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Wer berührt wen zuerst?

Körpersprache, Verhandlung, Geschäftsabschluss, Händeschütteln [Quelle: pexels.com, Autor: rawpixel.com]

Quelle: pexels.com, rawpixel.com

Von Schulterklopfen, Demutsgesten und anderen Signalen, mit denen wir unseren situativen Status anzeigen.

Warum stoßen Menschen nicht ständig zusammen, wenn sie durch eine belebte Fußgängerzone gehen? Warum kann Kollege Meier in jedem Meeting seine Ideen durchsetzen, auch wenn sie noch so hirnrissig sind? Warum wirken Raucher so einträchtig, selbst wenn sie heutzutage als Fremde auf engstem Raum zusammengepfercht werden? Auf diese Fragen gibt es eine gemeinsame Antwort: Es liegt am Status. Bei diesem Begriff denken viele Menschen zunächst an das, was wir als sozialen Status definieren können. Darunter fallen weitgehend situationsunabhängige Merkmale wie die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen (zum Beispiel Prominenz) oder die Verfügungsgewalt über begehrenswerte Güter (vor allem Geld) und Kompetenzen (zum Beispiel eine Professur). Diese Art von Status wird über so genannte Statusmarker zur Schau gestellt. In Unternehmen und anderen Organisationen drückt sich die Hierarchie (der institutionelle Statusunterschied) für alle sichtbar zum Beispiel in der Größe des Dienstwagens aus.

Um derlei Aspekte geht es diesmal nicht. Vielmehr spreche ich vom aktiv beinflussbaren, situativen (oder aktuellen) Status. Dieser Begriff geht auf Keith Johnstone, den Paten des Impro-Theaters, zurück. Die Frage lautet: Wer hat in der konkreten Situation die "One-up-Position"? Hier drückt sich Status vor allem durch Sprache (vor allem Körpersprache) aus. In der Fußgängerzone können wir beobachten, dass jene Person, die letztlich ausweicht, dies kurz vorher durch eine flüchtige Geste der Submission (Unterordnung) ankündigt, zum Beispiel ein kaum wahrnehmbares Absenken des Kopfes oder Blickes. Insofern ist dieser Statusunterschied auch nicht absolut, sondern relativ; bei der nächsten Begegnung kann es genauso gut umgekehrt sein. Übergreifend gilt die Regel, dass immer ein – wenn auch minimaler – aktueller Statusunterschied zwischen zwei Personen vorhanden sein muss, damit überhaupt agiert werden kann. Eine strikte Statusgleichheit mündet in Stagnation, hier also in einen Zusammenstoß.

Am Beispiel der Fußgänger wird auch ersichtlich, dass es per se nicht gut oder schlecht ist, den situativen Hochstatus oder Tiefstatus inne zu haben. Beide Wege können zum Ziel führen. Die Positionen kennzeichnen Endpunkte eines Kontinuums. Sie beruhen auf unterschiedlichen Bedürfnissen und gehen auf Dauer mit unterschiedlichen Konsequenzen einher. Situativer Hochstatus speist sich aus dem Bedürfnis nach Dominanz und Distanz. Er geht mit der Möglichkeit zur Durchsetzung der eigenen Interessen einher. Der Lohn: Man wird respektiert – jedoch nicht zwingend gemocht. Situativer Tiefstatus speist sich aus dem Bedürfnis nach Submission und Nähe. Er geht mit der Zurückstellung der eigenen Interessen einher. Der Lohn: Man wird gemocht – jedoch weniger respektiert. Beide Positionen sind also in Reinform mit spezifischen Vor- und Nachteilen verknüpft.

Zum Statusspiel verdammt

Im Großen und Ganzen nehmen Menschen situativ mal die eine, mal die andere Position ein. Allerdings fühlen wir uns typischerweise in einer der beiden Rollen mehr zuhause als in der anderen – was einerseits der genetischen Konstitution (erbliche Persönlichkeitsfaktoren) und andererseits der Erziehung (auch und vor allem Geschlechterstereotypen) geschuldet ist. Dies ist zunächst nicht weiter tragisch, kann aber problematisch werden, wenn zum Beispiel in einem Unternehmen die Person mit den besten Ideen zu permanentem Tiefstatusverhalten neigt. Sie wird dann im Extremfall einfach nicht "gehört" – mit allen negativen Konsequenzen.

Das Spiel von Dominanz und Unterwerfung ist uns evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Unsere Vorfahren leben seit Jahrmillionen in sozialen Verbänden – und die Interaktion in menschlichen Gruppen wird von Kindesbeinen an zumindest teilweise über die gleichen Mechanismen gesteuert, die auch in einer Affenhorde oder einem Wolfsrudel anzutreffen sind. Wollen wir nicht ein Eremiten-Dasein führen, sind wir zur Teilnahme am Statusspiel verdammt. Somit ist es hochgradig sinnvoll, die wichtigsten Regeln dieses Spieles explizit zu kennen.

Können wir bei Bedarf bewusst situativen Hochstatus einnehmen? lautet die Frage. Die Antwort: Ja, wir können.

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