemacht, um Bildung zu demokratisieren oder die Präsenzhochschule zu ersetzen. Sondern sie sind "Hochglanz und Marketing", wie TUM-Vizepräsident Hans Pongratz sagt. Die "bis zu zehn" Onlinekurse mit Videovorlesungen und interaktiven Aufgaben sollen vor allem ausländische Studenten auf das Masterstudium vorbereiten – oder sie überhaupt erst auf die TUM aufmerksam machen.

Die Universität ist noch eine der engagierteren deutschen Hochschulen. Als 2012 das Jahr der kostenlosen Onlinekurse ausgerufen wurde, schauten viele erst einmal nur zu. Später wagten sich einige wenige hierzulande an MOOCs heran. Weltweit hatten im vergangenen Jahr 550 Anbieter Kurse im Programm, 35 Millionen Menschen haben sich laut der Plattform Class Central für mindestens einen angemeldet. MOOCs sind etabliert, doch: "Der Hype ist rum, der Rauch weg", sagt der Mediendidaktiker Markus Deimann von der Fernuniversität Hagen, der zum Thema forscht und bloggt.

Studien zu den großen MOOC-Plattformen wie Coursera, Edx oder Udacity haben gezeigt: Nur wenige Teilnehmer halten bis zum Ende durch, die meisten leben in Industrieländern, haben schon einen Hochschulabschluss und wollen sich eher weiter qualifizieren. Einige Anbieter, auch die deutsche Plattform Iversity, haben daher umgeschwenkt: Sie hängen ein Preisschild an die Kurse und vermarkten sie als Weiterbildung, bündeln Seminare zu kosten pflichtigen Zertifikatsreihen und kooperieren mit Firmen, die ihre Mitarbeiter schulen lassen.

Der Großteil der deutschen Universitäten und Fachhochschulen hat sich denn auch von der Idee verabschiedet. Es sei in Deutschland nie definiert worden, wohin man mit MOOCs eigentlich wolle, sagt TUM-Vizepräsident Pongratz.

Jetzt aber geht es um die weitaus wichtigere Frage: Wie sieht eigentlich eine echte Digitalstrategie aus? "Jede Hochschule sollte ihre eigene digitale Agenda entwickeln", forderten im Herbst die Experten des Hochschulforums Digitalisierung, eines Zusammenschlusses des Stifterverbands, der Hochschulrektorenkonferenz und des Centrums für Hochschulentwicklung CHE.

Deutschland hinke im Vergleich zu den USA bis zu zehn Jahre hinterher, schätzen Experten. Auch deshalb steht der nationale IT-Gipfel der Bundesregierung in diesem Jahr im Zeichen von "Digitalisierung und Bildung". Wie digitale Medien die Lehre verändern, dafür interessieren sich immer mehr Professoren und Hochschulleitungen. "Die MOOCs sind ein trojanisches Pferd, ein Einstiegsmedium gewesen", sagt Oliver Janoschka, der die Geschäftsstelle des Hochschulforums Digitalisierung leitet. Zum Teil auch nur für einzelne Professoren, die experimentieren. "Es gibt häufig einzelne Akteure innerhalb der Hochschulen, aber das bedeutet nicht, dass die Institution auch mitzieht."

Das könnte auch daran liegen, dass die Einbindung digitaler Medien Zeit und Geld braucht, an der TUM rechnet man mit 25.000 bis 50.000 Euro Kosten je MOOC. "Digitalisierung gibt es nicht kostenlos", sagt Jörn Loviscach, Professor an der Fachhochschule Bielefeld, der seine Studenten bittet, seine  Vorlesungsvideos zu Hause anzuschauen, damit er im Hörsaal mit ihnen Aufgaben lösen kann.

Vielleicht trauen sich auch deshalb nur wenige an das Thema, weil es so viele offene Fragen gibt. Zum Datenschutz etwa. Online ist so gut wie alles nach vollziehbar: Wie oft hat sich ein Student auf einer Plattform eingeloggt? Was genau hat er sich angesehen und heruntergeladen? Wie viele Fehler hat er in den Übungen und Prüfungen gemacht? "Die Hochschulen müssen sich stärker mit dem Datenschutz auseinandersetzen", sagt Janoschka vom Digitalisierungsforum.

Kritik gab es zuletzt an der TUM und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die Onlinekurse auf der US-Plattform Coursera anbieten. Der Datenschutz erlaubt dort mehr als hierzulande, etwa in puncto Weitergabe der Daten an Firmen oder Behörden – auch wenn Coursera sagt, man verkaufe die Daten nicht. TUM-Vizepräsident Pongratz argumentiert, dass niemand verpflichtet sei, den Dienst zu nutzen. An der LMU heißt es, man habe rechtskonforme Regelungen beschlossen.

Was eigentlich mit all den Daten passiert, interessiert vor allem jene, die auf individualisiertes Lernen setzen, bei dem Computer ermitteln, wo jemand Lücken hat. Damit verbinden sich die wirklich großen Hoffnungen, etwa die Abbrecherquoten zu senken. Und die erscheinen tatsächlich realistisch.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

In der Stipendien-Datenbank findest du fast 900 Stipendien von 500 Institutionen - für Bachelor, Master, Praktikum und Promotion.

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren